538
Verstehende Tiefenpsychologie
ITGG Berlin - Verstehende Tiefenpsychologie
#97027E
#78979A

Verstehende Tiefenpsychologie
und Kulturanalyse

Anwendungen und literarische Beispiele

Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland

Verfasser*in:Heinrich Heine (1934)
Kommentator*in:Matthias Voigt
Datum:01.07.2026

Heinrich Heines Lutherportrait

Was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat? Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile. In dieser Aussage scheint mir die Beziehung Heines zu seinem Vorfahren im protestierenden Geiste gekennzeichnet. Beide, Heine und Luther, schauen nicht bloß dem Volk dazu auf’s Maul, sondern muten ihm einiges zu.

Als ich den 150-seitigen Essay Heinrich Heines vor mehr als 30 Jahren zum ersten Mal las, verstand ich wenig vom Inhalt.

... Es ging mir wie zuvor schon einmal bei seinem Deutschland, ein Wintermärchen: begeistert von poetischer Artistik und intellektuellem Esprit, etwas verschüchtert vom Nicht-gleich-Verstehen. Man hat es eben mit einem Autor zu tun, der bei G.W.F. Hegel in die Schule gegangen ist, der sich die Kulturgeschichte nicht bloß angelesen hat. Ich jedenfalls litt ein wenig in der Rolle des geistigen Fußvolks und hatte nur den Trost durch die Freude an Heines sprachlicher Virtuosität. Die erneute Lektüre des Luther-Aufsatzes übte später noch einmal denselben Zauber aus – nur war der Genuss größer, da ich manches jetzt sogar zu verstehen glaubte.

Anlass für Heines Lutherbuch war ein quasi kultur-pädagogischer. Die intellektuellen Kollegen in seiner Wahlheimat Frankreich sollten die Waffen der Nation kennenlernen, die sich einem militärisch unbesiegbaren Napoleon erfolgreich widersetzt hatte. Als Liebhaber der französischen Kultur will er deren Glauben an die intellektuelle Überlegenheit gegenüber den germanischen Barbaren auf der anderen Seite des Rheines ein wenig stören. Hierzu demonstriert Heine an der Figur Martin Luthers, dass von diesem Manne eine Revolution ausging, die den Vergleich mit der französischen von 1789 nicht zu scheuen braucht. Der Reformator habe die Wege gebahnt, auf denen anschließend Kant und später Hegel ihren Eroberungszug im Weltreich der Vernunft fortgesetzt hätten. Gegen die Radikalität der geistigen Haltung eines Luther nehme sich die politische Revolution der Franzosen wie ein bloßes Bühnenspektakel aus. Worin besteht nun für Heine das Übergroße an Luthers Leistung für Kultur und Gesellschaft in Deutschland?

Dazu umreißt er die Person Luthers in der damaligen historischen Situation. Der Kampf nämlich gegen den römischen Papst habe auf wechselseitigem Missverstehen beruht. Der deutsche Bergmanns-Sohn hatte keinerlei Zugang zum Herrschaftsbewusstsein eines Leo X. Dabei darf man in diesem Beruf nicht das sehen, was heute damit soziologisch impliziert ist; denn Bergleute waren nicht Lohnarbeiter, sondern Teilhaber an den Ausbeutungsrechten von Bodenschätzen und damit Angehörige einer in vieler Hinsicht selbständig-verantwortungsbewusste sozialen Gruppe. Luthers Gegenspieler, Sohn des Lorenzo il Magnifico, war als Medici-Spross der Prototyp eines Renaissance-Fürsten. Er war ein Bewunderer Raffaels und ein Fürst, der seinen Machiavelli gelesen und verstanden hatte. Den kleinen Mönch aus Wittenberg nahm er in keiner Weise als Gefahr für die Kirche zur Kenntnis.

Dieser geborene Machtmensch sah seine Rolle in der Aufrechterhaltung eines römischen Herrschaftsmodells, mit dem die katholische Kirche zum Global Player geworden war. Leo X. besaß die Souveränität eines Mannes der Hocharistokratie. Als Kirchenoberhaupt stand er für die Einhaltung der hierarchischen Ordnung ein. Das bedeutete keinerlei Gegensatz zu einer Genusshaltung, die den irdisch-leiblichen Bedürfnissen weltmännisch Rechnung trug. Man ließ die Rechtgläubigen generös sündigen und gewährte jedem Reuigen gegen Ablass-Zahlung die Absolution, gestaffelt nach Schwere des Vergehens. Morde kosteten eben etwas mehr. Unter Leo X war der Ablasshandel ein von Profis weltweit verbreitetes System, mit dem das Sündenkapital ethisch gewaschen wurde. Der Vatikan ‚machte in Immobilien‘, ließ einen Petersdomes zur höheren Ehre der Römischen Kurie bauen und re-investierte in Kunst.

Diese neue Renaissance-Welt war einem Dominikaner-Mönch wie Bruder Martinus, der hier noch zutiefst vom mittelalterlichen Ordnungsdenken beherrscht war, als Teufelswerk. Luther erblickte in so viel spiritueller Lauheit nicht das, was der Geist Roms auch war, ein Versuch, den moralisch überfordernden Anspruch des Christentums mit der Triebhaftigkeit des Menschen zu versöhnen. Solche Kompromisshaftigkeit aber war unvereinbar mit der intellektuellen Radikalität, die Martin Luther eigen ist. Der Protestant Luther bezieht eindeutig Stellung: für den Geist und gegen den Leib. Der Papst wird ihm so zum ‚Leibhaftigen‘, der niemand anders als den Teufel verkörpern kann.

Diese manichäische Radikalismus wird hörbar in Luthers lauter Vorliebe für den sprachlichen Fäkalbereich. Erich Fromms Lutherportrait zeigt was gemeint ist, wenn die Tiefenpsycholgie von einer ‚analen‘ Charakterdisposition spricht. Heine erkennt darin zudem eine überindividuelle Tiefenschicht bei dem Reformator, in der eine vorchristlich-germanische Religiosität unbeschadet fortexistiere. Deren Gottheiten verdrängte einst das Christentum, wie alles Naturhafte überhaupt, in den Bereich des Bösen. Und von dort bezog die lebendige Affektivität des Reformators ihre nie versiegenden Kräfte. Sie war der sprudelnde Quell seiner latenten Kampfesbereitschaft. So diagnostiziert Heine in Luthers Streitschriften eine „plebejische Rohheit“, „widerwärtig wie grandios“ zugleich. Als Ressentiment-Bereitschaft richte sie sich gegen alles, was Luther gegen sich oder unter sich wähnt; deshalb die regelmäßigen Hasstiraden gegen ‚die’ Juden als die angeblichen Mörder Christi oder gegen Abweichler an der ‚Reformationsfront‘. Auf deren Dienstleitungen konnte die feudale Oberschicht im späten Mittelalter nicht verzichten. Sie bedurften der „Schutzjuden“ um ihren unerschöpflichen Kapitalbedarf zu decken, da das christliche „Wucherverbot“ die Herausbildung eines modernen Geldwesens lange behinderte. In Krisenzeiten jedoch, wenn andere Kräfte von unten hochdrängten, dann blieb den Herrschenden oft kein anderer Ausweg als die Juden dem ‚gesunden Volksempfinden’ preiszugeben.

Heines scharfe Analyse der Charakterpathologie Luthers stellt jedoch das Großartige an seiner Persönlichkeit keineswegs in Frage. Er nämlich sei es gewesen, der in Deutschland der erst aufkeimenden Vernunft zum entscheidenden Durchbruch verholfen habe. Die „moralisch-geistige Stickluft“ konnte dank Luthers Vorarbeit aus der Welt des Geistes vertrieben werden. Heute würde man sagen, er brachte basis-demokratische Elemente in die neue Kirche, indem er die Mittlerrolle der Priesterschaft ausschaltete. Seine Abschaffung des Zölibats hat dabei ein zu mehr Aufrichtigkeit beigetragen. Was Heine uneingeschränkt rühmt, ist der Umstand, dass Luther zum ‚Erfinder‘ des protestantischen Pfarrhauses wurde. Die Pfarrersfamilie als pädagogische Vorzeige-Einrichtung konnte zur intellektuellen Brutstätte und Kaderschmiede einer neuen Form der Geistigkeit werden, bei der Schrift und Wort in höchsten Ehren standen. Nicht nur die Köpfe der deutschen Aufklärung, auch viele Literaten waren Pastorenkinder.

Nachzutragen bleibt hier noch Martin Luthers unbestreitbar größte Kultur-Tat: Die Bibelübersetzung. Das Wort Gottes sollte nicht mehr der Vermittlung durch eine weltliche Instanz bedürfen. Als Hegelianer erkennt Heinrich Heine in der Beziehung von Gläubigem und Bibel das Bild vom subjektiven Geistes, der im objektiven Geist zu sich selbst findet. Die unmittelbare Beziehung des Gläubigen zum Wort Gottes wird hier zum mythologischen Vorläufer der bei Hegel sich dann selbst entdeckenden Vernunft. Luthers Freiheitsprogramm, selbst lesend zu Gott zu finden, bahnte so einer autonom werdenden Philosophie den Weg. Zugleich wirkte diese Emanzipation von der kirchlichen Obrigkeit in den Bereich der weltlichen Herrschaft hinein. Auch die muss sich legitimieren, indem sie sich am Maß der Heiligen Schrift messen lässt. Dazu brauchte es den mündigen Leser, der sich den eigenen Zugang zum Wort Gottes verschaffte.

Die Bibelübersetzung selbst aber war das wirkliche Wunder, das Luther vollbrachte; denn es gab damals keine einheitliche deutsche Sprache, in die der griechische Text hätte übertragen werden können. Zur Lebenszeit Martin Luthers konnte, anders als in Frankreich oder England, bei uns kein Süddeutscher mit einem Norddeutschen ein flüssiges Gespräch führen. Zwischen den Höfen ermöglichte nur das Latein und eine künstliche Kanzlei-Sprache die Kommunikation. Noch in der Literatur des Barock spürt man die Spuren eines verkünstelten Kanzlei-Stils, verdorben von Berufs-Schreibern. Erst das Luther-Deutsch, geschaffen von einem einzigen Mann, schuf zugleich die Voraussetzung, dass irgendwann eine Literatur entstehen konnte, die künstlerisch nicht hinter der Poetik des Minnesanges zurückblieb.

Luther vollbrachte wahre Wunder an sprachlicher Schöpferkraft, indem er dem Volke auf’s Maul schaute. Seine Bibelübersetzung und dazu das bald florierende Druckwesen brachten innerhalb weniger Jahrzehnte unser heutiges Hochdeutsch in Umlauf. Das politisch und religiös zerstückelte Land fand in der gemeinsamen Sprache auf literarischem Wege zur geistigen Einheit. Ein feste Burg ist unser Gott – diese von Luther gedichtete Hymne – wurde zur Marseillaise der Reformation. Sein Sprachgenie hatte die Mittel bereitgestellt, die jetzt zur Entfaltung der Geistigkeit in Deutschland führte. Westlich des Rheins schätze man zu Heines Lebenszeit den politischen Flickenteppich des Nachbarterritoriums als noch von barbarischen Germanen besiedelt ein.

Wir belassen es hier bei Heines Lobpreisung Luthers, „von dessen Wohltaten wir noch heute leben! Es ziemt uns wenig über die Beschränktheit seiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg, der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser selbst“. Diese Einschätzung eines Spottmauls wie Heines erinnert uns daran, dass auch wir Luther gegenüber zu Dank verpflichtet sind. Den gelehrten Kollegen seiner Zeit hielt Heine vor, sie sprächen verklausuliert, weil sie nicht wagen, dem Volke mitzuteilen, was die Resultate ihres Denkens seien. Für die Vertreter des heutigen Protestantismus gilt wohl anderes: Sie wollen nur den weichgespülten Wohlfühl-Reformator, dessen Juden-Hass schamhaft in ein damals eben noch zeitgemäßes Vorurteil umgedichtet wird.

Doch der aus dem Ressentiment erwachsene Hass Luthers sprudelt aus einer inneren Haltung. Er benötigt keinerlei Stützung durch irgendwelche sogenannten Erfahrungen. Nur die Rechtfertigung des Hassen-Müssens, das sie zum eigenen Urteil aus Erfahrung erklärt, ist auf einen unterschobenen Erlebnishintergrund angewiesen. Dieses Hassen gehört zu Luthers Erlebnisfähigkeit selbst. Mit ihm negierte er den Wert seines römischen Gegenspielers und aller Erscheinungsformen, die der ‚analen‘ Sphäre zuzuordnen sind. Hier finden sowohl der Teufel als auch das Geld heimatlichen Boden.

 

Matthias Voigt 01.02.2017