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Institut für Tiefenpsychologie
Gruppendynamik
und Gruppentherapie

Blog

Themen aus Tiefenpsychologie, Gruppentherapie und Kulturanalyse

„Dienst am Geist“ - frei nach Siegfried Lenz

von Dr. Babette Kozlik-Voigt
16.4.2024

© Babette Kozlik-Voigt

Im Folgenden geht es um die geistige Verbindungslinie zwischen dem Schicksal der schlitzblättrigen Buche aus der Eichenallee 6 und dem schlitzohrigen Eugen Boll, seines Zeichens Dorfschullehrer im masurischen Suleyken.

Im letzten Herbst musste unsere wunderschöne Buche im stolzen Alter von etwa 150 Lebensjahren gefällt werden. Ihr Naturschutz-Status half ihr auch nicht mehr. Mit einem einsamen grünen Ästchen hatte sie bereits im Vorjahr ihren letzten Lebenstrieb bekundet. Und der Garten heute: ein trauriger Anblick zerstörter Ordnung. Der überbordende Frühling diesen Jahres gemahnte nun daran, neue Formen der Trauerarbeit zu leisten. Wir beschlossen eine gemeinsame Pflanz-Aktion: Felsenbirne, Kolkwitzie, Blutpflaume, Brautspiere, Goldregen, Duftjasmin, Deutzie und Flieder sollten in die Erde – kein wirklicher Ersatz, aber ein erstes Aufbegehren, bevor im Herbst ein Baum seinen Platz finden wird.

Am 13. April trafen wir uns im Garten nach der Samstags-Theorie über das Erstgespräch und anschließender Fortbildungs-Veranstaltung über Carl Spittelers früheste Erlebnisse. Die Sonne stand bereits hoch im Zenit, als wir in bester Stimmung mit Spaten, Schaufeln, Schubkarre, Gießkannen zur Tat schritten. Es gab genug Garten-Beflissene, die zur „Oralen Phase“ von Jungpflanzen Auskunft geben konnten. Also: Pflanzlöcher mindestens dreimal so groß wie der Ballen der Gehölze, dazu Kompost und vor allem viel Wasser. Die psychologisch geschulte Schar wusste sogar mit Spaten und Schaufel umzugehen, doch im Laufe des Nachmittags verlangte das Buddeln bei fast sommerlichen Temperaturen einiges an Körpereinsatz. Nur ein Busch war noch nicht versenkt, als es endlich Baguette, guten Käse, Wasser, Saft, Kaffee und sogar frisch gebackenen Apfelkuchen gab. 

Da saßen wir nun als eine kleine zufriedene Gruppe. Und in dieser Stimmung fielen uns die urkomischen Kurzgeschichten von Siegfried Lenz ein. Vierzig Jahre ist Eugen Boll schon Lehrer, vierzig Jahre steht er in Suleyken "im Dienst am Geist". Allerdings hält er von der Praxis mehr als von der Theorie und lässt seine Schüler ausschwärmen, um in der Natur fürs Leben zu lernen. Daselbst wird eines Frühlingsmorgens Eugen Boll samt gelehriger Kinderschar jenseits des Klassenzimmers überrascht: Eine Schulinspektion! Es kostet unseren Schulmeister einige Beredsamkeit, dem Besucher aus der fernen Stadt den Erkenntniswert der gerade ins Werk gesetzten Latrinen-Vertiefung einsichtig zu machen: „Sozusagen Dienst am Geist“ – das kann sogar einen Stadtschulrat überzeugen. Vielleicht wurde ja auch seine Einsicht durch den Gestank gefördert.

Die Sonne stand schon im Westen, als schließlich auch dem Sommerflieder der Standort zugeteilt war. So trennten wir uns im Gefühl, unseren Beitrag geleistet zu haben. Dankbar für die erlebte Gemeinschaft, beglückt, dass das Miteinander so leicht sein kann, ging jeder seines Weges. Der Garten war um ein gutes Stück mehr zu unserer Heimat auf Erden geworden. Vielleicht war auch dies „sozusagen Dienst am Geist“.

Siegfried Lenz, So zärtlich war Suleyken, dtv 2011

 

Was ist die Seele?

von Dr. John Burns
15.04.2024

© Babette Kozlik-Voigt

Als wir neulich über Carl Spitteler und seine Kindheitserinnerungen sprachen, wurde gefragt: Was ist die Seele? Die Antwort, die der Schweizer Nobelpreisträger in seinem Buch Meine frühesten Erlebnisse gab, lautete:

Folgendes muss ich denken: Inwendig im Menschen gibt es etwas, nenne man es Seele oder meinetwegen X, das von den Wandlungen des Leibes unabhängig ist, das sich nicht um den Zustand des Gehirns und um die Fassungskraft des Geistes kümmert, das nicht wächst und sich entwickelt, weil es von Anbeginn fertig da war, etwas, das schon im Säugling wohnt und sich zeitlebens gleich bleibt. Sogar sprechen kann das X, ob auch nur leise. Es sagt, wenn ich seinen fremdländischen Dialekt recht verstehe: „Wir kommen von weitem her.“

Seit der Mensch begonnen hat über „das Verhältnis, das sich zu sich verhält“ (Kierkegaard) nachzudenken, hat es unzählige Versuche gegeben, die Seele zu definieren. Emotionen und Wertungen scheinen den Kern der Seele auszumachen, die, wie Friedrich Nietzsche in Also sprach Zarathustra ausführt, etwas am Leibe ist. Während die positivistische Wissenschaft die Seele auf die Tätigkeit des Gehirns reduzieren möchte, und religiöse Denker von einer Seele sprechen, die nicht am Leib gebunden ist, gehe ich davon aus, dass wir es immer mit einer Leib-Seele-Geist-Synthese zu tun haben. Während die Materie uns sehr kompakt erscheint, ist unsere Seele ein kostbares Geschenk der Evolution, das wir vor Angriffen und Übergriffen durch die oft etwas aggressiv gestimmte soziale Umwelt schützen müssen. Die Seele zeichnet sich, wie Spitteler wusste, durch ihren schöpferischen Geist und ihre sichere Wertempfindung aus. In einer vertrauensvollen Beziehung sprechen wir „aus der Seele“.  

Während meiner Schulkarriere fühlte ich mich von meiner Aufgabe, schwierige junge Menschen zu unterrichten, oft überfordert. Ich klagte in einer Therapiestunde über Schlafstörungen und körperliche Anspannung. „Wie viel ist Ihre Seele wert?“ fragte der Therapeut am Ende der Sitzung. Darauf wusste ich keine Antwort. „Und wieviel Salär bekommen Sie?“ lautete die nächste Frage.

Seit dieser Therapiestunde weiß ich, was gemeint ist, wenn wir von „Seele“ sprechen, auch wenn ich die Erkenntnis nicht in Worten fassen kann. Die Seele ist unser kostbarstes Gut, das wir schützen und pflegen sollen. Was die Seele uns auf „Fremdländisch“ und in „leiser Stimme“ sagt, können wir im Laufe des Lebens verstehen lernen.

Tartuffe von Molière oder Wissen Sie noch, was ein Alexandriner ist?

Über eine Aufführung im Berliner Renaissance-Theater
von Dr. Matthias Voigt
am 27.3.2024

RT TARTUFFE vl Stefan Jürgens, Emese Fay, © Foto Ann-Marie Schwanke-Siegersbusch

Es gibt wohl kaum ein Versmaß, das auf der Bühne für uns heute so unpassend klingt, wie eben der „Alexandriner“ des klassischen französischen Dramas. Molières Komödie aus dem Barockzeitalter des 17. Jhdts. mit der Hauptfigur des „Tartuffe“ bis zur Kammerzofe „Dorine“ brachte im Renaissance-Theater für die Zuschauer über knappe zwei Stunden keinen Moment des Überdrusses an der gestelzt daherkommenden Sprachakrobatik. In einer unterhaltsamen Inszenierung wurden uns die Mechanismen der Verführung vorgeführt: Was bringt das Familienoberhaupt Orgon dazu, dem scheinheiligen Hochstapler Tartuffe zu verfallen. In seiner Ich-Schwäche macht er in überzogener Bewunderung den selbsternannten Seelenführer zu seinem moralischen Leitstern um ihm schließlich sogar alles, was sein Eigen ist, zu überlassen. Nur bleibt in dem ungleichen Tausch der ersehnte innere Frieden aus.

Molières Alexandriner ließen uns also im Berliner Renaissance-Theater in der Figur des gerissenen Tartuffe und in dessen willigen, aber auch widerwilligen Opfern die ersten Vertreter der modernen Welt erblicken. Wir Zuschauer, das waren drei gestandene Psychotherapeuten und fünf Ausbildungskandidatinnen, waren begeistert von der Aufführung. Aber wir gingen auch mit gemischten Gefühlen nach Hause, unsicher, was dieses Bühnenstück bei den jungen Leuten ausgelöst haben mochte.

Das gemeinsame Nachgespräch einige Tage später nahm uns die Unruhe. Aus der Kandidatengruppe kam wie von selbst die Frage auf, was uns Menschen denn eigentlich so anfällig macht, dass wir uns magisch angezogen fühlen von rettenden Vaterfiguren, die dann als Demagogen ihr Spiel treiben. So wurde unser Gespräch zu einem unerwartet lebendigen und sehr persönlichen Gedankenaustausch. Diese zwischenmenschlich nahe Situation bewirkte für mich ein Gefühl der Dankbarkeit, wie ein Heimatgefühl in einer manchmal wackelnden Welt.

 

Malwida von Meysenbug - Wegbereiterin der Emanzipation im 19. Jahrhundert

Vortrag am 14. März 2024 in Kassel
von Dr. Regina Timm

Mit freundlicher Genehmigung von Freiherr Carl-Erdmann von Meysenbug

Die Malwida von Meysenbug-Gesellschaft in Kassel hatte mich eingeladen über meine Dissertation zu berichten. Für Malwida von Meysenbug, aufgewachsen zwischen Adel und Bürgertum, war ein angepasstes Leben im Kreise der Familie vorgesehen. Früh nahm sie das Leben um sich herum bewusst wahr, sowohl gesellschaftliche Zusammenhänge als auch die politische Situation. Sie solidarisierte sich mit den demokratischen Bewegungen des Vormärz und der Revolution von 1848. Dadurch geriet sie in Konflikt mit ihrer Familie, blieb aber entschieden und nahm sogar in Kauf, als politisch Verfolgte nach England emigrieren zu müssen.

Den Schwerpunkt für meinen Vortrag legte ich auf die psychologischen Aspekte meiner Arbeit. Ich hatte mir selbst die Frage gestellt, wie es der Person Meysenbug gelungen ist, sich zum einen aus den engen Familienstrukturen zu lösen und zum anderen, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen und zu dieser besonderen Individualität zu reifen. Welche spezifischen Entwicklungen und Charakterzüge haben sie geprägt und wie ist es ihr gelungen, den für Frauen zur damaligen Zeit vorbestimmten Weg zu verlassen und die eigene Selbstwerdung anzustreben. Mit Hilfe von Alfred Adlers Theorie wurden einige Kindheitserinnerungen von Meysenbug dargestellt und das Gemeinsame dieser Erinnerungen herausgearbeitet. Karen Horneys Typenmodell vom selbstverleugnenden, expansiven und distanzierten Typen stellte eine weitere Möglichkeit dar, Meysenbugs Persönlichkeit genauer zu verstehen und nachzuvollziehen, welche Zielrichtung ihr Leben hatte, ohne sie jedoch zu pathologisieren.

Der Vortragsabend fand in einer aufgeschlossenen Atmosphäre statt und das Publikum zeigte sich sehr interessiert. Wie erwartet, stellte die psychologische Betrachtungsweise einen neuen Aspekt dar und einige Teilnehmer*innen begannen sogar, über ihre eigenen Kindheitserinnerungen nachzudenken.