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Verstehende Tiefenpsychologie
ITGG Berlin - Verstehende Tiefenpsychologie
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Verstehende Tiefenpsychologie
und Kulturanalyse

Anwendungen und literarische Beispiele

Worte, die die Welt bedeuten

Verfasser*in:Helen Keller
Kommentator*in:Matthias Voigt
Datum:01.07.2026

Zur Lebensgeschichte Helen Kellers

Mein Weg aus dem Dunkel, so lautet der Titel der Lebensgeschichte der in früher Kindheit erblindeten Helen Keller[1]. Worüber diese zudem noch gehörlose Autorin berichtet, gibt uns, die wir mit der Sprache groß geworden sind, radikale Einblicke in die Funktion dieses menschlichsten Werkzeuges des Menschen. Nach erst 19 Lebensmonaten ereilte Helen Keller ein grausames Schicksal: Sie überstand eine Hirnhautentzündung, aber büßte hierbei Seh- und Hörvermögen ein.

Will man die existenzielle Bedeutung einer solchen Katastrophe verstehen, dann gilt es mehr als irgendeine ‚Psychologie des Kleinkindes‘ zu Rate zu ziehen. Helen Kellers Schicksal belehrt uns darüber, dass hier noch von ganz anderen Sachverhalten die Rede sein muss als von Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaften oder auch tiefenpsychologisch inspirierten Erklärungen.

... Helen Kellers Entwicklungsstörung betrifft geistige Dimensionen. Wo es um den Geist geht, müssen wir die Rolle der menschlichen Sprache dabei adäquat erfassen.

Nun ist das Schicksal Helen Kellers ein Extremfall. Uns Psychotherapeuten begegnen in der Regel andere Formen des Leidens an der Sprache. Viele Patienten zweifeln daran, ob Worte wirklich das zum Ausdruck bringen können, was wir mit den anderen und auch mit uns selbst erleben. Auch so mancher Psychotherapeut glaubt nicht mehr an die Talking Cure, als die Freuds Psychoanalyse einst angetreten ist, und sucht vermeintlich direktere Wege zum Ziel.

Diese Zweifel an der existenziellen Bedeutung der Sprache wurden erstmals in der Romantik laut. Ein Jahr vor dem Erscheinen von Helen Kellers Weg aus dem Dunkel als die Geschichte einer Gesundung durch Sprache verfasste Hugo von Hofmannsthal den Bericht von einer Krankheit, die er als Sprachzerfall begriff. Im sogenannten Lord-Chandos-Brief bekundet dieser damals verheißungsvollste Jungpoet, wie in ihm die Einheit zwischen Natur und Kunst, Körper und Seele, Sprache und Empfindung zerbrochen sei.[2]

Es ist gewiss kein Zufall, wenn zur selben Zeit Sigmund Freud nach einem neuen Zugang zum Menschen suchte, durch den er das Problem des seelischen Unbehagens des neuzeitlichen Individuums ergründen wollte. Auch Lebensphilosophie, Phänomenologie und Existenzphilosophie gingen damals neue Wege. Man wollte weg von den metaphysischen Systemen. Den ‚Dingen‘ selbst sollte die Aufmerksamkeit gelten, enttäuscht von der Baufälligkeit der idealistischen Luftschlösser. Doch der Hauptstrom der Forschung folgte in den methodischen Bahnen, die der Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik als Erfolgsrezept nahelegte. Seelisches, insbesondere alles, was an den idealistischen Geist-Begriff der älteren Philosophie gemahnte, wurde zum bloßen Anhängsel des Materiellen erklärt.

Die Frage nun, die unsere Lektüre der Biographie leitet, geht von einem Paradox aus. Im Titel ihrer Autobiographie kündigt sich ein eigentümlicher Sachverhalt an: Hell wurde es für die blinde Helen Keller nicht dadurch, dass sie den Seh-Sinn durch ein medizinisches Wunder wiederbekam. Ihr Sehvermögen erlangte sie mit dem Erlernen der Sprache[3]. Was die Worte für uns leisten, das scheint uns derart alltäglich, dass wir das existenzielle Wunder des Sprechen-Könnens dabei schlicht übersehen. Doch unter dem Fraglos-Selbstverständlichen finden sich oft die des Fragens würdigen Probleme. Sie sind von ihrer Natur her das Material, aus dem sich philosophische Fragen stellen. In den Wissenschaften werden sie nicht mehr gesehen. Denn dort kaum anders als in der Neurose: Man glaubt endlich die Problemlösung gefunden zu haben; doch die vermeintliche Lösung verbaut jede Sicht auf die Problematik selbst und verhindert dauerhaft jedes Weiterkommen in der Sache. Man sucht  konsequent gerade an den Stellen, wo das Gesuchte gerade nicht zu finden ist.

Unsere Frage also lautet: Was leisten die Worte für das menschliche Sehen? Vor den Antwortversuchen gilt es jetzt, die Beschaffenheit des ‚Untersuchungsobjekts’ bekannt zu machen. Dazu die kurze Geschichte von Helen Kellers Wegen ins Leben.

Ein vielversprechender Anfang

Die Kindheit Helen Kellers fällt in das Ende des 19. Jahrhunderts. Sie wächst auf im privilegiert-geborgenen Rahmen einer US-amerikanischen Familie der Oberschicht. Ihr Vater – Zeitungsverleger in einer Kleinstadt der Südstaaten – ist ein zweites Mal glücklich mit einer um Vieles jüngeren schönen Frau verheiratet. Als aufgeklärte Eltern widmet man sich gemeinsam der Erziehung des geliebten Kindes; natürlich befreit diese kleine Familie ein vielköpfiges Personal von den alltäglichen Lasten. Dazu bildet ein weiträumiges Anwesen  den gesellschaftlichen Treffpunkt einer Gruppe liberaler Bürger. Hier wächst Helen in freier Atmosphäre auf, in einer Umgebung voller Anregungen, die das lebhaft-vitale Kind begierig in sich aufnimmt. In der autobiographischen Perspektive erinnert sie: Schon als Baby soll ich häufig durch meinen heftigen, eigenwilligen Charakter aufgefallen sein. Alles, was ich andere tun sah, wollte ich durchaus auch tun. (S.15)

Helen war offenbar ein Kind, das sich seinen Platz in der Welt erobern wollte. Dazu passt die Episode, nach der die gerade gut Einjährige zur Begeisterung einer Tischgesellschaft so etwas wie "tea, tea, tea!" verlauten ließ. Wir sehen hier schon den künftigen Star der Familie, der mit Lebhaftigkeit und Charme die Mitmenschen für sich einzunehmen verspricht. Derartige Episoden könnten den Beobachtungen der neueren Säuglingsforschung entnommen sein, wie sie Daniel N. Stern eindrücklich geschildert hat.[4]

Was Helen Kellers Autobiographie über die Zeit vor ihrer Erblindung berichtet, stammt aus einer Phase, in der sie noch nicht umfassend über die Sprache verfügte. Ohne die Leistung der sprachlichen Symbolsphäre sind die Bedingungen noch nicht gegeben, etwas so im Gedächtnis zu behalten, dass wir es bei Bedarf erinnernd aktualisieren könnten. Denn das historische Erinnern setzt voraus, dass ein Mensch schon über ein geistiges Bewusstsein verfügt, und das wiederum basiert auf der Sprache. Auf diesen Sachverhalt werden wir später ausführlicher zurückkommen. Darüberhinaus gilt es zu berücksichtigen, dass unsere Erinnerungen an frühe Zeiten immer in einem Licht erscheinen, das aus aktuellem Erleben gespeist wird. Kindheitserinnerungen sind immer Selbstdeutungen vom gegenwärtig erreichten Lebensstandpunkt aus.

Wenn wir als Tiefenpsychologen einen Menschen verstehen wollen, dann fragen wir ihn u.a. nach seinen Kindheitserinnerungen; denn diese sind niemals zufällig, sondern geben Aufschluss über seine Person. Jeder Mensch hat die für ihn charakteristischen Erinnerungen. Charakteristisch bedeutet im Sinne der Individualpsychologie Alfred Adlers, sie stehen gewissermaßen im ‚Dienst’ des spezifischen seelischen Habitus eines Menschen, eben seines Charakters. Das, was er Charakter nennt, präformiert die individuelle Sicht dieses Menschen auf die Dinge. Kindheitserinnerungen lassen uns erahnen, wie jemand die Welt und sich selbst auffasst, welchen Zielen jemand folgt, welche Ideale ihn leiten.

Der Mensch ist als Persönlichkeit eine Einheit, in der alle seine als noch so widersprüchlich imponierenden Lebensäußerungen aufeinander bezogen sind. Der Bezugspunkt dieser Einheit ist die gemeinsame Welt, ohne die alles Reden über den Menschen bodenlos wird. In den Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der äußeren Welt finden sich die Maßstäbe, an denen sich die Person in ihrer Handlungsfähigkeit messen lassen muss. Ohne diese Perspektive auf die uns umgebende Natur, den eigenen Leib und noch mehr auf die Kultur  schwebt jeder Verstehensversuch des individuellen Menschen im Leeren. Die unlösbare Bindung an die harten Gegebenheiten von Natur und an die elastischeren Forderungen einer kulturell-gesellschaftlichen Sphäre bilden den Bezugsrahmen, in dem erst verständlich werden kann, wohin ein Mensch strebt.

Dieses Phänomen der personalen Ganzheit, das sich in der Bezogenheit aller Lebensäußerungen eines Menschen auf Mitmenschen und Dinge zeigt, können wir in der Kunst am augenfälligsten erleben. Deren existenzielle Besonderheit liegt darin, das sie die menschliche Ganzheit aufscheinen lässt, wie sie sich uns im konkreten Umgang mit dem Mitmenschen nie so unmittelbar zeigt. Was wir hierbei am Kunstwerk erfleben, ist dabei keineswegs ein Erfassen von etwas bloß ‚Subjektivem’. Wovon wir in Bann gezogen werden, ist ein objektives, mit anderen teilbares Geschehen; natürlich nur insofern wir die adäquate Fähigkeit zu diesem Erleben mitbringen. So reichen dem Bachkenner schon einige wenige Takte eines von ihm noch nie gehörten Stückes, und er ist sicher: Das ist Bach.

Auch im Alltag betätigen wir uns ständig als Deutungskünstler. Intuitiv erfassen wir unser Gegenüber als eine Ganzheit; immer ordnen sich dabei die Details zu einem Gesamtbild. Je tiefer unser verstehendes Vordringen, desto ‚objektiver’ das Resultat unserer Aneignung. Aber erst in der langjährigen Bemühung wachsen uns hierbei die Kräfte zu, die unser Verständnis für eine Sache als komplexe Leistung eines Verstehen-Könnens begreiflich machen. Wir sprechen hier also von der Kunstfertigkeit der Hermeneutik, die keine Verstehenstechnik ist, sondern eine Art der Hingabe an den Gegenstand, die auch methodische Aspekte aufweist.

In der tiefenpsychologischen Verstehens-Praxis sind Kindheitserinnerungen neben den Träumen ein hervorragendes Diagnostikum, die „Gangart“ eines Menschen zu erfassen. Woran wir uns nach vielen Jahren noch erinnern, was uns unter unzähligen Erlebnissen wert ist, es im Gedächtnis zu behalten, das gibt Auskunft über unsere Persönlichkeit. Dabei ist es eher nebensächlich, ob sich das Erinnerte ‚wirklich‘ so ereignete. Uns interessiert die Stellungnahme zur kleineren oder größeren Welt, die im Akt des Erinnerns vollzogen wird. Schon vom Terminus des Inne-Werdens her deutet sich an, dass in jeder solcher Kindheitserinnerungen zugleich eine Selbstaneignung eines eigenen Inneren steckt. Erinnern ist ein Antworten auf die aktuell gegebene Situation, auf etwas von außen, auf die Welt nämlich.

Erinnern als geistiger Akt und das Gedächtnis des Leibes

Anthropologisch bedeutsam ist hierbei der Umstand, dass das Sich-Erinnern-Können eine Leistung ist, genauer, eine geistige Leistung. Gedächtnis im gemeinten Sinne ist kein passives Speichern. Als aktives Festhalten-Können verlangt es, dass wir ein Geschehen in unser Leben einordnen. Bedeutungszuweisung ist der geistige Akt, mit dem wir ein bloßes Geschehen in unser Erleben verwandeln. Fehlen uns jedoch die Mittel dazu, dem, was uns zu-’stößt’, seinen Platz einzuräumen, dann fügt es sich nicht in unsere bestehende Lebensordnung ein. Es existiert dann manches als (geistig) Unverdautes und wartet gewissermaßen darauf bei passendem Anlass unvermittelt als affektiv-bildhafte Reminiszenz ins Erleben einzubrechen. Besonders alle erstmaligen Ereignisse sind schwer integrierbar und können den Aufbau einer Person nachhaltig erschüttern. Zum Trauma aber wird nur das, was wir nicht in unsere Geschichte integrieren können.

Unser menschliches Gedächtnis besteht jedoch nicht allein in diesem geschichtlichen Einordnen. Dieses geistige Gedächtnis ist deshalb an die Sprache gebunden. Denn erst durch eine sprachlich vermittelte Zeitstruktur können wir zwischen einem vormals Geschehenem, dem Jetzt und einem erst noch Kommenden unterscheiden. Unsere menschliche Sicht auf die Dinge gliedert das Erleben als unabänderliche Vergangenheit, in den gegenwärtigen Raum unseres Handeln-Könnens und in das noch beeinflussbare Zukünftige, das nur in unserer Phantasie existiert. Ohne die Symbolwelt der Sprache, könnten wir wie unsere tierischen Verwandten nur geschichtslos in gleichförmiger Gegenwart existieren. Tier benötigen kein Narrativ; der heute gängige Terminus für die Historizität unseres Erinnerns. Doch auch vor dem eigentlichen Spracherwerb ‚vergisst‘ unser Leib nichts. Er assimiliert auf seine eigene Weise schon vom ersten Tage an alles, was von außen und innen auf ihn einwirkt. Wir besitzen offenbar ein frühes Vermögen, Bilder, Töne und Gerüche in einem Modus des leiblichen Gedächtnisses zu bewahren. Eine Geruchsempfindung reicht dann aus, um ein Bild in unserer Imagination zu evozieren. Über solche ‚instinktiven‘ Fähigkeiten verfügen schon die höheren Tiergattungen und damit auch jeder Säugling.

Dieser pathisch-affektive Grundstrom alles menschlichen Seins ist von höchster Bedeutsamkeit für unser ganzes Leben. Die Tiefenpsychologie belegt ihn mit dem Begriff der „frühen Prägung“. Doch diese metaphorische Ausdrucksweise gebraucht ein technisches Bild, mit dem diesem Sachverhalt eine scheinbare Erklärung untergeschoben wird. Gedacht wird dieses Einprägen nach dem physikalischen Vorgang, gewissermaßen als Beschreiben  einer biologischen Festplatte oder eben, schneller abrufbar, Zwischenlagern im Arbeitsspeicher. Vielleicht wurde jetzt schon deutlich, dass bei solch vielschichtigen Prozessen jeder Erklärungsversuch nach dem so plausibel anmutenden Modell des photographischen Apparates nichts erklärt, aber unsere ureigensten Erlebnisweisen erfolgreich verdrängt. Man überträgt unbedacht physikalische Theoreme in physiologische bzw. geistige Schichten. Unbemerkt verwandelt sich der Mensch in eine Maschine, der man bei Bedarf ein wenig Gefühlsleben ankleistert.

Doch vermutlich handelt es sich schon beim Leib-Gedächtnis gar nicht um ein Geprägt-Werden, sondern um eine spezifische Vorstufe des lernenden Aneignens. Die erste Weltaneignung nämlich erfolgt primär über unsere Sinnlichkeit. Sie formiert unsere Vitalität schon in so früheren Zeiten, in denen unser viel später einsetzendes historisches Erinnern nicht mehr zugreifen kann. Doch in dem, was und wie wir später erinnern können, bekundet sich diese vorsprachliche Welt unüberhörbar. Sie kommuniziert sich als affektiv-emotionale Getöntheit, die unserem aktuellen Welt- und Selbsterleben seine ureigenste Farbigkeit gibt.

Davon spricht die Existenzphilosophie Martin Heideggers, wenn sie das „Existenzial“ der „Gestimmtheit“ des Menschen beschreibt. Unsere Stimmung taucht alle Dinge, die uns begegnen, in ein besonderes Licht. Psychologisch interessant ist hierbei, dass unsere je eigene Gemütsverfassung allem jene individuelle Tönung verleiht, unter der wir eines Sachverhalts inne werden.

Auf welches Lebensgefühl nun verweist die nachfolgende Episode, von der die 22-jährige Helen Keller in der Autobiographie berichtet?

Im Alter von einem Jahr konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoß, als ich plötzlich durch die hin und her huschenden Schatten, die das Laub der Bäume auf den von der Sonne beschienenen, glatten Boden warf, gefesselt wurde. Ich schlüpfte vom Schoß meiner Mutter und lief auf die Schatten zu. (16)

Offenbar passt diese Erinnerung zum Bild eines eigenwilligen und tatendurstigen Kindes. Helens Motorik entwickelt sich geradezu lehrbuchhaft planmäßig. Ihre Expansionsbestrebungen sind ansatzweise zielgerichtet. Spürbar ist Helens neu-erlernte Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit, also ihren Blick, auf ein Geschehen zu fokussieren. Erst hierdurch verwandeln sich die noch ungeordneten Gesichtsempfindungen eines Kleinstkindes in den Blick des Menschen. Diese Fokussieren-Können verwandelt die undifferenzierte Umgebung in eine bewegte Welt von Dingen, von der sich jetzt sein Blick angezogen fühlt. Hier bahnt sich an, was die Tiefenpsychologie als „Wir-Bruch“ bezeichnet. In dieser Deutung umschriebe dieser Terminus nicht den für uns darin anklingenden Verlust eines Paradieses als den Zugewinn von Erlebnisqualitäten.

Helen kann bereits die symbiotische Einheit mit der Mutter über längere Zeiträume verlassen. Wo zuvor nur der Austausch von Zärtlichkeit in der Wechselseitigkeit des Sich-Anblickens freudig erlebt werden konnte, tritt jetzt die neuartige Freude des Ent-Deckens. Dieser aktive Modus im Erleben vollzieht sich wie das Wegreißen einer Decke, die zuvor die Objekte vor dem Blick verbarg. Dieser quasi erkenntnismäßige Zugewinn eröffnet neue Zugriffsmöglichkeiten, nämlich die vorher unsichtbaren Handlungsräume. Schon als gut Einjährige strebt Helen episodisch fort von der Mutter und scheint diese Expansion als ihre wachsende Eigenständigkeit zu genießen. Bald wird sie sich aufrichten, um aus eigener Initiativ auch auf eigenen Beinen stehen zu können. Solchen Zugewinn an Freiheit quittiert der Mensch mit der Freude. Bei J.P. Sartre heißt es irgendwo sinngemäß: Freude nennen wir die Erkenntnis der Freiheit durch sich selbst.

Die obige Erinnerung beinhaltet mehr als nur eine Stellungnahme zur eigenen Vergangenheit. Als Bestandteil der autobiographischen Selbstbesinnung wirft sie Licht auf das gegenwärtige Erleben der erwachsen Frau. Der Blick ihrer Augen auf die Lebendigkeit ist ihr unwiederbringlich verloren gegangen; doch bei der erwachsenen Helen Keller dominiert kein Verlustgefühl. Vielmehr bestärkt sie sich angesichts der faktischen Grenzen ihrer Expansion in die Welt, indem sie Beziehung aufnimmt zu den leiblichen Kraftzentren ihrer früheren Existenz. Diese emotionale Selbstvergegenwärtigung wirkt als Selbstbestärkung, die vielleicht lauten könnte: Ich war einst ein Kind, das die Sonne und die Schatten hat sehen können. Lebensfreude, Unabhängigkeit und Wissbegierde sind mir auch heute kostbare Werte. Ich will meinem Leben Helligkeit und Intensität geben.

In der erinnerten Episode wird eine harmonische Zweierbeziehung festgehalten, in der expansive Selbstentfaltung nicht antagonistisch zu einem Heimatgefühl in der Situation steht. Anwesenheit der Mutter und Wegstreben von ihr schließen sich nicht aus. Unsere kurze Deutung dieser Erinnerung lässt einen ganzen Lebensentwurf erahnen. Alfred Adler hat den Begriff „Lebensstil" für diese geistige Dimension am Menschen gewählt. Deutlicher noch als beim Komplementär-Begriff, dem „Charakter“, tritt hier ein Intentional-auf-etwas-ausgerichtet-Sein hervor. Den Charakter oder noch mehr den Lebensstil erklärt die Individualpsychologie bekanntlich nicht als passives Geprägt-Werden, sondern als eine Art eigenschöpferischer Leistung. Der Freiheitsspielraum, den ein Kind hierbei nutzt, ist gewiss eng bemessen; denn das Material zum Lebensstil liefert die gegebene (historische) Situation. Insofern sind die Auswahlmöglichkeiten begrenzt.

Doch das, was in den zu bloßen ‚Umständen’ degradierten Erlebnismöglichkeiten dem Kind vorliegt, ist alles andere als ein Bündel von Ursachen, die seinen Charakter ‚prägen‘. Was hier als ursächlich missverstanden wird, unterliegt Verarbeitungsmodalitäten, die vom Kind, von seinem ureigensten Erleben mitgestaltet werden. Die ‚Erfindung‘ des individuellen Lebensstils vollzieht sich wie ein Auswerten des vorgegebenen Lebensraumes. Er ist das kunstvolle Produkt eines eigentümlichen Lernprozesses, den jedes Kind absolviert. Leider ist es hierbei so wie in der Bildenden Kunst, nicht immer entstehen daraus große Werke. Manches wird eben auch nur Kitsch.

„Lebensstil“ und „Charakter“ werden in der Individualpsychologie oft synonym verwendet. Wenn wir sie hier unterscheiden, dann soll mit dem Stilbegriff das Bestreben des Menschen ins Auge gefasst werden, die eigene Lebensbewegung auf ein Ziel hin zu orientieren. Stil bedeutet Formgebung. Orientieren heißt damit, sich ausrichten auf ein erstrebtes Ziel. Die Bewegung darauf hin beinhaltet einen Prozess der Selbstformung. Als gelebte Form fordert dies ständige Wandlung von uns. Und dieses sich Weiterentwickeln geschieht beim Menschen in der handelnden Begegnung mit der Außenwelt. Hierbei tritt unser „Charakter“ hervor. Er wird um so deutlicher sichtbar, je näher wir den Grenzen unseres Handlungs- und Kommunikationsvermögens kommen.

Wo uns die Kompetenz fehlt, in der Situation angemessen handelnd oder sprechend Antwort zu geben, da tritt ein leiblich-affektives Geschehen hervor. Das aber folgt einer regelhaft vorgegebenen Reaktionsdynamik. Wo solche Prozesse einsetzen, spricht unsere Leiblichkeit ihre Machtworte. Unser Ich sitzt dann auf den Schultern eines Riesen, den es nur glaubt zu lenken. Wo unser Charakter die Bewegung bestimmt, wird unser Verhalten vorhersagbar für die Mitmenschen. Spätestens im dritten Lebensjahr zeigen sich seine Umrisse. Denn zu diesem Zeitpunkt ist unser Bewegungs- und Orientierungsvermögen so weit fortgeschritten, dass der Expansionsdrang die Grenzen der vertrauten kleinen Familienwelt sprengt.

Wendet man nun das Gesagte auf die 19 Monate alte Helen Keller an, dann zeigt sich charakterbestimmend eine ungestüme Vitalität. Von so viel Expansionsdrang kann vermutet werden, dass er auch unter noch so günstigen Lebensumständen auf Grenzen stoßen wird. Alles deutet darauf hin, dieses Kind wird sich zu einem überaus lebendigen und klugen Mädchen entwickeln. In diese Welt froher Erwartung bricht die Infektionskrankheit ein. Als man schon glaubt, alle Hoffnung aufgeben zu müssen, siegt unerwartet Helens Vitalität. Doch ihr Hör- und Sehvermögen ging unwiederbringlich verloren. Welche Auswirkungen hat nun der schreckliche Einschnitt auf Helens Entwicklung?

Exkurs: Wie belehren uns die menschlichen Sinne?

Hierauf zu antworten verlangt von uns, dass wir noch einmal auf den Entwicklungsstatus in der frühen Kindheit eingehen. Mit welchen Mitteln bestreitet man mit 19 Lebensmonaten seinen Weltkontakt? Dazu hat ein Kind zuallererst die Mutter, ohne die es nicht überleben könnte. Den eigenen Leib mit seinen Sinnen besitzt es noch nicht eigentlich, denn völlig anders als jedes ihm ähnliche Tier müssen diese Sinne von ihm selbst noch zu dem gemacht werden, was man bei oberflächlicher Betrachtung ihnen als ihre Eigenschaft attestiert. Doch die Sinnesorgane eines Menschenkindes wissen gewissermaßen noch nichts von ihrer künftigen Bestimmung. Unversehens erweitert sich unsere bisherige Problemstellung. Wir müssen nochmals ansetzen und zwar unterhalb der psychologischen Ebene und damit tiefer ins leibliche Geschehen eindringen. Es geht nun um anthropologische Gesichtspunkte, um das schon physiologisch spezifisch Menschliche. Wir fragen danach, was unser Antriebsgeschehen und hierbei insbesondere unsere Fähigkeit zur Orientierung in der Welt ausmacht.

Auf dieser physiologischen Ebene hat sich uns bisher schon manches gezeigt. An Helen ließ sich beobachten, wie sie über Tastsinn und Sehsinn die Bewegung ihrer Gliedmaßen koordinieren konnte. Ihr gelang über die Körpermotorik sich erfolgreich auf etwas auszurichten - eine Leistung, die vielfältigste Übungsprozesse erfordert. Was Helens Augen ‚festhalten’ konnten, dem versuchte sie sich sogleich motorisch anzunähern. Wir hatten ein Kleinkind vor uns, das schon mit dem Blick einem äußeren Geschehen folgen konnte. Was hier als bloß motorisches Können imponiert, geht beim Menschen mit einem hochbedeutsamem Entwicklungsschritt einher. Es vollzieht sich ein Sinneswandel, ein Begriff übrigens, der überaus treffend den sich anbahnenden geistigen Sachverhalt benennt. Hier vollzieht sich nicht weniger als eine Herauslösung aus der ursprünglichen Bindung an die Umwelt. Ein Prozess, der mit der Ablösung von der Mutter parallel läuft. In der Sprache der Entwicklungspsychologie: Helen Keller verfügt nun über die Bedingungen von „Intentionalität“. Dazu muss das Kind seine Bewegungsabläufe bereits so weit beherrschen, dass es sich als Subjekt auf die Objekte hinbewegen kann.

Was damit inhaltlich gemeint ist, wird sich in unseren Darlegungen noch zeigen. Offenbar fundiert diese Fähigkeit ein geheimnisvolles Selbststeuerungs-Vermögen, das dem Menschenkind nicht schon in die Wiege gelegt ist. Jedes dem Menschen vergleichbare Jungtier verfügt genetisch über festgestellte Bewegungsabläufe. Beim Tier ist die Koppelung von Reiz und Reaktion biologisch vorherbestimmt. Diese wunderbare Angepasstheit aller Bewegungen macht das Anmutige seines Erscheinungsbildes aus; jedes Tier ist eins mit seinen Bewegungen. Das impliziert eine strenge Bezogenheit auf ein spezifisches Biotop. Darin liegt die genetisch gesetzte Grenze seiner Überlebensfähigkeit. „Es lebt der Eisbär bekanntlich nur in Sibirien und nur in Afrika das Gnu“, während der Geliebten, so sagt es das witzige Liedchen, eine andere Heimat zuträglich ist: „In meinem Herzen lebst nur du!“

Im obigen Sinne kann der Mensch als Gattungswesen als „physiologische Frühgeburt“ (Portmann) bezeichnet werden; zwar ausgerüstet wie die höchsten Säugetiere mit Sinnesorganen, doch ohne Bindung an eine genetisch festgeschriebene Funktionsweise. Dieses Fehlen von instinkthaften Funktionsvorgaben an unsere Bewegungs- und Tastorgane, unser Seh- und Hörvermögen erscheint nur auf den ersten Blick als unser Nachteil. Wenn die Anthropologie vom „Mängelwesen Mensch“ spricht, dann beinhaltet das zweierlei logische Konsequenz: Es gibt für uns kein Zurück mehr zur Natur; denn dort wäre der Mensch biologisch zum Tode verurteilt. Erkennt man jedoch in unserer genetischen Mangelhaftigkeit deren ureigentlichste Bedeutung, dann zeigt sich Verblüffendes., Gerade jener physiologische Mangel - Adler spräche hier von der „Minderwertigkeit“ als Anthropinon - erweist sich als maßgebliche Voraussetzung des Menschseins überhaupt. Seine biologisch mangelhaften Sinnesorgane sind die einzig adäquate physiologische Ausrüstung. Erst hierdurch kann/muss der Mensch sich ‚intentional‘ auf seine Welt ausrichten, sich autonom orientieren. Schon biologisch ist der Mensch zum künftigen Dialektiker bestimmt, denn bei ihm schlägt der Mangel gegenüber den tierischen Artgenossen zu seinem Vorteil aus.

Als ‚Strafe‘ aber sollte er nicht nur, wie es im Alten Testament heißt, „sein Brot im Angesicht des Schweißes essen“. Ohne angestammte Lebenswelt muss er sich diese selbst erst auf langem Wege erschließen. Zu seiner Welt muss er die Erde aktiv umgestalten, so dass sie seinem erfinderischen Wesen gemäß wird: zur menschlichen Kultur. Er muss sich die eigenen Werkzeuge selber schaffen. Zur Potenzierung der Reichweite seiner Sinnesorgane erfindet er die Symbolsprache. Wir hatten zu Anfang berichtet, dass Helen schon nach einem Lebensjahr Ansätze zur artikulierten Lautbildung zeigte, wenn sie etwas wie tea,tea, tea  von sich vernehmen ließ.

Das Sprechen ist ein bedeutsamer Schritt der aktiven Verbindungsaufnahme mit der Welt. Dass wir sprechend die Brücke zum anderen schlagen, erscheint uns als selbstverständlicher Vorgang. Was aber geschieht, wenn ein Kleinkind brabbelnd erste Laute bildet? Bedingung hierfür ist sein Gehör. Unser Hörsinn stiftet ursprünglich eine pathische Verbindung mit der Welt. Alles Lautliche dringt in uns ein und zieht uns gewissermaßen in einen Klangraum. Für den Säugling erfüllt zuerst die Stimme der Mutter diesen Raum. Ihre Stimme eröffnet auch dann noch Verbindung, wo kein Blick mehr ihr folgen kann. Es bedeutet deshalb einen riesigen Gewinn an zielführender Initiative (=„Intentionalität“), wenn es einem Kind gelingt, mit dem selbstgebildeten Laut das Wiedererscheinen der Mutter zu bewirken.

Der Ruf wird so zum Prototyp des künftigen Sprechens. Man mag diesen Ruf noch auf eine triebhafte Herkunft zurückführen; aber damit ist nicht erklärt, was er für uns Menschen bedeutet. Wer schon einmal beobachtet hat, mit welcher Freude am wachsenden Lautierungsvermögen ein Kind seine selbstbewirkten Erfolge quittiert, der sieht, dass hier ganz andere Kräfte am Werke sind. Diese sprechende Selbstermächtigung wird nicht dadurch in ihrer existenziellen Funktion fassbarer, indem man ihr eine Triebursache unterstellt. Hingegen verrät aufmerksame Beobachtung, mit welcher Verblüffung das mit dem Lautbilden experimentierende Kind die Wirkungen zur Kenntnis nimmt, die es selbst induziert. Es selbst ist der Ausgang jener autonomen Wirksamkeit. Diese Produktivität ‚triebtheoretisch’ ‚erklären’ zu wollen, ist schlicht witzlos, denn sie erklärt nichts.

Für uns Erwachsene sind die Welt-Ordnungsversuche der Kleinkinder, mit denen sie die Namen der Dinge erforschen, zuweilen eine Last. Was sich hierbei vollzieht, ist der eindrückliche Zuwachs an menschlicher Handlungsfähigkeit. Lernend entwickelt sich ein Vermögen aktiven Selbstausdrucks und zielgerichteter Koordination auf ein erwünschtes Geschehen hin. Gerade weil die menschlichen Sinnesorgane nicht mehr an umweltmäßige Bedingungen gekoppelt sind, werden sie dazu tauglich, flexibel in den Dienst der Exploration und Einflussnahme auf die Welt gestellt zu werden. Nur das vom Triebdiktat abgelöste Organ kann zu einem Werkzeug (grch. organon) werden, das adäquat einsetzbar ist zur handelnden Orientierung. In einer Welt, die als Natur offenbar nicht auf Menschenmaß hin angelegt war, musste und muss sich dieses unangepasste Wesen seinen Raum und die Mittel zu seiner Bewältigung selbst schaffen.

Eine Seele tappt im Dunkeln - Die Grenzen der Erkenntnisleistung unserer Sinne

Wir kommen zurück zu unserem ‚Fallbeispiel’. Es geht uns um ein Verständnis der Lebenssituation eines Kindes, das vor der Aneignung der Sprache ertaubt und erblindet. Als Phänomenologen interessiert uns vordringlich die Umwelt, in der sich ein Leben abspielt. Wir schauen deshalb zunächst, wie Helens Eltern sich auf die veränderten Lebensbedingungen einstellen. Das Kind heftet sich verständlicherweise wieder an die Rockzipfel der Mutter. Aus dieser Schutzzone heraus entfaltet es insbesondere die Fähigkeit, sich über Tastsinn und Gestik zu verständigen. Auch die Mutter setzt die vorsprachliche Kommunikation mit Helen fort. Sie ist bestrebt, die Kleine an den alltäglichen Arbeiten teilhaben zu lassen. Man verfügt über genügend Personal und nimmt sich die Zeit, der Tochter größtmögliche Aufmerksamkeit zu schenken. Als aufgeklärte Eltern gönnt man dem behinderten Kind zum Ausgleich für seine Entbehrungen die allergrößten Freiräume.

Bis etwa zum 5. Lebensjahr verläuft Helens Entwicklung ohne gravierende Probleme. Sie nimmt nach ihrem Vermögen am Leben der Sehenden Anteil. Indem sich die Mitmenschen auf Helens nonverbale Ansprüche einstellen, kann sie sich leidlich in der Welt der Familie orientieren. Das völlige Fehlen des Hör- und des Gesichts-Sinnes schützt sie vor Einsichten, da ja nichts die eigene Unterlegenheit vor Augen bringen kann. Ohne diese Fern-Sinne kann Helen sich nur tastend mit anderen vergleichen und so bleiben viele objektive Benachteiligungen für sie unsichtbar und damit unbewusst.

Doch es ist nicht bloß die Dunkelheit vor Augen, die ihre Sicht behindert. Auch das Schweigen des Raumes lässt ihr das eigene Unvermögen nicht zu Bewusstsein kommen. Wer nicht hören kann, muss manches auch nicht fühlen. Wer nur tastend und riechend seinen Umweltbezug gestalten kann, für den ist nur das gerade Gegenwärtige existent. Die Empfindungsbilder, die diese Gegenwart hinterlässt, verblassen durch die sich aufdrängende Aktualität jeder neuen Empfindungsqualität. Dieses dauernde Existieren, gewissermaßen nur im Präsens, ist vielleicht vergleichbar wie ein Schwimmen in den unermesslichen Weiten eines Ozeans. Es wechseln von außen induziert nur Helens Befindlichkeiten.

Kein menschliches Gedächtnis ordnet diesen unermesslichen Raum. Was Helen in ihren Händen hält, wenn sie tastend mit Dingen hantiert, bietet phasenweise etwas was auch bei den Tieren ein Erinnerungsvermögen ausmacht. Sie streifen wie Helen durch ihre Umwelt und dort zeigen sich als Wiederholungen schon vertrauter Bilder, was im erfolgreichen Umgang mit dieser Umwelt zum Bestandteil eigener Verhaltensmöglichkeiten geworden ist. Hierzu bedarf es keiner Symbolsprache. Doch ohne eben dieses Instrumentarium sind solche Erinnerungen an das Wiederauftauchen der Realsituation gebunden. Sie können nur von außen evoziert werden, denn ein nicht sprechendes Wesen kann sie nicht einfügen in ein jederzeit abrufbares Bild der Welt. Sie werden nicht im eigentlichen Sinne erlebt, sondern bloß  erlitten oder bekämpft. Zu unserem Erleben wird nur dasjenige, von dem ich schon so viele Vorkenntnisse besitze, dass wir das Geschehen in ein Netz von Bedeutungen einknüpfen können. Erleben ist also ein Können, das Vermögen nämlich, dem äußerlichen Geschehen diejenige Bedeutung abzulauschen, die es uns adäquat verfügbar macht. Das kann das rein praktisch richtige Umgehen mit einem Ding sein, aber auch die Fähigkeit, Gleichungen dritten Grades zu lösen.

Bleiben wir im Bilde des Bedeutungsnetzes. Offenbar verfügt Helen trotz unverkennbarer Intelligenz nicht über das Festhalten-Können der Fäden, die sie in ein ordnendes Netz einarbeiten könnte. Was ihr zustößt, das kann sie weder richtig erinnernd noch gar vorausschauend zu einer ideellen Landschaft, einem Erlebnis nämlich, gestalten. Helens sprudelnde Vitalität läuft überwiegend ins Leere. Ihr fehlen die Gegenstände, die ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten.

Man mag nun einwenden, dass doch Helens Umwelt aus lauter Gegenständen besteht, auf die sie durch ihre Sinne gestoßen wird. Damit aber etwas zum Gegenstand für jemanden werden kann, muss er mit einer Sache sachgemäß umgehen können. Wenn ein Kleinkind eine Rassel von sich schleudert, dann hat es diesen Gegenstand eben nicht als Rassel  erfasst. Erst der gekonnte Umgang gibt den Dingen die Bedeutung, die ihnen als Gegenstand zukommt. In diesem Sinne ertastet ein Kind im Umgang mit den Dingen Stück um Stück deren Eigenwert. Vor dem eigentlichen Erkennen findet hier schon eine Art der  Bedeutungszuteilung statt, die einer bloßen Sache ihren Rang als Gegenstand zuteilt. Tiere mögen vieles lernen, nur zum Gegenstand wird ihnen dabei nichts. Sie interessieren sich nicht für die Dinge als unabhängig existierende Gegenstände, denn ihre Instinktbindung fesselt sie an die vorherbestimmten ‚Triebziele‘. Was sich ihren Sinnen nicht anbietet, existiert für sie nicht. Bei Nietzsche heißt es über diese Seinsweise, die Tiere seien kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks.

Wodurch nun wird Helens Existenz zunehmend problematischer, wenn sie doch nicht eigentlich die ihr auferlegten Benachteiligungen erkennen kann? In ihrer Lebensbeschreibung heißt es dazu: Irgendwann habe sie wahrgenommen, dass die anderen Menschen anders als sie in Verbindung traten, dass sie irgendwie mittels ihres Mundes sprachen. Sie berichtet:

Bisweilen stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten, und berührte ihre Lippen. Ich konnte nichts verstehen und war ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig – natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, dass ich mit den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war. (19)

Ist es nicht eigentümlich, dass gerade diese Irritation zur Krise in Helens Entwicklung führte? Betrachten wir die Episode aufmerksam. Da bemerkt ein Kind, irgendwie anders als die anderen zu sein. Man wäre geneigt, zu sagen: Sie erkannte, dass sie den anderen unterlegen war. Doch in dieser Formulierung tut sich ein Problem auf: Worin nämlich könnte sich überhaupt so etwas wie eine Erkenntnis bei Helen vollziehen? Wenn wir uns an die bisherigen Ausführungen zu den anthropologischen Eigenheiten des Menschen zurückerinnern, dann zeigte sich, dass schon im Tastsinn das Kleinkind gewissermaßen erste Einsichten über die Beschaffenheit seiner Außenwelt gewinnt. Es begreift tastend die Beschaffenheit der Dinge. Auf diesem Wege werden sie für uns zum Objekt, das wir sachgemäß behandeln können, so dass es uns künftig seine Dienste leisten kann.

Bezieht man den Sehsinn in diesen Erkenntniskomplex mit ein, der alles versuchende und erprobende Umgangsverhalten begleitet, dann wird deutlich, was zuvor schon über die gnostische Funktion dieser beiden Sinne gesagt wurde. Helen hatte durch den Verlust des Sehsinns ihre Möglichkeit zum Vergleichen weitgehend eingebüßt. Was sie in der oben beschriebenen Situation als Bewegung der Lippen ertastet, das entzieht sich ohne Sehsinn und dazu noch ohne Gehör ihrer Deutungsfähigkeit. Helens einziger Weg der Erkenntnis ist das ertastende Umgehen mit der äußeren Realität, also ein Begreifen in einem sehr wörtlichen Sinne.

Unter diesen Gesichtspunkten wird verständlich, was das erfolglose Betasten sich bewegender Lippen eines Menschen bei Helen bewirkte. So viel sie sich auch abmüht, den Unterschied zu den eigenen Mundbewegungen zu begreifen, diese Bemühungen scheitern. Sie hat nicht die Mittel, die Wurzeln des Misslingens zu ergründen. Diese zweifache Unfähigkeit – nicht zu können wie die anderen und nicht einmal zu verstehen warum, induziert ein unerträgliches Ohnmachtsgefühl. Genauer: Helens angestauter Expansionsdrang findet keinen Gegenstand, an dem er gestaltend Wirkungen entfalten könnte. Ihr bleibt nur noch das Um-sich-Schlagen, die Wut der Verzweifelten. Sie stampft mit den Füßen, kann gleichsam nur auf der Stelle treten; denn der Weg über die Brücke, lernend ihre Mängel zu überwinden, ist ihr versperrt.

 

 

Physiologie und Psychologie der menschlichen Destruktivität

 

Es dürfte aufgefallen sein, dass wir bisher Helens Entwicklung ohne jeden Rekurs auf das abgenutzte Theorem vom „Aggressionstrieb“ durchaus nachvollziehbar beschreiben und  auch erklären konnten. Unser Fallbeispiel ließe sich zur Bestätigung der „Frustrations-Aggressions-Hypothese“ benutzen, die um 1940 von US-Soziologen gegen die Annahme einer triebbedingten Zerstörungstendenz beim Menschen in die Diskussion gebracht wurde. Doch unser Fall zeigt, dass unser aggressives Verhalten ein überaus komplexes Problem beinhaltet. Der Umstand, dass Helen Keller auf Frustrationen so ungemein aggressiv reagiert, scheint ganz offensichtlich mit ihrer überaus starken Vitalität zusammenzuhängen. Hier von starker Triebhaftigkeit zu sprechen, fokussiert die Blickrichtung auf eine zwar unübersehbare biologische Seite. Was aber das Erscheinungsbild dieser biologischen Kraftquelle in der direkt sichtbaren Welt ausmacht, wird maßgeblich von der Beschaffenheit dieser Bühne des vermeintlichen Trieblebens mitgeprägt. Wir verzichten hier auf den Triebbegriff, der den Vorteil in sich birgt, Helens Destruktivität als natürliche zu entschuldigen. Uns geht es weder um Schuldabweisung noch moralische Entwertung, sondern um das Verstehen eines menschlichen Verhaltens. Insofern ist Helens Aggressionsneigung eine Ausdrucksform ihrer Vitalität. Ein weniger lebendiges Kind nämlich, so kann vermutet werden, wäre längst schon in apathischer Stumpfheit verkümmert.

Wir verfolgen nun weiter, was ein überaus lebhaftes Mädchen, das von der Macht der Umstände in die Handlungsunfähigkeit gezwungen wird, antreibt. Und das wiederum sind nicht seine Triebe, wie es die hier nicht ganz passende Wortwahl nahelegt. Dieses Kind nutzt jede Gelegenheit, sich selbst als Herr der Dinge empfinden zu können. Solche Kinder müssen die Mitmenschen drangsalieren, weil sie keine andere Möglichkeit haben, sich als Handelnde aktiv zu fühlen. Über die überwundene Existenz in geistiger Dunkelheit schreibt Helen Keller später:

Ich glaube, ich wusste, wann ich unartig war, denn ich wusste, dass es Ella, meiner Pflegerin, wehtat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß, und wenn mein Wutanfall vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass dieses Gefühl mich vor der Wiederholung meiner wilden Ausbrüche bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich bekam, was ich wollte. (19)

Helens damalige Existenz als ein Mensch ohne Hör- und Sehfähigkeit, nur ausgerüstet mit einem hochentwickelten Tast-Vermögen, implizierte eine ständig gespannte Reaktionsbereitschaft. Ihre im höchsten Maße forcierte Affektivität ist Helens allfälliges Durchsetzungs- und zugleich Betäubungsmittel. Nur in diesem forcierten Affektleben kann ihre nicht verwendbare Vitalität aufgezehrt werden, was Helen zugleich Ruhe durch Erschöpfung verschafft. Insofern ist Helens Hyperaktivität in keiner Weise ‚dysfunktional‘, sondern ist eine Weise der Selbstbewahrung in wegloser Lage.

Was hätte ihr auch den Weg weisen können? Wo hörende Menschen eingebettet in Lautphänomene ihre Aufmerksamkeit in der Schwebe halten können, - nur plötzliche Geräuschwechsel lassen uns aufmerken - muss Helen ohne diese Orientierung auskommen. Nur ihr Geruchssinn liefert über das noch nicht Ertastbare Auskünfte. Aber über die Beschaffenheit so mancher Umgebung liefert dieser Helen noch verbliebene Fernsinn denkbar unscharfe Bilder.

Bei gehörlosen, aber doch wenigstens sehenden Menschen zeigt sich diese Überforderung in einer misstrauisch-gespannten Haltung der Umwelt gegenüber. Bei Helen Keller lässt die Überspannung all ihrer Seelenkräfte dieses Kind kämpfen und zerstören, wenn es nicht sofort seine Bedürfnisse befriedigt sieht. Es erträgt keine Versagung ohne umgehende Affektrevolte. Diese wiederum behindert die weitere Aneignung praktischer Fähigkeiten und damit jedes Erfolgserleben, das zielgerichtet Beruhigung schaffen könnte. Zugang zur Zwischenmenschlichkeit hat sie nur in leiblicher Zärtlichkeit; und von dieser Zärtlichkeit ist Helen abhängig wie eine Süchtige. Auf jeden drohenden Verlust an Zuwendung reagiert sie rabiat. Für ein Seelenleben, dessen impliziter Machtanspruch rein faktisch dem eines Imperators gleicht, droht mit der Geburt eines Geschwisterchens ein Ende der Alleinherrschaft. Adlers Begriff des „Entthronungs-Erlebnisses“ thematisiert diese existenziell bedrohliche Entzugssituation. Darüber heißt es in der Autobiographie:

Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich wusste, dass ich nicht mehr meiner Mutter einziger Liebling war, und der Gedanke erfüllte mich mit Eifersucht. Die Kleine saß ständig auf dem Schoß meiner Mutter, wo mein gewohnter Platz gewesen war, und schien alle ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. (24)

Als die fünfjährige Helen das Schwesterchen irgendwann in der Wiege ihrer Lieblingspuppe antrifft, kann die Mutter im letzten Moment Schlimmstes verhindern. Eines Tages trifft es auch diese; Helen schließt die Mutter in der Speisekammer ein und genießt das hilflose Trommeln ihrer Gefangenen. Vielleicht ist dieses Ereignis mit der Wendung, das Kind genieße hier seine Macht über die Mutter, schon überinterpretiert. Helen Keller beschreibt zwar selbst das Geschehnis in diesem Sinne, so wie sie auch die vorangehenden Episoden vergleichbar bewertet. Doch das entspricht einer später erst erworbenen Sicht auf die Dinge. Denn um Sinn und Wert überhaupt erfahren zu können, bedarf der Mensch mehr als nur seiner Sinne.

Gedächtnis und Zeiterleben - Die Geburt unseres geistigen Gedächtnis’

In vorsprachlichen Zeiten besitzt das Kind noch nicht die Mittel, sich erinnern zu können. Dieses selbstständige Hervorbringen eines nicht mehr real gegebenen Sachverhalts ist eine aktive Leistung, die auf vielfältigen Vorkenntnissen beruht. Warum wir dieses Gedächtnis als geistiges apostrophieren, wo doch bekanntermaßen die Neurowissenschaften nachweisen, mit welchen materiellen Prozessen unser Gehirn eine kunterbunte Bilderwelt abspeichern kann. Dem soll hier nicht widersprochen werden, aber doch daran erinnert werden, dass es keiner Wissenschaft je gelingen kann, die Bedeutung eines Sachverhalts auf irgendein Etwas zurückführen zu können. Denn Bedeutung erhält eine Sache nie aus sich selbst, vielmehr erinnern wir nur bildhafte Phantasmen, die assoziativ an gegenwärtige Empfindungen reaktiviert werden. In diesem Sinne behält unser leiblich-sinnliches ‚Gedächtnis‘ unseren eigenen Vorrat an frühen Bilderwelten, die uns pathisch bereitliegen. Zu Bestandteilen von echten Erinnerungen werden sie erst im Prozess der wachsenden Orientierungsfähigkeit und damit eines Wissens um die Welt.

Hierbei wird die menschliche Symbolisierungsfähigkeit, insbesondere unsere Sprache zur entscheidenden Bedingung einer neuartigen Sicht auf die Dinge. Erst als sprechende und vernehmende Wesen zentralisieren wir unsere Orientierungsmöglichkeiten, die Selbststeuerung unserer Bewegungen im Raum, wie sie durch die Sinne bis dahin schon angelegt sind. Hierzu muss der einzelne Mensch sich gewissermaßen tastend die Gesetzlichkeiten von Natur und Gemeinschaft erschließen. Doch dieses Wissen um die Dinge ist an ihr Erscheinen im Gesichtsfeld gebunden. Ohne ihre reale Anwesenheit sind diese Kenntnisse nicht willkürlich für ein Wesen ohne Sprache abrufbar. Zu Bausteinen im Reiche unseres Vorstellungsvermögens, zu einem geistigen Festhalten-Können also, bedarf es der Symbolwelt einer Sprache.

Sie erst gestattet uns in einer bloß vorgestellten Sphäre, den unaufhaltsamen Strom der Zeit imaginär in eine von uns erlebte Zeit zu verwandeln. Dieses menschliche Zeitbewusstsein erschließt sich eine erinnerte Realität namens Vergangenheit und noch geheimnisvoller, sozusagen als Erinnerung ‚nach vorne’, die konkrete Utopie einer Zukunft. Dieses uns wegen seiner Allgegenwart so scheinbar selbstverständliche Wunder des Zeiterlebens basiert auf der menschlichen Sprache. Ohne Sprache gibt es weder das, was wir unser Erleben nennen, noch eine Geschichte. Was Helen Keller aus dunklen Tagen autobiographisch berichtet, ist deshalb eine Selbstdeutung von einem später erst erworbenen Standpunkt aus. Von der Höhe dieser mit der Sprache errungenen geistigen Plattform ordnet sie nachträglich ein ursprünglich unverstandenes Geschehen. Es wird zu ihrer Geschichte, die nun ein Licht auch auf die Vergangenheit wirft.

Was in dieser schlichten Aussage steckt, wirft wiederum ein erhellendes Licht auf das, was sich in einer gelingenden Psychotherapie ereignet; natürlich unter vergleichsweise leichten Bedingungen. Freud fasste diesen Prozess prägnant in die Kurzformel „Vom Agieren zum Reflektieren“. Unsere Überlegungen zum Fall der Helen Keller sollen den Gehalt jener Aussage beleuchten.

Wer sich aus einer Abhängigkeit befreien will, und der Zwang zum Agieren ist eine solche, der benötigt dazu ein Organ der Orientierung, das ihm den Weg weist über die ihm vertraute Sphäre hinaus. Dieses Werkzeug, mit dem der Mensch seine Ziele im Auge behalten kann, scheint nun zuallererst in einer Fähigkeit zur Vorausschauzu liegen. Hierüber verfügte Helen nicht. Ihre Sichtbehinderung liegt nicht allein im fehlenden Augenlicht. Die bloß optische Fernsicht erreicht nie eine Zusammenschau, die den komplexen Bedingungen eines Menschenlebens gerecht werden könnte. Die Weitsicht und Umsicht, derer es dazu bedarf, ist zutiefst im Sprechen-Können verankert.

Wir kehren nun konkret zum oben schon beschriebenen Verhalten der Fünfjährigen zurück. Über die eigene Hemmungslosigkeit, mit der Helen das Schwesterchen ausschalten wollte, heißt es in der Autobiographie:

Solche Ausbrüche erfahren jene, die im Tal doppelter Einsamkeit wandeln, so dass sie wenig von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten und Handlungen und dem Zusammensein mit anderen emporsprießen. Später, als ich zum Bewusstsein meines Menschentums erwacht war, schlossen wir, Mildred und ich, uns aufs engste aneinander an. (25)

Die Autorin verweist uns hier auf den eigentümlichen Zusammenhang von Sprachlosigkeit und Wertblindheit. Hier zeigt sich uns ein psychotherapeutisch bedeutsames Problem: Wertgefühl und Sprechen-Können bedingen einander. Wer nicht teilhaben kann an der sprachlichen Kommunikation, dessen Austausch mit der Welt ist an seiner Wurzel behindert. Sprache legt als Mit-Teilung. Sprechend werden wir Teil einer Gemeinschaft. Diese Teilhabe beinhaltet von ihrem Wesen her, dass wir gemeinsam etwas als wertvoll oder auch als wertwidrig erleben. In einer Konvergenz auf das Wertvolle hin gründet die objektive Gemeinsamkeit, die uns  als Menschen verbindet.

Für diese Sphäre zwischenmenschlicher Werte fehlt Helen Keller das Wahrnehmungsorgan. Ihr Blindheit ist somit eine zweifache: Es fehlt ihr nicht allein an Augenlicht; gehörlos kann sie nicht vernehmen, was Sprechen und Hören uns ‚zwischen den Zeilen’ vermitteln. Helen Keller ist schwerhörig für den Erlebenshorizont von Sinn und Bedeutung, der unser Wertgefühl ins ‚rechte Licht rückt‘. Helen ist radikal ausgeschlossen aus einer Sphäre, an der wir mit so großer Selbstverständlichkeit teilhaben, da sie für uns beinahe unsichtbar ist bzw. wir kaum ein adäquates Verständnis von ihr besitzen. Erst im vorliegenden Extremfall, der beinahe totalen Abwesenheit dieser Sphäre für das taub-blinde Wesen, wird an den daraus erwachsenden Folgen unübersehbar, welche Rolle unserem Fühlen in unserer Welt zukommt.

Helen Keller kann nicht erfühlen, was ihre Rolle in der Welt ist; sie empfindet bloß dumpf, dass es um sie herum eine unbekannte Realität gibt, die ihr kaum zugänglich ist. Was Alfred Adler mit dem Begriff des „Gemeinschaftsgefühls“ bezeichnet, eine „Logik des zwischenmenschlichen Zusammenlebens“, konnte Helen in der ganz frühen Kindheit nur rudimentär erfahren. Als unstillbares Zärtlichkeitsbedürfnis bildet es den gemeinschaftsbezogen Unterstrom ihrer Person. Trotz aller Wutausbrüche, mit denen Helen Keller ihren Selbstwert untergräbt, bleibt er erhalten. Der noch nicht aufgegebene Wunsch nach Beziehung erscheint hier noch in der verstümmelten und verzerrten Sprache des Widerstands gegen die Resignation. Ihre Zerstörungswut ist das Symptom eines ziellosen Aktivismus, eines Kampfes an der falschen Front. Später erklärt sie diese Verzweiflung in der autobiographischen Rekonstruktion:

Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken Ausdruck zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, mit denen ich mich verständigte, wurden immer unzureichender, und jeder Fehlschlag hatte unweigerlich einen Zornausbruch zur Folge. Mir war, als hielten mich unsichtbare Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich kämpfte – nicht dass dieser Kampf etwas nützte, aber der Widerstandsgeist in mir war stärker als ich. (26)

Man hört in dieser Beschreibung noch das ursprünglich so lebensfrohe Kind nachklingen. Erhalten ist seine Vitalität, die nach außen drängen will wie ein aufgestautes Aktionspotenzial, dem der Zugang zur umgebenden Welt versperrt ist. Helen sieht nichts voraus, was für sie Gegenstand erfolgreichen Handelns zu werden verspricht, weil sie nur die wenigsten Dinge adäquat erfassen kann. Ihr Tastsinn macht sie zwar greifbar, doch nicht umfänglich begreifbar in ihrem Eigenwesen. Von Seiten der Sinne bedarf es dazu unserer Augen. Erst unser Blick erfasst die Dinge und macht sie zu unserem Gegenstand. Doch für diese sinnliche Kenntnis der Dinge gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Sollen aber die für die Menschengemeinschft lebenswichtigen Sachverhalte dauerhafter Besitz werden, dann reichen nicht unsere Sinne allein. Sie entfalten für uns erst ihre Dienste, indem wir über die Sprache verfügen. Die menschliche Sprache ist es, die uns den rechten Aufschluss darüber gibt, wie die Dinge mit Aussicht auf Erfolg angepackt werden können. Sie erst verschafft uns Zugang zur Sphäre der Bedeutungen, die sich dem entwickelten Menschen in jedem ‚Augenblick‘ auftut.

Die Zeichen richtig deuten

Es lassen sich nun die heilpädagogischen Schwierigkeiten überblicken, denen Helens Eltern in keiner Weise gewachsen waren. Mit noch so viel hingabevoller Zärtlichkeit war diesem von Affekt zu Affekt getriebenen Wesen nicht mehr zu helfen. Man bedauerte ‚das arme Kind’, ließ sich von ihm geduldig in Dienst stellen und kanalisierte die eigenen Affekte gegen die Tochter mit vermeintlich pädagogischer Einsicht. Unser Fallbeispiel verlangt deshalb den Umweg über die Besonderheit der gegebenen erzieherischen Problemstellung. Gerade weil es sich dabei um einen Extremfall handelt, erscheinen an ihm, wie zu didaktischen Zwecken vergrößert, ganz grundlegende Probleme der Erziehungsfrage.

Auch beim ‚Therapiefall Helen‘ trifft zu, was für den Beginn jeder Psychotherapie gilt: Der Leidensdruck muss erst für alle Beteiligten bedrohlich werden, man muss mit seinem (pädagogischen) Latein am Ende sein. Helens Tobsuchtsanfälle werden um das 7. Lebensjahr für die Familie unerträglich. Beinahe stündlich kommt es zu dramatischen Szenen, die erst mit der körperlichen Erschöpfung der Wütenden enden. Hoffnung keimt  auf, als man von einer Laura Bridgeman hört, die in ähnlicher Lage sprechen gelernt hatte. Vater und Tochter reisen im Sommer 1886 nach Boston zur „Perkins School for the Blind“. Zurück kehrt man mit der Verheißung, bald komme eine Lehrerin für Helen. An einem Märztag erscheint diese noch nicht Zwanzigjährige im Hause der Kellers.

Was sie erzieherisch in die Wege leitet, ist äußerst aufschlussreich für unsere heutige Zeit, in der eine pädagogische Neuerung von der nächsten abgelöst wird. Es zeigt sich an Helens Fall beispielsweise, dass die heute so vielbeschworene „Inklusion“ behinderter Menschen keine Angelegenheit ist, die sich mit ‚gutem‘ Willen und freundlichen Absichten erledigen ließe.

Ann Sullivan, Kind irischer Einwanderer, verbrachte ihre Jugend im Armenhaus einer Großstadt der Neuen Welt. Für sie begann die Schule des Lebens in der erzwungenen Gemeinschaft mit Behinderten und Prostituierten. Erst ein Augenleiden erlöste sie von dieser Gesellschaft. Man erlaubt ihr eine Blindenschule zu besuchen. Das auffällig kluge Mädchen erlangt ihre Sehfähigkeit zurück und darf in der Perkins School eine Ausbildung absolvieren. Ann Sullivan hat beide Schulen als ihren Weg ins Leben verstanden. Was sie für sich dabei gewonnen hat, will sie weitergeben. Beobachten wir nun, wie Helens künftige Lehrerin die Beziehung zu ihrer Schülerin aufbaut.

Solche therapeutischen Erstbegegnungen zeigen immer, was uns mit dem fremden Patienten bevorsteht: Helen macht sich ohne Präliminarien über Anns Reisetasche her und inspiziert ungehemmt deren Inhalt. Das hilflose Eingreifen der Mutter quittiert die Tochter mit Wutausbrüchen. Die Lehrerin sieht, dass es dieser Frau nicht gelungen ist, ihr Kind zur Kooperation zu gewinnen. Sie erkennt gleichzeitig dessen ungebrochene Vitalität, aber auch den Mangel an Vertrauen in die engsten Mitmenschen. Ann Sullivans Briefe an den eigenen Lehrer geben Auskunft über die differenzierte Beobachtungsfähigkeit dieser pädagogischen Anfängerin. Sie hat gelernt, die Oberfläche eines Phänomens so zu beschreiben, dass die darunter aufscheinende Tiefe sichtbar wird:

… keine Spur von Blässe oder Zartheit. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es ist intelligent, entbehrt aber der Mimik, der Seele, oder wie man es sonst ausdrücken will. (…) Etwas, was jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb. (…) Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind, dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten, unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht wissen, was sie sonst mit den Dingen anfangen sollen." (152f)

Vorweg: Man vergleiche diese Sätze mit den blutleeren Aussagen herkömmlicher „Spontanangaben“ in unseren „Berichten an den Gutachter“, die für die Bewilligung der „Kostenübernahme“ herhalten müssen. Sullivans Skizzen dagegen erfassen phänomenologisch präzise, was sich im äußeren Erscheinungsbild ihrer neuen Patientin zeigt: der Mangel an Sozialisation, der fehlende Zusammenklang von Innen und Außen; ein Wesen, das offenbar keine Einheit findet, das nie zur Ruhe kommt; in hohem Maße intelligent, doch gefesselt an den Augenblick, ohne die Mittel, aus dem Empfundenen auch Erkenntnis zu ziehen. Ihr fehlt jede adäquate Unterscheidung von Misserfolg und Erfolg.

Was Ann Sullivan einen rastlosen Geist nennt, dürfte richtiger als geistige Armut bezeichnet werden. Kurz gesagt, Helen leidet unter diesem Mangel wie unter einer drastischen Krankheit. Was ihr bei aller Intelligenz fehlt, ist die Fähigkeit, Verbindungslinien zwischen den Geschehnissen zu ziehen, die deren lebensweltliche Bedeutung erfassen.

So wächst ständig Helens Ungenügen, obwohl man ihr eine Umwelt voller Hilfsangebote bereitet. Und gerade dieser Versuch, ihr das Leben zu erleichtern, so erkennt es ihre Erzieherin, nimmt ihr Chancen der Teilhabe und der Selbstwertsteigerung. Sie kann mit den anderen den gedeckten Tisch nicht teilen. Hierin legt der Quell aller Unzufriedenheit. Dieses dauernde Ungenügen den Anforderungen der Situation gegenüber verlangt gebieterisch nach Kompensation. Macht über andere verschafft  der Schwachen eine Art von Siegen über die Mitmenschen, die ihr den schwierigen Weg zu ihnen vollends verbauen. Rückblickend wird Helen Keller über ihre ausweglose Situation sagen:

Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken Ausdruck zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, mit denen ich mich verständigte, wurden immer unzureichender, und jeder Fehlschlag hatte unweigerlich einen Zornausbruch zur Folge. Mir war, als hielten mich unsichtbare Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich kämpfte – nicht dass dieser Kampf etwas nützte, aber der Widerstandsgeist in mir war stärker als ich. (26)

Auch diese Umschreibung ist der notwendig inadäquate Versuch, ein damals sprachlos abgelaufenes Geschehen in Worte zu fassen. Ihrer drängenden Vitalität fehlte die  Führung durch ein koordinierendes Ich. Denn das, was wir unser Ich nennen, beinhaltet die Fähigkeit, die eigenen Antriebe in den Dienst einer Motivation bzw. einer Aufgabe zu stellen. Das gelingt Helen bei all jenen Verrichtungen, zu denen ihre taktilen und sensorischen Fähigkeiten genügen. Sobald sie aber an die Grenzen des ihr sinnlich Gegebenen stößt, verliert Helen den Gegenstand ihres Tuns und damit die Verbindung mit einem richtung-gebenden Ziel; denn ihre Sinne allein können Unsichtbares nicht ‚im Auge behalten‘.

Diese Beschreibungen muten umständlich an. Durch diese Umständlichkeit sind wir auf ein erkenntnistheoretisches Problem gestoßen: In welcher Weise sind uns die unsichtbaren Sachverhalte von Sinn, Wert und Bedeutung präsent, die für die Bewältigung und die Glücksmomente eines Menschenlebens von höchstem Belang sind; denn im wörtlichen Sinne haben wir sie ‚vor Augen‘.

Es geht hier offenbar um Sachverhalte der Orientierung, die nicht einfach aus den Modalitäten erwachsen, nach denen sich ein Tier in seiner Umwelt bewegt. Auch ein Tier vermag sich selber die Bewegungsrichtung zu geben, solange es sein Biotop nicht verlässt. An seine spezifische Umwelt ist jede Spezies vollendet angepasst. Jede Störung in dieser Wechseldetermination, jede nicht in sein Biotop gehörige Umweltveränderung, macht das Tier überlebensunfähig, denn seine Bewegung folgt reaktiv seinem Instinkt. Bei Helen jedoch bewirkt alles Fremde eine ungeordnete motorische Hyperaktivität. Diese als aggressive Feindseligkeit zu bezeichnen, wäre verfehlt. Feindselig ist sie ebensowenig wie ein Tier es sein kann. Diese Haltung gibt es nur in zwischenmenschlicher Hinsicht, eine für Helen Keller damals unzugängliche Sphäre.

Welche Modalitäten zur menschlichen Weise der Orientierung sind uns gegeben? Der Begriff weist darauf, dass Sich-Orientieren bedeutet, nach einem Etwas Ausschau zu halten. Wir blicken gewissermaßen nach der Sonne hin, die für uns Europäer bekanntlich im Osten, im Orient aufgeht. Diese Licht-Metaphorik begegnet uns allenthalben, wenn von der Vernunft, dem ‚natürlichen Licht des Geistes‘, die Rede ist. In der jüdischen Schöpfungsgeschichte schwebt der Jehova zuerst „über den Wassern“, deren Anblick „wüst und leer“ ist. Gott überblickte gewissermaßen das Nichts. Und in dieses Nichts bringt sein allmächtiges Bewusstsein die Helligkeit. Das „Es werde Licht“ dieses Schöpfergottes macht dem Dunkel ein Ende. Sehr menschlich geht es dem Herrn der Schöpfung nach gelungenem Werke wie auch unsereinem: Er blickte bekanntlich darauf mit „Wohlgefallen“.

Dieser schöne Mythos erzählt von der Rolle des Menschengeistes im Leben. Geist ist Organ der Orientierung. Wo er fehlt wie bei Helen Keller, bedeutet das ein eigentümlich schreckliches Schicksal, denn der Rückfall ins Tierreich ist uns versperrt. Die Geistigkeit von uns Menschen nimmt ihren Anfang, darauf deutet die Licht-Metaphorik hin, im Seh-Sinn, in seinem Blick. Etwas zu erblicken hat im Ansatz schon eine beinahe geistige Bewandtnis. Bevor der liebe Gott sein „Es werde!“ sprach, da hatte ja schon sein kritischer Blick auf die irdischen Verhältnisse ihm deren Mangelhaftigkeit offenbart. Wenn wir der Bibel hier folgen, dann brachte das göttliche Wort nicht allein Licht, sondern zugleich das Gute und das Schöne in die Welt. Auf Umwegen trat dann später noch das Böse und Hässliche dazu. Eine Art Betriebsunfall, der dann einem armen Teufel in die Schuhe geschoben wurde.

Wir kehren zu unserem ‚Fallbeispiel‘ zurück. Ganz offenbar umfasst das Ich, von dem die Tiefenpsychologie spricht, immer auch geistige Sachverhalte, ohne dass diese aber explizit in ihrer Eigenart thematisiert werden. Man betrachtet ein Ich gewöhnlich als ein psychophysisches Etwas, das insbesondere der mütterlichen Zuwendung bedarf. Alles, was an ihm später einmal als ‚gestört‘ diagnostiziert werden soll, führt man in der Regel auf eine mangelhafte Versorgung mit Mutterliebe zurück. Das dürfte nun kaum falsch sein, doch gerade Helen Kellers Problematik lässt sich nicht gut als Liebesmangel-Syndrom erklären. Uns zeigten sich hier andersartige Befunde: Erkrankt ist dieses wohl-ernährte und von Zärtlichkeitsbezeugungen umgebene Kind nicht an irgendeinem Fürsorgedefizit. Es leidet an ganz anderen Entbehrungen: Helen kann nicht adäquat ‚antworten’ auf die Welt um sie herum. Sie vernimmt nicht deren geistige Botschaften. Jeder Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis ihrer Innerlichkeit, schließt sie fester in die Mauern wütender Affekte ein. Das aber macht die Überwindung jener Defizite zu einer Angelegenheit, für die Freundlichkeit nicht hinreicht. Denn wie sollte Helens Erzieherin dem tauben und blinden Kind etwas beibringen, zu dem es dessen erst bedarf, was man ihr beibringen will; der Sprache selbst. Einem Kind, das offenbar größte Konzentrationsprobleme hat, das zwanghaft darüber bestimmen will, womit es sich gerade beschäftigt. Eine beinahe unmögliche Situation!

Die Grenzen der ‚antiautoritären‘ Erziehung

Diese in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts so hochgeschätzte pädagogische ‚Entdeckung’ des Antiautoritären ist schon vom Begriff her verdächtig: Gegen etwas zu sein ist ein Recht pubertierender Jugendlicher, eine Abkürzung auf dem steinigen Weg zur eigenen Identität. Anders sein zu wollen als die Eltern, führt in der Regel zur bleibenden Abhängigkeit, die lebenslang gespeist wird vom Verdrängen der bestehenden ‚Seelenverwandtschaft‘. Wir Menschen können eben immer nur etwas realisieren. Nicht-autoritär sein wollen ist nur das vermeintliche Ziel der Orientierungslosen, die sich nicht auf eine kooperative Mitarbeit am Bau der Gemeinschaft festlegen lassen wollen. Miss Sullivan dagegen steht nicht unter dem selbst auferlegten Zwang, keinen Zwang auf den Zögling ausüben zu dürfen, sei es aus vermeintlichem Mitgefühl oder aus ideologischen Vorbehalten. Sie erkennt die Umrisse ihrer Aufgabe und damit die Hürden vor dem ersehnten Ziel. Und sie spürt die Angst, die unabdingbar mit jedem Risiko verbunden ist. Denn wer sich auf ein anspruchsvolles Ziel festlegt, nimmt ein Misslingen in Kauf. Diese Aufgabe, die Helens Erzieherin vollbringen will, lässt eher ein Scheitern als eine gute Lösung erwarten.

Was gerade gesagt wurde, trifft vom Prinzip her auf viele psychotherapeutische Vorhaben zu. Sie sind vom Wesen her erzieherische Projekte, in denen immer wieder auch Person gegen Person steht. Die Standfestigkeit der Therapeuten spielt hierbei eine eigentümlich bedeutsame Rolle, die in den Kategorien ‚methodenbewusster Professionalität’ überhaupt nicht erfasst wird. Wenn wir jetzt Miss Sullivans Vorgehen auf ihre ‚Methode‘ hin betrachten, so soll das immer auch unter dem Gesichtspunkt geschehen, was hier für den Tiefenpsychologen zu lernen ist.

Der Auftakt zu Sullivans Erziehungsvorhaben verstößt noch nicht gegen heute gültige Regeln. Sie holt ihre Patientin dort ab, wo ihre Ressourcen ihr die Kooperation gestatten. Als Spielkameradin, mit der man sich in der Natur herumtreiben kann, nimmt Helen ihre neue Begleiterin gern an. Beim Herumtreiben begegnet sie den eigenen Defiziten am wenigsten. Hart wird es für das Kind in der Konfrontation mit allem, was kulturell überformt ist. Deshalb schlagen Miss Sullivans Versuche, sie irgendwie direkt der Blindensprache näherzubringen, immer wieder fehl. Auch das heute noch gültige Geheimrezept, lernen müsse spielerisch geübt werden, geht ins Leere. So ‚buchstabiert’ sie immer wieder beim Spiel mit der Puppe die Blindenschrift-Zeichen für „d - o - l - l“ (Puppe) in die Handfläche. Für einen kurzen Moment stimuliert der unbekannte Reiz Helens Neugier, so dass sie die Zeichenfolge richtig wiederholt. Als sie aber dann ihre Puppe holen soll, um so durch ein Zusammentreffen von Gegenstand und Begriff auf die Beziehung von Wort und dem damit Bezeichneten zu verweisen, verweigert die Gehörlose die Kooperation - oder in traditionelleren Worten - den Gehorsam. Wie lernt man nun Gehorsam ohne ein Hören-Können? Hier hilft selbst das pädagogisch letzte Mittel nicht. Weder lässt sich Helen durch den von ihr so heißgeliebten Kuchen verführen noch durch dessen umgehenden Entzug. Wer keine Verantwortung trägt, sitzt am längeren Hebel.

Als gute Pädagogin steigt Ann Sullivan aus dem Kampf um die Macht vorerst aus. Eine weitere Episode schärft ihr Problembewusstsein. Beim gemeinsamen Familien-Frühstück erlebt sie, wie Helen, frei von allen Konventionen sich auf den Tellern der Anwesenden ausleben darf. Offenbar haben diese Eltern in ihrer Not das Kind verwöhnt. Sie konnten nicht erkennen, dass das Beherrschen dieser scheinbar belanglosen ‚Sekundärtugenden‘ für Helen eine Quelle von Selbstwertsteigerung hätte sein können. Nachdem die Eltern peinlich berührt den Raum verlassen haben, lässt sich Ann Sullivan auf einen ersten Machtkampf mit dem Kind ein. Der findet im Esszimmer statt, dauert eine Stunde und endet damit, dass Helen ihr Frühstück nicht mit den Fingern, sondern mit dem Löffel isst; und eine weitere vergeht, bis sie auch noch ihre Serviette zusammenfaltet. Ein schwer erkämpfter Sieg der Erzieherin, der unter aufgeklärteren Pädagogen wohl mit Kopfschütteln aufgenommen worden wäre. Wohlweislich hatte Ann Sullivan für die Abwesenheit vergleichbar mitfühlender Eltern gesorgt.

Im Brief an den eigenen Mentor lesen wir als Selbstreflexion der Erzieherin:

Ich habe viel darüber nachgedacht, und je mehr ich mir die Sache überlegte, desto fester bin ich davon überzeugt, dass Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen meiner kleinen Schülerin durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich gebraucht hätte, wenn sie hätte sehen und hören können. Aber bald fand ich, dass mir kein Weg zu ihrem Herzen offenstand. Sie nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, ihre Zuneigung zu gewinnen. (159)

Ich nehme an, diese Sätze werden nicht jedermanns sofortige Zustimmung finden. Gehorsam zählt nicht zu den Lieblingsvokabeln neuerer Pädagogik. Doch verweist schon die Wortbedeutung darauf, dass Gehorsam ein unverzichtbarer Bestandteil aller Lernprozesse ist. Von einem Hören-Können ist hierbei die Rede, also von gerade dem Vermögen, über das Helen weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne verfügt. Sie kann nicht vernehmen, was die Stunde geschlagen hat. Diese Helen hat keinerlei Möglichkeit, gewaltfrei jene (pädagogische) Beziehung aufzunehmen, derer es zum Verstehen-Lernen bedürfte. Das  Mitleid der Eltern räumte dem Kind angesichts seiner Notlage die Machtfülle eines Tyrannen ein. Der Erzieherin bleibt kein Ausweg; sie musste den Kampf aufnehmen und sie musste den Kampf gewinnen, wollte sie an ihrer Aufgabe nicht scheitern.

Ann Sullivan bereitet vorausschauend die kommende noch schwierigere Auseinandersetzung vor. Sie konstelliert zielgerichtet die situativen Voraussetzungen so, dass Helens Eltern sich nicht in den anstehenden Konflikt einmischen können. Sie überzeugt beide von der Notwendigkeit, über mehrere Wochen hinweg ungestört mit Helen im Gartenhaus leben zu dürfen. Damit soll dem Kind die Möglichkeit genommen werden, die Eltern gegen ihre Erzieherin auszuspielen.

Was in den nächsten Tagen geschieht, grenzt an ein Wunder: Helen verwandelt sich in ein ‚artiges‘ Kind. Am ersten Abend hatte das Zu-Bett-Gehen noch ein zweistündiges Ringen erfordert. Diesen mühsamen Etappensieg parierte Helen am nächsten Morgen mit demonstrativer Distanz. Dann zeigt sie sich unerwartet bereit, sich die Technik des Häkelns beibringen zu lassen. Innerhalb einer Woche beherrscht sie diese Fertigkeit perfekt. Nach 10 Tagen wird der Vater zu Besuch im Gartenhaus zugelassen. Beim Anblick einer Helen, die selbstvergessen eifrig ein Muster stickt, entfährt ihm der Ausruf: "Wie ruhig sie ist!"

Wir können das Glücksgefühl der Erzieherin nachempfinden, von dem sie dem eigenen Lehrer berichtet:

Mein Herz jauchzt vor Freude (…) Das Licht des Verständnisses ist im Geist meiner Schülerin aufgegangen, und siehe da, alles hat sich verändert. (…) Als sie die Spitze so lang gemacht hatte, dass sie über das Zimmer hinwegreichte, klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer Hände zärtlich an die Wange. (…) Der große Schritt – der Schritt, auf den es ankommt – ist getan. Die kleine Wilde hat ihre erste Lektion gelernt und findet Freude daran. Es bleibt mir nun die dankbare Aufgabe, die Intelligenz, die sich in der Kinderseele zu regen beginnt, zu leiten und zu bilden. (160)

Helen lernt nun zunächst spielerisch immer neue Wörter, die ihr die Erzieherin in die Hand buchstabiert. Wie intensiv dieses Lernerlebnis ist, zeigt sich in einer kleinen Episode. Der Vater und Ann Sullivan wundern sich darüber, warum sich Helen immer wieder mit den Pfoten ihres Hundes beschäftigt. Des Rätsels Lösung: Sie versucht dem Tier per Fingeralphabet das Wort für Puppe, also „d-o-l-l“ beizubringen.

Die Wunderkraft der symbolischen Sprachwelt - Die Dialektik von Abstand und Nähe zu den Dingen

Als sehender und zum Hören befähigter Mensch fragt man sich, wie eigentlich konnte Helen Keller den Zusammenhang von Wort und bezeichnetem Objekt je auffassen? Es grenzte doch beinahe an ein Wunder, dass sie spielerisch begriff: Jedes Ding hat einen Namen.  Diesen Zusammenhang verriet ihr keine unmittelbare Gegebenheit in ihrer Welt. Gerade Helens verbliebenen Sinnen konnte er sich nicht zeigen. Erst im mysteriösen Akt der Erkenntnis selbst vollzieht sich die eigentliche Geburt unseres Geistes; und der wiederum lebt im Gebrauch der Sprache. Helen muss jetzt noch begreifen, dass nicht jedes einzelne Ding einen besonderen Namen hat. Was unseren Geist so ungemein flexibel macht, ist ja die in den Begriffen kondensierte Vielfalt individueller Einzelsachverhalte. Erst in dieser begrifflichen Fassung lassen sich die Objekte gruppieren und damit erst in eine unserem Geiste so greifbare Ordnung bringen, die zugleich in der Welt chaotischer Sinnes-Empfindungen Ordnung stiftet. Noch verwechselt Helen immer wieder die Begriffe für Wasser und Becher, denn sie weiß noch nichts über die geistigen Ordnungsprinzipien.

Wieder einmal bringt sie „water“ und „mug“ durcheinander, wieder reagiert sie auf die Korrektur der Lehrerin nach altem Muster, wird wütend und zerschlägt ihre Puppe, die Ann ihr zum Geschenk gemacht hatte. Wir spüren, dass das Zerschlagen der Puppe einen Akt der Vernichtung von etwas Wertvollem beinhaltet. Helen zerstört damit zugleich eine kostbare Beziehung. Dass sie hierauf keinerlei Gewissensqualen erleidet, ahnen wir. In der Ich-Form der Autobiographie formuliert, war es eine lebhafte Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe zu meinen Füßen liegen fühlte.

Ann Sullivan steigt nicht auf das Kampfangebot ein. Sie versteht diesen destruktiven Affekt und weiß, dass sie den erst abklingen lassen muss. Sie sammelt, um Zeit zu gewinnen, die zerstreuten Bruchstücke der Puppe ein und entfernt sich mit Helen räumlich, denn vom Ort des Kampfgeschehens geht die Gefahr der Wiederholung aus. Auf unbelasteterem Terrain, im Garten an der Pumpe beginnt sie einen neuen Lehrversuch. Sie hält Helens Hand unter den Wasserstrahl und buchstabiert ihr gleichzeitig mehrfach „water“ in die Hand. Dieses Zusammentreffen von sinnlicher Empfindung und sprachlichem Symbol erweckt die bei Helen verschütteten Ansätze zur Erkenntnis. In ihrer Autobiographie heißt es dazu:

Mit einem Mal durchzuckte mich eine nebelhafte Erinnerung, ein Blitz des zurückkehrenden Denkens – und das Geheimnis der Sprache lag plötzlich offen vor mir. Ich wußte jetzt, dass „water“ jenes wundervolle, kühle Etwas bedeutete, das über meine Hand strömte. Dieses lebendige Wort erweckte meine Seele zum Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, Freude, befreite sie von ihren Fesseln. (…) Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding hatte eine Bezeichnung und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken. Als wir ins Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand von verhaltenem Leben zu zittern. Das kam daher, dass ich alles mit den seltsamen, neuen Augen, die ich erhalten hatte, betrachtete. (32/33)

Erlebnisse, wie das hier beschriebene, werden zuweilen metaphorisch als Erleuchtung bezeichnet. Das umschreibt durchaus das Plötzliche dieser radikal veränderten Wahrnehmung. Gerade in Bezug auf die blinde Helen Keller ist es doch geradezu paradox, dass sie die Welt und sich selbst als in ein neues Licht getaucht erlebt. Nun legt zwar schon unser Sprachgebrauch diese Verbindung von Erkennen und Beleuchten nahe, doch scheint Helen Keller ja auch in einer irgendwie sinnen-bezogenen Weise ‚ein Licht aufgegangen‘ zu sein. Zu dessen Erklärung können wir weder eine Wiederbelebung von abgestorbenen Sehnerven anführen noch das Postulat einer Verkettung empirischer ‚Eindrücke‘, die sich gewissermaßen zu einer Erkenntnis verdichtet hätten. Solche Erklärungen sind nachträglich der Sache aufgepfropft und wirken nur so lange plausibel, wie man die sogenannte Erklärung ernster nimmt als das, was uns der Augenschein sagt. Der nämlich verweist auf das genaue Gegenteil einer Kausalkette von empirischen Eindrücken, aus denen dann Helen ihre Schlussfolgerung gezogen hätte. In ihrem Falle hat sich die Erlebnisweise selbst gewandelt im Modus einer plötzlich ihre ganze Person verwandelnden Einsicht. Diese geistige Selbstermächtigung lässt als Ergebnis alles Vorangegangene in neuem Lichte erscheinen. In der Sprache der Erkenntnistheorie heißen solche nicht aus der sinnlichen Erfahrung gezogenen Erkenntnisse apriorische. Sie leuchten demjenigen unmittelbar ein, der sich von ihnen erfassen lässt. Solche Einsichten sind keine Konsequenz, die man aus etwas Vorangegangenem folgert; sondern sie schaffen selbst neue Erkenntnis-Voraussetzungen, bei dem, der sie gewonnen hat.

Dieser im eigentlichen Sinne metaphysische Sachverhalt zeigt sich in der Verwandlung, die sich im Dasein Helen Kellers vollzieht. Sein Geheimnis liegt offenbar in einer existenziellen Funktion der Sprache verborgen. Worin nun zeigt sich deren wundersame Leistung? Sie ändert nicht nur Helens ‚Blick’ auf die Dinge; auch sie selbst wird hierdurch sichtbar verändert. Ihre Erkenntnis trifft sie ‚wie ein Schlag‘, lässt sie zuerst wie angewurzelt stehen. Noch am gleichen Tag lernt Helen 30 neue Wörter. Und am folgenden Morgen kommt sie strahlend zum Frühstück mit den Eltern, fragt nach dem Namen aller Gegenstände. Dieses bei ihr so verspätetet einsetzende Fragealter kennt jeder, der selbst Kinder hat. Er erinnert sich auch, welche Entwicklungsbeschleunigung damit einsetzte. Die emotionale Veränderung Helens geht so weit, dass sich die frühere Aggressionsbereitschaft in Dankbarkeitsbezeugungen zu verwandeln scheint: Zum ersten Male küsste die vormals so Kämpferische ihre Erzieherin. Hier mögen abgebrühte Freudianer, um sich von der eigenen Berührtheit durch die kleine Episode zu schützen, über Triebverschiebungen spekulieren. Doch einsichtiger wird durch solche Erklärungszwänge nichts vom Wesen dieser Wandlung und auch nichts von der persönlichen Leistung ihrer jungen Therapeutin.

Wir lassen uns weiter von dem leiten, was in der sichtbaren Oberfläche der Geschehnisse zum ‚Vorschein’ kommt. Die Erkenntnis der Sprache löst in Helen offenbar mehr als nur intellektuelle Lernprozesse aus. Ihre unersättliche neue Lernbegier erinnert uns an Freuds Diktum von der „strahlenden Intelligenz des Kindes im Vorschulalter“. Wir können nachvollziehen: Für ein blindes Menschenkind wirkt die Sprache wie ein Lichtkegel, der Helligkeit ins Dunkel bringt. Was vorher wie zufällig sich den Sinnen präsentierte, wird jetzt mit dem aufkeimenden geistigen Vermögen festhaltbar. Ein geistiger Weltinnenraum konstelliert sich. Ein Erleben, in dem Neues seinen Platz finden kann. Helen Kellers Umwelt wird erst so zu einer ihr vertrauten Welt.

Bevor wir von dieser eher intellektuellen Dimension der Sprache im Seelischen zu der moralischen übergehen, noch ein Nachtrag zu den grundlegendsten Bedingungen von dem, was bisher als das „geistige Bewusstsein“ beschrieben wurde. Die eigentümliche Beschaffenheit des menschlichen Seelenlebens gegenüber dem entsprechenden der Tiere wurzelt in unserer Symbolsprache. Erst mit ihrer Hilfe kann sich unser Bewusstsein aus dem Strom herauslösen, indem es in seiner selbstgeschaffenen Phantasiesphäre mit der Zeit schalten und walten kann, ohne an die von der Natur gesetzten Grenzen zu stoßen. Die Entdeckung dessen, was in der Phänomenologie als die Zeitstruktur des menschlichen Seins bezeichnet wird, hat die Verfügung über die Sprache zur Grundlage. Das, was unser Sich-erinnern-Können gestattet, ist das Heraustreten aus dem Strom der unabhängig von uns fließenden Zeit, indem unsere Vorstellung sie ‚zerlegt’ in eine Vergangenheit, das Jetzt und das noch Kommende, die Zukunft.

Diese eigentümliche Macht über die Zeit gewinnt Helen Keller erst, indem sie Zugang zur Symbolisierungsfähigkeit erlangt. Sie verwandelt die zuvor nur unstrukturierte Bilderwelt unserer Sinne, die gleich Traumbildern unser inneres Leben ausfüllen, in ein geordnetes und erinnerbares Ganzes. Diesen für uns so selbstverständlichen Vorgang konnte Helen Keller nur in ersten Anfängen bis zum 18. Lebensmonat absolvieren. Ein Zeiterleben im historischen Sinne kannte sie noch nicht. Der Verlust des Gesichtssinnes trennte sie jetzt von dem Erkenntnishilfsmittel, mit dem wir die sichtbare Welt auf ihre Begreifbarkeit mit den Tastorganen explorieren. Eine solche Existenz verläuft in der von außen bestimmten  Wiederkehr gleichartiger Berührungsempfindungen, die nur begrenztes Umgehen mit den Dingen gestatten. Darin bestand ja das Wesen ihrer ‚Entwicklungsstörung‘, dass sich ihr die Dinge nicht in der Bedeutung zu erkennen gaben, wie sie sich in der Welt dem Menschen zeigen. Dieses Nicht-vorausschauen-Können in sinnlicher und auch in geistiger Hinsicht, das damit verbundene Nicht-erfassen-Können von Sinn und Wert degradierte ihr Leben zu einem zufälligen Ablauf eines vorgegebenen Programmes, dessen wirksamstes Einflussmittel in der zwischenmenschlichen Sphäre unsere Affektivität abgibt. Damit ist wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet das Wesen neurotischen Verhaltens beschrieben: Ein ewiges Wiederholen-Müssen wie angetrieben von schicksalhaften Kräften, wo eigentlich ein situationsangemessenes Handeln erwartet werden sollte. Eine rastlose Betriebsamkeit, der die Mittel fehlen, dem Tun eine selbstbestimmte Orientierung zu geben.

Sich in der Kultur angemessen zu orientieren, in der Menschenwelt seine Heimat zu finden, dazu bedarf es mehr als nur des Wissens um die Beschaffenheit der Lebenswelt. Auch das weitergehende Verstehen von Sinn und Bedeutung dessen, was uns dort begegnet, sagt uns noch wenig darüber, wie wir uns entscheiden sollen zwischen der Vielfalt der Angebote, die diese Welt bereithält. Die im tiefsten Sinne menschliche Art der Orientierung, die ethische Dimension im Lebensalltag ist nicht einfach eine Angelegenheit des Intellekts, wohl aber eine zentrale Funktion des geistigen Seins eines Menschen. Auch über deren Beschaffenheit verrät der Fall Helen Kellers uns einiges.

Erst kommt die Sprache, dann kommt die Moral - Zum Problem „Gemeinschaftsgefühl“

Bertolt Brechts Diktum, die Herrschenden mögen sich doch vordringlich um’s „Fressen“ sorgen, also die Befriedigung unserer materiellen Grundbedürfnisse, sieht die ethische Thematik bei uns Menschen ähnlich skeptisch wie auch Sigmund Freud. In der kapitalistischen Klassengesellschaft ist Moral bloß ideologisches Mittel der Herrschaft. An Helens Fall zeigte sich, dass eine materielle Versorgung weit oberhalb des heute  geforderten „bedingungslosen Grundeinkommens“ weder zur ‚Hebung der Moral’ noch zu irgendeiner Zufriedenheit beitragen muss. Wie sich dieses Moralische in seiner Beziehung zur Sprache verstehen lässt, soll nun untersucht werden.

Bei Helen konnten wir bisher verfolgen, wie die menschliche Sprache im wörtlichen Sinne ‚welterschließend’ wirkt. Sie ordnet unsere Empfindungen, macht daraus erst Wahrnehmungen, indem sie dem vorher bloß dumpf Empfundenen überschaubare Konturen gibt. Sie legt über die Dinge ein Netz von Bedeutung und damit bringt sie die Ordnung erst hervor, die uns die Welt als die unsere erscheinen lässt. Das ist gewissermaßen die intellektuelle Funktion unseres Sprachvermögens.

Insofern leben wir in zwei, wenn auch untrennbaren, Welten: als biologische Wesen sind wir Teil der Welt der realen Dinge. Wir sind als Teil der Natur den Naturgesetzen unterworfen, in der die Härte von Ursache und Wirkung in und um uns waltet. Zugleich leben wir in einer geistigen Welt der Symbole. Unsere Sprache dient uns darin wie eine Landkarte, der wir die Koordinaten der Orientierung entnehmen. Von der Qualität dieser Karte hängt alles ab. Ob wir uns und die anderen verstehen, ob wir uns lernend weiterentwickeln oder aber stagnieren, bestimmt diese geistige Landkarte mit. Unzulängliche Landkarten weisen uns in immergleicheSackgassen.

Helen Kellers Entwicklung zeigt uns zudem, wozu die Sprache dienen soll: Sie ist die Brücke über den Abgrund zwischen uns und den anderen. Wo wir sie schlagen können, bereitet dies Verbundenheitserlebnisse, d.h. Glücksgefühle, die zu immer neuen Brückenschlägen ermutigen. Alfred Adler fasst das im Begriff des „Gemeinschaftsgefühls“ zusammen. Wenn Sprache in diesem Sinne wirkt, dann befördert sie zugleich ein Lernbedürfnis. Hier nun tritt eine weitere Dimension des Geistigen hervor: Helens Liebe zur Welt wächst mit der Sprache. Es ist nicht die Sprache selbst, die dies leistet, sondern das Sprechen-Können eröffnet erst einen Zugang zu einer neuen Welt der Gefühle, die sich der Blinden nicht zeigen konnte. Unser Augenlicht aber ist es offenbar nicht, was uns die Welt als werterfüllt erscheinen lässt.

Diesen eigentümlichen Zusammenhang zwischen Gefühl und Wertsichtigkeit beschrieb Max Scheler, ein Phänomenologe, der um 1900 das Wesen der Gefühle erforscht hat[5]. Neben dem sprachlich intellektuellen Geschehen beinhaltet Geistigkeit zugleich ein emotionales. Der aus dem Tierreich gelöste Mensch müsse die hierdurch entstandene Kluft zwischen uns und der Welt in sogenannten emotional transzendenten Akten überspringen. Solche Sprünge wagt nur derjenige, der von etwas außerhalb von sich angezogen wird.  Was ihn anzieht nennt Scheler einen Wert. Dass etwas wertvoll oder aber wertlos ist, das zeigt uns die spontane Regung eines Gefühls, das uns erfasst. Fühlen in Schelers Sinne hat etwas vom Erkennen eines Wertes. Danach erscheint dem wertvernehmenden Menschen jede Situation gewissermaßen im Lichte von Wertvollem, das es zu verwirklichen gilt oder von Wertwidrigem, dem wir etwas besseres  entgegensetzen sollten.

Damit sind wir bei der Gefühls-Seite unseres Verhältnisses zu den anderen; und zugleich impliziert jedes Fühlen eine Verbindung zu uns selbst, die wir deshalb als Selbstwertgefühl bezeichnen. So wenig wie Gefühle eine bloß subjektive Empfindung sind, so wenig ist der Umfang unseres Selbstwertgefühls ins eigene Ermessen gestellt. Nur wer Wertvolles in seinem Leben verwirklicht, fühlt sich den Mitmenschen verbunden, fühlt sich lebendig und wertvoll. Wir erkennen dieses erwachende Selbstwertgefühl bei Helen Keller in der Art und Weise, von der es hieß, dass sie mit den seltsamen, neuen Augen die sie umgebende Welt vor Leben zittern sah.

Helen baute mit der Sprache als Brücke den Zugang zu Regionen, die ihr zuvor, verkapselt im Gefängnis der eigenen Innerlichkeit, unzugänglich waren. Indem sie in die äußere Welt per Sprache transzendierte (wörtl. durchschreiten), erschloss sich ihr als paralleler Vorgang eine Innenwelt. Deren Ordnung korrespondiert mit der der Welt außen. Dieses innere Erleben gründet einer von der Sprache getragenen Sphäre der Symbole. Das ist eine Welt als meine Vorstellung, ein „geistiger Weltinnenraum“, über den die äußere Realität nur bedingt Macht hat. In dieser Sphäre der Phantasie erlebt sich unser Bewusstsein unabhängig von den Zwängen des Draußen. Doch die Macht in der Phantasie schalten und walten zu können, ist nicht ohne Gefahren. Dieses Reich der Freiheit verlockt uns dazu, auch gänzlich Irreales als real zu behandeln. Wer sich von den anderen zurückzieht kann die Kontrolle über Traum und Wirklichkeit verlieren. Seine Beziehung zu den Mitmenschen  wird derart locker, dass er sich in Wahnwelten verliert. Unser Halt in der zwischenmenschlichen Wirklichkeit hängt also davon ab, wie adäquat unser Umgang mit der Sprache der zwischenmenschlichen Welt gegenüber ist.

Die hier über die Sprache nur angedeuteten Sachverhalte wurden insbesondere seit der Aufklärungszeit philosophisch und wissenschaftlich ergründet. Johann Gottfried Herder, ein Zeitgenosse Goethes, war einer ihrer Schrittmacher; zu Beginn des 20. Jahrhunderts mündete dieser Strom in eine „Theorie der Symbolischen Formen“ (Ernst Cassirer)[6]. Die menschliche Kultur wird darin als ein Projekt verstanden, mit dem das zoon politicon (gemeinschaftsbildendes Wesen) eine Welt nach Menschenmaß zu formen versucht. Ein risikoreicher Versuch, bei dem glückliche Momente und häufiges Verfehlen sich abwechseln. Auf Cassirers Spuren bewegen sich unsere Überlegungen zum Falle der Helen Keller. Zur weiteren Veranschaulichung betrachten wir noch einmal, wie Helen ihren Weg in die Menschengemeinschaft fortsetzt, nachdem er zuvor von ihrer Erzieherin angebahnt worden war. Wir kehren an den Ort und damit die Situation zurück, in der Helen die Bedeutung der Sprache erkannt hat.

Wenige Minuten nach dem Erlebnis am Brunnen entdeckt das Mädchen die Bruchstücke der von ihr kurz zuvor zerschlagenen Puppe. Was sich in diesem Moment in ihrem Gemüt ereignet, ist ungemein berührend. Zugleich vollzieht sich hierbei etwas, das schlaglichtartig das metaphysische Problem menschlichen Erkennens beleuchtet. Helen vernimmt zum ersten Male eine ihr bisher völlig unbekannte Stimme, den Ruf ihres Gewissens. Für uns sichtbar wird dieser Sinneswandel (grch. metanoia) an seiner überwältigenden Wirkung. Überwältigt nämlich fühlt sich Helen von einer völlig unvermittelten Einsicht: Sie erkennt sich selbst als die Urheberin einer Handlung, mit der sie die Brücke zum anderen eingerissen hatte. Diese bestürzende Erkenntnis induziert ohne jede Zwischenschaltung einer Reflexion das schmerzhafte Gefühl von Reue. Die Echtheit dieses Gefühls als „tätige Reue“ zeigen Helens verzweifelten Versuch, ihre Schuld wieder gutzumachen. Vergebens bemüht sie sich die zerbrochenen Teile zusammenzufügen. Sie selber berichtet später: Da füllten sich meine Augen mit Tränen; ich verstand, was ich getan hatte, und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz. (33)

Alle Versuche, ein solches moralisches Urerlebnis auf ein angeblich von irgendwelchen Eltern uns aufgenötigtes Überich - so heißt die entsprechende psychoanalytische Instanz der Gewissens-Verortung - aus einer vorausgegangenen Konditionierung seitens der Erwachsenen erklären zu wollen, nehmen die eigentümliche Unmittelbarkeit dieses Erlebens nicht ernst. Es fällt doch ins Auge, dass Helen bei völliger Abwesenheit anderer ihre moralische Zurechnungsfähigkeit entdeckt. Es war, als ob eine Decke erst weggerissen werden musste, die verhinderte, die Welt umher unter Wertaspekt wahrnehmen zu können. Zuvor hatte Helen noch nicht dieses neue geistige Augenlicht. Auch vorher schon selegierte ein vor-geistiges Bewusstsein; jedoch nur nach den Kriterien, die Helens eingeschränkte  Sinne und die eigene Affektivität ihr diktierten. Diese Selektion erfolgte nach Kriterien der Beherrschbarkeit. Was die Dinge objektiv bedeuteten, ihr Eigenwert also in der Kultur, konnte sie nicht interessieren. Dieser Wert selbst sprach sie erst an, nachdem Helen mit der Sprache die neuen Augen erworben hatte.

Wer dieses wertende Sehen gelernt hat, dem eröffnet sich eine neue Weise der Orientierung, die nur wir Menschen kennen. Sie selbst ist nicht lehrbar. Unser Gefühl für Gut und Böse, die konflikthafte Entscheidung zwischen zwei Werten wird nicht durch irgendwelche pädagogische Belehrung erworben. Wer im Lebenskampf wertsichtig geworden ist, dessen Engagement geschieht vor einem Horizont mit Leitstern, der ihn bei allen Verwicklungen vor dem Selbstverlust bewahrt. Seine Entscheidungen sind nicht Ergebnis von Reflexion über den richtigen Weg. Gerade das ist ja das Eigentümliche echter moralischer Erlebnisse, dass sie sich uns ganz unvermittelt wie eine Erkenntnis aufdrängen. Es geht ihnen keinerlei Nachdenken über Gut und Böse voraus. Hunderte Male hatte Helen ungehemmt vergleichbares ‚Porzellan zerschlagen‘, ohne dass moralbeflissene Eltern ihre Aggressionen als Verstöße gegen eine bürgerliche Lebensform missdeutet hätten. Diesem Mädchen mussten erst mit der Sprache die Mittel zum Handeln-Können gegeben werden. Erst als Handelnde muss sie schmerzhaft zu erfahren, dass wertwidriges Tun nicht allein den Wert ihrer Puppe vernichtet, sondern die Liebe zu Ihrer Erzieherin beschädigt und zugleich den der eigenen Person herabsetzt.

Empfinden, Sprechen, Denken, Fühlen - der Mensch als Aufgabe

Wenn in der Tiefenpsychologie vom Seelischen die Rede ist, dann meint man damit meist so etwas wie ein Innenleben des Menschen. Vergessen wird dabei, dass eine solche von allen Weltbezügen abgelöste Einheit „Seele“ schlicht nirgends auffindbar ist. Eine Entität, die man als Seele identifizieren könnte, existiert nur in der Phantasie von Wissenschaftlern; was aber allenthalben anzutreffen ist, sind Menschen, die sich auf eine Art und Weise in der Welt orientieren, wie man sie nur von dieser Spezies kennt.

Dass diese eigentümliche Seinsweise des Menschen in keine der heute gängigen Theorien  passen will, spricht nicht notwendig dafür, dass es diese Seinsweise selbst nicht geben könne. Vielleicht schaffen ja erst die nicht hinterfragten Glaubens-Grundsätze der materialistisch-positivistischen Doktrin das Prokrustes-Bett, in das der Mensch sich nicht fügen will. Unsere zu geringe Liebe zur Welt korrespondiert anscheinend mit einer wissenschaftlichen Sicht auf Mensch und Natur, die zu wenig Mitgefühl mit den ‚Objekten’ ihrer Forschung aufbringt. Eine Psychologie als Scientia amabilis (liebenswerte Wissenschaft), so benannte Carl von Linné (1767) die von ihm geschaffene Botanik, benötigt passendere Fundamente.

Hier zeigt sich nun ein Zusammenhang zu dem, was wir als die Rolle der Sprache im Menschenleben am Schicksal Helen Kellers herausgearbeitet haben: Die heutigen Naturwissenschaften sind zwar nicht von Blindheit geschlagen, wohl aber haben sie sich eine Brille verpasst, die beim Blick auf den Menschen eine habituelle Blindheit für alles Geistige an ihm erzeugt. Sie vergisst die faktische Angewiesenheit des Menschen auf den Mitmenschen. Sie ist Grundbedingung seiner Lebensweise und damit das zentrale Faktum jeder Psychologie als Wissenschaft. Unsere menschliche Biologie ist nur verständlich in ihrer Bezogenheit auf die von uns Menschen geschaffene Kultur. Diese partielle Blindheit für die Bedingungen der Zwischenmenschlichkeit trägt mit dazu bei, dass wir heute bei hochentwickelter Rationalität Sinn und Zweck unseres Daseins aus dem Blick verloren haben - unserer Kultur widerfuhr ein abgemildertes Helen-Keller-Schicksal im großen Stil.

Erinnern wir uns zurück an die Thematik des „Sprachzerfalles“, wie sie Hofmannsthal zu Beginn des 20. Jahrhunderts an sich zu erleben glaubte. Wer sich in die ungeliebte Welt nicht mehr einbringen kann, dem fehlen die Worte, so wie der Patient einer Psychotherapie seine Sprache nicht mehr zum Dialog gebrauchen kann. Sprachzerfall bildet sozusagen das Gegenthema zu Helen Kellers Lobpreis der Sprache als dem Medium ihres „Weges aus dem Dunkel“. Unsere Betrachtungen zu diesem ‚Fallbeispiel‘ sollten die Sprache als exquisites seelisch-geistiges Organ (grch./lat. organum = Werkzeug) begreiflich machen, das uns den Weg in die Welt der Mitmenschen eröffnet.

Die Sprache hat diese verbindende Funktion neben vielen anderen. Dieses Werkzeug kunstgerecht einzusetzen, bedarf es eines langen Trainings. Wer es dann bestimmungsgemäß zu gebrauchen gelernt hat, der erlebt, dass unsere Sprache nicht im Werkzeugcharakter aufgeht. ‚Zwischen den Zeilen’ transportiert dieses geheimnisvolle Instrument noch ganz andere Botschaften. Es lässt uns die Wertqualitäten unserer Welt unmittelbar vernehmen. Wir lassen uns von Sachverhalten ansprechen, die unseren Sinnen allein nicht fassbar sind. Diese Offenheit unseres Wertgefühls erst gibt uns Kriterien der Orientierung, wie wir sie bei keinen unserer fernen Seelenverwandten, den Tieren, antreffen. Für die sprachlose Helen, gab es eine solche Befähigung zur ‚Wertsicht’ noch nicht.

Dialog und Wertsichtigkeit gehören zusammen. Sie sind gewissermaßen erotische Akte, die unsere Welt zur Heimat werden lassen; freilich nicht als ein Schlaraffenland, eingerichtet zur Verwöhnung seiner Bewohner. Die reale Welt ist jener Kosmos, der dem Menschen zur Mitgestaltung aufgegeben ist. Vor dieser Aufgabe schrecken wir zurück. Nach den Jahren des technischen Siegeszuges ängstigen wir uns heute vor dieser uns zugefallenen Verantwortung für den Fortgang der Dinge. Wir lieben diese Welt nicht mehr, deren Angesicht uns zeigt, wie groß unsere Aufgabe ist. Wer so der Vereinzelung verfallen ist, dem zerfällt die Sprache als die geistige Brücke zu den anderen. Der Bau an der uns gemeinsamen Welt ist ein Gemeinschaftsprojekt, Weg aus dem hoffnungslosen Dunkel der empfundenen Sinn- und Wertlosigkeit. Die Mitarbeit jedoch erschließt uns die Freude ungeahnter Aussichten.

Psychotherapie in diesem Geiste sucht nicht nach dem, was andere in früheren Tagen uns schuldig geblieben sind. Sie schafft dem Patienten Erleichterung, indem sie im Dialog die Daseinslasten auf viele Schultern verteilt. Aber sie verdrängt nicht die Verantwortung für unser Schicksal, indem sie von der Mitarbeit an der Kultur dispensiert. Mit solch falschem Mitleid wäre weder einer Helen Keller noch einem Patienten unserer Tage weitergeholfen. Man hätte ihr die Lasten des mühsamen Sprechens mit den Händen erspart und alles, was daraus an kaum glaublichen Überwindungsleistungen folgte. Helen Keller erwarb sich den Doktortitel nach Kriterien, die nicht für behinderte Menschen ersonnen waren. In psychodynamischer Betrachtungsweise heutiger Tiefenpsychologie ließe sich all das als überkompensatorisches Produkt eines pathologischen Ehrgeizes verunglimpfen. Solcher Wertblindheit, gespeist aus der vereinten Weltfeindlichkeit von Therapeut und Patient, hält C.G. Jung entgegen:

Wir helfen dem Neurotiker nicht, indem wir ihn von der Kulturforderung entlasten, sondern nur dadurch, dass wir ihn zu einer tätigen Anteilnahme am schmerzvollen Werke der Kulturentwicklung bringen. Die Leiden, die er in diesem Dienst erduldet, ersetzen ihm die Neurose. Während aber die Neurose mit ihren Beschwerden niemals gefolgt ist von jenem köstlichen Gefühl getaner Arbeit und erfüllter Pflicht, bringen die Leiden im Dienste nützlicher Arbeit und in der Überwindung wirklicher Schwierigkeiten jene Momente der Ruhe und Sättigung, welche dem Menschen das unschätzbare Gefühl geben, sein Leben wirklich gelebt zu haben. [7]

 

[1] Helen Keller: The Story of My Life, New York City 1903. deutsch: Mein Weg aus dem Dunkel, Bern 1994

[2] Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief. In: Hugo von Hofmannsthal: Die prosaischen Schriften. Band 1, S. Fischer, Berlin 1907, S. 53–76

[3] Vgl. hierzu den biographischen Essay von Katja Behrens (2001) Alles Sehen kommt von der Seele. Durch die intensive Bemühung um die konkrete Lebenssituation bekommt der Leser ungemein erhellende Aufschlüsse über die einzigartige Beziehung von HK und ihrer ‚Lehrerin’. Das ganze gerät nebenbei zum unpathetischen Loblied auf die Rolle der Sprache im Mensch-Sein.

[4] Stern, D.N. (1990) Diary of a Baby, New York. Dt. Ausg.,Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. München 1991

[5] Scheler, M.    (1912) Wesen und Formen der Sympathie. In: Ges. Werke. Bd. 7, Bern/München 1973

[6] Cassirer, E.    (1923-1929) Die Philosophie der symbolischen Formen. Bde. I-III. Darmstadt 1997

[7] Carl Gustav Jung (1912) Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie. GW Bd. 4