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Verstehende Tiefenpsychologie
ITGG Berlin - Verstehende Tiefenpsychologie
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Verstehende Tiefenpsychologie
und Kulturanalyse

Anwendungen und literarische Beispiele

Wenn selbst der Enddarm zu viel Phantasie hat

Verfasser*in:Jens Andersen
Kommentator*in:Matthias Voigt
Datum:01.07.2026

Zu einer Biographie über Hans Christian Andersen

Jüngst bekam ich eine Biographie über Hans Christian Andersen geschenkt – ein schöner Leinenband von 725 Druckseiten. Ihr Autor, der dänische Journalist Jens Andersen, wurde hierfür mit dem Georg-Brandes-Preis geehrt. Brandes hatte Friedrich Nietzsche schon früh in Dänemark bekannt gemacht. Und so sah er auch als einer der ersten, dass man es bei dem umstrittenen Verfasser dieser ungewöhnlichen Geschichten wie das des Hässlichen jungen Entleins oder Des Kaisers neue Kleider mit einem großen Dichter zu tun hatte.

 

Diese beiden kleinen Märchen zeigen die Polaritäten, zwischen denen sich der Lebensweg des 1805 geborenen Hans Christian Andersen bewegte. Er war das Schwanen-Ei im Entennest. Was dem hässlichen Entlein im Märchen widerfährt, ist im Vergleich mit der realen Lebenssituation seines Schöpfers noch recht harmlos umschrieben.

... 

Denn Odense, Andersens Geburtsort auf der Halbinsel Fünen, unterschied sich vom restlichen Dänemark insbesondere darin, dass hier der Nachwuchs in der Regel unehelich zur Welt kam. So auch Hans Christian. Gelegenheitsprostitution galt in jener Zeit des gerade einsetzenden Siegeszuges einer kapitalistischen Geldwirtschaft als nächstliegender Lebensunterhalt für Mädchen. Hans Christians Mutter war es schließlich im 32. Lebensjahr noch gelungen, den um 10 Jahre jüngeren Hans Andersen zur Heirat zu bewegen. Der hätte auch seine Vaterpflichten durch die einmalige Zahlung von 6 Gulden in die Stadtkasse abgelten können. Aber dieser Mann, ein schmächtiger Schuster von zarter Gesundheit und Anhänger der französischen Revolution, willigte ein, dem künftigen Dichter nach Kräften die Existenz zu ermöglichen. Für seinen Sohn wurde Hans Andersen zur eigentlichen Mutter.

Das bedeutete trotzdem eine Kindheit in einer Welt der Verwahrlosung und des Kampfes ums Dasein. Vom Schicksal weder mit Schönheit noch mit Nahrung verwöhnt, entdeckte das hässliche Entlein – der Junge war hager und groß, von wenig anmutiger Gestalt –, dass dem Leben am Abgrund nur im Streben nach Unabhängigkeit zu entkommen ist: Wo nichts zu holen war, musste man Geber werden. Dazu wiederum brauchte es Gaben, die nichts kosten durften. Eine schöne Stimme war ihm per Geburt verliehen. Märchen, aber auch manch anderes noch lernte man bei den Wäscherinnen am Fluss kennen. Zu diesem Berufsstande zählte auch die Mutter. Deren Geschichten wussten von Leuten seinesgleichen, die sich allesamt durch die Härten des Erdendaseins hatten durchbeißen müssen. Doch am Ende gelangte man dann in den Besitz eines eigenen Reiches. Solche Mythen gaben der Kinderseele jene Art der Nahrung, die sich mit der Phantasie eines empfindsamen Knaben beliebig vermehren ließ.

Hans Christian Andersen entdeckte bald, wie man mit einem schönen Sopran auch die härteste Seele erweichen konnte. Als virtuoser Fabulierer errang er die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen, verlockte sie in Welten, die das Leben in der wirklichen Welt erträglicher machten. Die Phantasie wurde zum Medium, mit dem der Knabe die eigene Hoffnung und auch die seiner Zuhörer beflügeln half.

Harmlos war dieses kindliche Spiel mit der Phantasie gewiss nicht. Denn, dass mancher Kaiser ja gar nichts anhat, das hatte der wache Knabe von seinem Vater gelernt. Der ließ sich dann leider von seiner fragilen körperlichen Verfassung nicht davon abhalten, mit den Truppen Napoleons die Herren Europas ihrer Ämter zu ‚entkleiden‘. Der bald darauf verwaiste 14Jährige folgte bei aller Liebe zu diesem Manne seiner Form der Praxis nicht. Er zog es vor, in der Welt der Imagination die herrschenden Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Die vorliegende Biographie fügt die sozialen und geistigen Strömungen des frühen 19.Jahrhunderts zum Lebensbild eines heranwachsenden Künstlers zusammen. Dabei entgeht der Autor allen Gefahren, die Persönlichkeit des Dichters auf irgendwelche Ursachen psychologisierend zurückführen zu wollen; eine Verlockung, zu der Hans Christian Andersens Lebensgeschichte den Psychologen geradezu einlädt. Dessen Memoiren  nämlich, das Märchen meines Lebens ohne Dichtung, bieten uns Lesern einen euphemistisch-verharmlosenden Blick auf die harte Werdensgeschichte ihres Verfassers. Wie könnte man aber jemanden, der sich von so weit unten heraufgearbeitet hat, verübeln, dass er nicht zu diesen Abgründen seiner Herkunft bekennen will. Das Märchenhafte seines Lebensweges soll ohne dessen hässliche Seiten alles überstrahlen. Doch selbst diese geglättete Autobiographie – so sieht es Jens Andersen als Biograph – zeuge nicht einseitig davon, dass sich der Dichter vom Schmutz seiner Herkunft verdrängend befreien wollte. Ebenso sehr sei sie der Versuch, dem bürgerlichen Lesepublikum den Weg zu den eigentlichen Botschaften ihres Verfassers nicht unnötig zu erschweren.

Andersens unübersehbar narzisstische Persönlichkeitszüge werden von seinem einfühlsamen Portraitisten nicht auf ihre unübersehbar pathologischen Aspekte reduziert. Er versteht letztere vielmehr als Teil der Selbstrettung des hässlichen Entleins. Dessen Überleben war derart bedroht, dass ein Überleben nur überkompensatorisch denkbar war. Mit solch einer Herkunft steht man vor der ‚Wahl’, sich künftig selbst zu verachten oder aber sich eine Vergangenheit mit umgekehrtem Vorzeichen zuzulegen. Über Christians selbstgeschaffene Ahnenreihe wissen wir nichts; doch sein Zukunftsprojekt ist uns bekannt: Die überaus anspruchsvolle Rolle des Verkünders eines nicht-entfremdeten Daseins, die eines wahrhaften Poeten.

Zur Tat schritt der junge Dichter, nachdem sein geliebter Vater aus der Armee ausgeschieden war und bald darauf starb. Der gerademal 14jährige Hans-Christian verließ seinen Heimatort Odense. Nach Kopenhagen und dort natürlich schnurstracks ans königliche Ballett, wo es für den hochaufgeschossenen, ungelenk-schlacksigen Knabe galt, die sich selbst verhießene Schwanenrolle auf direktem Wege einzulösen. Wie es ihm dann aber auf den entmutigenden Wegen bis zu ersten Erfolgen als Schriftsteller erging, davon erzählen viele seiner späteren Märchen durchaus realistisch. Möglichen Gönnern und Förderern, die das seltsame Wunderkind immer wieder für sich einnehmen konnte, präsentierte er die rührseligere Druck-Version einer Kindheit. Sie kann man im Märchen meines Lebens nachlesen. Darin verlegt sein Autor die eigene Lumpenproletarier-Herkunft in ländlich-unschuldige Regionen, wie sie nun einmal zur romantischen Weltsicht gehören.

Was Andersen an gesellschaftlicher Realität zu sehen gelernt hatte, davon berichten seine ‚Märchen’. In ihnen präsentiert sich die Welt im alles beseelenden Blick eines Kindes. Dessen Augen bringen das Unscheinbare zum Leuchten, wobei sie an alles zugleich mit einer geistigen Unbestechlichkeit herantreten, vor der jeder anmaßende Schein im Gelächter eines „Er hat ja gar nichts an!“ untergeht.

Jens Andersen stellt in seiner umfänglichen Monographie in immer neuen Bezügen dar, wie der Dichter die Idee einer kindlich reinen Existenz an der eigenen Person kultivierte. Als Romantiker erblickte er den Weg dazu im Vorbild einer mythologisch bedeutungsgeladenen Natur. Sie schien das Geheimnis des Lebens zu bewahren, das es ihr abzulauschen galt. Als Sohn aus wenig verwöhntem Hause kannte er jedoch nicht den anti-wissenschaftlich-technischen Affekt, den die romantisierenden intellektuellen Zeitgenossen pflegten. Er war aufgeschlossen für die Fortschritte, die von Naturwissenschaft und Technik ausgingen. Der romantische Mythos, dass wir Menschen auf dem Wege eines ‚natürlichen‘ Empfindens, Fühlens und Denkens geradewegs zu uns selbst finden würden, war bei Andersen nicht zur anti-bürgerlichen Ideologie entartet.

Die vorliegende Biographie deutet an, woher H.C. Andersen diese geheimnisvolle Kraft des Phantasierens bezog: Als Leser erschrickt man beinahe vor seinem schier unstillbaren Bedürfnis nach Ruhm und Anerkennung und staunt zugleich über den riesigen Mut und den noch größeren Fleiß. Zu solcher Höhe der Beseelung und Vergeistigung von Natur konnte sich bloß aufschwingen, wer eine ziemlich umfängliche Auseinandersetzung mit Kunst, Philosophie und Wissenschaft seiner Zeit absolviert hatte. Die aber verbarg Andersen sorgfältig unter dem Gewande des Kind-gebliebenen-Erwachsenen.

Was bei oberflächlicher Betrachtung wie eine ‚glückliche Natur’ des Dichters erscheint, war das labile Gleichgewicht, das in seelisch-geistiger Schwerarbeit erworben und lebenslang erhalten werden musste. Wenn dieser Poet so manche Seite der Natur scheute, – Frauen und Sexualität beispielsweise – dann, weil hier für ihn Gefahr für seine heikle Unabhängigkeit drohte. Anders als mancher Frauenverächter gab er weiblicher Anziehung nach, wenn auch in der Distanz des faszinierten Beobachters.

Was geistvoller Lebensmut vermag, zeigen Andersens Eroberungszüge durch halb Europa, die denen Napoleons in mancher Hinsicht überlegen waren. Von solchen Unternehmungen ließ sich der ‚Angsthase’ Andersen auch durch allfällige psychosomatische Symptome nicht abhalten. Auf seinen monatelangen Reisen gehörte zum unabdingbaren Reisegepäck neben der Komplettausstattung eines Dandys auch ein solides Kletterseil für allfällige Hotelbrände. Wenn er dann zum dritten Male am Morgen die gerade bestiegene Postkutsche wieder aus ‚inneren‘ Beweggründen verlassen musste, vernahm sein Reisegefährte: „Es ist schon ein Schicksal, wenn man sogar im Enddarm zu viel Phantasie hat“.

 

(JENS ANDERSEN: Hans Christian Andersen, Eine Biographie. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2005)