
Matthias Horx über die Zeit nach Corona – ein Zukunftsforscher will uns Mut machen
Matthias Horx über die Zeit nach Corona – ein Zukunftsforscher will uns Mut machen
Auch das nochmalige Lesen des Textes von Matthias Horx hat mir nicht gerade Hoffnung eingeflößt. Horx vertritt darin die nicht ganz unbekannte These, dass wir in pessimistischer Stimmung gewöhnlich das Zukünftige – also das erst noch Kommende – durch eine negative Brille betrachten. Das Negative am Gegenwärtigen werde in die Zukunft verlängert.
Gewiss: Wir steigen schon seit Heraklit nicht zweimal in bzw. aus dem gleichen Fluss. Doch die Vermutung, wir würden aus einer solchen Situation wie der jetzigen sozusagen wie aus einem reinigenden Bad herauskommen, erscheint mir eine Wunschvorstellung. Warum sollte aus dem reaktiv-reumütigen Schuld-Bewusstsein, dass wir allemal „Sünder" sind (Naturzerstörer mit süchtigem Konsumstreben etc.), diesmal echte Einsicht erwachsen.
... Welche der letzten Krisen hätte derartiges jemals bewirkt? Zwei Weltkriege? 2009? Der jeweilige Crash brachte effektiv nur einen weiteren ‚Leistungsbeweis‘ für die Überlebensfähigkeit des Kapitalismus in einem modifizierten Weiter-So.
Vielleicht interpretiert ihr das nun als Ausdruck meines pessimistischen Weltbildes. Vielleicht hoffe ich doch (wie Horx!?) auf die Möglichkeiten von uns Menschen, dass wir uns allem Absurden zum Trotz revoltierend für unser ureigenes Anliegen in dieser Welt einsetzen. Gegen Kapitalismus, Umweltzerstörung etc. zu sein, ist noch keine Motivation; denn das gebietet schon menschliche Logik. Aber das Nicht-so-sein-Wollen wie Vati oder Mutti allein mündet gewöhnlich in die Übernahme mit bloß umgekehrtem Vorzeichen. Wir entwerten unsere ehemaligen geliebten Vorbilder in unserer Enttäuschung und schütten das darin liegende Positive mit dem Bade aus. Mit den verneinten Vorbildern verneinen wir ungewollt uns selbst.
Mein eigener Versuch geht dahin, stärker auf das zu schauen, was sich uns im Alltag zeigt. Das heißt nach den wirklichen Gegebenheiten zu forschen. So, wie sich diese mir zeigen, sind wir leider durch Corona auf nicht absehbare Zeit in eine Situation gezwungen, mit Bedingungen zu leben, die noch mehr von einem Gelebt-Werden haben als vorher schon uns die schöne neue Welt hatte. Wie ist das gemeint? Ich möchte das an einem Beispiel aus der letzten Woche verdeutlichen. Ein mittlerweile 40jähriger Patient gehört zu den sehr geübten Prokrastinierern. Er hatte, bevor es mit der neuen Corona-Zeitrechnung losging, in seinem nunmehr zweiten Versuch ein Studium zu bewältigen, todesmutig den dritten Anlauf zu einer Algebra-Klausur gewagt und tatsächlich auch geschafft. Andernfalls wäre es mit seinem Studientraum aus gewesen. Überglücklich angesichts seiner Überwindungsleistung, überzeugt von den Wirkungen seiner Psychotherapie, stellte er nun fest, dass er doch jetzt grenzenlos Zeit habe, sich für kommende Klausuren vorzubereiten. Aber ... ihr ahnt es bereits…!
Und nun seine Erzählung: Nachdem er mal wieder nicht habe lernen können, sei er folgender Phantasie nachgehangen: Was gäbe er alles dafür, wenn jetzt die Zeit für ein paar Tage anhielte. Durch niemanden und nichts würde er sich vom Pauken abhalten lassen! Aber die Zeit lief eben ihren gewohnten Lauf.
Und dann sein Kommentar zur Corona-Gegenwart: Jetzt, verdammt nochmal, hat mich das Schicksal auch noch erhört und - ich setze mich noch weniger denn je ans Lernen! So seltsam privat wird also unsere Logik, wenn uns schon im ganz alltäglichen Leben etwas zu nahe rückt.
Mit Ernüchterung ließe sich nun bemerken: So viel, Herr Horx, zur Fähigkeit aus sogenannten Einsichten, reale Konsequenzen ins reale Leben umzusetzen.
Mir gingen die Augen auf bei Camus' Pest - meine derzeitige Lektüre -wo sich die Beschreibung all dessen findet, was sich seit Februar in unserer Welt wie nach Camus’ Drehbuch abspielt. Er bezeichnet diese und die vielen weiteren Monate als einen „Spuk“, der genau so vorbei ging, wie er begonnen hatte; als ein uns völlig wesensfremdes, also unheimliches Geschehen, das in keine unserer Verarbeitungsmöglichkeiten passt. Es geschieht, ohne wirklich zum Erleben zu werden. In diesem Falle darf man vom traumatischen Geschehen sprechen. Viren nämlich fristen ihr Leben nach Gesetzen, die für unser Bewusstsein völlig inkommensurabel sind. Ihr wucherndes Zu-Viel-an-Sein nichtet unser Bewusstsein, das sich im normalen Alltagsgeschehen immer wieder erfolgreich überlegen fühlen kann. Das haben die allgenwärtigen Viren mit Meteoriten-Einschlägen oder Vulkanausbrüchen gemein; man kann ihnen ihr unerwünschtes Walten noch nicht einmal wirklich verübeln. Derartige Konfrontationen mit dem Absurden induzieren deshalb auch keine Lernprozesse, weil unser - sagen wir’s adlerianisch - Minderwertigkeitserleben in einer für uns unbegreiflichen Weise angesprochen ist. Was wir derzeit immer wieder spüren, lässt sich (nach Heidegger) als ein „Abrücken des Seins“ fassen. Wir sehen die Sonne, die Frühlingsboten, die Mitmenschen eindrücklicher und mit größerer Intensität denn je; doch gegenwärtig umschmeichelt das Ganze diffus eine Aura latenter Unheimlichkeit. Ich selbst kenne diese starken Naturerlebnisse während Krankheiten bzw. im Moment der Genesung. Jeder, der schon mit Menschen Beziehung hatte, die um ihr nahendes Ende wussten, hat dieses beinahe sehnsüchtige Verlangen nach Naturschönheit und Teilhabe an der Vitalität kleiner Kinder eindrücklich erleben können. Auch da war die Todesgegenwart mit bedingend für dieses so intensive Erleben. Nicht jeder, der dann doch noch gesundet, kann daraus eine Lehre ziehen.
Was bleibt uns zu tun? Camus' Idee der Revolte übersetze ich für mich so: Indem ich momentan in den Grenzen des real Möglichen durch das schlichte Aufrechterhalten des Alltagstrotts (oder besser: eine durch mich selbstbestimmte Disziplin gepaart mit Galgen-Humor) realisiere ich hoffentlich so etwas wie die Revolte gegen das Gelebt-Werden. Doch der Begriff Revolte ist bei Camus kein Gegen-etwas-Sein, sondern ein handelndes sich mit den anderen Verbinden. Wir werden in der nächsten Zeit wahrscheinlich ein noch viel höheres Maß an solchen Akten für ein Leben und auch an Erdulden aufbringen müssen, um unser kleines Da- und Hiersein zu pflegen. Ein Bewusstsein des früher nicht genug geschätzten Wertvollen haben wir (eventuell) jetzt schon: Wir sehen (manche von uns vielleicht nur in Ansätzen), was wir verloren haben. Nur haben solche ‚Einsichten‘, wie sie auch Matthias Horx formuliert, für meinen Geschmack zu viel von der Predigt des Jesuitenpaters Paneloux in Camus‘ Pest: Sie glauben der affektiv aufgeladenen Kraft ihres Bewusstseins wie der zerknirschte Säufer.
Ob aus einer Corona-Zeit eine bessere Zukunft werden kann, hängt wahrscheinlich nicht so sehr davon ab, dass wir uns, der Säufer und auch mein Patient - ganz fest vornehmen, was wir danach tun wollen, wenn die Zeit nicht mehr still steht. Bei Camus nämlich reicht es den Bürgern von Oran bereits, dass sie endlich nach dem Ende des "Spuks" wieder in die alte Tretmühle zurückdürfen.
Uns allen wünsch' ich Besseres, das es vermutlich schon jetzt zu üben gilt.
Nachtrag: Schreibhemmungen kennt der Zukunftsexperte nicht. Die schöne neue Horxwelt auf gebundenen 144 Seiten gibt’s schon seit Ende Mai im Econ-Verlag!