

Joseph und seine Brüder
| Verfasser*in: | Thomas Mann |
|---|---|
| Kommentator*in: | Matthias Voigt |
| Datum: | 01.07.2026 |
Thomas Mann: Joseph und seine Brüder
Zum Problem der personalen Existenz im 20. Jahrhundert
Die großen Entwicklungsromane der Weltliteratur sind nicht selten Geschichten des Scheiterns. Seit dem 19. Jahrhundert wurde das Misslingen hoffnungsvoll begonnener Lebenswege zum Kennzeichen dieser Gattung. Vor allem Thomas Mann (1875-1955) ging lange der Ruf eines ausgewiesenen Experten für die kunstvolle Gestaltung personaler Katastrophen voraus.
Seine letzten Romane jedoch, insbesondere die vier Bücher über Joseph und seine Brüder[1], fielen in dieser Hinsicht unzeitgemäß aus: Ihr Protagonist vollzieht vor den Augen des Lesers eine durchaus glaubwürdige Entwicklung. Bevor aber diese ganzheitliche Person vor uns steht, erleben wir den Heranwachsenden als problematische Figur: Ein überaus schöner und verwöhnter Knabe, der hemmungslos die Vorzugsrolle eines Lieblingssohnes des biblischen Jaakob auslebt. Doch dieser vom Schicksal Erwählte gerät in Krisensituationen, aus denen er zuletzt gewandelt hervorgeht: Joseph der Ernährer bestimmt schließlich als der Mann neben Pharao in kluger Vorhersehung die Geschicke eines ganzen Volkes. Immerhin braucht es 2000 Seiten, um uns Lesern diesen Prozess glaubhaft zu machen.
Thomas Mann beendete das Mammutprojekt Josephs-Tetralogie 1943 im kalifornischen Exil. Als zehn Jahre zuvor der erste Band, Die Geschichten Jaakobs, ins Reine diktiert war, so berichtet TM amüsiert, habe seine Sekretärin ausgerufen: „Nun weiß man doch endlich, wie sich das alles in Wirklichkeit zugetragen hat!“
Diese anekdotische Wendung sagt viel über die Wirkung der Lektüre: Der Leser kann sich der Bewunderung für die Erzählkunst ihres Autors nicht entziehen. Dabei wird er vom Erzähler nicht überrumpelt. Nur ausnahmsweise zieht TM uns affektiv in die Geschichte. Vielmehr stellt sich eine eigentümliche Distanz zum Geschilderten her, die dem Leser nahelegt, das berichtete Geschehen selbst auch gedanklich zu durchdringen. Das wiederum fordert einiges an Frustrationstoleranz; denn längere Ausführungen über anthropologische, kulturanalytische und auch philosophische Sachverhalte konfrontieren mit den Grenzen der eigenen Vorbildung. Das macht den Roman trotz spannender Handlung zu keiner leicht zugänglichen Bettlektüre.
Die Josephs-Geschichte aber ist in entwicklungspsychologischer Hinsicht eine Fundgrube. Sie öffnet uns die Augen dafür, dass nichts am Menschen ohne Bezug zu dem ist, was wir die Persönlichkeit, den Charakter oder auch die Weltanschauung eines Menschen nennen. Die hier verarbeitete alttestamentarische Legende wird eingebettet in ein ganzes Weltpanorama, das ebenso liebevoll geschildert wird wie dessen Menschen. Dass diese Welt der Einbildungskraft des Autors entspringt, und dass sie von Zeiten handelt, die tief im Brunnen der Vergangenheit liegen, erweist sich hierbei als Vorteil. Die im Roman erscheinende Welt ist historisch gesehen nicht die unsere, und doch ist sie dem Leser eigentümlich gegenwärtig. Dass wir uns von Joseph angesprochen fühlen, scheint nicht eigentlich an seinem Charakter zu liegen. Durch die psychopathologische Brille betrachtet, ist der Protagonist schlicht ein narzisstischer Angeber. Doch uns Leser und die Mitmenschen seiner Umgebung zieht dieser vom Schicksal Bevorzugte durch eine geheimnisvolle Liebenswürdigkeit in Bann.
Zunächst ist Joseph nur das verwöhnte und kluge Lieblingskind des Vaters. Seine Mutter Rahel starb bei der Geburt des zweiten Sohnes Benjamin (hebräisch Benoni = Sohn des Todes). Der inzwischen greise Jaakob, verkörpert das würdige Oberhaupt eines semitischen Hirtenvölkchens, das auf seiner Wanderung von Weideplatz zu Weideplatz an Macht und Umfang zugenommen hatte. Im Lande Kanaan, einem Teil des heutigen Israel, hat die zu einem Beduinenvölkchen angewachsene Jaakob-Sippe seit längerem schon ihren Aufenthalt. Die eindrückliche Führergestalt des Stammesoberhauptes ist ein hingebungsvoll Suchender nach dem einzigen, dem wahren Gott; ihm graust es vor der Vielgötterei der östlichen Welt, der er auf seiner Lebenswanderung überall begegnete. Neben der Suche nach dem einen Gott gilt seine ganze Zärtlichkeit dem ersten Sohn der lieblichen Rahel, einem von aller Welt bewunderten hübschen Balg, dessen Bevorzugung fortwährend den Neid und Groll der Stiefbrüder erregt. Josephs kindisch-eitle Selbstgefälligkeit steigert schließlich deren Hass derart, dass sie ihn in einem überschießenden Wutaffekt verprügeln und gefesselt in die Tiefe eines trockenen Brunnens werfen.
Diese höchst konkrete Begegnung mit dem Realitätsprinzip löst bei dem 17-Jährigen eine erste Selbstbesinnung aus. Er kann dem Tod entrinnen und lässt sich von den Brüdern, ohne aufzubegehren, als Sklave nach Ägypten verkaufen. Indem er sein ihm zugeteiltes Schicksal annimmt, öffnet sich ihm ein Weg, den er als Lebensaufgabe weiterzugehen gewillt ist. Die Stationen und Bedingungen, unter denen Joseph diesen Weg zu sich selbst einschlägt, sollen im Folgenden betrachtet werden. Auffällig ist hierbei ein eigentümliches Phänomen: TM nennt seinen Joseph einen Erwählten. Damit ist nun nicht gemeint, dass ihn eine höhere Führung bei der Hand nimmt und unfehlbar den rechten Weg finden lässt. Sichtbar wird seine besondere Fähigkeit zu Orientierung in scheinbar völlig aussichtslosen Situationen. Was ihn dann leitet, wird traditionell mit dem Begriff des Gewissens ausgedrückt. Damit ist eine Form der Orientierung in der Welt bezeichnet, die wir nur beim Menschen antreffen.
Was hiermit nur zu einer ersten Groborientierung angerissen wurde, soll an der Josephs-Figur nachvollzogen werden. Kurz gesagt, wir interpretieren TMs Roman als eine Art Fallbeispiel; sein Joseph reift in sich wiederholenden Krisensituationen zu einer Lebenshaltung heran, die ihn nicht mehr blindlings auf die vorgefundenen Umstände reagieren lässt. Er wird zu einem Menschen, dem es immer wieder gelingt, sich einer Situation hinzugeben, um dann aber als sich selbst mitbestimmende Instanz aus dem Geschehen gestärkt hervorzugehen. Zuletzt wird Joseph der Ernährer im engeren Sinne zur Therapeutengestalt und im umfassenderen Rahmen zur Idealvorstellung des kritischen Intellektuellen.
Unter dieser Perspektive versuchen wir im Folgenden den von Thomas Mann ausgestalteten neuen Josephs-Mythos, entgegen allen literaturwissenschaftlichen Gepflogenheiten, in eine Art Fallbeispiel zu verwandeln. Wir erhoffen uns damit ein neues Licht auf die Entwicklungsfrage werfen zu können; denn vieles von dem, was wir als Psychotherapeuten mit unserem Tun im Sinn haben, dürfte hiervon beeinflusst sein.
Unsere Stellung in der Geschwisterreihe hat einigen Einfluss darauf, wie wir künftig unseren Platz in der Welt einzunehmen gedenken. Wer wie Joseph als Nachzügler in eine Großfamilie von lauter Halb-Brüdern geboren wird – die vorhandenen Schwestern zählen in dieser Welt nicht mit – hat nur Erwachsene vor sich, die einzuholen unmöglich scheint. Solche Kinder tun gut daran, den eigenen Ehrgeiz in eine Richtung zu lenken, wo sie gewissermaßen außer Konkurrenz zu einer Sonderrolle finden. Als Sohn einer Lieblichen war er für den alten Jaakob die Verkörperung der geliebten Rahel. Auf Joseph fällt daher die von maßloser Fürsorge und Zärtlichkeit gefärbte Leidenschaft des Alten. Der wiederum übertönt sein schlechtes Gewissen angesichts der Zurücksetzung der Zehne, denen die Alltagspflichten bei den Herden oblagen, mit einem herabsetzenden Blick auf deren allfällige Mängel. Über den verwöhnten Jüngling heißt es, dass er hütete, wenn es ihm Freude machte. Den Lea-Söhnen (Josephs Halb-Brüder) war seine Bedeutung auf anstößige Weise zweifelhaft; sie sahen ihn ungerne und insgesamt nicht recht als ihresgleichen.
Joseph nutzt die Zeit zu höheren Beschäftigungen. Denn anders als die Geschwister wird er bereits in zartem Alter vom hochbetagten, gelehrten Sklaven Eliezer unterrichtet, um Scharfsinn und Gedächtnis zu üben. Der Knabe ist der Schreibkunst besonders lebhaft zugetan, die Brüder dagegen sind allesamt Analphabeten. Überhaupt erfährt Joseph jede erdenkliche Unterweisung. Dessen Hauslehrer stellt TM als einen vor, der die Weisheit des östlichen Kulturkreises zwischen Babylonien und Ägypten assimiliert hat. Er weist den überaus lernwilligen Knaben in den objektiven Geist (Hegel) jener frühen Kulturmenschheits-Tage ein, in die mythologischen Geheimnisse des Lebens, des Kosmos, der Zahl, des Maßes. Von Eliezer hört er, wie es zugegangen ist damals. Mit dem Damals war die große Sintflut gemeint; sie liegt nicht irgendwie im Ungewissen, sondern sie erhält ein festes Datum und bewirkt, dass die Umstände dieser Heimsuchung jederzeit gegenwärtig waren. Verständlich sind sie aber nur dem Wissenden und Hochgescheiten, welcher die Zeichen zu deuten wusste und durch kluge Vorkehrungen als einziger ... dem Verderben entrinnt. Und so ein Hochgescheiter zu werden, das ist der Lebensplan des noch jungen Joseph.
Die von Eliezer vermittelten Geheimnisse machen ihm das Lernen zu einem schmeichelhaften Vergnügen. So geschwätzig er sonst ist, diese Geheimnisse behält er für sich. Er spürt, dass er damit vom großen Haufe abgesondert zur kleinen Anzahl verschwiegener Erzgescheiter gehört. Und als den Erzgescheiten verspotten ihn die Brüder; sie hassten ihn am bittersten unter dem Spitznamen Der Träumer von Träumen. Ihnen ist diese schöngeistige Beschäftigung ein Graus: Seht, da kommt er geschlendert, der Laffe mit Tintenfingern. Ohne die Furcht vor Jaakob hätten sie ihn braun und blau geprügelt. Joseph jedoch zahlt mit gleicher Münze zurück, wenn er sie überheblich als Hundsköpfeanredet, was den Erzähler zur Bemerkung veranlasst: ...wozu nützt Weisheit, wenn sie nicht einmal vor Hochmut zu schützen vermag? Es bildet sich mehr als eine schwere Trübung des Verhältnisses zwischen Joseph und den Lea-Söhnen heraus, die sich auf Neid und Dünkel gründete und immer bedrohlicher wurde.
An dieser Stelle soll noch einiges zur Person des Vaters gesagt werden. Als Stammesführer ist er religiöses Oberhaupt und unumschränkter Herrscher in einem. Diese patriarchalische Macht liegt nicht so sehr in Gewaltdemonstrationen – die delegiert Jaakob, wo notwendig, an die Zehne. Seine Führerkraft gründet in der von ihm ausgehenden feierlich-religiösen Würde. Mit ihr beeindruckt er sowohl die eigenen Söhne als auch die Fremden, auf deren Fluren die kriegerische Nomadensippe ihr Lager aufschlägt. Jaakob ist ein Gottsucher in einem Kulturkreis, der noch von Naturgottheiten belebt ist. Sein Sinnen ging nach dem einen Gotte.
Die Seele von Jaakobs Lieblingssohn ist diesem Vater weit geöffnet. Bei TM heißt es:
Fragen, Horchen, Suchen, bitter zweifelvolles Sichmühen um das Wahre und Rechte ... wie vertraulich liebte Joseph dies Wesen... Rastlosigkeit und Würde – das ist das Siegel des Geistes und mit kindlich scheuloser Neigung erkannte Joseph das überlieferte Gepräge auf der Stirn des väterlichen Gebieters, obgleich seine eigene Prägung nicht diese, sondern, stärker von seiner reizenden Mutter her bestimmt, heiterer und unbesorgter war und seine umgängliche Natur sich leichter in Gespräch und Mitteilsamkeit löste.
Von TM Josephsfigur geht auf uns Leser eine eigentümliche Lebendigkeit aus. Sie rührt daher, dass Josephs Wirkung auf die Mitmenschen phänomenologisch fassbar wird. Seine Schönheit verbreitet einen Zauber, dessen Wirkung durch Klugheit und Mitteilsamkeit noch gesteigert wird. Die Gewohnheit, geliebt und vorgezogen zu sein, entschied über sein Wesen und gab ihm die Farbe. Seine affektive Macht über die anderen geht schon von seinem Äußeren aus: Der Junge sei dermaßen hübsch und schön gewesen, dass er auf den ersten Blick mehrmals halb und halb für einen Gott gehalten wurde.
Den eigenen Geschwistern gegenüber zeigt der Liebling aller keinerlei Taktgefühl. Seine hemmungslose Wichtigtuerei führt bei den vom Vater benachteiligten Söhnen zu ständig wachsenden Vorbehalten gegen den Laffen mit den Tintenfingern. Joseph bemerkt zwar bei sich selbst immer wieder erschrocken das zwingende Bedürfnis sich hervorzutun. Aber er hat keinerlei Mittel dagegen vorzugehen; er kann nicht davon ablassen. Unversehens und ganz gegen seine Absicht war er ins Angeben hineingeraten, obgleich er diese seiner eigenen Zufriedenheit nur abträgliche Neigung an sich kannte, auch aufrichtig wünschte, ihr zu steuern, und sie vorhin für den Augenblick schon erfolgreich bekämpft hatte. Es war das eine Hemmungslosigkeit seines Mitteilungsbedürfnisses, das mit seinem Missverhältnis zu den Brüdern einen üblen Kreislauf bildete. Vollends verscherzt sich der Knabe deren letzte Sympathie, wenn er mit der Schilderung seiner nächtlichen Träume – Josephs Meinung nach nur die vergleichsweise bescheideneren – tiefe Einblicke in sein reichlich unbescheidenes Unbewusstes gewährt.
Es bildet sich ein Teufelskreis zwischen Versuchungs- und Versagungs-Situationen heraus, der immer tiefer in die pathologische Dynamik führt. Der Erzähler diagnostiziert: die Rolle, die Joseph sich zu spielen angewöhnt hatte, verschärfte täglich seine Acht und Ausgeschlossenheit, beeinträchtigte sein Glück, lud ihm einen Hass auf, den zu tragen seiner Natur nicht im geringsten gemäß war, und schuf ihm allen Grund, sich vor den Brüdern zu fürchten, was denn nun wieder neue Versuchung bedeutete, sich bei dem Vater wohldienerisch gegen sie zu sichern – und alles dies trotz oft gefasster Vorsätze, doch endlich sein Verhältnis zu den Zehnen ... nur durch die Enthaltsamkeit seiner Zunge vom Gift genesen zu lassen.
Warnend gibt Jaakob seinem Liebling immer wieder zu bedenken, den älteren Brüdern gegenüber nichts von seinen hochfliegenden Träumen zu berichten. Joseph versprach es. Aber am nächsten Tag ... plapperte er ohne Besinnen vor ihnen, und es verdross sie alle.
Der Inhalt dieser Träume spricht für sich selbst: auf göttliche Anweisung wird Joseph unmäßig mit Reichtum und Macht überhäuft. Was in der Tiefenpsychologie Alfred Adlers als „Gottähnlichkeitsstreben des Neurotikers“ bezeichnet wird, kann man bei unserem Protagonisten getrost wörtlich nehmen. Unser kleiner Gott fühlt sich von seinen Traumbildern bestärkt. Sein innerer Kommentar: als hätte ich’s längst erwartet ...
Es gehört mehr als eine gehörige Prise Narzissmus zu Josephs Charakterausstattung. Zu deren Genese lässt sich der frühe Verlust der Mutter und eine inzestuöse Vaterbeziehung nachtragen. Jaakob konzentriert all seine Gefühlsüberschwänglichkeit auf den Knaben, die ihm eine Größenrolle zukommen lässt, die Joseph in den Augen der erwachsenen Brüder lächerlich macht. Sie entfremdet ihn allein dadurch, dass er wenig Kooperationsbereitschaft zeigt. Er hütete die Schafe nur, wenn es ihm beliebte, ohne dass ihn dadurch je ein Schuldgefühl belastet hätte. Und nicht zuletzt: Als ‚Jüngster’ – sein nachgeborener Bruder Benjamin bedeutete für ihn nie eine Entthronung – macht Joseph keine gleichwertigen Beziehungserfahrungen. Dem mutterlosen Benjamin gegenüber nimmt er eine überlegen-fürsorgliche Rolle ein. Fazit: Josephs Streben ‚nach oben’ war situativ mehr als naheliegend.
Es stellt sich nun die Frage, inwieweit diese Bestrebungen angemessen erfasst werden, wenn man sie allein als pathologische Größentendenz begreift; denn Joseph ist seinen Brüdern in vieler Hinsicht faktisch überlegen. Auch wuchern seine Träume, seine Phantasien nicht einfach infantil vor sich hin. Der wache Knabe bezieht das Material für seine Überlegenheitsrolle aus der Kenntnis einer Tradition, die weit zurückreicht in uralte Zeiten. Sein Vater Jaakob lebte in dieser uralten Tradition. Wenn Eliezer dem Joseph über die Vorfahren erzählte, so heißt es bei TM, seien vor Josephs geistigem Auge die Konturen jener Vorläufer-Figuren in eine Einzige zusammengeflossen.
Hier ist nun von der mythologischen Dimension im Josephsroman bzw. im Menschenleben überhaupt die Rede. Was unterscheidet diesen Aspekt unseres Verhältnisses zur Welt und damit auch zu uns selbst von dem unserer Seins-Weise als Vernunftwesen? Als Erstes fällt hierbei die unterschiedliche Beziehung zur Zeitlichkeit ins Auge: Wir sind heute gewohnt, uns geschichtlich zu verstehen und auch zu erleben. Unsere aktuelle Sicht auf die Dinge und auf uns selbst erleben wir als ständige Entwicklung. Was früher einmal galt, kann im gegenwärtigen Geschehen unseren Blick ins Zukünftige verändern. Damals glaubten wir noch, aber heute sehen wir die Dinge anders. Ein solches Erleben setzt voraus, dass wir uns als Wesen begreifen, die ihre Geschichte auf irgendeine Weise selbst mitgestalten. Doch auch wir müssen immer wieder feststellen, wie viel sich in unserem Leben wiederholt, ohne dass wir diese Erfahrung angestrebt hätten.
Wiederholung kennzeichnet alle Naturvorgänge. Insbesondere unser Leib bindet uns an biologische Prozesse, die völlig unabhängig nach anderen Gesetzlichkeiten ablaufen. Sie bringen eine eigene Zeitdimension in die menschliche Existenz, in der das Prinzip von Gleichartigkeit, Wiederholung und Wiederbildung des Gleichen herrscht, das die Stetigkeit im Wandel der Natur ausmacht. Dieses Prinzip ist nicht nur das ältere, sondern auch das mächtigere im Menschenleben. Die Logik des Mythos hat hier ihre Wurzeln. Ihre ‚Sprache’ ist die der Affekte. Was wir im engeren Sinne als psychologisch bezeichnen, umfasst die Wirkungsweise der affektgetönten Beziehung der Menschen untereinander und zu ihrer Umwelt. Unsere Charakterschablone gehört dieser affektiv-leibnahen Dimension des Menschlichen an. Sie muss in Gefahrensituationen die Integrität der Person wie mit einem mechanischen Ablauf sichern. Aus diesem Grunde ist unser Charakter auch nicht wandelbar. Die Universalität der Affekte ist eine Brücke der Empathie über die Jahrtausende hinweg. Sie lässt uns nachempfinden, was ein Mensch in vergleichbarer Situation in Frühzeiten der Kultur empfand.
Das Menschenleben spielt sich demnach in einer vom Mythos bestimmten Sphäre und zugleich in einer von der Sprache getragenen geistigen Welt ab. Mythologisch erleben wir träumerisch so etwas wie die ewige Wiederkehr des Gleichen; geistig sehen wir uns und die Welt als sich wandelnd in der Zeit. Deshalb verwundert es nicht, wenn die Erforscher der menschlichen Tiefendimensionen auf das Mythologische stoßen. Sigmund Freuds Psychoanalyse entlehnt dort ihre Begriffe. Als Aufklärer wählte er sie aus dem antiken Kulturraum, wohingegen Carl Gustav Jung dem Germanischen zugetan war. Bei Alfred Adler finden wir den mythologischen Bezug weniger auffällig in seinem anthropologischen Grundkonzept von Minderwertigkeits- und Gemeinschaftsgefühl. Bei ihm zeigt sich das Mythologische in der Beinahe-Gesetzlichkeit typischer seelischer Haltungen, wie sie z.B. mit der Stellung in der Geschwisterreihe einhergehen.
Im Falle Josephs: Ein verzärtelter Jüngster, der sich in der realen Brüderwelt fremd fühlt und sich seinen Platz unter den Menschen nur in einer herausgehobenen Stellung vorstellen kann, oder – genauer gesagt – über ihnen. Jaakobs Liebling trachtet nach Teilhabe am ‚Höheren’; ein Ziel, das von ihm ein hohes Maß an Aufnahme- und Lernbereitschaft verlangt. Die Basis dazu ist die Fähigkeit zu Bewunderung und Hingabe.
Dieses Bewunderte zeigt sich für Joseph in der Person des Vaters und in der des Eliezer. Aus deren Munde erfährt er, was sich damals in Urzeiten abspielte und was zugleich heute noch lebendig ist. Und das ist die Welt des an den Mythos gebundenen Geistes. Er pflanzt sich gewissermaßen noch natürlich fort. Das in ihm aufbewahrte Wissen wird von Generation zu Generation vom Eingeweihten an den Auserwählten weitergegeben. Dieses Wissen ist unablösbar vom Habitus der Auserwähltheit dessen, der in der Nachfolge lebt. Ewige Wiederkehr und Wiederholung des Immergleichen macht diese naturhafte Seite des frühen Menschengeistes aus. Insofern hat die überwiegend vom Mythos geordnete Welt noch keine Geschichte, sondern lebt in unmerklich abgewandelten Erzählungen weiter. Der das Zeiterleben im Mythos charakterisierende Begriff ist deshalb das Adverb einstmals. Dieses Einstmals bezeichnet gleichermaßen Vergangenheit und Zukunft. Wir kennen solche Auserwählten aus den Märchen; sie müssen erst schwere Proben bestehen, um ihrer Bevorzugung gerecht zu werden. Diese harte Probe steht dem Joseph noch bevor.
Die Stimmung der Lea-Söhne beginnt, sich gefährlich zu verschärfen, da der eitle Schnösel jede Möglichkeit ergreift sie zu reizen. Aber gegen die bevorzugende Willkür des Patriarchen können die erwachsenen Männer nur unterschwellig rebellieren. Joseph überspannt nun den Bogen in geradezu unbewusster Absicht, wodurch schließlich das Fass zum Überlaufen kommt. Durch eine List bewegt er den Vater, zur Erntezeit den Brüdern auf dem Feld einen Besuch abzustatten. So gelingt es Joseph allen Beteiligten seine unbescheidenen Träume aufzunötigen:
Im ersten schneiden die zwölf Jaakob-Söhne auf dem Feld gemeinsam den Weizen, binden ihn schweigend zu Garben und stellen diese in einem Kreis auf. Nur Joseph hat in dessen Mitte für sich alleinstehend seine Garbe gebunden. Die anderen bemerken jetzt, dass die mittlere aufrecht steht, während die anderen elf Bündel sich im Kreis vor dieser neigen.
Von einem weiteren Traum berichtet Joseph dann: Diesmal hätten sich Sonne, Mond und elf Sterne vor ihm verneigt.
TMs Schilderung der Reaktionen auf dieses entwürdigende Schauspiel ist eine der zahllosen Stellen im Roman, an denen man an die schon zitierte Äußerung seiner Sekretärin beifällig denken muss: Niemand rührte sich. Jaakob, der Vater, hielt streng seinen Blick gesenkt. Es war recht still; aber in der Stille begab sich ein schlimmes, geheimes und dabei unüberhörbares Geräusch. Das waren die Brüder, die mit den Zähnen knirschten ... Jaakob hörte das Knirschen.
Die Brüder sind voll erbitterter Erwartung, wie der Patriarch sich verhalten würde. Um den Familienfrieden nicht vollends zu gefährden, rafft sich der Vater zu einer abgenötigten Strafpredigt auf. Aber für die Zehne steht jetzt fest, dass sie ihr neues Lager in freiwilliger Verbannung auf die entfernten Weiden bei Schekem verlegen werden. Damit bringen sie den Alten in peinliche Bedrängnis; denn mit dem Fortgehen der Söhne ist sein Prestige in der Welt stark vermindert. Er wäre ein entlaubter Stamm, sofern die Aufkündigung der Gemeinschaft endgültig bliebe. Daher beschließt er, den Joseph ein wenigrauh anzufassen: Alleine soll er zu den Brüdern reisen, um demütig die Versöhnung zu erbitten.
Mit dieser halbherzigen Strafaktion, die der Vater sich abnötigten muss, nimmt Josephs Schicksal seinen Lauf. In ängstlicher Entsagung um seinen Liebling leistet der Alte Verzicht und zittert dem Kommenden entgegen. Joseph dagegen macht sich in heiterster Laune auf diesen Ausflug, als ginge er der Stunde seines Triumphes entgegen. Heimlich hat er den kostbaren Hochzeits-Umhang (Ketônet) Rahels, den er dem Vater abgeschwatzt hatte, ins Reisegepäck geschmuggelt. Die Szene unmittelbar vor der unheilschwangeren Begegnung mit den Brüdern veranschaulicht eindrucksvoll, zu welcher Verblendung unser Charakter die Sicht auf die Dinge verzerren kann.
Während die Lea-Söhne am frühen Morgen in gedrückter Stimmung, nichts ahnend beim Lagerfeuer kauern, reitet Joseph wohlgemut auf einem weißen Esel, die Schleier-Ketônet angelegt und das Haupt mit einem Myrtenkranz geschmückt ihrem Lager entgegen. Der Leser weiß jetzt, dass die kommende Situation alle Beteiligten überfordern wird. TM lässt uns in das aufgewühlte Innere der haltlos Wartenden schauen: Ihre Leiber waren gesättigt, aber in ihren Seelen nagte ein Hunger..., den sie nicht zu nennen gewusst hätten, der ihnen jedoch den Schlaf verdarb, seit sie Hebron verlassen hatten. Die bedrückte Stimmung schlägt um in würgenden Hass, als sich die aus der Ferne nähernde Gestalt als der gleisnerische Bruder erweist, die Ketônet in der Morgensonne glitzernd und schillernd, geradewegs auf die Zehn zuschreitend.
Sie glaubten es nicht ... und starrten über ihre Fäuste hinweg mit quellenden Augen auf das sich nähernde Blendwerk. Ihre Herzen waren in wild beschleunigtem Gleichtakt wie Pauken, so dass es ein dumpfes Konzert und hohles Poltern war an dem Ort in atemloser Stille. Und Joseph: „Ja, ja, gegrüßt!... Traut euren Augen nur, liebe Männer! Ich bin gekommen von Vaters wegen..., um nach dem Rechten zu sehen bei euch und um“ – Er stockte betreten. Sie saßen ohne Wort und Regung und stierten, eine unheimlich verzauberte Gruppe. Joseph trat zurück. Und in diesem Moment mit langgezogenem Schrei wie aus einer gequälten Kehle, einem verzweifelt frohlockenden „Ahhh“ der Wut, des Hasses und der Erlösung, sprangen die Zehn in wildgenauer Gleichzeitigkeit und stürzten sich auf ihn.
Eindrücklicher als jede psychopathologische Studie zeigt sich dem Leser der Ablauf eines Affektsturms, der die Brüder als Gruppe erfasst hat. Voll blinder Wut und Rachbegierde fallen sie über Joseph her, reißen ihm das verhasste Kleid vom Leib und schlagen besinnungslos auf ihn ein. Doch auch der stärkste Affekt hat ein Ende: Zuerst fühlt der verantwortungsbewusste Älteste, Ruben, dass hier etwas zu weit geht. Er versucht unbemerkt Schlimmstes zu verhindern, indem er sich scheinbar als besonders brutal hervortut. Als dann endlich die anderen Brüder zur Besinnung kommen, beginnen sie voreinander ihre Untat mit betonter Entrüstung zu rechtfertigten. Sie übertrieben ihre Erschöpfung, um die sich aufdrängende Ratlosigkeit zu verbergen, die bei aufkeimender Besinnung sich ihrer bemächtigte. Joseph ist übel zugerichtet,
zerbeult, verbleut und über seinen von brüderlicher Wut begeiferten Körper, an dem Moos und Staub klebten, lief in schlängelnden Rinnsalen der rote Saft... Sein eines nicht verhauenes Auge suchte entsetzensvoll seine Mörder... Denn jetzt regte sich – gleichzeitig bei ihnen allen – ein Grauen ... und wenn man das heimliche Grauen näher besah, so war’s der Gedanke an Jaakob... Wie würde der Ausdrucksvolle sich anstellen, wenn er’s gewahrte oder erfuhr, wie würden sie dann bestehen vor ihm... Sie hatten tiefe Kindesangst davor, so ausgewachsene Burschen sie waren, Angst vor dem Fluch als Gebärde und Angst vor des Fluches Sinn und Folgen.
Diese Massenszene verrät viel über das Wesen unseres ‚moralischen’ Verhaltens. Was hatte die Brüder – man muss sie sich als erwachsene Männer zwischen zwanzig und 50 Jahren vorstellen – dazu getrieben, so grausam Rache an dem wohl noch nicht Fünfzehnjährigen zu nehmen? Aus der Vergangenheit des Vaters erfahren wir, dass sie die Kinder der Lea und von deren Mägden sind. Auf diesen Kindern lastete ein Fluch, denn er hatte sie mit der Ungeliebten Lea, der älteren Schwester von Jaakobs Lieblingsfrau Rahel gezeugt. Sie, die Liebliche, war Jaakob vom Schwiegervater Laban für sieben Jahre der Knechtschaft versprochen; in der Brautnacht aber hatte man ihm Lea untergeschoben.
Nicht so sehr dieser Betrug war es, der Jaakob kränkte; es war der Schmerz über die Selbsttäuschung, in der er die sexuellen Genüsse der Hochzeitsnacht mit Labans rüstiger Tochter Leaausgekostet hatte. Durch Fleischeslust hatte er die Liebe zu Rahel entwertet. Rahel erhält er nun als seine Zweitfrau. Als nach Jahren der Unfruchtbarkeit endlich in Qualen Joseph geboren wird, verdrängt dies Leas Kinder ins zweite Glied. Das Erstgeburtsrecht und damit auch die künftige Stammesführung konnte man zwar Ruben, dem Ältesten, nicht nehmen, aber auch hier konnte man nicht sicher sein. Denn schon Jaakob hatte durch eine List den älteren Bruder Esau um dieses heilige Recht betrogen.
Die Lea-Söhne hatten also allen Anlass eine Wiederholung zu verhindern. Wie weit sie aber in ihrem Affektrausch gegangen waren, das nun erregte bei ihnen ein Grauen ... und wenn man das heimliche Grauen näher besah, so war’s der Gedanke an Jaakob..., heißt es bei TM. Diesmal würde mehr als ein unausgesprochener Fluch über sie kommen. Von moralischer Überzeugung im eigentlichen Sinne einer individuellen ethischen Haltung kann offenbar bei den Brüdern nicht die Rede sein. Die Jaakob-Söhne erleben sich wie die Glieder eines Organismus. Ein durch Geburt bestimmtes Oberhaupt sichert dessen Herrschaftsstruktur, in der spezifische Verhaltensregeln befolgt werden. Im Weltempfinden solcher Sippschaften wird diese politische Ordnung als ein in sich schlüssiger unabänderlicher Lebensprozess erlebt. Jede Abweichung erscheint ebenso undenkbar wie die Vorstellung, eine Ameise könnte die ihr von der Natur vorgeschriebenen Tätigkeiten unterbrechen. Die Gruppenmoralität der Lea-Söhne sagt demnach: „Es muss sein, weil es so sein muss“, und die Logik des Lebensgefühls bestätigt es. Die Entfernung aus der Kollektivmoral ist im höchsten Maße beängstigend, denn der Blick der anderen auf den Einzelnen ist zugleich der eigene, der diese Entfremdung registriert. Jedes Abweichen von den gültigen Wertungen geht mit drohendem Selbstverlust einher, der als tiefe Kindesangst erlebt wird. Das Sippenoberhaupt ist der lebende Garant dieser Ordnung.
Seelische Vorgänge sind die entscheidenden Triebkräfte, in denen die Beziehungen zwischen den Gliedern der Gemeinschaft geregelt werden. Nur im Kollektiv, und nur im wechselseitig gesteigerten Wut-Affekt konnten die Brüder sich vorübergehend über die eigentümliche Macht moralischer Gewissheiten hinwegsetzen. TM zeichnet eindrücklich, wie erwachsene Männer gleich Kindern nachträglich über ihre Tat zutiefst erschrecken. Sie versuchen einer Schuld zu entgehen, die sie insgeheim schon längst als die ihre anerkannt haben. Verzweifelt trachten sie nun danach, die Rechtmäßigkeit ihres Tuns voreinander zu legitimieren. Dazu muss immer aufs Neue der Affekt, der zuvor ihre Sache so berechtigt erscheinen ließ, am Abklingen gehindert werden. Unaufhaltbar folgt der Katzenjammer, der uns alle ereilt, wenn wir nach der affektiven Verblendung ernüchtert vor dem Schaden stehen.
Wir werden von Mitleid erfasst, wie die Zehne sich ihrer Untat entledigen wollen, wie sie darüber debattieren, ob man mit Joseph als dem eigentlichen ‚Verursacher’ dieser Situation nicht einfach kurzen Prozess zu machen habe. Wieder ist es Ruben, der Schlimmstes verhindert, indem er diplomatisch taktiert: Das Geschehene sei eben nur ein Geschehen gewesen, kein Tun ... es sei so mit ihnen dahingefahren... Jetzt aber wollten sie klaren Sinnes und nach ausdrücklichem Beschluss einen Greuel tun und die Hand wider den Knaben erheben... Nein, kein Blutvergießen, er dulde es nicht. Was ihnen nach dem Geschehenen zu tun bleibe, sei, den Knaben in die Grube zu befördern und das Weitere dem Geschehen zu überlassen. Der Erzähler als versierter Psychologe weiß um die besondere Furcht des Ältesten vor dem Vater, dessen Nachfolger er ja ist. Er kennt aber auch Rubens grimmig verschämte Liebe zu dem Verhassten, die ihn dies heimlich betreiben und auf Verrat sinnen ließ an dem Brüderclan.
Joseph wird schließlich in einen trockenen Brunnen geworfen; damit glauben die Brüder nun wieder ruhig schlafen zu können: Das wiederholten sie desto nachdrücklicher, je zweifelhafter ihnen die Sache war. Denn im tiefsten Innern wissen sie, was sie Jaakobs pathetischer Seele angetan haben. Und letztlich wissen sie auch, dass ihre Tat am Ende aus Eifersucht geschehen ist. Die Versenkung Josephs konnte nur einem Zwecke dienen, das Hindernis zu beseitigen, das zwischen ihnen und dem Herzen des Vaters stand, um das es ihnen allen aufs kindlichste zu tun war...
Daher beraten sie noch am Brunnenrand – in Josephs Gegenwart, der jammervolle Rufe aus der Tiefe an die Brüder sendet –, wie die Nachricht an den Vater überbracht werden könnte, dass Joseph von einem wilden Tier zerrissen worden und nur noch der zerrissene blutige Schleier übrig sei. Joseph, der alle diese Erörterungen mitanhören muss, hatte aus der Tiefe zunächst für sich noch um Nachsicht gefleht. Dann aber geschieht eine eigentümliche Wendung: Seine allzu rhetorisch versierten Bekundungen angeblicher Reue verstummen und mit veränderter Stimme beschwört er die Brüder: Tut es dem Vater nicht an, denn er übersteht’s nicht! Ach ich bitte euch nicht für mich, Leib und Seele sind mir gebrochen und ich liege im Grabe. Schont aber den Vater und bringt ihm das blutige Kleid nicht, er ist des Todes..., denn seine weiche Seele erträgt’s nicht, und er fällt auf den Rücken!
Wieder ist es Ruben, dem es gelingt, sich dem Zwang des Kollektivs zu entziehen. Er vernimmt die Bedeutung der Worte und erfasst die sich in neuem Licht zeigende Situation. War es zuvor die Verpflichtung gegenüber der Vater-Autorität, die ihn als Ältesten anders als die Geschwister Stellung nehmen ließ, ist es jetzt emotionale Einfühlung, intuitive Einsicht. Bei TM heißt es: Ein anderer Joseph schrie unterm Stein hervor als der, den er einst an den Schultern geschüttelt, um ihn zu erwecken aus eitler Torheit... Was ihm nicht gelungen war mit seinem Schütteln, das hatte offenbar der Sturz in die Grube vermocht: Joseph war aufgewacht, er bat für des Vaters Herz ... trug Reue und Sorge darum.
Die Brüder entfernen sich von der Zisterne und TM lässt uns Leser an Josephs innerem Dialog, seinem Prozess der Selbsterkenntnis, teilhaben. Wir werden Zeugen einer Metanoia, eines fundamentalen Sinneswandels. Bisher hatte Joseph, bestimmt durch seinen Charakter, sich selbst im Zentrum eines auf ihn allein bezogenen Geschehens erlebt. Was in den Anderen geschah, lag jenseits seiner Erfahrungsmöglichkeiten. Diese zentrische Perspektive schlägt unmittelbar um in eine ganz andersartige, in eine geistige Sicht. Hellmuth Plesser spricht von der „exzentrischen Positionalität“, die uns das geistige Bewusstsein eröffnet. Es wertet die Situation gewissermaßen um und taucht sie in das rechte Licht. Was vorher Joseph als ‚blindes’ Schicksal erscheinen musste, verwandelt sich in ein sinnstiftendes Verstehen. Bei TM heißt es dazu:
Vieles ging in ihm vor schon seit dem ungeahnten und entsetzlichen Augenblick, da die Brüder auf ihn gefallen waren wie Wölfe und er ... in ihre wut- und gramverzerrten Mienen geblickt hatte ... und die Qual des Hasses, die er darin hatte lesen können, hatte den Hauptanteil gehabt an dem Grauen, das er unter ihren Misshandlungen empfunden... Furcht und Schmerzen aber waren von Mitleid ganz durchtränkt gewesen mit der Hassesqual, die er in den ... schwitzenden Masken gelesen...: Diesmal war Joseph so derb geschüttelt worden, dass seine Augen sich aufgetan hatten und er sah, was er angerichtet – und dass er es angerichtet.
Dieser Prozess der echten Reflexion ist gleichzeitig die Erkenntnis eigener Verantwortlichkeit für das, was ihm vorher als Schicksal imponierte. Joseph begreift, dass er die Brüder so weit gebracht hatte: durch viele und große Fehler, die er in der Voraussetzung begangen, dass jedermann ihn mehr liebe als sich selbst, – dieser Voraussetzung, an die er geglaubt und doch auch wieder nicht ganz wirklich geglaubt, nach der er aber jedenfalls gelebt und die ihn, das erkannte er klar und deutlich, in die Grube gebracht hatte.
Er kann jetzt auf sich nehmen, dass das alles eine über Menschenkraft gehende Zumutung war, mit der er den Brüdern großes Leid zugefügt hatte, das nun in dieses fürchterliche Ende mündete. In welche Lage hatten sie sich damit gebracht, – von der eigenen ganz zu schweigen, die freilich hoffnungslos war, wie er sich schaudernd eingestand. Denn Joseph sieht auch überdeutlich, dass sie ihn in der Grube lassen müssen, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Das sah er ein, und desto verwunderlicher mag es scheinen, dass das Grauen vor dem eigenen Schicksal in seiner Seele Raum ließ für Mitleid mit seinen Mördern.
So sehr Joseph sich auch in den alten Zustand zurückwünscht, so sehr wünscht er sich mit einem anderen Teil seines Wesens die Wiederherstellung nicht. Diesen Gedanken hat er auch, weil er (obwohl in der Tiefe des Brunnens liegend) sich zum ersten Mal mit ihnen als Brüdern innig verbunden fühlt – und er mit ihnen war wie unter Brüdern und ... er alles hören durfte... und nicht mehr ausgeschlossen war. Seine stille Lebenshoffnung gilt nicht der Rückkehr ins vorige Leben zurück und dennoch war in ihr die Grube besiegt. Nicht nur für sich hegte er diese Lebenshoffnung, sondern auch für den Vater zu Hause, mit dem zusammen er sich in die Grube gebracht hatte.
Wir haben hier eine der eindrücklichsten Episoden des an beeindruckenden Szenen nicht gerade armen Romans vor uns. TMs Erzählkunst, das zeigt sich hier, hat starke Anleihen bei der Psychoanalyse Freuds genommen. Josephs schmerzliche Begegnung mit der Unterwelt hat kathartische Wirkung, indem sie dem Jüngling Zugang zum eigenen Unbewussten verschafft, indem sie bisher Verdrängtes ins Licht des Bewusstseins rückt. Als Dichter lässt er uns dieses ‚Wunder’ sinnfällig miterleben: Das Licht des Geistes erhellt zum Schluss beinahe wörtlich die Grube, in die der Gleisner aus Verblendung fahren musste: ... im schlimmsten Drange der Angst und Todesnot hatte er geistig die Augen aufgemacht, um zu sehen was ‚eigentlich’ geschah ... eine verstandesmäßige Heiterkeit hatte das Entsetzen der Seele durchleuchtet.
Was hier sich ereignete, lässt sich analog einem religiösen Bekehrungserlebnis deuten. Uns geht es dabei um die Überlegung, welches wohl die Bedingungen waren, unter denen sich Josephs Metanoia vollziehen konnte. Manches wurde hierzu schon angedeutet: Kritisch haben wir seinen Narzissmus angemerkt. Doch gleichzeitig war diese Hypostasierung der eigenen Person eine wesentliche Bedingung dafür, dass der vernunftbegabte Knabe eine Außenseiterrolle kultivieren konnte; denn sie hinderte ihn daran, im bequemen Konformismus des Kollektivs aufzugehen. Auch die wechselseitige Idealisierung zwischen Vater und Sohn bedeutete mehr als bloß eine Art des seelisch-geistigen Inzests. Ohne diesen vermeintlichen oder auch wirklichen Dünkel eines Auserwählten, gepaart mit der als ihm angemessen erlebten Zuneigung des Vaters (auf die Rolle von Josephs Schönheitszauber in diesem Zusammenhang wurde schon hingewiesen) würde unser Protagonist wohl kaum sein umfangreiches kulturelles Lernpensum bewältigt haben. Und ohne diese hypertrophen Anteile seines Ich hätte dieser Joseph in der Grube keine echte Reue durchleben können, diese erste geistige Bilanz aus eigener Kraft. Erlangen konnte er durch das Auf-sich-Nehmen des Leidens, dem als Belohnung die Einsicht folgte. Ein Gewinn an Einsicht, von der Psychotherapeuten nur träumen können.
Lehrjahre eines Erwählten
Da Bibelfestigkeit nicht mehr bei Jedermann vorausgesetzt werden kann, soll nun der Fortgang der alttestamentarischen Legende kurz skizziert werden: Joseph wird von einer vorbeiziehenden Karawane von ismaelitischen Kaufleuten im Brunnen entdeckt. Die Brüder nutzen die Gelegenheit das lästige Relikt ihrer Tat gegen eine nicht unbeträchtliche Summe an die fahrenden Händler abzutreten. Die wiederum erwarten, den trotz Blessuren wohlgeratenen Jüngling, in Ägypten mit einigem Gewinn verschachern zu können. Der Anführer der Gruppe besitzt genug praktische Menschenkenntnis, mit der er die vornehme Herkunft seines Sklaven durchschaut. Er ahnt, dass er mit Joseph eine Kostbarkeit eingehandelt hat und begegnet ihm mit betonter Gleichgültigkeit.
Anfangs spielt der Jungsklave mit dem Gedanken, seiner Gefangenschaft zu entkommen. Doch erkennt er aber bald, dass er nicht umsonst der Grube entronnen war. Ausreißen wäre ein Lebensmissgriff oder ganz einfach der Gipfel der Dummheit. Des Vaters Liebling wieder? Nein, immer noch, – aber in neuem, von jeher ersehntem, erträumtem Sinn.
Bewusst entschließt sich Joseph, seinem neuen Gebieter zu dienen. Aber auch hier strebt der schreib- und wortgewandte Jüngling wieder nach einem Vorzugsplatz. Erneut gerät er in altbekanntes Fahrwasser, indem er versucht, den Alten mit Liebreiz und Können zu umgarnen. Der fällt jedoch auf Josephs Schmeicheleien nicht herein und geht streng und wenig zimperlich mit ihm um: Papperlapapp. Rasple nicht Süßholz vor mir, denn ich bin nur ein ziehender Kaufmann. Achte vielmehr auf meine Verwarnungen, dass du ... bei den Kindern Ägyptens ... dich nicht ums Glück redest. Und doch entspinnt sich nach anfänglicher Zurückweisung eine Beziehung, wie sie Joseph zuvor noch nicht eingehen konnte. Sein neuer Herr setzt bei ihm auf die Steigerung von praktisch-sozialen Fertigkeiten, derer es für den Aufstieg in die Upper-Class des Nillandes bedurfte.
Es bieten sich hinreichend Möglichkeiten, um Joseph auf die insgeheim zugedachte Rolle vorzubereiten. Er lernt die Bedeutung des Fernhandels zu verstehen und erhält bei dem weltläufigen Kaufmann eine erste Einführung in den Geist der modernen Verwaltung, wie sie im Pharaonenreich praktiziert wurde. In dieser pädagogischen Beziehung kann der ismaelitische Lehrherr zu seinem klugen Gesellen nicht lange seine selbst auferlegte kühle Distanz wahren, da er in Joseph bald einen geistigen Partner schätzen lernt. Auf diesem Wege setzt sich die bei Eliezer begonnene Lehrzeit fort. Im jeweils neuen Lehrer begegnen ihm Weltanschauungen, die mit der väterlichen in Konkurrenz treten. Joseph ist jedoch dem Neuen der Welt gegenüber stets erwartungsvoll geöffnet und lässt sich nicht irritieren. Er liebt die Probleme um der wachsenden Erkenntnis willen. Deshalb bedeutet diese Lehrzeit für Joseph eine erste Korrektur der rigorosen Frömmigkeit seines Vaters, dem die ägyptische Vielgötterei als babylonische Verkommenheit gilt.
Es ist eine gemächliche Reise bis ins Innere des Sumpflandes – so der abwertende Terminus, mit dem Jaakob in seinen Erzählungen diese ihm suspekte Welt belegt hatte (unschwer kann man das Bild von TMs Exilheimat, den USA, erkennen). Endlich tauchen am Horizont aber auch die Pyramiden und Tempelanlagen auf; man lagert am Westufer des Nils zu Füßen der riesigen Sphinx, die sichtbar dem Sand der Wüste nachgeben muss. Von der Ehrfurcht, mit dem die Ismaeliter dem geheimnisvollen Ungeheuer begegnen, lässt sich Joseph nicht anstecken, hält aber die eigene Skepsis, wie ihm der neue Vater aufgetragen hatte, vor den anderen zurück. Dennoch bleibt Joseph nicht unbeeindruckt; seine bildsame Seele kann sich der beklemmend wirkenden Erscheinung nicht völlig entziehen.
Alleine wagt er sich nachts unter das rätselhafte Angesicht der Sphinx um zu prüfen, ob er der eigentümlichen Ausstrahlung dieses ihm so fremden Geschöpfes würde standhalten können. Josephs Spottlust schwindet bald schon dahin, denn von dem undurchdringlichen Wesen unbestimmbaren Geschlechtes geht ein Schauer auf ihn über. Würde das Unwesen nicht seine Tatze vom Sande heben und ihn, den Knaben, an seine Brust reißen? Er wappnete sein Herz und gedachte Jaakob ... Aug’ in Aug’ mit dem Verpönten, spürt man wes Geistes Kind man ist, und hält’s mit dem Vater.
Noch im Traum wirkt der Zauber der majestätischen Sphinx fort mit lockend-verführerischer Aufforderung: Ich liebe dich. Tu dich zu mir ...! Seine Antwort: Wie sollte ich ein solches Übel tun und wider Gott sündigen? Die sittliche Gesinnung des Vaters übt weiterhin ihre Kraft aus auf das Unbewusste des Jünglings und bewährt sich im Traum als Schutz vor den kommenden Anfechtungen.
Das Ziel der Reisenden ist Theben, das politische und kulturelle Zentrum des damaligen Ägypten. Hier wird Joseph zu einem gepfefferten Preis in das Haus des Peteprê (der biblische Potiphar), einem der Großen am Hofe des Pharao, verkauft. Dort setzt Joseph seine Lehrzeit unter dem Palastverwalter Mont-kaw fort. Wieder gewinnt Joseph einen neuen Vater. Der erahnt intuitiv in dem schönen fremden Jüngling den künftigen Nachfolger in seiner Stellung. Als dessen Ziehsohn erwirbt Joseph sich bald auch das Vertrauen Peteprês. Letzterer ist ein Kind des Inzests. Seine Geschwistereltern glaubten dieses Vergehen damit sühnen zu können, dass sie ihn im Knabenalter entmannen ließen und später mit der verführerisch schönen Priesterin Mut-em-enet vermählten.
Als Hofbeamter ist Peteprê zum engen Vertrauten des Pharao aufgestiegen. Das offene Geheimnis um seinen körperlichen Mangel hat ihn einer tiefen inneren Einsamkeit ausgeliefert. Zur Fettleibigkeit neigend sucht er sein Schicksal mit betonter Männlichkeit zu kompensieren und die gesellschaftliche Außenseite höfischer Existenz zu pflegen. Indem Joseph intuitiv dessen verletzliche und weitherzige Seite erspürt, kann er auch diesen Mann erobern. Wieder kommen zahllose Prüfungen auf Joseph zu, mit deren bravouröser Bewältigung der Sklave Osarsif, so nun sein ägyptisierter Name, seine neue Umwelt stutzen macht.
Zur verführerischen Hausherrin hält der schöne Diener intuitiv Abstand. Noch glaubt sich die zur sexuellen Enthaltsamkeit Gezwungene den Mächten des Sexus überlegen. Aber angesichts dieser lebendigen Versuchung bricht bei ihr die bisher verdrängte Sinnlichkeit durch die sorgsam gepflegte Schicht der Kultur. Immer begehrlicher zeigt sie sich dem schönen Sklaven, der über die Jahre zum Mann herangewachsen ist. Worin bestand nun bisher dessen ägyptische Nacherziehung?
Politisch-sozial konnte er im Hauswesen des Peteprê tiefe Einblicke in die Verwaltung des modernen Großreiches tun, deren Logik er im Kontrast zur Rückständigkeit der heimischen Weltordnung aufs deutlichste aufzufassen lernte. Die Sesshaftigkeit verlangte von den Bewohnern des Niltales eine Lebensweise, die Vorausschau und Planung erforderte. Der überaus fruchtbare, aber begrenzte Lebensraum setzte der Herrscherwillkür Grenzen, denn die nicht vermehrbare Basis war ein Bauernvolk, von dessen Produktivität die herrschenden Schichten abhingen. Bei der Jaakob-Sippschaft hingegen wechselte man die Weidegründe; hierzu bedurfte es bloß des Verhandlungsgeschicks oder, wenn nötig, des kriegerischen Nachdrucks.
Für Josephs geistige Entwicklung kennzeichnend ist der Umstand, wie er diese Unterschiede bewertete. Denn er lebte in einen tiefen Wertkonflikt; die alte Väterwelt, die er innig liebte und zu seiner gemacht hatte, kollidierte mit der Ägyptens in vielem. Die Sphinx stand für die noch unverstandenen Geheimnisse des Unterlandes – das war nur einer der abwertenden Namen, die Jaakob im Munde führte – Die Begegnung mit dem neuen Lebenskreis hatte den Auftakt zu Josephs Kräftemessen in der Welt des Geistes abgegeben. Damals siegte der Gott Jaakobs über die ägyptischen Götzen.
Zugleich hatte Joseph lernen können, dass es auch im Lande des Pharao einzelne gab, wie es sein Vater einer war, die nach dem suchten, was auch den Jaakob antrieb. Aus Liebe zu den neuen Vätern, die er für sich eingenommen hatte, lernte Joseph deren Art zu achten, die Welt und sich selber anzuschauen. Die geistige Überheblichkeit, wie sie den Jaakob überkam, wenn sein Gegenüber keinen Blick dafür zu haben schien, was ihm das höchste war, wurde so abgeschwächt. Von dieser Überschätzung heilte sich Joseph/Osarsif in der innigen Bindung an seine neuen Väter, an den ismaelitischen Kaufmann, an Mont-kaw und auch an Peteprê. Allesamt waren es Persönlichkeiten, die Verantwortung trugen und beseelt waren von der Frage nach dem rechten Weg.
Diese Mentoren, so lässt sich im Zeitalter nach den Entdeckungen Sigmund Freuds sagen, traten Joseph gegenüber in durchaus psychotherapeutische Funktion. Therapeutisch nicht im Sinne irgendeines Forschens in Regionen, wo Tiefenpsychologen das Unbewusste beheimatet sehen. Was Joseph bewegte und auch verwandelte, lässt sich nicht auf ‚inneren Konflikte’ reduzieren. Seine Charakterstruktur war gewiss eine nicht zu unterschätzende Triebkraft. Doch hieraus erklären zu wollen, warum der bislang auf sein Publikum so angewiesene Narziss auf allfällige Versuchungen Verzicht leisten kann, dürfte kaum gelingen.
Man mag einwenden, dass Joseph eben noch größere Auftritte auf der Bühne der Selbstinszenierung vor Augen gehabt habe. Außer Betrachtung bleibt hierbei jedoch, welcher Art und Qualität die nun verfolgten Ziele Josephs sind. Sie lagen nun nicht gerade vor ihm auf der Straße. Wir müssen uns daher fragen, welche Bedingungen gegeben sein mussten, dass er etwas realisieren wollte, das die Vielen nicht in den Blick bekamen.
An Josephs bisherigem Weg zeigte sich bereits, dass es nicht einfach seine Charakterausstattung war, die dessen Richtung bestimmte. Diese führte ihn wie ein innerer Antrieb in alle ‚Gruben’, die sich vor seinem narzisstischen Blick auftaten. Bei gutwilliger Betrachtung mit individualpsychologischer Brille war er ein großer ‚Kindskopf’, dem es an „Gemeinschaftsgefühl“ fehlte, um einen Platz in der Brüderschar einnehmen zu können. Doch gegen ein solch bescheidenes Ziel sprach schon die Sonderrolle, die ihm per Geburt zugeschrieben war. Joseph wuchs hinein in eine mythologische Tradition, die solchen Jüngsten mehr als nur die sprichwörtlichen Siebenmeilenstiefel anlegte. Joseph konnte aus dem unergründlichen Brunnen der Vergangenheit schöpfen. Und er schöpfte, wie schon beschrieben, mit Leidenschaft.
So übernahm er das geistige Beduinentum des Vaters, mit dem er binnen kurzem riesige Räume und Zeiten durchquerte. Wie Jaakob hält er immer Distanz zu den anderen. Die jedoch fühlten sich eigentümlich zu ihm hingezogen. Wie der Vater bleibt Joseph gerade so lange an einem Ort, bis er alles assimiliert hat, was es für dort ihn zu lernen gibt. Um die nötigen Ortswechsel zu bewerkstelligen, bemüht sein Autor TM augenzwinkernd die göttliche Vorsehung. Auch hatte man dort offenbar nicht im Sinne aus dem vielversprechenden jungen Mann einen Kaufmann zu machen. Deshalb setzte diese Vorsehung im fürstlichen Haushalt des Peteprê nun andere, nicht weniger starke Wirkmächte ins Werk. Hier lernte er neben höfischer Etikette auch Lebenswandel und Weltanschauung und vor allem nicht zuletzt die verdrängten Geheimnisse und Drangsale der Großen des Reiches kennen. Er bekam in seelische Abgründe Einblick und lud damit eine Verantwortung auf sich, die von Joseph mehr als nur Loyalität für seinen Herrn verlangte. Peteprê gegenüber nimmt er aus verstehender Zuneigung eine Haltung der Fürsorge an, die gewiss als eine therapeutische bezeichnet werden kann. Vor seinem gesellschaftlich so überlegenen Patienten verbirgt Joseph sorgsam das Gesehene.
Josephs tiefer Fall in die nächste Grube
Anlass zu Schrecken mit Sorge gemischter Freude war Joseph dadurch gegeben, dass die sexuell enthaltsame Gemahlin seines Herrn seit längerem mehr als nur ein Auge auf den mittlerweile 24-Jährigen geworfen hatte – angezogen von seiner ungewöhnlichen Schönheit, die noch gesteigert wurde von bewahrter Jungfräulichkeit. Sie wird erneut zur Heimsuchung. Josephs nur scheinbar gesicherter Lebensfrieden wurde, so heißt es, über den Haufen geworfen von Mächten des Untergrundes, wogegen er nur mühsam und kaum je auf die Dauer aufkommt gegen das Ewig-Natürliche... gegen das tiefe, dunkle und schweigende Gewissen des Fleisches.
Noch glaubt sich Joseph fest verankert in der Sicherheit seiner geistigen Welt, noch verweigert er sich den Avancen seiner Herrin. Es helfen ihm sein Über-Ich und die Erinnerung an den Vater: Unter seinen Augen, die Joseph auf sich ruhen fühlte, braun, sorgengespannt, ... sollte er Entblößung begehen und sich plump vergessen, wie Ruben getan, so dass der Segen von ihm genommen war für sein Dahinschießen?... Um gar keinen Preis! Aber auch Joseph wird wie Ruben schließlich fast der Versuchung erliegen. Als scharfsichtiger Diagnostiker beschreibt TM die Einfallstore der sexuellen Versuchung in Josephs Seele: Ja, das war Liebäugelei mit der Welt und Neugierssympathie mit dem Verbotenen; ... es war auch etwas von selbstsicherem Übermut, die Zuversicht, er könne es weit treiben mit der Gefahr, – zurück, im Notfall, könne er immer noch; es war, als löblicher Kehrseite davon, auch wohl der Wille zur Zumutung, der Ehrgeiz, es sich hart ankommen zu lassen ..., um desto siegreicher aus der Versuchung hervorzugehen...
Wie es zuletzt fast und dann doch nicht zum sexuellen Vollzug kommt, wird vom Erzähler mit köstlichem Humor geschildert: Joseph begibt sich an einem Staatsfeiertag vorzeitig ins leere Haus zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Er gebrauchte diese Redensart ..., obschon sie ihm etwas ominös vorkam und eine innere Stimme ihm riet, sie als gefährlich zu meiden.
Zwischen herzaufstörender Gefahr und großer Gelegenheit entscheidet der Leib. Joseph weiß, dass Mut-em-enet im Schlafgemach sehnsüchtig auf sein Kommen hofft. Noch glaubt er, Herr seiner selbst zu sein. Doch von der Schönen ans Bett gerufen, wird er von lustvollem Begehren so augenscheinlich überwältigt, dass die Verformung seines zarten Leinengewands beredt Auskunft erteilt. Jedoch in diesem Moment sieht er plötzlich das mahnende Bild des Vaters vor sich. In diesem letzten, äußersten Augenblick, gelingt es ihm, sich loszureißen und von ihr hinauszufliehen.
Was war es nun, was hier dem Lauf der Naturdinge eine unerwartete Wendung gab? Bei TM heißt es dazu, vor Josephs geistigem Auge habe sich Jaakobs Bild mit Potiphars Vaterzügen und denen des ihm väterlich zugetanen Mont-kaw vermischt. Das rettete ihn ... oder vielmehr, er rettete sich, indem sein Geist das Mahnbild hervorbrachte. Kürzer und weniger bildhaft ausgedrückt: Josephs innere Stimme des Gewissen sprach im Moment der Entscheidung. Dieses Gewissen sprach nicht in Verboten, sondern vergewisserte sich, indem es die für Joseph wertvollen Personen befragte. Hiervon ging ein Maß für das aus, was in der Situation nicht selbst war, aber von Joseph realisiert werden sollte. Er war schon bereit gewesen, die Treue zu seinem Herrn zu verspielen. Nicht die Triebhaftigkeit selbst war die Macht, die über Josephs Tun wirkte, sondern die Eitelkeit, in der er glaubte sich beweisen zu können, der sexuellen Kräfte Herr zu sein. Wollte man hier von Konflikt sprechen, dann sind es hier zwei konkurrierende Motive, die bei Joseph immer schon im Widerstreit lagen: das eine wäre ein sogenanntes Unbewusstes: seine vom Charakter vorgegebene Eitelkeit – sie könnte auch Ehrgeiz genannt werden. Der andere Impuls kommt aus seiner Wertorientierung – der Treue zu den eigenen Zielen, zur Person, die es zu werden galt.
Doch wie kann es angehen, dass etwas in Konkurrenz zu etwas tritt, das derjenige gar nicht kennt, da es ja nicht bewusst ist. Dieses metaphysische Rätsel wird von den Schulen der Tiefenpsychologie durch umständliche Konstrukte ‚gelöst’. TM, der in seinem Roman zuweilen gern ins Theoretische abschweift, bleibt bei seinem Verständnis des ‚Unbewussten’ einfach bei der Beschreibung des Phänomens selber. Was bei ihm die Angelegenheit so einfach scheinen lässt, beruht jedoch auf der Schlichtheit, der von ihm mit höchster Kunstfertigkeit eingesetzten Worte:
Es treibt mich, sagt wohl der Mensch; aber was ist das für ein es, dass er es von sich selbst unterscheide und schiebe die Verantwortung für sein Handeln auf etwas, was nicht er selbst ist?Sehr wohl ist er es selbst! – und es, das ist nur er, zusammen mit seinem Verlangen. Ist es etwa zweierlei, zu sagen: Ich will oder zu sagen: In mir will’s? Muss man überhaupt sagen: Ich will, um zu tun? Kommt das Tun aus dem Willen, oder zeigt sich nicht vielmehr erst das Wollen im Tun? Joseph wird ins Schlafgemach kommen, und daran, dass er kommt, wird er erkennen, dass und warum er hat kommen wollen.
Wo also die Psychoanalyse Tiefendimensionen unterstellt, die menschlichem Handeln angeblich zugrunde liegen, benutzt TM eine Sprache, die die Dinge selbst zum Sprechen bringt. Er beschreibt die Geschehnisse einerseits in ihrem Ablauf in der Zeit; und zusätzlich stellt er sie aus diesem Nacheinander herausgelöst dann horizontal nebeneinander. So erscheint für uns das schon Vergangene als das sich Wiederholende und es werden die Umstände sichtbar, unter denen sich etwas wiederholt. Sichtbar werden Motivationen und Bedingtheiten und nicht zuletzt die ethischen Dimensionen unseres Handelns.
TMs Einsichten zur Person des Joseph zieren sich nicht mit psychologistischer Scheintiefe. Seine Erzählkunst zeigt den Menschen, der dem eigenen Anspruch auf Bedeutung in seiner Welt nicht gerecht werden kann, und sich stattdessen vergeblich um den Schein von Größe abmüht. Auf die immer gleiche Weise wird Joseph schuldig an den anderen: Seine Schuld gegen die Frau mit seiner früheren gegen die Brüder in Parallele zu stellen, ist berechtigt. Wiederum hatte er es mit seinem Wunsch, die Leute stutzen zu machen, zu weit getrieben ... im ersten Leben hatten diese Wirkungen die negative Form des Hasses angenommen, diesmal die übermäßig positive und darum auch wieder verderbliche Form der Liebesleidenschaft. Verblendet hatte er der einen wie der anderen Vorschub geleistet und ... auch noch den Erzieher spielen wollen – er, der offenbar selbst noch der Erziehung bedurfte.
Die Lehrzeit wird nun – auch dem Vater geschah es so, als er um Rahels willen bei Laban sieben Jahre gedient hatte – im Sinne der mythologischen Nachfolge um weitere sieben Gesellenjahre verlängert. Von Peteprê wird Joseph für den von seiner Gemahlin erhobenen Vorwurf der versuchten Vergewaltigung nur zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, da er um die wirkliche Sachlage weiß. Eine Gefängnisinsel im Nil wird nun zur weiteren Grube, in die Joseph verbannt wird, bevor der übergescheitejunge Mann zum Hochgescheiten herangewachsen ist.
Vom Träumer von Träumen zum Traumdeuter – ein Therapeut in Ausbildung begegnet dem realen Leben
Mit Mai-Sachme, dem Gefängnisverwalter, begegnet Joseph einer weiteren Vaterfigur. TM zeichnet ihn als einen Mann, der sich wie ein guter Arzt der Menschen annahm. Seine eigentliche Passion war die Medizin und die Literatur. Bei seinen vorigen Mentoren hatte Joseph in langer schwerer Lehrzeit die kindliche Egozentrik ablegen müssen und können, die ihn vor Jahren in die Grube gestürzt hatte. Davon zurückgeblieben war noch, und darauf zielt TMs kritischer Einwand, dass er immer noch mit dem magischen Zauber kokettierte, den er auf andere ausübte. Was er aber zu glauben fortfuhr, war, dass es ihm gegeben war, Welt und Menschen dazu anzuhalten, ihm ihre beste und lichteste Seite zuzukehren, – was, wie man sieht, ein Vertrauen war mehr zu sich selbst, als in die Welt –... Die Umstände waren mächtig; woran Joseph glaubte, war ihre Bildsamkeit durch das Persönliche...
Das hier von TM über seinen Protagonisten Gesagte betrifft nicht bloß im übertragenen Sinne die Schwierigkeiten des Psychotherapeutenberufes. Heute sind sich die meisten tiefenpsychologischen Lehrmeinungen darüber eins, dass die Beziehungsgestaltung ein entscheidender Wirkfaktor in der Psychotherapie ist. Im Weiterbildungsangebot übt man die „Handhabung der Übertragungsbeziehung“, so der psychoanalytische Begriff für dieses Beziehungsgeschehen. Betrachtet man unter diesem Aspekt unseren Joseph, auf dessen therapeutische Qualitäten mancher Berufsgenosse neidisch geschaut haben mag, wird deutlich, welches Ausbildungsprogramm einer absolvieren muss, um im Beruf weiterzukommen. Das Erlernen von Achtsamkeit war für Joseph um einiges umständlicher, als dies heutige Lehrbücher vermitteln wollen. TM als Psychologe setzt darauf, dass unsere Person nur indirekt über die Bewährung in den Härten des Daseins wachsen kann, nicht aber auf dem direkten Wege vermeintlicher Bewusstseinserweiterung.
Wir beschreiben nun nicht weiter das konkrete Ausbildungsprogramm bei Josephs Mentor Mai-Sachme. Nachdem dieser ihm in den Jahren geeignete Hindernisse in den Weg gelegt hatte, an denen eine (Psychotherapeuten-)Persönlichkeit wachsen kann, war die Zeit reif für ein Gesellenstück, sozusagen seinen lehranalytischen Prüfungsfall: Eingeliefert werden eines Tages zwei hohe Beamte des regierenden Pharao Amenhotep, dringend verdächtigt, eine Verschwörung gegen den gottgleichen Herrscher unterstützt zu haben. Beider Männer soll sich Joseph analytisch annehmen. Nur kurz weisen die hohen Delinquenten die Nähe des Unbekannten zurück, um schon bald auf seine Dienste nicht mehr verzichten zu können. Es setzt ein, was die Psychoanalyse eine positive Übertragung nennt. Bereitwillig liefern sie Träume, deren Deutung sich als treffend erweisen soll. Das von Joseph Vorausgesagte tritt tatsächlich ein: Der Hofbäcker wird als Übeltäter entlarvt; der zu Unrecht beschuldigte, gutmütige Mundschenk kehrt in sein hohes Amt zurück, wo ihn weiterer Aufstieg erwartet. Doch dessen Versprechen, sich beim Pharao bei Gelegenheit für Joseph einzusetzen, gerät bei dem Glücklichen in Vergessenheit.
Wir ahnen schon, dass Josephs harte Gesellenzeit als Gefängnispsychologe nur dazu eingerichtet wurde, dass unser Erwählter die nächste Stufe auf dem Wege zu kommender Erhöhung nehmen kann. Amenhotep nämlich, der noch jugendliche Herrscher über das Nil-Imperium, bekam schwere nächtliche Träume. Keinem der erfahrenen Spezialisten der Traumdeutung gelang es bei aller methodischen Versiertheit, den königlichen Träumer mit einer sinngebenden Auflösung zufrieden zu stellen. In dieser Not erinnert sich der vergessliche Mundschenk an seinen Retter. Der inzwischen 30-jährige Joseph wird aus dem Gefängnis geholt und gewinnt mit seiner Interpretation der Träume von den sprichwörtlich gewordenen sieben fetten und sieben mageren Jahren das unbedingte Vertrauen Amenhoteps.
Dieses für den Roman-Joseph so bedeutungsvolle Zusammentreffen inszeniert TM gegen jede historische Möglichkeit, denn zwischen der Lebenszeit Josephs und des Echnaton (der uns bekanntere Name für Amenhotep) dürften ca. 200 Jahre realgeschichtlicher Abstand liegen. Die Logik der Erzählung erfordert jedoch gerade diesen Mann; mit ihm war ein Außenseiter auf den Thron gelangt. Er hatte wenig Interesse an dem ihm zugedachten Regierungshandwerk, das er angesichts seines jugendlichen Alters bereitwillig der resoluten Mutter Teje überließ. Seine Liebe galt der Suche nach dem Göttlichen. Wahrheit und Gerechtigkeit vertritt sein namenloser Gott, für den ihm die Sonne als passendes Symbol erscheint. In dieser Geisteshaltung trifft er sich mit der Weltanschauung des Joseph.
Das große Gespräch, das nun diese beiden Gottesdenker im Beisein der Pharao-Mutter führen, findet erst nach Stunden ein Ende. Ihr Gedankenaustausch kulminiert in einem epileptischen Anfall des Pharao – ausgelöst von Gottesbegeisterung. Die mütterliche Mitregentin verfolgt erschrocken, mit welcher Gewandtheit der Joseph seinen hohen Klienten zu gewagten Bekenntnissen animiert. Sie sieht voraus, dass der von Regentschaft überforderte zarte und kränkelnde Königsknabe, dem persönlichen Zauber Josephs verfallen, diesen nach dem Erwachen aus dem heiligen Anfall zu seinem Stellvertreter mit allen Befugnissen erheben wird. Joseph erfasst diese Situation und verspricht der Mutter, die ihm nun zufallende Macht nicht zu missbrauchen. Auch hierin hat er bei seinem Lehrmeister Mai-Sachmedazugelernt. Er weiß um die Verantwortung, die in der ihm zugeteilten Machtposition liegt.
Man muss diese Szene bei TM nachlesen, um zu erleben, mit welchem therapeutischen Geschick – besser wäre eigentlich: mit welcher zwischenmenschlichen Feinfühligkeit – das religiöse Hochstaplerleinseine Rolle ausfüllt. Als großartiger Humorist liefert auch hier der Autor selbst ein Meisterstück ab.
Josephs Voraussagen treten tatsächlich ein: Nach den fetten Jahren kommen die mageren Jahre der Hungersnot, gegen deren vorhersehbare Auswirkungen in den Zeiten des Überflusses Vorkehrungen durch seine Anordnungen getroffen wurden. Diese Fähigkeit zur Vorausschau und die politischen Mittel, das Vorhersehbare als Pharaos Arm abzuwenden, verschaffen dem Joseph in den Zeiten der Dürre beim Volk Ägyptens beinahe göttliche Verehrung. Sein mythologischer Ruhm als Joseph der Ernährer, der sich an der Seite des Größten der damaligen Welt befindet, verbreitet sich bis in die weniger entwickelten Regionen der umliegenden Völkerschaften. Und so schließt TM den Kreis zu den Brüdern. In ihrer Not ziehen sie ins gelobte Ägyptenland, um dort Getreide einzukaufen. Damit bahnt sich die eigentliche Prüfung für Joseph an; er beginnt ein von langer Hand vorbereitetes Spiel.
Gemeinsam mit Mai-Sachme wird eine Abfolge von Situationen inszeniert, die darauf abzielen, der Schar der Brüder eine heilsame Lektion zu erteilen. Joseph nimmt ihnen gegenüber die Rolle des Therapeuten ein, eine Rolle, die uns schon in dem schönen Gespräch begegnete, das er mit seinem hohen Patienten, dem Pharao, führte. Dies weitet sich jetzt in eine gruppentherapeutische Dimension aus. Zum arrangierten Setting gehört, dass Joseph inkognito als Pharaos Arm die Geschwister vor seinen herrschaftlichen Stuhl zitiert. Vor ihm erscheinen die um viele Jahre Gealterten. Den heftigen Impuls, sich erkennen zu geben, unterdrückend, verwickelt der Herr über das Brot die nichtsahnende Brüderschar in ein undurchschaubares Verwirrspiel, das sie mit ihrer schicksalhaften Verstrickung um Joseph konfrontieren soll. Dazu lässt er unter einem Vorwand die Gruppe verhaften. Bis auf drei Geiseln dürfen sie schließlich mit Korn und kummervoll beladen in die Heimat zurückziehen. Sie haben die merkwürdige Auflage und äußerst beunruhigende Aufgabe erhalten, den zurückgebliebenen Benjamin als Pfand nach Ägypten zu bringen.
Nach einem weiteren Dürrejahr geschieht auch das. Bei der erneuten Begegnung zeigt sich, welche Gemütsbewegung das eigentümlich spannungsgeladene Aufeinandertreffen der Brüder mit dem Geheimnisvollen bewirkt hatte. Ihr ‚Verdrängtes’ fordert gebieterisch nach Gehör. Ihr Schweigegelübde verliert an Macht über sie. Vom Gewissen gepeinigt, glauben die Brüder in allem, die späte Strafe Gottes für ihre Missetat zu erkennen. Sie sind sich sicher: Verschuldet haben wir’s an unserm Bruder, dass wir sahen die Angst seiner Seele, als er von unten zu uns schrie und wir wollten ihn nicht erhören.
Es ist schließlich Juda, der es auf sich nimmt, den gemeinsamen Eid zu brechen, den sie nach ihrer Missetat abgelegt hatten. Juda befreit sich damit aus dem Zwang einer Gruppenmoral. Er die Stimme des eigenen Gewissens ernster als die Angst, die mit dem Ausscheren aus dem Kollektiv einhergeht. Bei TM heißt es dazu: Juda war es, der sich auf Schuld am meisten verstand und darum zum Reden berufen war. Denn Schuld schafft Geist – und schon umgekehrt: ohne Geist gibt es gar keine Schuld. Erst dieses Sich-in-den-Gegensatz-zur-Gruppe-stellen-Können lässt Juda zu einer eigentlichen Moralität durchstoßen. Sie vollzieht sich als Bruch mit den bequemeren Konventionen als Glied eines Gruppen-Ganzen.
Das individuelle Einstehen für die Schuld aber hat kathartische Wirkung: Indem der zuvor abgespaltene Teil unserer Person anerkannt wird, vereint sich die Person wieder mit sich selbst als ganzer. Was zuvor ihre Lebenskraft absorbierte, weil die Aufrechterhaltung des ‚seelischen Auslands’ Energie und Aufmerksamkeit bindet, wird in den Momenten der Katharsis als befreiender Zuwachs an Stärke erlebt. Das geschieht mit der bewegenden Rechtfertigungsrede Judas vor Joseph und allen versammelten Brüdern. Er übernimmt darin seine Mitverantwortung für die Untat und ermöglicht mit seinem Todesmut den Geschwistern, die eigene Schuld einzugestehen. Wogenden Leibes stand er, und bleich standen die Brüder, wenn auch tief erleichtert, weil es heraus war. Den Lea-Söhnen trat nun die Schamesröte ins Gesicht, weil es so äußerst beschämend und entsetzenerregend war.
Der eben beschriebene Prozess war ein therapeutisches Meisterstück Josephs. Damit diese Beichte überhaupt erfolgen konnte, musste Joseph mit langem Atem die überaus anspruchsvolle Rolle eines Familientherapeuten aushalten. Nur indem er die Spielbedingungen konstellierte, belohnte ihn der psychotherapeutische Erfolg. Die „Rücknahme des Verdrängten“ durch die Brüder in die eigene Person basierte nicht auf der methodisch versierten Gegenübertragungsanalyse, sondern auf der vorausschauenden Einfühlung in die Welt der Brüder.
Wenn hier von ‚Einfühlung’ gesprochen wird, ist damit ein geistiges Vermögen gemeint, die Fähigkeit, den Standort des anderen intuitiv einnehmen zu können. Hierzu ist derjenige fähig, der im Leben den eigenen Standort in der gesellschaftlichen Realität schon gefunden hat. Erst hierbei erwächst uns die Kenntnis der Gesetzlichkeiten unserer Welt, so dass das Tun und Lassen der anderen verstehbar und in Maßen auch vorausberechenbar wird. Dieser Zuwachs an Erkenntnisvermögen allein würde Joseph noch nicht befähigt haben, sein Spiel mit den Geschwistern erfolgreich zu einem guten Ende zu führen. Erst als Handelnder und Erleidender in der fremden Welt Ägyptens, erst nach erlittenen und durchstandenen Lehrproben und erst nach der erfolgreichen Aneignung einer höchst anspruchsvollen Position in der realen Welt war Joseph in seine Therapeutenrolle hineingewachsen. Seine Gelassenheit entstammt nicht dem Training von Kontemplation, sondern ist der Ertrag aus seinem Auf-sich-Nehmen der Härten des Daseins.
Die mythologischen Dimensionen der Therapeutenpersönlichkeit
Im Verlauf unserer Betrachtungen sind wir ständig TMs Betonung des Mythologischen im Menschenleben begegnet. Wer die Geschichte der „Analytischen Bewegung“ kennt, weiß dass Sigmund Freud sich nicht scheute, auf der Suche nach dem eigenen Verständnis von der Rolle des Psychoanalytikers, an geistige Führerfiguren anzuknüpfen. Er begriff seinen schweren Beruf offenbar auch als Nachfolge in einer kulturgeschichtlichen Tradition, die heute als unzeitgemäß empfunden wird. Der Josephsroman jedoch verdeutlicht, dass die Führungsthematik zu den essentiellen Fragen der Kultur gehört. TM selbst betrachtete ihn als ernstgemeinten Beitrag zur Rolle des Intellektuellen im Gang der Geschichte.
Was wir als Josephs therapeutische Haltung der Welt und den Menschen gegenüber beschrieben haben, war in hohem Maße die Einfügung in eine mythologisch vorgegebene Rolle. Nachfolge verlangt Hingabe an die Sachfragen, um die es dabei geht. Der Mythos gibt dem ihm Nachfolgenden die Formen und Strukturen vor, in die er seine Individualität einbringt. Sie erhält in den vorgegebenen Lebensweisen bis hin zur leiblichen Attitüde etwas Typisches, ähnlich der Maske, aus der unsere Berufsidentität einen Zuwachs an Stärke bezieht. Der weiße Kittel des Arztes ist demnach nicht bloß eine überkommene Tradition. Joseph in seinem Spiel mit den Brüdern gibt nicht leichtfertig das Erscheinungsbild eines ägyptischen Aristokraten auf. Die souveräne Ruhe, in der er auf Judas Bekenntnisrede reagiert und auch die dann folgende Verwandlung in den Bruder unter Brüdern, folgt immer noch der vorgegebenen Form des mythologischen Vorbildes:
...macht euch nichts draus, es war schon recht... Juda, das war eine gewaltige Rede! ... Innig umarm’ ich dich ... und küsse dein Löwenhaupt. Siehe, es ist der Kuss, den du mir gabst vor den Minäern, – heute geb’ ich ihn dir wieder, mein Bruder, und ist nun ausgelöscht. Alle küss’ ich in Einem, denn denkt doch nur nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauftet! Das musste alles so sein, und Gott hat’s getan, nicht ihr...
Kennern des Neuen Testaments wird nicht entgangen sein, wie TM hier mit dem „Judas-Kuss“ auf die Figur des späteren Jesus anspielt. Jesus wird auf diesem Wege die Gottessohnschaft nicht aberkannt. Sie wird vielmehr im Sinne G.F.W. Hegels ‚aufgehoben’ in ihrem überzeitlichen Gehalt. Diese Doppeldeutigkeit im Begriff des Aufgehoben-Seins beinhaltet das Bewahrt-Werden des Wertvollen in der neuen Situation. Dies drückt dem noch Unbekannten den Stempel von Vertrautheit, Wiederholung, Typizität und Unwandelbarkeit auf. Insofern bildet das Mythologische ein durch die Geschichte horizontal verlaufendes Band, das uns zeitlos mit unseren fernsten Ahnen unmittelbar verbindet: Psychologisch betrachtet ist unsere Affektdynamik die Grundlage dieser Verbindung. In anthropologischer Sicht wäre es die mythologische Dimension. Sie macht das Unwandelbare, Ungeschichtliche am Menschenleben aus, das wie ein Naturgeschehen regelhaft abläuft. Der Menschengeist muss mit ihm rechnen lernen, um es vorausschauend in Richtungen zu lenken, die von der Natur selbst so nicht ‚vorgesehen’ waren.
TMs Joseph hat im Laufe seiner krisenreichen Lehrzeit die unhintergehbare Macht des Mythologischen zwischen den Menschen erfahren müssen. Wir konnten nachvollziehen, wie der eitle Pfau in Kindertagen mit vollendeter Regelhaftigkeit das immergleiche Unglück heraufbeschwor. Die Grenzen seines Spielraumes waren eng gezogen. In der beschriebenen Wiederbegegnungsszene sahen wir wie weit er sich in seiner jetzigen Persönlichkeit von den Geschwistern entfernt hatte. Das Brüderkollektiv lebte unverändert in den engen Regeln, nach denen die Zehne vormals angetreten waren. Joseph hingegen hat sich derart verwandelt, dass er von den eigenen Brüdern nicht mehr erkannt wurde. Von einer Spielfigur, deren Züge wie von außen determiniert schienen, steht er nun da als der das Spiel Bestimmende. Joseph gibt die Richtung an in dem großen Spiel, das auf einen vorläufigen Abschluss hinsteuert.
Uns interessieren die Bedingungen, unter denen sich das ‚Wunder’ dieser Wandlung vollziehen konnte. Für die leichtgläubigen Brüder war es ein ‚Wunder’. TM gibt eine komplexere Deutung. Er sieht seinen Joseph in einer existenziellen Dialektik von Nachfolge und Fortführung. Er ist als ein „Jüngster“ im wörtlichen Sinne der den Geschwistern Vorausgelaufene. Er will die Brüder und die mit ihnen verbundene Sippschaft nachholen. Aus dem angemaßten Überlegenheitsstreben der Kindertage, das die Geschwister zu Statisten auf der eigenen Bühne gemacht hatte, wurde die zur Verantwortung bereite Führerpersönlichkeit. Mit seinen Fähigkeiten will Joseph denen gegenüber förderlich sein, die vom Schicksal weniger begünstigt wurden: Im Kleinen durch die Versöhnung der Geschwister und im Großen als Wohltäter eines Volkes, dessen Leben am unbestimmbaren Schwanken der Nilflut hängt.
Das klingt in unseren Ohren nach einer befremdlich patriarchalischen Weltanschauung, unvereinbar mit einem aufgeklärten Verständnis von Selbstbestimmung und Selbstfindung. Wir kommen nicht an diesem Sachverhalt vorbei. TM hat mit der Josephsfigur eine quasi-aristokratische Gestalt konzipiert. Im Roman wirkt das nicht so anstößig auf uns, denn sein Joseph verzaubert seine Leser durch eigentümliche Liebenswürdigkeit. Auch wir sind geneigt, ihm einiges durchgehen zu lassen, wie wir es allenthalben im Roman nachlesen konnten. Was mag nun das Zu-Bewahrende sein an dieser heute anstößig wirkenden Führergestalt des Joseph, die wir ja zudem immer wieder als quasi-therapeutische gewürdigt haben?
Therapeutische Qualitäten wird man ihm kaum absprechen können. Zuletzt zeigten sie sich in seiner hervorstechenden Fähigkeit zur Vorausschau. Diese den Traumdeutern zugeschriebene, vermeintlich göttliche Macht wird von TM entmythologisiert. Sie gründet demnach im Wissen um die Eigenart des menschlichen Seelenlebens, in der Vorhersagbarkeit seiner Ausdrucksformen. Ihr anthropologischer Sinn wird sichtbar in der Weise, wie Joseph sein Spiel mit den Brüdern betrieb. Hierzu musste er die seelischen und geistigen Bedingungen und Umstände vorausschauend in Rechnung stellen. Nur die exakte Erfassung aller dynamischen Kräfte und Motive konnte zu dem Ergebnis führen, das von Joseph intendiert war. Bei alledem gilt es noch mit zu berücksichtigen, dass auch der Spielleiter selbst durch den eigenen Charakter bedenklich involviert war. Nicht nur im Vergleich mit dem kurzen Spannungsbogen des narzisstischen Angebers in Kindertagen imponiert das über ein Jahr währende Spiel mit den Geschwistern als wahrhaftiges Meisterstück: Joseph hatte „Triebaufschub“ zu leisten gelernt und damit die Bedingungen geschaffen, in der seine Phantasie sich in den „exakten“ Bahnen der Realität bewegen konnte.
Joseph hatte in der realen Welt Fuß gefasst und war dort wissend geworden um die Gefahr, die von seiner eigenen Ungeduld ausging. Der Umstand, dass er Mai Sachme, den durch nichts in seiner Ruhe berührbaren Gefängnisaufseher, mit in sein Spiel hineinnahm, dokumentiert sein hohes Maß an Selbst- und Menschenkenntnis. Wenn er zu guter Letzt seine Maske fallen lassen darf, steht ein verwandelter Joseph vor den Brüdern. Bei TM heißt es hierzu:
Er hatte sich oft zu erkennen gegeben und die Leute stutzen gemacht, indem er zu verstehen gab, dass ein Höheres sich in ihm darstellte, als was er war, sodass dies Höhere träumerisch-verführerisch ineinanderlief mit seiner Person. Jetzt sagte er einfach und trotz der gebreiteten Arme sogar mit einem kleinen bescheidenen Lachen: „Kinder, ich bin’s ja. Ich bin euer Bruder Joseph“. Kein Gott und Heilsbringer sei er, „sondern nur ein Volkswirt, und dass sich eure Garben neigten vor meiner im Traum, wovon ich schwatzte, und sich die Sterne verbeugten, das wollte so übertrieben Großes nicht heißen, sondern nur, dass Vater und Brüder mir Dank wissen würden für leibliche Wohltat.
Hier kokettiert kein Narziss in übermäßiger Bescheidenheit. Joseph bleibt bei aller zwischenmenschlicher Vertraulichkeit in Wort und Gestus weiterhin der von den eigenen Geschwistern Abgesonderte. Er gehört einer Sphäre an, die nicht von Jedermann geteilt werden kann. Bei aller verbalen Nähe geht von seiner Person ein Pathos der Distanz aus, das, wie schon bei Jaakob, eine unüberschreitbare Grenze zwischen ihn und das Kollektiv setzt.
An anderen Stellen spricht TM von Joseph als von dem Erwählten. Dieses Motiv des Herausgehoben-Seins vor den anderen tönte mehrfach an. Worin besteht nun diese Erhöhung? Im psychotherapeutischen Alltag begegnet sie uns in der sog. „Idealisierung“. Der Patient befördert uns in eine Rolle, die mit der eines Erlösers vermutlich adäquat umschrieben ist. Je nach Persönlichkeit von Patient und Therapeut schlägt diese Phase irgendwann in Entwertung um.
Da Psychotherapeuten-Beruf in einer (mythologischen) Tradition steht – ihr ist ein Teil unserer ‚Heilerfolge’ zu verdanken – ist es nicht erfolgversprechend sich gegen solche Zumutungen zu wehren. Joseph weist die Idealisierung durch die Geschwister nicht einfach von sich, sondern geht mit ihr gewissermaßen wie ein guter Psychoanalytiker um; der nämlich soll im Sinne Sigmund Freuds auf dem Wege der Selbstanalyse zum Umgang mit „Übertragung und Gegenübertragung“ – unter diese Begriffe fällt das Idealisierungsproblem – hierzu befähigt werden. Ob dies in der Therapeutenausbildung immer gelingt, sei dahingestellt, dass Joseph zum Meister in der ‚Handhabung der Übertragungsanalyse’ geworden ist, hat TM, ein Bewunderer Freuds, dem Leser überzeugend demonstriert.
Die Auflösung einer „Vaterübertragung“
Die Übertragungsthematik trägt auch zur Interpretation des Romanschlusses Erhellendes bei. Hier erst der weitere Verlauf der Handlung: Der ganze Clan mit dem inzwischen 90-jährigen Patriarchen Jaakob darf sich nun im Gebiet des nördlichen Nil-Landes niederlassen. Seit Josephs tiefem Fall in die Grube sind Jahre vergangen, bis es endlich zur Wiederbegegnung der beiden kommt. Vor Jaakob zeigt sich ein Joseph, dessen schlichtes Leinenkleid den ägyptischen Aristokraten mehr hervorhebt als ihn zu verbergen. Der Alte kann nicht umhin, beim fremdartigen Anblick seines Lieblingssohnes seinen Widerwillen zu zeigen vor derartigen Konzessionen an die ihm suspekte Kultur. Doch auch hier wieder überwinden Josephs Verführungskünste die Abwehr des Vaters. In betonter Demut nimmt er die väterliche Lektion als liebevoll-verehrender Sohn hin.
Aber in dieser Wiederholung ist nicht alles bloße Neuauflage des alten Spieles; denn Joseph nimmt nicht einfach verbal alle Schuld auf sich. Er induziert durch seine Demut, dass auch der Vater sich eingestehen kann, wie der Sohn am großen Spiel als unschuldig Schuldiger beteiligt gewesen zu sein. Auch er hat seine Lektion der Entsagung in den Jahren des Leidens auf sich genommen. Beide können jetzt erst einander vergeben:
Vater, verzeihst du mir?“ fragte der Sohn, und was meinte er nicht alles mit dieser Frage – dass er mit ihm umgesprungen war und hatt’ es ihm eingebrockt; Lieblings-Übermut und heillose Schlingelei, sträflich Vertrauen und blinde Zumutung, hundert Narrheiten, für die er gebüßt mit dem Schweigen der Toten, da er gelebt hatte hinter dem Rücken des mit ihm büßenden Alten.
Deshalb beichtet nun auch Jaakob seine Verfehlung flüsternd in Josephs Ohr. Er bekennt, dass er damals innig gewünscht habe, seinen Liebling an die erste Stelle zu setzen; mit dem bunten Schleier-Kleid hatte er Joseph symbolisch das Erstgeburtsrecht und damit die Führerschaft über den Clan überlassen wollen. Mit dieser Verfälschung der Erbfolge wollte er in Willkür gegen das Recht der Brüder verstoßen. Aber seine übergroße Liebe wurde zurechtgewiesen mit mächtiger Hand.
Warum flüstert Jaakob diese Erkenntnis in Josephs Ohr? – Weil auch er weiß, dass Wahrheiten Unheil anrichten können, wenn sie Menschen zu Ohren kommen, die ihr nicht gewachsen sind. Ist ein Geschehen in Worte gefasst und ausgesprochen, dann ist es auf andere Weise in der Welt als ein Sachverhalt, der nur in der Phantasie existiert. Denn für die Lea-Söhne würde die Aufhebung der „Vater-Idealisierung“ Überforderung zur Folge haben. Was Jaakob aber dem Joseph ins Ohr flüstert, würde am Mythos des Stammesoberhauptes kratzen, wenn die Söhne davon wüssten. Der Verlust an Autorität bedeutete nicht nur die Schwächung der Position Jaakobs, sondern würde bei ihnen nur Angst hervorrufen.
Wer um eine Sache weiß, der wird von ihr in die Verantwortung gezogen. Die daraus erwachsenden Konsequenzen aber kann der darin Ungeübte nicht tragen und erlebt Unsicherheit und Angst. Deshalb bevorzugen wir oft einen Zustand der vermeintlichen Unwissenheit. Die nur scheinbare Ahnungslosigkeit erlaubt dem Menschen, das doch zu tun, von dem er glaubt, es eigentlich besser unterlassen zu sollen.
Auch Jaakob wusste im tiefsten Inneren, dass es mit seinem persönlichen Ethos unvereinbar war, wenn er sein Zärtlichkeitsbedürfnis, die maßlose Liebe zu Joseph, über die Verantwortung für die Stammesgemeinschaft stellte. Wäre ihm dieser Sachverhalt, um den sein ‚Unbewusstes’ gewissermaßen schon ‚wusste’, damals wirklich zugänglich gewesen, dann hätte er auf den noch leisen Ruf seines Gewissens hören können. Stattdessen musste er erst die Folgen seiner moralischen ‚Schwerhörigkeit’ durchleiden, um der inneren Stimme Gehör zu verschaffen; und zuletzt war es der mit ihm im Leiden gereifte Sohn, der den entscheidenden Schritt machte, der dem Vater den Weg zum flüsternden Eingeständnis eigener Schuld eröffnete..
Als Leser wurden wir in dieser Szene Zeuge davon, was die Psychoanalyse als ‚Auflösung des Ödipuskomplexes’ bezeichnet. Die übergroße Liebe zwischen Vater und Sohn – von Sigmund Freud als ‚inzestuöses Verhältnis’ gedeutet – bekommt damit eine sexuelle Komponente. Derartiges mag häufig genug auch eine Rolle spielen; im vorliegenden Falle aber treten andere Aspekte in den Vordergrund. Was als ‚inzestuös’ an den Beziehungen innerhalb einer Familie und auch von größeren Gruppenbildungen bezeichnet werden kann, haben wir an der Brüderschar in ihrem Verhältnis zum patriarchalischen Oberhaupt aufgezeigt. Wenn Freud hier von ‚sadomasochistischen’ Beziehungen spricht, dann sind offenbar weniger sexuelle Unterwerfungsverhältnisse gemeint als die alltäglichen Verwicklungen von Menschen, die sich selbst und ihre Mitmenschen nicht zu verstehen gelernt haben. Nicht-Verstehen erzeugt Angst. Der vom Affekt erfasste Mensch kann die anderen nur noch in den Kategorien Freund oder Feind unterscheiden. Wie weit diese alltägliche Feindseligkeit geht, zeigte Josephs Schicksal. Und wir sahen, dass diese wechselseitige Abhängigkeit nicht auf irgendeine ‚Ursache’ zurückzuführen ist, sondern in einem beinahe undurchdringlichen Geflecht von konflikthaften Beziehungsverhältnissen besteht.
Eine andere Konsequenz aus der dargelegten Problematik hat sich im Verlaufe unserer Überlegungen am Beispiel der Josephsfigur immer deutlicher herausgestellt: Eine Befreiung aus ‚inzestuösen Bindungen’ ist überaus schwierig und gelingt nur wenigen in größerem Umfang. Doch es scheint, dass gerade von diesen Wenigen für die anderen die Impulse ausgehen, sich auf den Weg der Selbstbefreiung zu machen. Hier gilt offenbar das, was für jede Psychotherapie gilt, wenn sie mehr sein will als nur vorübergehende Entlastung: Niemand kann dem Patienten abnehmen, seinen Weg ins Leben selbst zu gehen. Welche Rolle hierbei dem Therapeuten zukommt, wurde immer wieder am Beispiel von Joseph verdeutlicht. Möchte man sein ‚Erfolgsrezept’ auf einen kurzen Nenner bringen, dann lag es darin, dass er lernte, sich den Situationen hinzugeben und sie durchzustehen, die auf dem Wege aus der Familie hinein in die Welt auf uns warten. Seine Erfolgsgeschichte kann aber mit gleichem Recht auch als Leidensgeschichte bezeichnet werden. Doch TM war so freundlich, seinen Protagonisten als Überbringer versöhnlicher Botschaften von der Bühne abtreten zu lassen, die er mit seinem Roman für uns geschaffen hat.
Der Intellektuelle als Arzt der Kultur
Mancher Leser wird sich gefragt haben, warum wir immer wieder die Blickrichtung wechseln von der Fokussierung auf das ‚Innere’ einer Person und dann wieder hin zu einer kultur- oder gesellschaftsanalytischen Perspektive. Ein Vorbild in dieser Betrachtungsweise gibt Sigmund Freud. Besonders in dessen Alterswerk dominiert zuletzt ein kulturkritischer Analytiker-Blick. Auch hierin ist ihm TM als Bewunderer und auch als Leidensgenosse gefolgt. Beide mussten miterleben, wie eine primitive NS-Mythologie ihre intellektuellen Zeitgenossen zu einer regressiven Kollektivexistenz verführte. Die geistige Elite der Weimarer Zeit hatte sich teils heimlich, teils ganz offen ihrer Tradition entledigt. Die damit verbundene Last der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft trat man willig dem selbsternannten Führer der neuen ‚Volksgemeinschaft’ ab. Wenige Jahrzehnte zuvor hatte man den Anspruch auf geistiges Führertum des Intellektuellen noch lauthals für sich beansprucht.
Dass TM mit seinem Josephsroman seinen Beitrag zur Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft und für die Kultur formuliert, dürfte augenscheinlich geworden sein. Das Problem des Politischen hatte ihn als Schriftsteller immer berührt. Zunächst war er ein elitär-ästhetizistischer Dekadent, dann im Ersten Weltkrieg mit den Betrachtungen eines Unpolitischen schon in Rechtfertigungsposition. Im US-Exil schließlich wandelte er sich zum publizistischen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus. Wie sein Romanheld musste er den geistigen Lebensraum, dessen kulturelles Erbe er wie kaum ein anderer in all ihren Verzweigungen assimiliert hatte, unfreiwillig verlassen. In der ihm fremden Neuen Welt – seinem Ägypten – unterzog er notgedrungen den eigenen Werte- und Ideenkosmos einer Revision. Der vom Vorbild Friedrich Nietzsches geprägte Kulturaristokrat gelangte in den USA zur Überzeugung, dass für Europa kein Weg an demokratischen Ordnungsvorstellungen vorbeiführen würde. Präsident Franklin D. Roosevelt verkörperte für TM eine vom Volk gewählte Führungspersönlichkeit, die es wagte, in einer schweren Krisenzeit die ‚Glaubensgrundsätze’ des US-Kapitalismus in Frage zu stellen. Mit seinem „New Deal“ schuf er auf eigenes Risiko ein neues Sozialkonzept.
Schlagen wir nun den Bogen zum Schluss des Romans. Hier finden wir Antworten auf die Frage, wie TM die Rolle des Intellektuellen angesichts der kulturellen Desaster des 20. Jahrhunderts neu fasst. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass er, anders als sein Joseph, bald schon aus dem Exil in die ehemalige Heimat zurückkehren würde. Wie TM in Kalifornien war das nomadisierende Völkchen mit dem greisen Jaakob an der Spitze mittlerweile im Nildelta ansässig geworden. Vater und Sohn begegnen sich hier ganz bewusst nur noch selten und in betonter Zurückhaltung. Zum Motiv dieser Distanz heißt es bei TM, er sei von beiden Seiten das des Verzichtes: Joseph war der Gesonderte, der zugleich Erhöhte und Zurückgetretene. Im Kreise der Familie wäre er für die Brüder eine Zumutung; denn sie können ihm sein „Ich bin doch einer von euch“ nicht wirklich glauben. Man hat Angst vor dem Mann an der Seite des Pharao.
Als schließlich Jaakobs Sterbestunde naht, geraten die Zehne in größte Unruhe. Solange Jaakob noch lebt, glauben sie sich durch ihn geschützt. Jetzt liegt der patriarchalische Greis auf dem Sterbebett in seinem Zelt und lässt nach Joseph rufen. In seiner Todesstunde will er den Söhnen Fluch und Segen erteilen, seinem Nachfolger die Weihe geben. Verängstigt vor der Macht der Autpritäten heckt die Brüderschar eine List aus, mit der Joseph von Rache an ihnen abgehalten werden soll. Benjamin, der Rahel-Sohn, scheint geeignet, seinem Bruder die Botschaft glaubhaft zu machen, der Vater habe auf dem Sterbebett für die Geschwister um Vergebung von deren Missetat gebeten. Als der Gerufene erscheint, ziehen sich die Lea-Söhne hinters Zelt zurück, damit Joseph rein zufällig auf Benjamin treffen muss.
Der Plan scheitert; denn TMs Joseph ist inzwischen fest in seine ‚Therapeutenrolle’ hineingewachsen. Lapidar entgegnet er auf des Bruders Bericht, ob denn das wahr sei, was er da vorbringe. Für so besonders wahr müsse man das wahrscheinlich nicht nehmen, gibt ihm Benjamin darauf zu verstehen. Joseph weiß nun, die verängstigte Brüderschar wird sogleich hinter dem Zelt hervortreten. Als Psychotherapeuten fragen wir uns: Wird er seine „Gegenübertragung“ beherrschen, das heißt, seine Enttäuschung nicht ausleben? Joseph muss nicht mit Ent-täuschung reagieren, weil er den Brüdern gegenüber lange schon keiner Täuschung mehr unterlegen war. Er konzentriert sich auf die Sache und erfasst intuitiv, dass die in ihrer kindlichen Not nur so und nicht anders reagieren konnten. Joseph hat gelernt, mit den Augen der anderen zu sehen, mit den Ohren der anderen zu hören und mit den Herzen der anderen zu fühlen. Sein Wertgefühl ist in der Welt draußen nachgereift. Nicht seine Affekte verwickeln ihn mit den anderen. Ihm sagt die jeweilige Situation, was die Geschehnisse in ihr bedeuten.
Nicht enttäuscht, sondern gerührt von der kindlichen Schwindelei dieser erwachsenen Männer, der nichts als kindliche Angst zugrunde lag, tritt Joseph vor die Brüder. Er sieht, dass sie Rache und Vergeltung erwarten und nur deshalb vor ihm niederfallen. Diese Hellsicht – Josephs erworbene Menschenkenntnis also – ist die in den Härten der realen Welt gereifte Frucht. Dieser Weg hatte ihn darüber belehrt, wer die anderen sind. Nur auf diesem ‚Umweg’ über die Verwicklungen mit ihnen erwächst dem erwachsenen Menschen die Kenntnis eigenen Person. Was landläufig als Selbsterkenntnis bezeichnet wird, hieße deshalb besser Weltkenntnis.
Wer sie erlangen will, muss den Wegen nachfolgen, die seine Vor-Läufer gegangen sind. Auf seinen Lehr-und Wanderjahren schloss sich hierzu Joseph eng an neue Vaterfiguren an und begegnete deren Idealen. Nur mit fremden ‚Vätern’ erfährt die in Kindertagen übernommene Wertewelt Korrektur. Anders als der eigene Vater muteten diese ‚Psychoanalytiker’ ihm zu, was Freud unter der „Härte des Realitätsprinzips“ verstand; er lernte, die Spannungen und die Schmerzen zu ertragen, die notwendig damit einhergehen, wenn wir im Leben an einem selbstgewählten Ziel festhalten wollen. Joseph hatte zu unterscheiden gelernt zwischen dem nur flüchtigen Hochgefühl der Überlegenheit und dem realen Glück, das sich einstellt, wenn wir einer Situation gewachsen sind. Eindrücklich zeigte sich dies zuletzt in der Weise, wie er auf die Unterwerfungsgeste der Geschwister eingeht.
Joseph weist die ihm angebotene Erlöserrolle nicht zurück, aber er nimmt sie auch nicht an. Er löst diese „Übertragungssituation“ als ‚Therapeut’ auf durch liebenswürdige, aber sachlich-kritische Beleuchtung des Vorgefallenen. Eingangs entlastet er die kindlich-reumütigen Brüder von ihrem Schuldempfinden, indem er seine eigene Beteiligung am gemeinsamen Schicksal hervorhebt. Damit baut er ihnen damit die Brücke, nach der eigenen Beteiligung hieran zu fragen. Höchst feinfühlig macht Joseph sich zum Aufklärer der Brüder:
Geht ihr mich um Vergebung an, so scheint’s, dass ihr die ganze Geschichte nicht recht verstanden habt, in der wir sind... Man kann wohl in einer Geschichte sein, ohne sie zu verstehen. Vielleicht soll es so sein und es war sträflich, dass ich immer viel zu gut wusste, was da gespielt wurde. Habt ihr nicht gehört aus des Vaters Mund, als er mir meinen Segen gab, dass es mit mir nur ein Spiel gewesen sei ...?
Auch er habe gewusst und geschwiegen zu dem, was sich damals abgespielt habe, denn er war auch im Spiel, dem Spiele Gottes. Unter seinem Schutz musst’ ich euch zum Bösen reizen in schreiender Unreife, und Gott hat’s freilich zum Guten gefügt, dass ich ... noch etwas zur Reife kam. Aber wenn es um Verzeihung geht unter uns Menschen, so bin ich’s, der euch darum bitten muss, denn ihr musstet die Bösen spielen, damit alles so käme.
Mit diesem versöhnlichen Ende der schönen Geschichte und Gotteserfindung von Joseph und seinen Brüdern, wie es bei Thomas Mann im letzten Satz nach 2000 Seiten heißt, klingt noch einmal ein märchenhafter Ton an. Bei allem Ernst, der in dieser Legende immer den Blick auf unsere zerbrechliche Kultur unüberhörbar begleitet, ist der Josephsroman ein humoristisches Meisterwerk. Befähigung zu echtem Humor macht einen bedeutenden Aspekt der Therapeutenpersönlichkeit aus. Thomas Mann selbst sollte diesen Humor noch bitter nötig haben. Nachdem er selbst in das Deutschland zurückkehrte, traf er bei seinen intellektuellen Kollegen, die wie Josephs Brüder im „inneren Widerstand“ mit dem autoritären Vater die Jahre verbracht hatten, auf Unverständnis und Feindseligkeit. Man verzieh ihm nicht, was sie sich selbst angetan hatten. Im Spiegel des Josephsromans wollte sich keiner betrachten. Die bequeme These von der Kollektivschuld aller Deutschen, sollte vergessen machen, wie man an den schrecklichen Spielen des 20. Jahrhunderts, an Faschismus und Bolschewismus mitbeteiligt war.
Wer bis hier den Kommentaren zur Josephsgeschichte gefolgt ist, mag sich immer wieder gewundert haben, warum die Vater-Thematik derart betont werde. Wir haben mit den Begriffen von Väter- und Mütterlichkeit in einer Weise gesprochen, die heute unüblich ist. Sie wurden mit Bedacht beibehalten, denn sie gehören zu einer Tradition des anthropologischen Denkens jenseits des heutigen Biologismus. Thomas Mann gab seinem Joseph im letzten Buch den Titel des Ernährers. Das spielt an auf eine mütterliche Seite seiner Person, die uns in der zärtlich-verwöhnenden Tendenz seines Vaters schon begegnete. Mütterlichkeit ist mehr als nur ein Ingrediens der Persönlichkeit des erwachsenen Menschen, um deren Konturen es uns ging. Psychotherapeuten ohne dieses Vermögen sind kaum denkbar. Doch eine bloß mütterliche Therapie führt niemanden auch nur in die Nähe von Selbständigkeit.
Die Natur selbst hat bei unseren tierischen Verwandten hinreichend dafür Sorge getragen, dass durch Mütterlichkeit ihr Fortbestand gesichert ist. In Sachen Väterlichkeit hat sie wenig vorherbestimmt, welche Wege das Menschentier einzuschlagen hat, damit es seine eigene Ordnung einrichte. Diese hier als väterlich bezeichnete Seite des Menschengeistes gilt es, für Frau und Mann gleichermaßen zu kultivieren. Vieles spricht dafür, dass die geistige Ernährungslage der Welt, in der wir alle aufgewachsen sind, das Problem intellektueller Mangelernährung nicht recht im Blick hat. Für Psychotherapeuten gibt es bei Thomas Mann abwechslungsreiche Kost.
Literatur:
Görtemaker, Manfred: Thomas Mann und die Politik Ffm. 2005
Rattner, Josef: Thomas Mann: „Königliche Hoheit“ unter den Schriftstellern des 20. Jahrhunderts und Freund der Psychoanalyse Berlin 2017
Ders. Literatur und Psychoanalyse (Enzyklopädie der Psychoanalyse) Berlin 2010
[1] Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. 4 Bde. Ffm 1999