

Ich brauch dich nicht mehr
| Verfasser*in: | Arthur Miller |
|---|---|
| Kommentator*in: | Matthias Voigt |
| Datum: | 01.07.2026 |
Ein Beitrag zum Problem der „Triangulation“
Arthur Millers (1915-2005) Short Story Ich brauch dich nicht mehr ist nicht das, was wir üblicherweise unter einer Kurzgeschichte verstehen; eher schon kommt sie dem nahe, was bei uns als Novelle bezeichnet wird. Im vorliegenden Falle skizziert sie auf knapp 50 Seiten eine „unerhörte Begebenheit“. Mit letzterer Wendung kennzeichnete Goethe die Eigenart der Novellen-Form. Um einen solchen Vorfall herum weben sich dann die Fäden, an denen entlang sich dem Leser irgendwann die Bedeutung des Vorgefallenen erschließt.
In Arthur Millers Short Story ist der verzweifelte Ausruf Ich brauch dich nicht mehr die ungehörige Botschaft, die der 5-jährige Martin seiner Mutter an den Kopf schleudert.
...
Dieser erregte Gefühlsausbruch trifft aber weder bei ihr noch beim älteren Bruder auf Verständnis. Auch beim Vater kostet es einige Zeit, bis er begreift und seinen Anteil an der Begebenheit erkennt. Vielen Lesern dieser Geschichte scheint es ähnlich ergangen zu sein: Denn Arthur Millers Ich brauch dich nicht mehr erlitt offenbar das Schicksal des Nicht-erhört-Werdens. Sie zählt nicht zu den Werken, die ihm den Rang eines der bedeutendsten Schriftsteller der USA in der Mitte des 20. Jahrhunderts verschafft haben. Als Autor der Dramen Tod eines Handlungsreisenden oder Hexenjagd errang er Bekanntheit über Amerika hinaus. Doch es wird sich im Folgenden zeigen, dass seine unscheinbare Erzählung nicht nur ein Kleinod biographischer Selbsterkenntnis ist, sondern darüber hinaus ein erhellender Beitrag zur Rolle des Schriftstellers in der Kultur.
Mit den ersten Sätzen zieht uns der Autor unvermittelt in das Welterleben des kleinen Martin:
Mehrere Male in den vorausgegangenen Tagen war er nicht geradezu gewarnt, aber auf eine gewisse, unübersehbar absolute Weise belehrt worden, dass Gott in dieser Woche das Schwimmen am Freitag verbot. Und heute war Freitag. Er hatte den Ozean mehrmals am Tag beobachtet, und tatsächlich war die See immer rauher und rauher geworden, und das Wasser hatte eine seltsame Farbe angenommen. Nicht grün oder blau, sondern irgendwie grau und an manchen Stellen sogar schwarz, und jetzt, da das Wasser von Sünden erfüllt war, schlugen die Brecher so hart auf den Sand, dass der Betonvorsprung, auf dem er saß, ein leichtes Beben durch sein Rückgrat sandte. Unter dem Strand musste es eine Verbindung geben, bis hier herauf, wo die Straße endete.
Mit dieser Episode stehen wir Leser vor einer schwierigen Verstehens-Situation. Auch wenn wir noch nicht wirklich erfasst haben, worum es demnächst gehen soll, so haben wir doch wahrgenommen, dass es sich um Bedeutungsvolles handeln muss. Was können wir nun in und zwischen diesen Zeilen lesend in Erfahrung bringen? Offenbar handelt es sich um einen gespannt beobachtenden Jungen am Meeresstrand. Er scheint intensiv beschäftigt mit einem Problem, das gravierend ist: Gott ist mit im Spiel; es ist Freitag – genauer, es ist der Beginn des Sabbat. Hat er den Willen Jehovas richtig verstanden, richtig befolgt? Der Beunruhigte ist ein überaus aufmerksam-forschender Beobachter, der jegliche Veränderung seiner Umgebung wahrnimmt. Zudem ordnet er allem Bedeutung zu, stellt Überlegungen an, die kindlich oder tief religiös anmuten. Wir stehen zunächst etwas irritiert vor dieser rätselhaften Situation.
Unsere Assoziationen dürften ungefähr das enthalten, was ein Leser – Interesse und guter Wille vorausgesetzt – an Textverständnis erzielen kann, ohne sofort etwas hineinzudeuten. Aber der kurze Abschnitt legt uns noch keine Deutungsspur vor die Füße. Die schlichte Sprache Millers ohne irgendwelche Manieriertheiten steht einem spontanen Verstehen nicht im Wege. Seine eigentümlich kindlich direkte Bildhaftigkeit wirkt wie die Aufforderung, dem Jungen in seiner Welt gerecht zu werden.
Diese Unsicherheit müssen wir Leser noch den längsten Teil der Erzählung ertragen. Sobald wir zu stark unter den Zwang zur ‚richtigen’ Interpretation geraten, können uns die Fingerzeige entgehen, die der Autor immer wieder gibt. Es sind Szenen, die unsere Zuneigung zu dem klugen kleinen Zeitgenossen wachsen lassen und unser Verständnis für dessen noch zu erwartenden Ungehörigkeiten. Denn ein Gefühl verlässt den Leser bei all den Eskapaden des Jungen nie: Da sieht einer genauer und mehr als die anderen, auch vielleicht mehr als wir Leser. Wir sind an die Aussage Sigmund Freuds über die „strahlende Intelligenz des Kindes“ im Vorschulalter erinnert. Mit dieser Wendung bekundete der Begründer der Psychoanalyse seine wehmütige Bewunderung für diese noch ungehemmte Erfinderlust, Intellektualität und Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt.
Wir werden im Folgenden die Verstehens-Klippen der Lektüre dadurch zu entschärfen versuchen, dass zunächst der Inhalt der Geschichte kurz wiedergegeben wird, wobei an exemplarischen Textstellen die Sicht des Autors auf seinen kleinen Helden veranschaulicht werden soll. Das bedeutet in unserem Falle schon mehr als die halbe Interpretation. Dieser Verlust an eigener Erkenntnisfreude für den an der Leine geführten Leser soll im zweiten Teil dadurch wettgemacht werden, dass wir zentrale Episoden unter einer kulturanalytischen Perspektive kommentieren: Wir sehen in der Geschichte nicht bloß als Tiefenpsychologen die bedeutsame Ablösungskrise eines Kindes aus den Engen der mütterlichen Welt. Sie erscheint uns zugleich als Sinnbild für die Geburt des künftigen Dichters und Intellektuellen. Unsere implizite Frage dabei lautet: Was erlaubte dem kleinen Martin sich seine „strahlende Intelligenz“, also den eigentümlich klaren Blick auf unsere Welt, zu bewahren?
Die erzählte Zeit der kleinen Geschichte umfasst einen einzigen Tag. Ihr Ort ist eine Ferienhaus-Siedlung am Meer. Es ist Spätsommer; die meisten der Urlaubsgäste sind bereits abgereist. Wegen des Jom-Kippur-Festes sind einige noch geblieben. Dazu gehören die vier Personen der Handlung: Vater, Mutter, der bald 6-jährige Martin und Ben, der um vier Jahre ältere Bruder. Es ist eine gut situierte Mittelschicht-Familie, die sich den eigenen Feriensitz, vermutlich auf Cape Cod in Massachusetts, leisten kann. Am nächsten Tag wird man abreisen, da die Schule beginnt und damit nun auch der Jüngste aus dem Hause strebt. Der große Bruder Ben dagegen darf bereits gemeinsam mit dem Vater die Synagoge besuchen. Jetzt, wo Martin so kurz vor der Einschulung steht, will er endlich auch so groß und wichtig sein wie sein Bruder. Ihn schmerzt es, dass er praktisch alles tun kann, weil er erst fünf Jahre war. In die Synagoge darf er z.B. mitgehen, er muss aber nicht. Beim Gottesdienst kann er einfach hinauslaufen, ohne dass jemand schimpft oder es auch nur bemerkt.
Noch bis vor kurzem hat sich Martin in der engen Beziehung zu seiner Mutter wohl gefühlt. Sie behütete und umsorgte ihn; in ihrem Schutze war alles richtig und gut. Martin kann sich erinnern, wie er auf ihren Hüften saß, im Ohr das dumpfe Knistern der Einkaufstüten aus braunem Papier oder wie er neben ihr ging und nicht daran denken musste, wann man abbog, wann man stehenblieb, wann man sich beeilen musste. Sie waren miteinander verbunden, und er war einfach da.
Martins Mutter ist fürsorglich, doch man kann ihr keine übermäßig verwöhnende Haltung vorwerfen. Ihr Jüngster strebt recht expansiv in die Welt jenseits der mütterlichen Versorgungssphäre. Er kämpft um mehr Abstand zu ihr. Was Martin das Selbständig-Werden erschwert, hat mit einer ganz spezifischen Form des Zärtlichkeitsaustausches zwischen beiden zu tun. Es ist die Liebe zum Erzählen, die beide geistig verbindet. Denn die Mutter ist ihrem jüngsten Sohn eine überaus aufmerksame und verständnisvolle Zuhörerin. Wie niemand sonst bewundert sie Martins überströmendes Fabulieren. Von hier kommt sein Gefühl, etwas Besonderes und Einzigartiges zu sein. Wie gern saß er bei ihr in der Küche, das Kinn auf die kühle Wachstuchdecke gestützt und beobachtete sie beim Kochen und berichtete ihr all die erstaunlichen Dinge, die er draußen in der Welt gesehen hatte. Wenn sie dann über seine phantastischen Gespinste lachte oder gar vor Erstaunen seufzte und den Atem anhielt, war er glücklich, dann fühlte er sich freudig und wunderbar stark.
Unübersehbar ist das ein Spiel von wechselseitiger Vernarrtheit der beiden Seelenverwandten. Das Bezogensein von Mutter und ihrem Jüngstem hat eine affektiv-zärtliche Dimension, die Martin die Ablösung erschwert. Dafür sorgt die Mischung von kindlicher Abhängigkeit und mütterlich liebender Fürsorge. Sie färbte die geistige Seite dieser Beziehung. Martin ließ sie an seiner Vitalität und kindlichen Imaginationskraft teilhaben. Die Erlebnisse, die er aus seiner Welt mitbrachte, verwandelt er erzählerisch und macht sie sich selbst und der Mutter so zur gemeinsamen Erfahrung. Bei Arthur Miller heißt es dazu: Für ihn war erst etwas wirklich geschehen, wenn er davon erzählen konnte.
Das etwas Zuviel an ‚libidinösen’ Elementen in der Beziehung beider hat seine tiefere Ursache in der patriarchalischen Einengung des Lebensraumes der Frau auf die Rolle von Mutter und Hausfrau. Martins Mutter dankte ihrem Sohn die Erweiterung ihres Lebensraumes mit liebender Bejahung. Und er genoss als Überbringer einer Welt bedeutungsvoller Abenteuer die ihm zugesprochene Größe und die ihm verliehene Macht. Sie gestattete großzügig fabulatorische Eigenmächtigkeiten, so dass sich Martins Phantasie nicht die Zügel einer konventionellen Vernunft anlegen musste. – Was ist also geschehen, dass dieses Kind mit einem Affektausbruch gegen die Mutter reagiert?
In der traditionellen Psychoanalyse wird die hier beschriebene Entwicklungsstufe als „ödipale Phase“ bezeichnet. Unser kleiner Held hatte sich einen Platz im Herzen seiner Mutter nach Regeln erworben, die nun im neuen Lebensraum ihre Gültigkeit einbüßen. In der Außenwelt trifft der Knabe auf beunruhigende Sachverhalte, für die seine Phantasie keine passenden Reime mehr findet. Zudem zeigt sich dort Verlockendes, zu dem der große Bruder schon Zugang hat: Die Schule und die geheimnisvolle Welt der Männer in der Synagoge. Es ist für Martin schmerzlich, dass er dort noch nicht dazugehören darf. Außerdem spürt er diffus, dass sich seit einiger Zeit die Beziehung zur Mutter verändert hat. Nicht nur er strebt fort von ihr, auch sie ist anders. Martin weiß, dass sie schwanger ist. Das sieht er daran, dass er nicht mehr auf ihrem Bett herumspringen soll; und wenn er sie plötzlich von hinten umarmen will, entzieht sie sich ihm. Besonders bitter ist es aber, dass sie ihm nicht mehr so genau zuhört. Und niemand spricht übrigens über das mit dem Baby; es gibt da irgendwie ein Geheimnis.
Geheimnisse sind trennend: auch das ist eine der neuen Erfahrungen für Martin. Er kennt die schmerzliche Erfahrung des „Wir-Bruchs“ (F. Künkel) von früher; die beunruhigende Empfindung beginnt erst langsam in ihm zur Erkenntnis zu reifen, dass die Mutter ein Wesen mit einem Leben unabhängig von ihrem Für-ihn-Sein ist. Da war beispielsweise die Sache mit dem Zahnarzt. Und die Erinnerung an dieses schon fast vergessene Ereignis taucht wieder in ihm auf. Wenn Martin daran denkt, hat er jedesmal einen Kloß im Hals.
Wir kennen den Anfang dieser Erinnerung bereits. Es ist die Szene mit den knisternden Einkaufstüten und dem Gefühl der tiefen Verbundenheit mit der Mutter. Im Text heißt es nun weiter:
Sie waren wie miteinander verbunden, und er war einfach da. Und dann, plötzlich, hatte das aufgehört. Als er aufblickte, sah er das Gesicht eines fremden Mannes dicht neben ihrem. Und eine Träne fiel von der Wange des Mannes an seiner Nase vorbei. Sie redete mit einem so seltsamen Lachen und einer schweren Aufgeregtheit. Er, der Fremde, rief sie beim Vornamen. Kurz darauf, als Martin mit ihr auf dem Aufzug wartete, lachte sie und sagte, noch immer mit dem atemlosen Lachen: ‚Oh, er war so in mich verliebt! Ich hätte ihn geheiratet, kannst du dir das vorstellen? Aber Großvater hat ihn weggeschickt. Er war damals erst Student. Oh, die Bücher, die er mir brachte!‘
Martin wurde hier Zeuge einer intimen Situation zwischen der Mutter und ihrem ehemaligen geliebten Freund, einer seltsamen Vertrautheit, deren emotionale Kraft mit einem Schlage in die Welt des Jungen einbrach. Seine Mutter teilte also derartige Gefühle nicht ausschließlich mit Vater und Sohn, sondern heimlich auch mit einem Fremden. Und dabei schien sie sich in keiner Weise der Bedeutung dieses Geheimnisses klar zu sein. Dessen erschütternde Macht empfand Martin in diesem Moment unmittelbar. Es war Verrat am Vater! Martin spürte, dass hier etwas zum Vorschein kam, das nicht in die Welt dringen durfte. Es war offenbar etwas Unerhörtes geschehen:
So hatte er ihre Stimme nie gehört, und augenblicklich hatte er beschlossen, niemals zu verraten, dass er den neuen Ton und die ziemlich fremdartige Frau, zu der er gehörte, bemerkt hatte. Und der Schrecken rührte daher, dass sie Gedanken hatte, die Papa nicht kannte. Seit jenem Tag war er sich wie ein kleiner Schäfer vorgekommen, der große Tiere hütete, die man davor bewahren musste, ihre eigene Stärke zu begreifen.
Was ist nun die Bedeutung dieses Vorfalles? Martin wurde mit der plötzlichen Einsicht konfrontiert, dass er seine Mutter nicht nur mit dem eigenen Vater teilen muss, sondern zudem noch mit einem fremden Mann, von dem selbst sein Vater nichts zu wissen scheint. Für Martin ist das eine schwere Herabsetzung, die ihm wie ein empörender Verstoß gegen die gültige Weltordnung erscheint. Aber vollends unverständlich ist ihm der Umstand, dass weder die Mutter als Täterin noch der Vater als Opfer in der Angelegenheit von dem ungeheuerlichen Treuebruch zu wissen scheinen. Martin jedoch sagt sein sicheres Gefühl, dass hier etwas Unerträgliches geschieht.
Es läge nun nahe, dass der Junge betont die Nähe von Mutter oder Vater sucht, um das gerade Erlebte einordnen zu können; doch Martin findet eine ganz eigene Lösung: Er verwandelt die eigene Herabsetzung durch die schnöde Realität in einen Akt der Selbsterhöhung: Er ‚ernennt’ sich zum Hüter dieses bedrohlichen Geheimnisses; vor dessen Sprengkraft will er die unwissenden Großen künftig beschützen.
Vor unseren Augen vollzieht sich ein geheimnisvoller magischer Akt, wie wir ihn ähnlich bei Kindern in Martins Alter erleben können. Solche Kinder spielen nicht eine bloß eingebildete Rolle z.B. als Baggerfahrer; sie sind in diesem Momenten Baggerfahrer. In der „Phallischen Phase“ – so heißt dieser Entwicklungsabschnitt bei Freud – wird für die noch unbekannte Arbeitswelt der Erwachsen geübt. Ein gesundes Kind bereitet sich jetzt schon auf die kommenden Aufgaben vor. Es spielt in einem Modus, der von Erik H. Erikson treffend mit der Aussage umschrieben ist: „Ich bin, der ich zu werden mir vorstellen kann“.
Das Kind entwirft seine eigene Zukunft notwendig in einer bisher nur imaginierten Sphäre. Sein Expansions-‚Raum’ ist die Phantasie. Es richtet sich auf etwas aus, das noch nicht real anwesend ist, doch realisiert werden soll. Die Gedankenwelt des Kindes erobert sich neues Terrain. Was es sich in dieser kritischen Phase seiner Entwicklung geistig erschließt, wäre völlig unangemessen als Phantasterei bezeichnet. Martin nämlich strebt eigentlich in die wirkliche Welt mit ihren ihm noch unbekannten ‚Wundern’.
Über die Herkunft seiner Beweglichkeit im Reich der Imagination wurde bereits einiges angedeutet. Der Junge ist ungemein beeindruckbar – eine Fähigkeit, die er mit der Mutter teilt. Sie macht ihn anfällig für ‚Eindrücke’, die sich weniger empfindsamen Gemütern nicht oder nur wenig ‚aufdrängen’. Eine solche Beeindruckbarkeit gehört, psychologisch gesprochen, zur hysterischen Thematik in der Persönlichkeitsentwicklung. Unsere Phantasie kann uns größer, schöner und klüger machen, als wir in der zwischenmenschlichen Realität einlösen könnten. Hierin liegt die ungeheure Überlegenheit des menschlichen Bewusstseins gegenüber dem des Tieres. Wir können auch das Noch-nicht-Existente wie eine Realität behandeln. Hierin liegt das Geheimnis, mit dem der Mensch seine ihm gemäße Lebenswelt sich selbst geschaffen hat. Aber es liegt auch das Unglück darin begründet, dass menschliche Phantasie uns von den Mitmenschen entfernen kann, dass uns die Welt und die anderen fremd werden.
Per Imagination schaffen wir Verbindung mit den anderen; aber in bedrohlichen Situationen sorgt dieselbe Phantasie dafür, dass die anderen und manchmal die ganze Welt gewissermaßen von uns abrückt; wir fühlen uns dann getrennt. Mit der ‚Geschichte vom Zahnarzt‘ verbindet sich für Martin die Erfahrung, dass nicht nur die Eltern unvermittelt als getrennt in Erscheinung treten können; auch er selbst erlebt seitdem Momente, in denen er sich als getrennt und anders als die anderen wahrnimmt. Das macht ihn jedes mal unsicher und schwach. Ihm fallen dann seine abstehenden Ohren ein. Sie werden wie närrisch immer größer und schwerer. – Ein solches Empfinden wird wie eine sichere Erkenntnis aufgefasst: In solchen Situationen ist uns nicht so, als ob unsere Ohren wüchsen, für Martin wuchsen sie dann tatsächlich.
Als empirischer ‚Beweis’ seines grundlegenden Anders-Seins fällt ihm sofort ein, dass sein Bruder natürlich keine abstehenden Ohren hat. Der Bruder scheint ihm in allem besser zu sein: Er ist der gute und vollkommene Sohn, der die Gesetze und Regeln kennt und der immer weiß, was richtig und was falsch ist, wann man sich entschuldigen muss und wofür. Ben hat auch keine Geheimnisse, erzählt keine erfundenen Geschichten, er vergisst auch nichts. Im Vergleich zu ihm fühlt sich Martin sehr schnell schlimm, verworfen, sündig. Dann tut er so, als jucke es ihn, damit er auf diese Weise die Ohren an seinen Kopf pressen kann.
Zwischen Martin und den anderen steht also ein neuartiges Empfinden. Für ihn ist dieses Gefühl der Getrenntheit zwiespältig. Wenn er hineingerät, kann es ihn schwach und unentschlossen machen. Oft versetzt es ihn regelrecht in Angst und Schrecken. Es gibt aber auch Momente, in denen ihn der Abstand von der Mutter stark, frei und ganz ruhig macht. Er ist dann von sich selbst und der neuen Welt mit ihren unbekannten Möglichkeiten wie berauscht: Das ist die positive Seite der hysterischen Züge in Martins Person: Seine lebhafte Phantasie erschließt Lebensräume, die nüchternen Seelen verschlossen bleiben.
Dieser geheimnisvoll lockende Lebensraum scheint von der Welt repräsentiert zu sein, in der sich Martins Vater bewegt. Seine Gestalt ist bisher nur indirekt sichtbar geworden: Ein kleiner Geschäftsmann, dem die Familie den gehobenen Lebenszuschnitt verdankt. Allerdings fehlt ihm einiges vom Prestige des Zahnarztes, dem wir in Martins Kindheitserinnerung begegneten. Wir erfahren durch die Mutter, warum der Großvater ihm als Schwiegersohn den Segen verweigert hatte: Er war damals erst Student und konnte also eine Familie noch nicht ernähren. Für die Tochter galt offenbar sein Wort als bindend. Sie heiratete schließlich Martins Vater, den Sohn von Einwanderern, der nie eine Schule besucht hatte und schon als Sechsjähriger Geld verdienen musste. Wir erleben ihn als warmherzigen und großzügigen Mann, dabei auch gutmütig und einfühlsam. Dass er klug ist und Charakterstärke besitzt, verrät sein Humor.
Wenn die Mutter Martin von ihrem Studenten erzählte: ich hätte ihn geheiratet, kannst du dir das vorstellen! ... Oh, die Bücher, die er immer mitbrachte, dann brachte das den Jungen in errötendeVerlegenheit, weil er es als Verrat am Vater empfand. Indirekt deutet sich in dieser Szene zudem an, dass sie mit ihrem Ehemann eine „Überlegenheitswahl“ getroffen hatte. Für diese Überlegung spricht eine gewisse Selbstunsicherheit von Martins Vater; er tritt nicht übermäßig ‚männlich’ auf. Wenn er von seiner Frau mit ihren ‚Spitzen‘ in Verlegenheit gebracht wird, errötet er leicht, lässt sie dann aber mit seiner Gutmütigkeit und seinem Humor ins Leere laufen.
Im Umgang mit ihr mochte das eine brauchbare Taktik sein, für seine Kinder ist diese Indifferenz nicht unproblematisch. Dem ältesten Sohn Ben gestattet es, sich in der Familie als supermoralische Instanz aufzuspielen. Sein Vater durchschaut das zwar, nimmt es aber gelassen hin, um es ihm an anderer Stelle heimzuzahlen. Als Ben sich demonstrativ in Tränen aufgelöst ins Bad einschließt, um damit kund zu tun, wie sehr ihm die Kränkungen der Mutter durch Martin zu schaffen machen, lässt er den Ältesten seinen Spott fühlen: Was hast du hier zu heulen? – Was gibst du’s ihr nicht schriftlich, dass du ins Badezimmer gehst? Du hättest überfahren werden können. Schließlich ist hier `ne Menge Verkehr im Haus. Es wimmelt hier von Lastwagen.
Für solch sublime Selbstbehauptung Martin wenig Verständnis und sehnt sich stattdessen nach einem Machtwort, mit dem der Vater seine Autorität unter Beweis stellen würde. In diesem Zusammenhang ist aufschlussreich, dass der Junge, der noch nie vom Vater geschlagen wurde, mehrfach mit der Phantasie vom riesigen und unverrückbaren Vater spielt, von einem Mann, dessen Autorität den Frieden und die moralische Ordnung wiederherstellen soll. Im Text heißt es:
Jetzt, jetzt würde er den Gürtel abnehmen und ihn verprügeln! … und dann würden die Gedanken an den Zahnarzt aus seinem Kopf verschwinden. Oh ja, das würde mit Papas wütendem Aufbrüllen ein für alle Mal vertrieben werden. Und dann würde sich Papa umwenden und Mama gegen die Wand werfen, und sie würde es nie wieder wagen, ihn Papa belehren zu lassen.
Martin leidet für einen Vater, der sich von den kritischen Spitzen seiner Frau, die gewöhnlich dessen Analphabetentum betrafen, scheinbar nicht verletzen ließ. Sie musste offenbar in der Familie die dominantere Position innehaben, zumal sich Ben immer auf ihre Seite schlug.
Eingangs hatten wir Martins wachsende innere Unruhe damit in Verbindung gebracht, dass er sich aus der engen Bindung an die Mutter lösen möchte. Als Hintergrund wurde die Rolle von Vater und Bruder, also eine Familiendynamik sichtbar. Im Laufe der Zeit tat sich eine weitere Dimension auf: Mit dem Ehemann und dem unerklärlichen Rätsel um den Zahnarzt kam die außerfamiliäre Welt mit ins Spiel. Auf diese fremde Sphäre mit ihren Geheimnissen ist offenbar die gespannte Aufmerksamkeit des Fünfjährigen gerichtet. Auch die mütterliche Welt hat ihre mysteriösen Heimlichkeiten, die Martin zuvor intensiv auszuforschen versucht hatte: Frauenröcke und Haarnadeln, wo man sie nicht erwartet hätte. Was diese eigentümlich dunkel-warme Sphäre im Leben der Erwachsenen bedeutete, verstand Martin nicht; aber in der Rolle des Mitwissers dieser Geheimnisse hatte er das Herz der Mutter erobert. Zugleich lag darin auch der Neid und das Unverständnis des älteren Bruders begründet. Es steht für Martin also einiges auf dem Spiel.
Worin zeigt sich nun die väterliche Welt? Schon in unserer allerersten Begegnung mit Martin am Meer waren ihre Vertreter anwesend. Es gab also einen Gott, dessen Gebote maßgebend waren. Martin durfte mit in die Synagoge; doch es interessierte niemanden, ob er dort bis zum Ende des bedeutungsschwangeren Rituals blieb oder sich einfach verdrückte. Ben hingegen gehörte schon zu den Männern in ihren steifen, schwarzen Anzügen. Sie waren dadurch ausgezeichnet, dass sie hier ihren geheimnisvollen Umgang mit Gott hatten. Wie diese Männer wollte auch Martin am Jom-Kippur-Tag bis Sonnenuntergang nichts essen dürfen, um den Geboten gerecht zu werden. Sie standen für eine Ordnung, die so groß und so wichtig war, dass sich ihr sogar Männer, die ja sonst alles durften, vor ihr beugten.
Ohne diesen weltanschaulichen Hintergrund unterschlägt man den eigentlichen Umfang und die kulturelle Bedeutung des Ablösekonflikts, den Martin zu bewältigen hat. Was anfänglich ein bloß psychodynamisches Geschehen im Kräftefeld von „Kleinheitsgefühl“ und „Geltungsstreben“ zu sein schien, zeigt sich jetzt in Dimensionen gewissermaßen oberhalb der Psychologie.
Mit diesem Oben muss nicht notwendig von einem allmächtigen Gott die Rede sein. Gemeint ist die geistige Tradition, nach deren Maßstäben wir Menschen unserer Leben Sinn und Wert zuteilen. Zur ideellen Sphäre, in die Martin hineinwachsen will, gehört die weltanschauliche Gewohnheit, dass der Mann nun einmal als der irdische Vertreter des Allmächtigen das Machtwort zu sprechen hat. Bevor Martins Vater das Ersehnte endlich tun wird, soll das Geschehen umrissen werden, das jetzt auf den Höhepunkt der Krise zutreibt.
Wir kommen zur Konfliktszenerie. Sie ist kompliziert, weil der grundlegende Antagonismus nicht zwischen Martin und der Mutter besteht, sondern zwischen den Eltern. Dies zeigt sich in der immer brisanter werdenden Dyade von Mutter und Sohn: Es ist Nachmittag. Martin, der von seiner Mutter immer wieder bedrängt wird, versucht sich ihr zu entziehen. Seine Phantasie ist bei den heroisch fastenden Männern: Während sein Vater und sein Bruder festlich gekleidet in der Synagoge standen und mit ausgetrockneten Lippen zu Gott beteten, gelb vor Hunger, bietet die Mutter ihm ein Glas Milch an, dann ein Marmeladenbrot; schließlich soll er auch noch den kratzenden Tweed-Anzug gegen lockere Shorts tauschen! Tränen steigen in ihm auf und Martin bekommt Lust, ihr zu sagen, sie sollte sich mal trauen, Papa und Ben vorzuschlagen, Shorts anzuziehen! Demonstrativ klettert er auf einen Stuhl am Wohnzimmertisch, wo er nie zuvor allein gesessen hat. Wieder durchbricht die Mutter den hergestellten Abstand, indem sie mit betonter Sorge fragt, ob er sich nicht wohlfühle, und ihm dabei die Hand auf die Stirn legt. Martin stößt die Hand weg und spürt, wie sich ihm Furcht wie ein Glassplitter in seinen Magen bohrt. Als er sich ihr nach draußen entziehen möchte, hält sie ihn fest. Dass sie so respektlos an seinem Anzug zerrte, den er so sorgsam trug, empfand er als eine Kränkung, und wütend schlug er mit seiner ganzen Kraft auf ihren Arm. – Da die Mutter nicht versteht, spitzt sich die Szene rasch zu: „Papa wird dir ‚ne Tracht Prügel verpassen!“ schrie sie, Tränen in den Augen. Papa! Sie wollte es Papa sagen! Seine Verachtung schob ihr verzerrtes, schreiendes Gesicht meilenweit von sich und er spürte, wie sich eine ruhige, lichte Straße vor ihm auftat. Sein Kinn zitterte, die schwarzen Augen hasserfüllt, schrie er: „Ich brauch Dich nicht mehr!“
Wir übergehen hier die Zeit zwischen diesem Vorfall am Vormittag des jüdischen Versöhnungsfestes bis zum fröhlichen Feiertagsmahl, mit dem abends die Fastenzeit endet. Die Stimmung aller Familienmitglieder ist denkbar unversöhnt, dennoch sitzt man gemeinsam am festlich gedeckten Tisch. Der Frieden währt natürlich nur kurz. Martin besteht darauf, seinen glitschigen Matze-Kloß auf seinem Suppenteller selbst zerteilen: „Ich kann das alleine!“ Als sich dann die Hand der Mutter der seinen nähert: „drückt er mit aller Kraft und seinem ganzen Zorn den Löffel herunter, sammelt all seine mystischen Kräfte, um dem Kloß zu befehlen, stillzuhalten und zu gehorchen, wie er das für Papa und Ben tut“. – Der Kloß schießt schließlich im hohen Bogen vom Teller und die heiße Suppe ergießt sich über Martins Tweedhose.
Zum Höhepunkt der Familiendramatik kommt es einige Zeit später. Die Spannung hat sich auf die Eltern verlagert. Der Vater gerät ins Schussfeld, nachdem die Mutter angesichts des verzweifelt-verwirrten Martin wieder Hoffnung schöpft, doch noch ihren Jüngsten an sich zu binden. Sie ist ihm gegenüber wieder versöhnlich gestimmt und umschmeichelt ihn. Martin wehrt sie gequält ab. Er kann es nicht ertragen, wenn sie seine Erzählkünste hervorhebt und ihn so gegen den Vater ausspielt. Martin nimmt hier sehr genau wahr, dass im Stolz der Mutter eine Herabsetzung des Analphabeten-Vaters mitschwingt.
Der Junge macht einen letzten Versuch, die Mutter vom Thema abzubringen, mit dem er sich geradezu ins Zentrum des Ehekonflikts befördert. Er beginnt nämlich unvermittelt vor beiden das Wort „Strand“ zu buchstabieren. Schon nach den ersten Buchstaben bemerkt er, was er gerade anzurichten dabei war: „Er sah jetzt seinen Vater an, sein warmes, großzügiges Lächeln, seinen ganz und gar selbstlosen Blick – und er wusste in dem Augenblick, dass sein Vater „Strand“ nicht buchstabieren konnte. Er und Ben und Mama konnten es. Und in ihm brannte die Scham, dass er ihn verriet… Wie konnte er es wagen, Papa zu belehren! Sie musste still sein, oder etwas Schreckliches würde auf sie alle herabstürzen.
Martin versucht noch, sich herauszuwinden, gerät aber in blinde Wut, als Ben meint, ihm das Wort vorbuchstabieren zu müssen. Martin erträgt die Situation nicht weiter, reißt das Tischtuch mit dem ganzen Geschirr vom Tisch, tritt um sich und ist durch nichts mehr zu halten. Alles war rot, … aber er war seltsam frei, von sich selbst erfüllt … Gleich würde er, das wusste er genau, aus der Haustür laufen, die Straße hinunter, und nie mehr zurückkommen … Nein, im bärtigen Meer würde er schwimmen, dort, wohin er gehörte.
Diesmal hat die Mutter, die mit ihrem Versuch, einen Schritt auf Martin zuzugehen, den Bogen überspannt. Mit der ganzen Wucht seiner Wut will er sie zurückweisen, aber die Worte „Ich brauch dich nicht mehr!“ bleiben ihm jetzt buchstäblich wie ein Kloß in der Kehle stecken.
Mit diesem, früher sagte man, hysterischen Anfall erzwingt Martin die Konfliktlösung. Der Vater überwindet endlich seine gutmütige Zurückhaltung und übernimmt nun die offene Verteidigung des Sohnes. Martin hat man auf sein Bett gelegt. Als er langsam zu sich kommt, sieht er nicht die Mutter, sondern den Vater neben sich am Bett sitzen. Und er erlebt, wie der Zorn des Vaters für ihn endgültig den Abstand zur Mutter herstellt. Mit einem brüllenden „Gottverdammtnochmal! Wann willst du ihn endlich in Ruhe lassen!“ fährt er in ihre Zärtlichkeit hinein, mit der sie Martin im Moment seines Wieder-Sprechen-Könnens überschütten will. „… du machst ihn noch verrückt! So geht das nicht. Du bringst dich um und uns auch … So kann man einen Jungen nicht behandeln.“ Endlich ist sein Vater so unverrückbar fest und streng, wie Martin es immer ersehnt hatte.
Jetzt erst bewährt sich der Vater als standhafter Vertreter der Welt, in die sein Sohn hinein strebt: Er verbannt die Mutter aus dem Zimmer und verwehrt ihr selbst sogar den Gute-Nacht-Kuss. Aber gleichzeitig solidarisiert er sich auch mit seiner Frau. Martin mahnt er mit derselben Strenge, nun mit der Mutter Frieden zu schließen: „Von jetzt an keine Tricks mehr, hörst du? Und gehorch ihr, wenn sie was sagt“. Damit ist die neue Konstellation in der Familie besiegelt.
Und Martin hat seine erste große Prüfung bestanden. Bei Arthur Miller heißt es, er habe sich ein neues Empfinden für seine eigene Ehrlichkeit erkämpft. Damit ist für ihn der Weg zur Selbstständigkeit geöffnet, sein Selbstsein-Können hat im durchgestandenen Kampf ein solides Fundament erhalten. Er hat erfahren, dass es schmerzliche Konflikte in den Beziehungen gibt, Geheimnisse, die trennen, Falsches, das verwirrt. Und er hat erlebt, dass man solche Krisen gemeinsam durchstehen kann. Man kann die Unabhängigkeit, aber auch das Glück der Verbundenheit dem Dunklen und Unguten, das es immer auch gibt, abringen.
Was jedoch in unserer Interpretation noch nicht hinreichend geklärt ist, das ist die Frage nach den Bedingungen, die gegeben sein mussten, um im Falle Martins die eigentümliche Beharrlichkeit aufzubringen, sich nicht auf die faulen Kompromisse einzulassen. Angebote hierzu von Seiten der Mutter und des Bruders gab es genug. Woher also nahm Martin die Kraft, seine Sicht auf die Dinge nicht um des lieben Friedens Willen aufzugeben?
Welches Gefühl und welche Idee sprach aus seinem Vorhaben, im bärtigen Meer würde er schwimmen, dort, wohin er gehörte?
Es mag manchem Leser so vorgekommen sein, in unseren Betrachtungen werde ein Loblied auf den Mann im Patriarchat angestimmt. In gewisser Weise ist das richtig gehört. Wenn man beim Thema „Männlichkeit“ den Wahn einer Überlegenheit und die patriarchalische Ideologie überhaupt weglässt, dann geht es uns um die Problematisierung der männlichen und der weiblichen Rolle in der Kultur. Mit diesen Attributen zielen wir nicht auf irgendeine Biologisierung der Begriffe.
In Martins Geschichte zeigte sich ein Aspekt von Mütterlichkeit in der eigentümlich zäh-elastischen Form wechselseitiger Abhängigkeit. Für Kleinkinder ist eine solche symbiotische Einheit lebensnotwendig. Sie hilft dem Mängelwesen Säugling über die ersten Hürden, damit es in die ihm fremde Menschenkultur hineinwachsen kann. Doch diese Einheit im „Wir“ ist nur ein kurzes paradiesisches Stadium, das seine lebenslangen Spuren in einer Verschmelzungssehnsucht hinterlässt. Bei Martin konnten wir diese schönen Reminiszenzen der Mutter-Kind-Dyade in ihrer gemeinsamen Liebe zur menschlichen Sprache entdecken.
Doch die Worte sind mehr und anderes als nur Medium des Austausches von Zärtlichkeit. Gelehrt werden sie in der Regel von der Mutter. Die Sprache selbst ist ein von der Kultur gestiftetes Werkzeug, das allen gehört, alle verbindet und ihnen den Eintritt in die Welt erst eröffnet. Wer die Sprache als welterschließendes Werkzeug nutzen will, muss sich dazu ihren inneren Gesetzen unterwerfen. Martin hat das in der ihn tragenden Beziehung mit der Mutter gelernt, die ihm größte Freizügigkeit in dieser Hinsicht ließ.
Sein Vater ging dem Beruf nach und mischte sich in diese Entwicklung nicht ein. Aus seinem Herkunftsmilieu trug er die Hochschätzung des Wortes in sich, denn das „Gesetz“ der jüdischen Gemeinschaft war sogar schriftlich niedergelegt, so dass es ewige Gültigkeit beanspruchen konnte. Der Geist dieses Gesetzes sprach eine Form des menschlichen Zusammenlebens heilig, die bis in die letzten Kleinigkeiten das alltägliche Leben bestimmte. Wer an ihr teilhaben wollte, musste diese Regeln nach Kräften zu den seinen machen.
Martins Mutter wurde in dieser patriarchalischen Kultur nur ein eingeschränkter Wirkungsraum zugestanden. Man versteht deshalb gut, warum sie ihren Jüngsten nicht verlieren wollte. Seine Erzählkünste eröffneten ihr die Teilhabe an einer Welt, von der sie als Frau durch die Konventionen ausgeschlossen war. Doch sie hatte ihn nicht so sehr an sich gebunden, dass hierdurch der Weg zum Vater versperrt gewesen wäre.
Die Identifikation Martins mit ihm ist augenfällig. Beim Essen z.B., sein Kinn knapp über dem Rand des Tellers, schlürft er die Suppe mit dem gleichen leisen Geräusch wie sein Vater, und nach jedem Schluck schnieft er genau wie er. – Martin wird vom Vater in seinem Bemühen um das Erwachsenwerden humorvoll unterstützt. Das väterliche Okay, sei ein Mann! wirkt auf ihn ungemein bestärkend; und noch mehr die Bestätigung seiner Klugheit als der Professor, der in der dritten Klasse `ne Sekretärin bekommt. Zur Mutter hört Martin den Vater sagen: „Du musst ihn in Ruhe lassen … Er ist praktisch Professor! – Ein Mann hat das Recht, seine Klöße selbst durchzuschneiden, besonders `n Professor mit’m Füller.“
Diese Identifizierung mit dem Vater umfasst nicht nur dessen Person, sondern eine ganze Welt, die wir als ‚männliche’ oder ‚väterliche’ apostrophiert haben. Wenn Martin an den Vater, die Schule oder die Synagoge denkt, dann erscheinen hinter seinem Papa andere Männer, die sich um ihn sorgen und irgendwie etwas von ihm erwarten und zufrieden sind, wenn ihre Rechtschaffenheit und Tapferkeit in ihm erneuert wurden. In diese Welt mit ihren bedeutsamen Traditionen, Anforderungen, Geboten und Verboten sehnte er sich, endlich aufgenommen zu werden. Martin will zu den Erwachsenen gehören, er will auch dem Fastengebot folgen. In der Phantasie übt er seinen Spannungsbogen, um auf die kommende Realität vorbereitet zu sein:
Aber jetzt, wie er so dasaß und auf den Ozean starrte und seinem donnernden Brüllen zuhörte, hatte er nur den einen Wunsch, dass sein Vater oder sein Bruder ihm ausdrücklich verboten hätten, überhaupt etwas zu essen. Er hätte es geschafft. Seite an Seite mit seinem großen Vater und seinem guten Bruder hätte er den ganzen Tag sogar ohne Wasser hinter sich gebracht. … Er wischte sich den Sand von den Schuhspitzen, um ganz vollkommen auszusehen. Aber kurz darauf kehrte eine gewisse Unruhe zurück; allein konnte er an nichts glauben.
Eine Variante von Martins Vateridentifizierung ist Gott. Mit Hilfe dieser großartigen Phantasiegestalt kann er das durchdenken, durcharbeiten und überhöhen, was ihn beunruhigt und umtreibt, was er sich wünscht und ersehnt. Das kommt der Entwicklung seiner geistigen und emotionalen Fähigkeiten zugute. – Am Jom-Kippur-Tag verbindet er Gott mit dem aufgewühlten Meer und gibt ihm gewaltige Dimensionen. Er genießt es, sich auf diese Weise in Furcht und Ekstase zu versetzen. Wie hoch sich Martin selbst hierbei ansetzt, verrät er uns mit der Vorstellung, wie er, vor dem Ertrinken gerade noch gerettet, zu sich kommt und seine Lippen bewegt:
… und alle würden aufseufzen. „Er will etwas sagen“, würden sie ausrufen. Und er würde die Augen aufschlagen und sagen: „Ich bin am Ozean spazieren gegangen. Ich habe eine Welle gesehen und in der Welle den Bart. Er war so lang wie ein ganzer Häuserblock. Ganz grau. Und dann hab ich das Gesicht gesehen. Die Augen waren blau … und die Stimme war ganz, ganz tief, als ob die Wale auf dem Meeresgrund posaunten. Es ist Gott.“ Sein Bruder Ben dagegen, angewidert von seinen Lügen, würde fragen, „Wie kann es Gott sein?“ und er würde erwidern: „Weil er mich geküsst hat.“
Sind diese Proben von Martins Einbildungskraft nun Zeichen einer maßlosen Selbstüberschätzung? Ihre Tendenz, die eigene Bedeutung zu erhöhen, – hier als geistiges Ausstechen des älteren Bruders als dem Rivalen – ist unübersehbar. Andererseits ist dieser kleine Junge in bedeutsamer Hinsicht seinen nächsten Angehörigen wirklich überlegen. Wir konnten immer wieder beobachten, mit welcher emotionalen Hellsichtigkeit der Bursche etwas sah, was den Beteiligten verborgen blieb. Martin erkannte, welche Sprengkraft in den Verliebtheits-Reminiszenzen der Mutter dem Zahnarzt gegenüber lag. Und auch am bewunderten großen Bruder erkennt Martin intuitiv, dass dessen vermeintliche Moral keine ethische Haltung bedeutet, sondern Konformismus des übersozialisierten Ältesten. Ben übernahm ungeprüft, was die Eltern sagten, was Schule und Synagoge für wahr hielten. Sein unangepasster Vater irritiert ihn und Martins Eigensinn bringt ihn aus der Fassung.
Bens Verhältnis zum Vater ist nicht viel mehr als nur die imitierende Übernahme der väterlichen Attitüden und die zwanghafte Befolgung der religiösen Rituale. Martin hingegen nimmt deren Gehalte ernst. Noch kann er sich von der affektiven Nähe zu den Familienmitgliedern nicht ganz lösen, denn es steht ein großes Lernpensum vor ihm. Doch sein Festhalten-Können an dem, was er erlebt hat, auch wenn es nicht bestätigt oder gebilligt wird, das allein zeigt einen ungeheuren Mut zur Wahrhaftigkeit.
Martin nimmt wahr, dass diese von ihm so geliebten Erwachsenen von vielem, was er beobachtet und fühlt, nichts wirklich wissen wollen. Sie ziehen ihre Leichtgläubigkeit der Erkenntnis vor. Aus unerfindlichen Gründen wehren sie sich geradezu gegen das für Martin Offen-Sichtliche. Aus dieser Einsicht zieht er einen eigentümlich erwachsenen Schluss. Seine intuitive Antwort auf die Fragilität der Familienrealität und der zwischenmenschlichen Beziehungen ist das Bild vom Schäfer mit der Hirtenflöte. Weil sich die Eltern so merkwürdig unwissend verhalten, muss er ihnen gegenüber die Rolle des beschützenden Hirten übernehmen, der sie vor dem unkontrollierten Kontakt mit dieser bedrohlichen Realität bewahrt. Das ist offensichtlich eine Größenphantasie, aber zugleich etwas weitaus Bedeutsameres. Mit diesem Bild bahnt sich der fünfjährige Knabe den Weg in die künftige Existenz des engagierten Intellektuellen und des Schriftstellers.
Von Martin Heidegger, dem um einiges älteren philosophischen Zeitgenossen Arthur Millers, stammt die schöne Wendung, mit der er die Bedeutung der Sprache im Menschenleben sinnfällig macht. Bei ihm heißt es, wir Menschen wohnten in der Sprache. Weil diese das „Haus des Seins“ sei, stelle das an uns die Anforderung, das kostbare Erbe von Generation zu Generation weiterzureichen. Diesem hohen Anspruch dürften nur wenige von uns genügen. Heidegger sah in den Dichtern und Denkern diejenigen, die sich in der gemeinten Weise von dem Wunder der Sprache erfassen lassen.
Von einem solchen Verständnis der Dichtkunst sind wir heute meilenweit entfernt. Unsere kleine Geschichte jedoch wurde in eben diesem Sinne von uns gedeutet. Wir betrachten Martins Hirtenphantasie als intuitives Erfassen der überpersönlichen Aufgabe, mit der wir zum aktiven Träger der Kultur werden sollen. Für die Rolle des Schriftstellers hieße dies, dass er die bedrückenden Lebensprobleme der Menschheit so in Dichtung verwandelt, dass sie uns Menschen zugänglich werden.
Und damit kehrt zuletzt unsere Interpretation zum Ausgangspunkt zurück: Uns Lesern hatte Arthur Miller abverlangt, dass wir unser Noch-nicht-Verstehen über lange Zeit ertragen sollten. Diese Gegenleistung ist offenbar der Preis, den wir für das Glück der Erkenntnis zu entrichten haben. Was in unserem Verstehens-Versuch beschrieben wurde, entspricht der Situation in einer Psychotherapie. Als Therapeuten müssen wir nicht bloß die engere Welt unserer Patienten erfassen. Heilsam wird dieses Verstehen dann, wenn wir gemeinsam mit dem Mittel der Sprache den Weg in die Welt jenseits der Familie bahnen. Insofern erfordern verstehendes Lesen und der therapeutische Dialog von uns Akte der Großherzigkeit.
Literatur:
Miller, A. Lasst sie bitte leben. Short Stories Ffm. 1988
Ders. Zeitkurven: Ein Leben Ffm. 1987