
Homers Odyssé – Die Entdeckung der Erziehungsbedürftikeit
Die Entdeckung der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
Homers Odyssee (8. Jhdt. v. Chr.)
Von Homer, dem Dichter der Odyssee, heißt es, er sei es gewesen, der den Hellenen ihre Götterwelt gegeben habe. Nun ist es heute unumstritten, dass Gottheiten so etwas wie eine kollektive Erfindung sind. In frühen Zeiten einer Kultur hervorgebracht, gehören sie zum lebendigen Bestand einer mythologischen Weltanschauung, die von Generation zu Generation weitergelebt, weitererzählt und so unmerklich auch weiterentwickelt wird. Wenn irgendwann das Erzählte schriftlich festgehalten ist, kommt eine neue Dynamik in diesen Prozess; denn das geschriebene Wort legt der Phantasie Zügel an. Was in Schrift verwandelt wurde, steht von nun an dem Leser objektiviert gegenüber. Die Schriftsprache bringt ein Moment intellektueller Disziplinierung in die Welt. Sie bindet den Schreiber an eine Vernunft, die allen Menschen gemeinsam ist. Diese Vernunft wird neben dem Mythos zum zweiten Band, das die Einzelnen mit der Gemeinschaft verknüpft. Dem Schreibenden, insbesondre wenn er als Dichter virtuos über Sprache verfügt, verleiht das eine Breiten- und Tiefenwirkung, die den kulturellen Wandlungsprozesses maßgeblich mitbestimmt.
Homer ist einer von den Erneuerern des Menschengeschlechts, indem er neue Dimensionen und Sinngehalte eröffnete. Auf seine Worte hörten spätere Dichter.
... Aus seinen Reimen spricht bis heute eine Stimme, von der auch wir noch unmittelbar berührt werden. In die uns ungewohnte Form kunstvoller „Hexameter“ gegossen, bekam die Odyssee ihre endgültige Gestalt. Hier begegnet uns die untergegangene antike Welt heute noch so, als sei sie auf ewig lebendig. Darin dürfte eine Erklärung dafür liegen, wie ein einzelner Schriftsteller nicht nur die Weltsicht seiner Zeitgenossen prägen konnte, sondern bis heute Maßstäbe für die Wege der Kultur setzte.
Warum heben wir hierbei die Rolle der Götterwelt für die Kulturentwicklung hervor? – Die Erfindung der Götter war ein ungemein bedeutsamer Schritt des frühen Menschen. Mit ihnen entdeckte er ein neuartiges Orientierungssystem. Seine Aufmerksamkeit wendet sich von den Erdgeistern weg, neuen und höheren Gottheiten zu. Er wird nun zum Wesen des Fernblicks. Zu Homers Lebzeiten im 7. vorchristlichen Jahrhundert verfügten die verschiedenen Griechenstämme über ihre je eigene Mixtur an Gottheiten, Naturgöttern und menschenähnlichen Wesen in olympischer Höhe.
Es war die poetische Hoheit dieses Dichters, der wie ein Herrscher im Reiche des Geistes darüber entschied, welcher von den wegweisenden Ratgebern Anspruch auf ein ewiges Leben haben sollte. Nur die ihm gefälligen Götterwesen übernahm Homer in seine Epen und gewährte ihnen so eine zeitüberdauernde Existenz; dazu mussten sie jedoch über einen Mindeststandard an Kulturfähigkeit verfügen. Dieser beherzte Eingriff in die überlieferte mythologische Ober- und Unterwelt, ihre Entrümpelung und Neuordnung, kann als ein wesentlicher Bestandteil von Homers literarischem Anliegen betrachtet werden.
Insofern lässt sich die kulturgeschichtliche Bedeutung Homers kaum hoch genug ansetzen. Erst ein Jahrhundert nach ihm traten neben den Dichter nun auch Philosophen, die sich die Frage nach dem Wesen von Göttern und Menschen stellten. Karl Jaspers nannte jene entscheidende Phase der Menschheitsentwicklung die „Achsenzeit“ (1949). Es ging ihm dabei um das erstaunliche Phänomen, dass in räumlich so weit auseinanderliegenden Regionen wie China, Indien, Persien und Griechenland beinahe zeitgleich ein Prozess des Innewerdens eines geistigen Seins im Menschenleben einsetzte. Es begann sich in diesen Völkergruppen erstmals das zu regen, was wir heute als Selbstbewusstsein bezeichnen. Was wir heute als einen selbstverständlichen Anteil unseres Wesens zu empfinden gewohnt sind, begann damals als geistige Selbstentdeckungsreise. Dadurch verwandelte sich das Menschentier in ein Wesen, das auf seine Welt zu schauen lernte.
Homer gehört zu den großen Entdeckern des Menschengeistes, die ihr Erstaunen über die sich ihnen zeigende neue Welt in Literatur verwandeln. Wer die Odyssee liest, der spürt, dass es dem Verfasser um das Bild von einem Menschen geht, der sich aus der alles durchdringenden Macht des Mythos zu lösen beginnt. Mit dem einhergehenden Verlust an Sicherheit eröffnen sich ihm neue Spielräume. Die Vernunft wird nun das zweite Organ seiner Orientierung. Noch erkennt er diese nicht als Teil seines eigenen Wesens. Dem Menschen der Antike erscheint die Vernunft in den Göttern, durch deren Mund sie zu ihm spricht; im Dialog mit ihnen erschloss er sich die Welt und gleichzeitig sich selber neu.
Wir schließen uns deshalb der These an, dass mit Homer ein erstes Aufklärungszeitalter der Menschheit einsetzt, das bis in unsere Zeit fortwirkt. Es dürfte kaum übertrieben sein, in Homer den Dichter zu sehen, der einer neuartigen Menschheit die Wege ihrer Selbstentdeckung wies. Dabei stieß er auf die kulturbestimmende Bedeutung, die der Erziehungsfrage auf den verschlungenen Wegen zum Verstehen des eigenen Wesens zukommen muss. Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert verstand man unter Erziehung noch die Belehrung der Fürstensöhne über ihre künftige Herrscherrolle. Homer entdeckte in der Pädagogik die kulturtherapeutische Dimension. Er ahnte, dass das ganze Menschengeschlecht erziehungsbedürftig ist. In diesen Dienst stellte der als Dichter die eigenen poetischen Kräfte. Seine Kunstfertigkeit sollte das aristokratische Publikum nicht einfach nur erfreuen, sondern auch diejenigen über ihre soziale Verantwortung belehren, die Macht über andere besaßen.
Deshalb werden wir im Folgenden die Odyssee – hierbei insbesondere die Entwicklungsgeschichte des Telemach – sehr konkret vor einem pädagogischen und zugleich kulturanalytischen Horizont beleuchten. Schon die Irrfahrten des Odysseus waren eine erzieherische Maßnahme der Götter: Der Kampf um Troja bedrohte die politische Ordnung in den griechischen Städten. Mit Bedacht teilte Homer dem erfindungsreichen Odysseus die bestimmende Rolle in seinem Epos zu: Mit eigentümlicher Klugheit hebt er sich von den Mitstreitern ab; er ist ihnen allen an Klugheit überlegen. Dennoch kann er sich in der Gemeinschaft mit seinen aristokratischen Kollegen dem Drang zum Heldentum nicht entziehen. Erst auf seinen Irrfahrten reift der Listenreiche und Neugierige zu dem Einzelnen heran, der für sich Verantwortung zu übernehmen lernt. Sein Ehrentitel des herrlichen Dulders sagt viel darüber aus, welche Hürden einem Menschen zum rechten Gebrauch der Vernunft im Weg liegen. Dazu musste Odysseus Nacherziehung erteilt werden, wohl nicht zufällig veranlasst durch den rachsüchtigen Meeresgott Poseidon. Den wütenden Urgewalten der Meere sollte Odysseus (griech.: der Zornige) ausgesetzt werden, um seine Seele zu retten. Durch diese harte Lektion lernt er Begierden und Affekte zu zügeln, um künftig der Aufgabe als Herrscher und Vater gerecht zu werden.
Wo in der Literatur das Schicksal eines Einzelmenschen in seiner Entwicklung oder auch in seiner Stagnation gezeigt wird, begegnet uns das Motiv der Reise. Bei Dante führt sie in die Unterwelt. Cervantes’ Don Quichotte reitet auf seinem dürren Klepper von Aventüre zu Aventüre. Auch Goethes Faust muss weite Wege einschlagen, um die Erde als Heimat anzunehmen. Spätere Sucher gehören nicht mehr den gehobenen oder den gebildeten Schichten an. Mit Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser, der Name verrät es, irrt ein Ewig-Getriebener durch die Welt. Bei James Joyce verwandeln sich die Irrfahrten seines Ulysses in den 24-stündigen inneren Monolog des Protagonisten; die Welt des kleinen Angestellten Leopold Bloom schrumpft auf den 16. Juni 1904, also auf das Maß eines einzigen Tages.
Beim verwegenen Draufgänger Odysseus ging die Reise bis an die Grenzen der damals bekannten Welt. Für seinen vaterlos aufgewachsenen Sohn Telemach, ist von Homer ein kürzeres Pensum an nachzuholender Welterfahrung vorgesehen. Auch für dessen Sinn- oder Selbstfindung ist die Lösung aus den gewohnten Bindungen unabdingbar. Hiervon erfahren wir in den ersten vier Gesängen der Odyssee. In ihrem Mittelpunkt steht die Figur des verständigen Jünglings Telemach, um dessen Geschichte des Erwachsen-Werdens es uns geht. Bevor er irgendwann die Nachfolge des Vaters antreten kann, bedarf es jedoch der Nacherziehung.
Zur Handlung selbst: Odysseus gilt nach dem Sieg über Troja seit Jahren als verschollen. Sein etwa 20jähriger Sohn sitzt tatenlos zu Hause am Königshof von Ithaka. Vom Alter her längst erwachsen, wäre es Telemachs Aufgabe, die immer unverfrorener um die Mutter buhlenden Freier zu vertreiben. Resigniert und überfordert schaut er stattdessen zu, wie die Aussicht auf sein Erbe und damit auch auf den ihm zustehenden Königstitel schwindet. Hatte die kluge Penelope bisher die Brautwerber mit einer heimlichen List hinhalten können, droht dieser Betrug nun offenbar zu werden. Vom eigenen Sohn ist keine Rettung zu erwarten; ohne sich zu beherzter Tat aufraffen zu können, gibt Telemach sich seinem Schicksal ängstlich und klagend hin.
In dieser Situation taucht die Göttin Pallas Athene auf. Als Schutzherrin von Odysseus hat sie die Gestalt des Mentes, seines väterlichen Freundes, angenommen. Und in dieser Rolle wird sie zum ‚Psychotherapeuten’ Telemachs. Von Mentes Person geht ein geheimnisvoller Einfluss aus, der im verzagten Knaben einen eigentümlichen Sinneswandel hervorruft: Telemach beherzigt nämlich die Aufforderung, er solle eine Adelsversammlung einberufen, um Gefährten zu gewinnen, mit denen er jenseits des heimatlichen Ithaka Gewissheit über das Schicksal des Vaters bekommen kann.
Diese Fahrt wird für Telemach zu einer Bildungsreise. Der Jüngling lernt die lange schon heimgekehrten Kriegsgefährten von Odysseus kennen, hört aus ihrem Munde von dessen ruhmvollen Heldentaten und erfährt schließlich vom vermuteten Aufenthalt des Verschollenen. Bereichert um Lebenserfahrung und Selbstvertrauen nach bestandener Bewährung, kehrt Telemach nach Ithaka zurück.
Eine weitere Rahmenhandlung wurde bisher noch nicht explizit in die Betrachtung einbezogen: Sie spielt auf den Höhen des Olymp. Dort nämlich hat die Versammlung der hellenischen Götter beschlossen, dass Odysseus im 10. Jahr seiner Irrfahrten endlich in die Heimat zurückkehren darf. Umgestimmt wurde die Götterschar von Pallas Athene, die den besorgten Hinweis gibt, dass andernfalls die aristokratische Ordnung Ithakas auf dem Spiel stünde. Dass die Königsmacht in den Händen des angestammten Herrschers zu bleiben hat, darüber ist unter den streitsüchtigen Göttern jederzeit Eintracht zu erzielen. Um das legitime Machtgefüge in Ithaka wieder herzustellen, sollen Vater und Sohn unverzüglich zusammengeführt werden. Mit listiger Vorbereitung, aber auch blutigem Gefecht werden die beiden den Königshof zurückerobern. Zu guter Letzt sind auch Odysseus und Penelope wieder vereint – Telemach ist erwachsen geworden und verfügt über die Tugenden eines künftigen Thronfolgers.
Die hier angedeutete Entwicklung vollzieht sich sichtbar vor unseren Augen, jedoch in Bezügen, die uns fremd anmuten. Wir sind es gewohnt, unser Handeln als von inneren Motiven und Antrieben beeinflusst zu sehen. Wo wir heute als Psychologen unbewusste Motive anerkennen, da sind bei Homer äußere Mächte tätig. Wo wir von psychischen Prozessen sprechen würden, berichtet er von den unsterblichen Gottheiten, die hier am Werke sind. Diese Götter ‚rufen’ – beinahe im wörtlichen Sinne – die Wandlung Telemachs hervor. Es ist Zeus’ himmlische Tochter Pallas Athene, die seine Sinnesänderung bewirkt. In der Beziehung zur Göttin löst sich der noch kindlich Gebliebene aus seinen Verstrickungen und wird der zu mutvoll-beseelter Tatkraft herangereifte junge Held. Auch wenn Homer und sein Protagonist selbst diesen Gesinnungswandel göttlichem Walten zuschreiben, können wir als Leser die Verwandlung ganz unmittelbar miterleben.
Wir enthalten uns der Festlegung, welche Kräfte nun wirklich ‚hinter’ alledem am Werke waren. Unser Blick richtet sich vorerst nur auf die Phänomene selbst. Wir beschreiben, was sich ereignet, bevor Telemachs Wandlung einsetzt, und berücksichtigen zugleich die Umstände, unter denen sie sich vollzieht. Wir halten uns an das, was sich uns als Kontext bei der Lektüre intuitiv erschließt. Zuvor aber soll das Geschehen so betrachtet werden, wie es den antiken Zuhören präsentiert wurde. Auch wir lassen unseren Blick auf die Phänomene von ihrem größten Dichter lenken.
Hierbei trifft der Leser der Odyssee ständig auf Götter, die sich in das Leben der Menschen einmischen. Doch dieser befremdende Umstand hält uns nicht davon ab, das so dargestellte menschliche Schicksal wie ein Gegenwärtiges mitzuerleben. In diesem eigentümlichen Berührt-Sein liegt vermutlich das Geheimnis jener überhistorischen Aktualität von Dichtung verborgen. Die Form des epischen Gedichts mag uns Heutigen zunächst fremd vorkommen. Doch ergreift den Leser eine feierliche Distanz, die offenbar vom klassischen Versmaß des Hexameters ausgeht. Diese Künstlichkeit hindert uns in keiner Weise daran, das Hoffen und Erleben seiner Akteure teilen zu können, auch wenn die blutrünstigen Formen ihres Heldentums nicht mehr die unseren sind.
Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass der homerische Mensch alles, was ihm zustößt, sein Tun und Lassen, sein Glück und sein Leid immer in einem Zusammenhang mit der Götterwelt auf dem Olymp betrachtet. Die hohen Herrschaften haben ihre unergründlichen Absichten mit den Irdischen, denen sie durch mahnende Vorzeichen Fingerzeige für ihr Handeln zukommen lassen. Gleichwohl diktieren diese Gottheiten den Menschen nicht, was nun richtig oder falsch sei; von ihren ethischen Einflussnahmen geht ein Sollen aus, das die Betroffenen nicht einfach zu ihren Marionetten macht.
Die Olympier kümmern sich fast ausschließlich um die Vertreter der herrschenden Klassen, also um ihre auf Erden nächsten Verwandten, die Aristokraten. Aristokratie bedeutet „Herrschaft der Besten“. Dieses Besser-Sein wird als Eigenschaft aufgefasst, die den aristoi per Geburt zukommt. Was diesen Besten recht erscheint, das hat für die davon betroffenen Untertanen absolute Geltung. Umgekehrt gilt für den Herrschenden die unbedingte Pflicht für diese Weltordnung einzustehen. Telemachs Zurückschrecken vor den Freiern gilt aus dieser Sicht als unverzeihliche Verletzung der aus der Herkunft erwachsenden Verantwortung für die gesellschaftliche Ordnung. Wer hierin nachlässig ist, wird von den Göttern zur Ordnung gerufen, so wie Athene/Mentes unserem Protagonisten auf die Sprünge hilft.
Überhaupt haben die göttlichen Herrschaften unter den Menschen ihre Lieblinge. Die eher intellektuelle Pallas Athene fühlt sich zu Odysseus hingezogen, dessen Intelligenz, Tatendrang und maskulines Kriegertum sie nach Kräften fördert. Was macht Odysseus im Vergleich mit den anderen Raufbolden seines Schlages so überlegen? Es ist seine über die Jahre der Irrfahrt unter Schmerzen eingeübte Fähigkeit, all das zu ertragen, was nicht im Kampf unmittelbar überwunden werden kann. Aber Odysseus ist nicht nur der große Dulder, sondern auch polymetis und vor allem polymechanos, d.h. der Vielerfahrene bzw. der Vielwissende und Listenreiche. List hat hier noch nicht die moralische Färbung im Sinne eines nicht ganz lauteren Handelns, sondern enthält noch die Entdeckerfreude angesichts des erfolgreich eingeschlagenen Weges.
Die Welt Homers unterscheidet sich von der unseren durch eine vitale Unbefangenheit, die in allen Lebensbereichen zum Ausdruck kommt; als Ungehemmtheit weist sie jedoch auch in bedrohliche Richtungen. Offenbar sah der Dichter der Ilias und Odyssee die Kampfbereitschaft der archaischen Griechen zwar als Befähigung zu Großem; diese bedurfte jedoch dringend der Sozialisierung oder wenigstens der Zähmung, sollte nicht der ungestüme Wille zur Macht in mörderischen Konsequenzen für das Gemeinwesen enden. In Jacob Burckhardts Kulturgeschichte der Hellenen heißt es lapidar von dem eigentümlichen Volk: „Sie sind Griechen, also Mörder von Mitgriechen.“
Homer nun hielt diese ‚Mörderbande’ offenbar für sozialisierbar. Hierzu bietet er in seinem Epos kein pädagogisches Programm. Vor uns erscheint eine Lebenswelt, die uns auf eigentümliche Weise das Sehen lehrt; es werden die Bedingungen sichtbar, unter denen wir Menschen zum Handeln aufgefordert sind. Vergleichbar mit dem, was ein Psychotherapeut bei seiner Arbeit erleben kann, zeigen sich uns in der Odyssee die Helden Homers. Die meisten von ihnen handeln nicht im eigentlichen Sinne, sondern sie reagieren bloß auf das, was ihnen zuzustoßen scheint. Man sieht sie in einer von ihnen selbst nicht durchschaubaren „Schicksalsmasche“ (Künkel) zappeln. Einzelnen jedoch gelingt es, sich aus dieser Gebundenheit zu lösen. Sie erscheinen uns dann als Handelnde, die aktiv das eigene und das Schicksal der anderen (mit-) bestimmen.
Es wird uns im Folgenden um die Konturen einer impliziten ‚Pädagogik’ gehen, die sich in der Odyssee entdecken lässt, wenn man sie unter einem erzieherischen Gesichtspunkt deutet.
Schon der Auftakt des Epos verweist auf größere Dimensionen, die sein Autor zu erschließen gewillt ist. Homer lässt die Odyssee im Himmel beginnen: Göttervater Zeus eröffnet die Versammlung seiner Kollegen mit den Worten: Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter! Zwei Jahrtausende später wird Goethe seinen Faust nach dem großen literarischen Vorbild mit einem Vorspiel im Himmel beginnen lassen. Hierbei muss sich der Christengott einiges an Respektlosigkeiten gefallen lassen. Doch die beiden Herren, Goethe/Mephisto und der liebe Gott stehen auf ähnlich vertrautem Fuße wie Homer mit seinen großen Verwandten auf dem Olymp.
Die homerischen Olympier beklagen, was die Götter an ihren Geschöpfen immer wieder zu monieren haben: Die Menschen wissen um ihre Bestimmung und ziehen doch keine angemessenen Konsequenzen aus dieser Einsicht. Zuletzt jammern sie dann, wenn die im Voraus verkündeten Folgen eintreten. In Zeus’ Worten: Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter! Nur von uns, wie sie schrein, kommt alles Übel; und dennoch schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend. Und er erinnert seine göttlichen Kollegen: So habe Aigisthos, die Vorsehung missachtend, Klytaimnestra verführt und ihren heimkehrenden Gemahl Agamemnon ermordet. Wir hatten ihn lange gewarnet, da wir ihm Hermes sandten ... weder jenen zu töten, noch um die Gattin zu werben.
Athene schließt sich der Rede des Vaters an, um ihren Liebling Odysseus als positive Ausnahme ins Feld zu führen und Klage gegen den unbesonnenen Poseidon zu führen: Dieser nämlich habe Odysseus’, den göttergleichen Menschensohn, für seine Fehltritte nun lange genug in heißer, unaufhörlicher Rache verfolgt. Eingenommen von den Argumenten seiner klugen Tochter, nennt nun auch Zeus Odysseus weiseund edel. Als Resümee der Götterversammlung verkündet er abschließend, dem Leidengeübten die Rückkehr in seine Heimat zu ermöglichen: Poseidon entsage seinem Zorn: denn nichts vermag er doch wider uns alle, uns unsterblichen Göttern allein entgegen zu kämpfen!
Diese göttliche Gesellschaft darf man sich nicht als Versammlung abgeklärter Geister vorstellen, die auf olympischen Höhen ein kontemplatives Dasein pflegt. Die griechischen Götter sind ebensolche Naturen wie die Menschen, von denen sie auf den Olymp befördert wurden. Ein mächtiges Quantum an ungestümer Vitalität und dazugehöriger Affektbereitschaft wird auch bei ihnen nur von einem dünnen Kitt aus ordnenden Vorstellungen zusammengehalten. Sie verkörpern eine ungezügelte Triebhaftigkeit im Umgang miteinander, aber im Ernstfall mobilisieren sie gemeinschaftsstabilisierende Vorstellungen einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Für diese stehen weibliche Gottheiten wie Dike (griech.: „Gerechtigkeit“), eine Tochter des Zeus, sowie deren Schwestern Eunomia („gute Ordnung“) und Eirene („Frieden“).
Man sieht, die Mythologie der Griechen rang mit einer anthropologischen Fragestellung: Wie kann ein von seinen biologischen Impulsen getriebenes Wesen, das von Natur aus auf Selbsterhaltung und Durchsetzung tendiert, zur kooperativen Gestaltung des Zusammenlebens gewonnen werden?
Was heute als die aggressiv-triebhafte Seite des Menschen beschrieben wird, darin sahen auch die alten Griechen eine Potenz, die das Zusammenleben gefährdet. Doch werden diese Kräfte nicht per se als negative verstanden. Vielmehr soll ihnen eine Art von Ausgleich gegenübergestellt werden. Diese Ausgleichsidee durchzieht die hellenische Sicht auf den Kosmos. Der Begriff Kosmos bedeutet ja „Ordnung“ und auch „Schmuck“ oder „Glanz“, hat also eine ästhetische Dimension. Auf den bedeutenden Schönheitssinn der Hellenen neben deren mörderischen Tendenzen hat Jacob Burckhardt hingewiesen. Diese Menschen bewunderten offenbar die Schönheit einer Ordnung, die ihnen in allem Sichtbaren aufscheint. Die Odyssee ist voller Preisungen der Naturphänomene. In diese schöne Ordnung soll auch der Mensch sich einfügen. Wer dabei der ihm zugeteilten Aufgabe nicht nachkommt, stört die gute Ordnung, und dem schicken die Götter nötigenfalls einen Boten auf den Hals.
Sigmund Freud sah in der sogenannten „Übertragungsbeziehung“ die wohl tragfähigste Erklärung der Wirkungsweise von Psychotherapie. Danach knüpfen Seelenarzt und Patient an frühe Beziehungserfahrungen an, die fruchtbar gemacht werden können für den Heilungsprozess. Von Patientenseite fände dann z.B. eine „Vaterübertragung“, also ein Art der Verwechslung statt, bei der dem Therapeuten das positive, aber auch das negative Erbe dieser wichtigen Beziehungsperson aus Kindertagen zufällt. Bei Homer ist es Athene höchstselbst, die sich nach Ithaka begibt zu Telemach, um Mut in des Jünglings Seele zu gießen, damit er sich endlich gegen die zudringlichen Bewerber um die Mutter aufraffe.
Für den Psychologen interessant am Kommenden ist das ‚psychotherapeutische’ Vorgehen der Göttin Pallas Athene; muss sie doch einen hoffnungslos verstimmten Jüngling zu Handlungen bewegen, die ihn selbst völlig illusorisch anmuten. In Telemachs Bewusstsein erscheinen diese Freier – Männer seiner Herkunft und zum Teil nicht älter als er selbst – wie ein überlegener einheitlicher Block. Vor deren vermeintlicher Stärke und Heldenmut schrumpft Telemachs Ich. In diesem Zustand trifft ihn Athene auf Ithaka an. In knappen Wendungen umreißt Homer die seelische Innenwelt des mutlosen Telemach, der unter den Freiern saß mit traurigem Herzen; denn immer schwebte vor seinem Geiste das Bild des trefflichen Vaters: Ob er nicht endlich käme, die Freier im Hause zerstreute, und, mit Ehre gekrönt, sein Eigentum wieder beherrschte.
Wie geht nun die göttliche ‚Psychotherapeutin’ vor, um den resignierten Jüngling zu ermutigen? Sie achtet – heute würden wir sagen – aufs Setting! Mit Bedacht wählt die Göttin für ihre therapeutische Aufgabe ein Erscheinungsbild, das den Zugang zu ihrem deprimierten Klienten erleichtern soll. Sie nimmt die Gestalt des Mentes an. Telemach kennt ihn als einen vertrauten Freund des Vaters. Ihm öffnet er sich und klagt mitteilungsbedürftig mit leiser Stimme, damit die andern nicht hörten: Diese können sich wohl bei Saitenspiel’ und Gesange freun, da sie ungestraft des Mannes Habe verschwelgen ... Sähen sie jenen einmal zurück in Ithaka kommen; alle wünschten gewiss sich lieber noch schnellere Füße, als noch größere Last an Gold’ und prächtigen Kleidern.
Mentes/Athenes therapeutischer Blick erfasst, dass hier ein Fall von Idealisierung vorliegt. Der vaterlos Aufgewachsene hat offenbar ein Bild des Helden Odysseus zum eigenen Ich-Ideal erhoben. Jedes derartige Leitbild wirkt wie ein Stachel die entsprechenden Kleinheitsgefühle durch vermehrte Bemühung auszugleichen. Findet dieser Impuls keinen Weg der Realisierung, dann hat ein solches Idealbild gravierende Folgen. Das Ideal wuchert ins Maßlose. Das überhöhte Phantasiebild des Heldenvaters Odysseus lässt bei Telemach jegliches Vertrauen in die eigene Tatkraft schwinden. Dieses imaginäre Ideal und die hiermit verbundenen Bequemlichkeiten ersetzen im aufgeblähten Phantasieleben die Begegnung mit der Realität: Zusammen mit dem Vater – sozusagen auf den Schultern des Riesen – würde er zur Tat schreiten. Hier und jetzt aber verlangt sein hypostasiertes Selbstbild, dass der Sohn eines solchen Vaters allein gegen die Übermacht siegen müsste. Gegenüber der großmäuligen Horde, in der jeder Einzelne sein Bewusstsein von Stärke aus der Zusammengehörigkeit mit den Kumpanen bezieht, schrumpft das schwache Ich des jungen Mannes. Er musste sich bisher in der Lebensrealität nicht bewähren. Wie ein Kind träumt Telemach vom Heldentum in der imaginären Einheit mit dem Vater. Danach geht all seine Erlösungs-Sehnsucht, dass er zusammen mit ihm Heldentum verkörpere.
An diese Hoffnung – die Tür, durch die der Mut ins Leben treten kann – knüpft Athenes therapeutische Intervention an, wenn sie durch Mentes spricht: Aber ich kam, weil es hieß, dein Vater wäre nun endlich heimgekehrt ... Denn noch starb er nicht auf Erden der edle Odysseus; sondern er lebt noch wo in einem umflossenen Eiland auf dem Meere der Welt. Dieser Äußerung lässt die göttliche Erzieherin mit gespielter Ahnungslosigkeit eine starke Portion Nahrung für Telemachs schwächelndes Selbstbewusstsein folgen: Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit. Bist du mit dieser Gestalt ein leiblicher Sohn von Odysseus? Wundergleich bist du ihm, an Haupt und Glanz der Augen!
Doch der depressive Jüngling ist noch ganz in seiner Stimmung verfangen. Unberührt von den schmeichelnden Worten beklagt er sein Schicksal: Wär ich doch lieber der Sohn von einem glücklichen Manne, den bei seiner Habe das ruhige Alter beschliche! Aber der Unglückseligste aller sterblichen Menschen ist, wie man sagt, mein Vater.
Klagen heißt anklagen! Entsprechend hält Athene Telemachs Einwand energisch entgegen: Nun so werden die Götter doch nicht den Namen des Hauses tilgen, da solchen Sohn ihm Penelopeia geboren. Und mit dem Blick auf das Treiben der Schmarotzer stellt sie weiter fest: Ereifern müsste sich die Seele jedes vernünftigen Mannes, der solche Greuel mit ansäh!
Dieser missbilligende Appell an Telemachs Wertgefühl, die darin enthaltene Kritik an seiner Tatenlosigkeit verhallt nicht ungehört in dessen sensibler Seele. Doch das gekränkte idealisierte Selbst muss umgehend verteidigt werden, indem er rationalisierend die Verantwortung für die beschämende Situation und seine mangelnde Courage den grausamen Göttern zuweist. Denn: wäre Odysseus im Trojanischen Krieg gefallen ... dann wäre zugleich sein Sohn bei den Enkeln verherrlicht ... Weder gesehn, noch gehört, verschwand er, und ließ mir zum Erbteil Jammer und Weh! Doch jetzo bewein’ ich nicht jenen allein mehr; ach! es bereiten mir die Götter noch andere Leiden.
Dieser Verschiebung der Verantwortung auf die Götter entgegnet Pallas Athene ungeduldig-erregt in zürnendem Schmerz: Ob Odysseus zur Heimat zurückkehre oder nicht, sei zwar einzig Sache der Götter.Dir aber gebiet’ ich, zu trachten, dass du der Freier Schar aus deinem Hause vertreibest. Lieber, wohlan! merk’ auf, und nimm die Rede zu Herzen.
Und nun folgen pädagogisch eindeutige Anweisungen: Telemach soll in einer Volksversammlung mit den Edelsten aller Achaier Beschwerde führen, dass man die Freier gegen den Willen der Götter gewähren lasse, statt die gute Ordnung wieder herzustellen. Für eine neuerliche Vermählung müssten die allbekannten überlieferten Regeln eingehalten werden. Deshalb solle Penelope zuerst ins Haus des wohlbegüterten Vaters zurück.
Des Weiteren – wofern du gehorchest – so Athenes Auftrag, solle Telemach ein Schiff ausrüsten und zu Nestor in Pylos und nach Sparta zu Menelaos segeln, um selbst Erkundungen einzuholen und damit die Ungewissheit über Odysseus’ Verbleib zu beenden. Sofern er aber von dessen Tod erfahre, sei es seine Sohnes-Pflicht, den Vater zu Hause zu betrauern, die Mutter neu zu verheiraten und mit Klugheitden Platz im väterlichen Palast zurückzuerobern – genauer: die üppige Schar der Freier ... mit heimlicher List zu töten.
Als erfahrene Therapeutin weiß Athene, dass noch so gute Worte das Sich-Aufraffen des Patienten nicht ersetzen können. Bloße Kontemplation und Innenschau bewirken keinen Persönlichkeitswandel. Telemach muss mit neuer Erfahrung zu einem höheren Standpunkt gelangen, von dem aus dann sichtbar werden kann, was ihn zuvor an der Tat hinderte. Erst wenn das Wagnis durchschritten ist, erhält das Frühere einen bereichernden Sinngehalt.
Die Göttin beschränkt sich auf einen letzten strengen Appell, mit dem sie Telemachs unerfülltes Bedürfnis nach männlicher Größe stimuliert: Fürder geziemen Kinderwerke dir nicht, du bist dem Getändel entwachsen. Orest habe es zu Ruhm gebracht, weil er den Mord an seinem Vater Agamemnon gerächt hat. Auch du, Lieber, denn groß und stattlich bist du von Ansehn, halte dich wohl, dass einst dich die spätesten Enkel loben! ... Sorge nun selber für dich, und nimm die Rede zu Herzen.
Mit dieser Zu-Mutung (im eigentlichen und tieferen Sinne des Wortes) steigert Athene Telemachs Mut. Sie beschreibt hierzu ihren Blick auf die Situation so, dass er die eigene Lage durch die Augen eines wohlmeinenden Anderen erleben kann. Es soll sich etwas anbahnen, das in der Tiefenpsychologie als emotional korrigierende Erfahrung beschrieben wird. Damit aber Worte im Herzen des Angeredeten Wirkungen zeitigen können, muss der Therapeut/Erzieher selbst den Mut zur Zumutung haben; denn jeder Schritt in Neuland kann potentiell auch in ein Scheitern münden.
Homer präsentiert uns einen willigen Schüler: Der verständige Jüngling Telemachos sagte darauf zu Mentes/Athene: Freund, du redest gewiss mit voller herzlicher Liebe, wie ein Vater zum Sohn, und nimmer werd’ ich’s vergessen. Hier zeigt sich nun – ins Tiefenpsychologische übersetzt – der Beginn einer „positiven Übertragungsbeziehung“. Die klassische Psychoanalyse benennt auf diese Weise das eigentümliche Phänomen, dass die vertrauliche Öffnung gegenüber einem hoch geschätzten Menschen beim Patienten einen geheimnisvollen Zuwachs an Sicherheit und Stärkegefühl bewirkt. Man erklärt, es wiederhole sich hier ein unbewusstes Kindheitserleben mit engen Beziehungspersonen, das auf eine aktuelle Begebenheit „übertragen“ werde. Telemach knüpft demnach an die positiven Anteile der Vaterbeziehung an, wenn er die Botschaft von Athene/Mentes verstehend annimmt.
Aber auch ohne diesen hypothetischen Rückgriff auf frühere Beziehungserfahrungen lässt sich die Szene ganz schlicht vor den sichtbaren Gegebenheiten verstehen: Mentes/Athene nimmt Telemachs Resignation als Tatsache, die sich nicht durch therapeutisches Gerede aus der Welt schaffen lässt. Er erkennt, dass sich der Jüngling nicht nur der objektiven Übermacht der anderen unterlegen fühlt. Nachvollziehbar wird Telemachs depressiver Rückzug, wenn man in ihm einen Menschen erkennt, der auf seine künftige Rolle im Leben nicht hinreichend vorbereitet wurde. Von Penelope und seiner Amme Eurykleia überfürsorglich behütet, war die Einübung einer männlich-aktiven Lebensbewältigung behindert. An ein anstrengungsloses Leben gewöhnt, entwickelt er wirklichkeitsferne Größenansprüche, die nur im Reich der Phantasie erhalten werden können.
Mentes (in der Rolle des Therapeuten) spricht aus, wie die Situation des Jünglings durch die Augen eines an Erfahrung Gereiften eine andere Perspektive erhält. Damit lädt er den Schüler ein, sich dem Blick des Lehrers gewissermaßen probehalber anzuschließen. Es vollzieht sich so eine seelisch-geistige Vereinigung, die Telemachs Bewusstsein und seine Stimmung erfasst. Der erwachende Lebensmut des verständigen Jünglings zehrt vorerst von der Stärke seines Mentors. Zur eigenen Kraft kann sie dann werden, wenn Telemach auch handelnd die faktischen Lücken seiner Helden-Kompetenz nach dem Vorbild des Vaters zu schließen bereit ist. Dieses Wagnis kann ihm kein Mentor und kein Therapeut abnehmen.
Homers Erklärung des Übertragungsphänomens ist uns schon bekannt: Mentes goss dem Jüngling Kraft und Mut in die Brust, und fachte des Vaters Gedächtnis heller noch an, wie zuvor. Dieser empfand es im innersten Herzen, und erstaunte darob; ihm ahnete, dass es ein Gott war. Streift man nun von dieser Beschreibung den mythologischen Gehalt ab, dann kommt sie dem, was ein jeder in vergleichbaren zwischenmenschlichen Situationen erleben kann, erstaunlich nahe.
Es wird sich nun zeigen, ob und wie Telemach dieses Gefühl der Stärke auch aus eigener Kraft weiterentwickeln kann, um das bisher vom idealisierten Selbstbild ausgehende Leid zu überwinden. Im Sinne der Tiefenpsychologie müsste er sich hierzu den Aufgaben beherzt stellen, die damit verbundenen Gefahren durchstehen und reales Leid in Kauf nehmen.
Zur Verwunderung aller am Hofe tritt Telemach von nun an ungewohnt energisch auf. Die erste Probe besteht er, indem er die Mutter öffentlich zurechtweist. Bei der Tischgesellschaft fühlt sich diese vom Gesang eines Barden qualvoll an den abwesenden Odysseus erinnert und gebietet dem Sänger zu schweigen. Telemach belehrt Penelope daraufhin resolut, von ihrer Sentimentalität abzulassen und vielmehr auch deine Seele durch das Gehörte zu stärken. Danach verweist er sie zu ihrer Überraschung aus dem Saal: Aber gehe nun heim, besorge deine Geschäfte ... Die Rede gebühret den Männern, und vor allem mir; denn mein ist die Herrschaft im Hause! ... Staunend kehrte die Mutter zurück in ihre Gemächer, und erwog im Herzen die kluge Rede des Sohnes.
Wenn nun anschließend unser angehender Held die verblüfften Freier auffordert, sein Anwesen zu verlassen, möchte man wirklich an den Einfluss von Göttern glauben. Aber es geht nun doch nicht so weit, dass die Männer eingeschüchtert Folge leisten. Man quittiert Telemachs Dreistigkeit mit hämischem Gelächter. Der aber nimmt diese Schmach unbeirrt auf sich, ohne in Verzagtheit zurückzufallen; denn er hat jetzt ein Ziel vor Augen.
Auch tags drauf sehen wir einen entschlossenen jungen Mann, der schon am frühen Morgen sein Schlafgemach verlässt – geschmückt mit göttlicher Hoheit. So tritt er mit Schwert und Lanze bewaffnet vor die Volksversammlung und setzt sich demonstrativ auf den Königsthron des Odysseus. Mit himmlischer Anmut umstrahlt ihn Pallas Athene, so dass seine Rede, in der er die Adelsgenossen der Unentschlossenheit gegenüber den Freiern anklagt, bei den Versammelten Betretenheit hervorruft:Schweigend saßen sie. Souverän pariert Telemach alle Einwände und besteht auf Gefolgschaft. Zur Bestätigung seiner Forderung wendet er sich an die Götter und prompt sendet Zeus zween Adler herab vom hohen Gipfel des Berges. Alle erstaunten über das Zeichen, das ihre Augen gesehen, und erwogen im Herzen das vorbedeutete Schicksal. Und nun verkündet der verständige Jüngling sein Vorhaben, nach dem Vater suchen zu wollen.
Bevor Telemach Verbündete für die Seereise mobilisiert, erfleht er am Ufer des Meeres Athenes Hilfe. Wieder in Gestalt des Mentor spricht die Göttin in gestrenger Diktion die geflügelten Worte:
Jüngling, du musst dich hinfort nicht feige betragen noch töricht! Hast du von deinem Vater die hohe Seele geerbet, bist du, wie jener einst, gewaltig in Taten und Worten; dann wird keiner die Reise dir hindern oder vereiteln. Aber bist du nicht sein Samen und Penelopeiens; dann verzweifl’ ich, du wirst niemals dein Beginnen vollenden. Wenige Kinder nur sind gleich den Vätern an Tugend, schlechter als sie die meisten, und nur wenige sind besser. Wirst dich aber hinfort nicht feige betragen noch töricht, und verließ dich nicht völlig der Geist des großen Odysseus; dann ist Hoffnung genug, du wirst das Werk noch vollenden.
Die hier wiedergegebene Rede des Mentes lohnt in psychotherapeutischer Hinsicht genauer betrachtet zu werden. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein erzieherischer Appell an das Gewissen des Angesprochenen. Doch dieser Erzieher spricht hierbei seinen Adressaten gar nicht direkt an. Vielmehr beschreibt er Sachverhalte, die sich von jedermann beobachten lassen: Wenige Kinder nur sind gleich den Vätern an Tugend, schlechter als sie die meisten, und nur wenige sind besser. Dann aber wiederholt Mentes das Gesagte bezogen auf die Situation Telemachs, deren innere Logik er dabei hervorhebt und damit ihre zu erwartenden Folgen bezeichnet; alles hänge ab davon, ob dieser die mit dem väterlichen Erbe verbundene Last zu tragen gewillt ist: Wirst dich aber hinfort nicht feige betragen noch töricht, und verließ dich nicht völlig der Geist des großen Odysseus; dann ist Hoffnung genug, du wirst das Werk noch vollenden.
Es liegt jetzt an Telemach, zu dieser Aussage Stellung zu beziehen. Mit dem Gesagten umschreibt Mentes ein moralisches Problem. Er tut dies in einer sachlichen Weise, die nicht dazu verleitet, mit einer verbalen Demonstration moralischer Qualitäten zu antworten. Ob es Telemach gelingt, sich nicht feige und auch nicht töricht zu betragen, hängt ja nicht von seinen Wünschen ab, mutig aufzutreten. Dazu muss einer erst Mut und Vernunft gelernt haben. Ob seine entsprechenden Kompetenzen hinreichen werden, wird sich in und an der Handlung erweisen. Ermutigend erst ist das Wagnis der Tat; ihr positives Ergebnis ist die Sinnerfüllung. Wie Telemach die Qualitäten dazu erlangt, verrät uns der Dichter nicht, und wir müssen hinnehmen, dass hier eben die Götter mit am Werke waren.
Der junge Held jedenfalls zeigt sich in der Folge überraschend klarsichtig in der Vorbereitung seiner Reise: Nicht die Mutter weiht er in seine Pläne ein, sondern seine alte Amme. Ihr verlangt er klugerweise zudem den Schwur ab, Penelope von alledem nichts zu verraten. Als Belohnung für diese vorausschauende Umsicht hat Athene ein Schiff samt einer loyalen Mannschaft ausgerüstet. Und begleitet von der Göttin in Person des Mentes, geht es bei Sonnenaufgang mit vollem Wind nach Süden.
Telemach verlässt nun auch räumlich die Welt der Kindheit. Was zuvor seinen Blick auf die Dinge abgelenkt hatte –, die ihn unmittelbar bedrängenden Gefühle der eigenen Unterlegenheit –, weicht zurück und absorbiert weniger seine Aufmerksamkeit. Er kann sich verstärkt der ihn umgebenden Welt öffnen und lernen, was unsere Sprache mit dem Begriff „Umsicht“ zum Ausdruck bringt. Gemeint ist hiermit ein intuitives Erfassen von all dem, was in einer Situation maßgeblich und bedeutsam ist. Wo sich der Blick auf das Kommende noch nicht klar eröffnet hat, ist manchmal der Blick zurück nötig, um den Mut zu fassen, die Ungewissheit einer nicht voraussagbaren Zukunft zu ertragen. Nur der kann nach vorn ins Leere schreiten, der mit einem gewissen Grundvertrauen aus Lebenserfahrung gerüstet ist.
Die erste Station ist Pylos. Hier soll Telemach bei Nestor, einem inzwischen in die Jahre gekommenen Helden von Troja, nach dem Schicksal des Vaters forschen. In der Burg des sagenumwobenen Kriegsveteranen wird der Jüngling von dessen zahlreicher Dienerschaft gastfreundlich empfangen. Der in höfischer Etikette Unbedarfte reagiert eingeschüchtert. Aber er behält das ihn peinigende Unsicherheitsgefühl nicht für sich, sondern offenbart es seinem Mentor: „Wie geh ich doch, und wie begrüß’ ich den König? Unerfahren bin ich in wohlgeordneten Worten; und scheue mich auch, als Jüngling den Greis zu befragen!“ Mentes gibt ihm darauf keine gutgemeinten Hinweise, aus denen der überlegene Erzieher spricht. Telemachs Verunsicherung und Beklommenheit ist in dieser Situation berechtigt; es zeigt sich seine mangelnde Übung. Daher erinnert Mentes seinen Schützling an dessen soziale Herkunft und die damit verbundenen Fähigkeiten: „Einiges wird dein Herz dir selber sagen, o Jüngling; anderes wird dir ein Gott eingeben. Ich denke, du bist nicht ohne waltende Götter geboren oder erzogen.“
Die Versachlichung leitet weg von der Fixierung auf Telemachs affektive Befindlichkeit. Wenn dieser, mit sich selbst konfrontiert, sich zu seiner Zaghaftigkeit bekennt, ist bereits ein Schritt der Bekenntnis zu sich selbst getan. Dieses Aussprechen hat kathartische Wirkung. Und Mentes Beitrag hierzu besteht darin, diese Angst nicht als irrational zu bagatellisieren. Ermutigend ist gerade die darin liegende indirekte Aufforderung, die eigenen Empfindungen ernst zu nehmen. Nur wer nicht davon absorbiert ist, seine realen oder vermeintlichen Schwächen verbergen zu wollen, kann sich aufmerksam der eigentlichen Aufgabe widmen. Denn es gilt, den Sprung zu wagen, sich mit dem Schwächegefühl den ungewohnten Gegebenheiten auszusetzen und sie durchzustehen. Es sind für Telemach die ersten Hürden in der realen Welt der Aristokratie. Und sie sind sozusagen die Vorbereitung für die größeren Aufgaben, die künftig auf Ithaka noch zu bewältigen sind.
Die Begegnung mit Nestor wird somit zur Bestätigung der Rolle, die Telemach in der Welt zukommen soll. Man empfängt ihn als den Sohn von Odysseus standesgemäß, d.h. überaus zuvorkommend, voll des Lobes über den edlen und zugleich listenreichen Vater. Erstaunt zeigt man sich allerdings darüber, dass der Sohn des großen Odysseus das Treiben der Freier anscheinend hinnimmt. Dieses Gerücht sei bis ins mykenische Pylos zu Nestors Ohren gedrungen. Warum Telemach dies dulde, zumal doch Pallas Athene bekanntermaßen für Odysseus’ Haus Sorge trage!
Mit solchem Vorwurf konfrontiert, erweist sich, dass der junge Held noch nicht ganz in den Fußstapfen des Vaters wandelt. Diese Kritik wehrt Telemach reaktiv ab und sucht seinen Kleinmut zu verschleiern, indem er sich auf das vermeintliche Unvermögen der Götter beruft: Edler Greis, dies Wort wird schwerlich jemals vollendet; denn du sagtest zu viel! Erstaunen muss ich! O nimmer würde die Hoffnung erfüllt, wenn auch die Götter es wollten! Diese unüberlegte Bemerkung erinnert so gar nicht an die intuitive Klugheit des Odysseus. Der Sohn reagiert mit plump-rechtfertigender Verteidigungshaltung, mit der er sich aus der Schlinge ziehen möchte. Über die Tragweite seiner Äußerung ist sich Telemach in keiner Weise klar: Denn die Entwertung der Götter hat negative Rückwirkungen auf sein eigenes Selbstwertgefühl. Und prompt weist ihn Mentes für solche Überheblichkeit missbilligend zurecht: Welche Rede, o Jüngling, ist deinen Lippen entflohen? Leicht bringt Gott, wenn er will, auch Fernverirrte zur Ruhe! Was diese Götter vermögen, belehrt den Unwissenden das Vorbild des Orest: Der habe seinen Vater Agamemnon gerächt, indem er Aigisthos, den Verführer von Klytaimnestra und auch die Verführte selbst, tötete.
Nach dieser Zurechtweisung wird Telemach vom altersweisen Nestor mit freundlicher Stimme verabschiedet: Lieber, ich hoffe, du wirst nicht feige werden noch kraftlos; schließlich steht der Sohn von Odysseus unter dem Schutz der Götter!
Diese erste Lehre auf der Erkundungsfahrt in die Welt aristokratischer Lebensformen, zu deren würdigem Repräsentanten auch Telemach heranreifen soll, hat er mit knapper Not, doch erfolgreich absolviert. Sie klärte ihn darüber auf, dass spontane Empfindungen nicht unbedingt die sichersten Ratgeber sind. Seine noch wankende Ich-Identität zeigte sich in der Begegnung mit den Härten der realen Welt von zwei Seiten bedroht: Sein Kleinmut drängte zum vorzeitigen Rückzug und die damit verbundene Verlockung zu überkompensatorischem Verhalten gefährdete sein Ansehen. Damit riskierte Telemach in der Wertschätzung der anderen zu sinken.
Zwischen diesen Haltungen gibt es aber keinen Mittelweg, sondern nur einen oder mehrere richtige. Immer ist die Entscheidung gefordert zwischen Skylla und Charybdis – so heißen in der Odyssee die beiden Ungeheuer, die eine Meerenge bewachen, vor der es für den Seefahrer kein Ausweichen gibt. Nur unter Todesmut ist diese Passage zu bewältigen. – Ein schönes Bild für die begrenzte Fähigkeit zur Vorausschau des Menschen. Auch er kann seine Zukunft, die in vielem hinter einem undurchdringbaren Vorhang liegt, den selbst die (göttliche) Vernunft nicht vollends lüften kann, nur mit Todesmut angehen.
Als sicherer Ertrag dieser Etappe darf die Freundschaft mit Peisistratos gelten. Mit dem jüngsten Sohn von Nestor gewinnt Telemach einen brüderlichen Gefährten auf der Reise von Pylos nach Sparta zu Menelaos. Staunend sahn sie die Burg des göttergesegneten Königs. Wir können ahnen, dass bereits die nächste pädagogische Klippe wartet. Denn auch hier begegnet Telemach einer Welt, in der ihm die Orientierung fehlt. Leise sagt er zu Peisistratos geneigt: welch unendlicher Schatz! Mit Staunen füllt mich der Anblick! Doch seine Befangenheit schwindet angesichts der unvoreingenommenen Gastfreundschaft, die ihnen entgegengebracht wird.
Beim alten Menelaos lässt Telemachs äußere Ähnlichkeit mit Odysseus wehmütige Erinnerungen an gemeinsam bestandene Kriegsabenteuer aufkommen. Mit unendlichem Jammer denkt er an seinen Gefährten zurück. Die Trauer rührte Telemach herzlich zu weinen; seinen Wimpern entstürzte die Träne, als er vom Vater hörte. Schließlich ergreift Menelaos’ vernünftiger Sohn die Initiative und rettet die Situation: Ich finde kein Vergnügen an Tränen beim Abendessen; auch morgen dämmert ein Tag für uns.Schließlich kann Telemach nach Ende einer durchzechten Nacht sein eigentliches Anliegen vorbringen. Doch auch von Menelaos kann der Jüngling nur vage Angaben über den Verbleib des Vaters erhalten.
Inzwischen drängt Athene zur Heimreise. Die Rückfahrt steht unter gefährlichem Stern, da die Freier in Ithaka bemerkt haben, dass Telemach ihnen entkommen ist und zudem noch die tapfersten Männer um sich geschart hat. Man will ihm auflauern, um ihn zu töten. Doch der Barde Medon wird Zeuge des Komplotts. Er wendet sich an Penelope, die in ihrer Verzweiflung Athene anruft. Die Göttin sendet der leidenden Mutter im Traum die Botschaft, dass ihr Sohn gesund zurückkehren werde. Als Penelope erwacht, freute sie sich tief in der Seele, dass ihr ein deutender Traum in der Morgendämmrung erschienen.
Der schließlich leibhaftig zurückgekehrte Telemach erscheint aller Welt als verwandelt. Expansiv bewegt er sich unter den Menschen. Über die Ursache seiner neuen Ausstrahlung erfahren wir: Mit himmlischer Anmut umstrahlt’ ihn Pallas Athene. Klug meidet er der Heuchler dichtes Gedränge. Alle spüren, dass Telemach vom unentschlossen-zögerlichen Knaben zum beherzt vorausschauenden jungen Mann herangewachsen ist.
Für den Jüngling Telemach bedeutete das Verlassen der mütterlichen Lebenswelt, in der er sich emotional eingerichtet hatte, eine Herausforderung. Ihm war damit eine Aufgabe zugeteilt, die mit den Befähigungen eines Muttersöhnchens nicht zu lösen war. In dieser ausweglosen Lage hatten wir ihn anfangs kennengelernt.
Unter Frauen aufgewachsen, hatte er kein reales männliches Vorbild. Seine depressive Reaktion jedoch – das Ausbleiben aller Versuche zu handeln – wurde erst verständlich, indem wir annahmen, dass dem fehlenden Vater ein übersteigertes Vaterbild entsprach, dem der Knabe Telemach nie hätte genügen können. Dieses „idealisierte Selbst“ (Karen Horney) scheute die Begegnung mit der äußeren Realität. Im depressiven Rückzug war das Überleben einer solchen Größenfiktion gesichert. Dazu musste er den Altersgenossen aus dem Weg gehen. Nur in der kameradschaftlichen Beziehung wachsen unserer Person realistische Maßstäbe zu. Den Preis für die uneingeschränkte Macht im eigenen Phantasiereich bezahlen wir jedoch immer mit einem unsicheren Persönlichkeitsgefühl. Wer wie Telemach in der Selbstidealisierung verharrt, weiß nicht, worauf er sich verlassen kann, wozu er fähig ist und wozu noch nicht.
Erst die Reise mit den sich eröffnenden unbekannten Situationen konfrontierte Telemach mit seinen tatsächlichen Fähigkeiten und der zu ihnen gehörigen Unsicherheit. Sie brach allenthalben hervor, wo handelnde Stellungnahme verlangt war. Und sie nagte an seinem Persönlichkeitswert, der noch leicht zu erschüttern war. Die eigentliche Schwierigkeit lag hier weniger im Mangel an Können als im Ertragen-Lernen des verunsicherten Ichgefühls. Indem er die Belastungsproben durchzuhalten lernte, gelang es ihm, die Schwellensituationen des Erwachsenwerdens zu bewältigen. Dieses kleine Wunder seiner Ich-Erweiterung konnten wir damit erklären, dass Telemach am stärkeren Ich des Mentes, seines Erziehers, teilhatte.
In der Begegnung mit fremden Vätern, mit Nestor bzw. mit Menelaos vollzog sich schrittweise die Stärkung seines Selbstwertgefühls. Der in höfischen Umgangsformen tölpelhafte Telemach lernte das in ihm aufsteigende Gefühl der Unzulänglichkeit zu ertragen. Indem er diesen unangenehmen Empfindungen nicht auswich, wurde ihm der Weg zu deren Überwindung eröffnet. Zugleich bedeutete das einen Zuwachs an Erfahrung und Erkenntnis. In Nestor und Menelaos nämlich begegnete ihm ein Typus des aristokratischen Führers, der sich vom Erscheinungsbild der verantwortungslosen Freier-Horde, ebenfalls Söhne aus besserem Hause, positiv abhob. Die würdevolle Haltung wirkte vorbildhaft auf den Jüngling. Indem er sich mit diesem Leitbild identifizierte, kam zugleich etwas in Telemachs Leben, das zuvor noch nicht wirksam werden konnte: Bisher waren es die affektiven Reaktionen eines gedemütigten Selbstwertgefühls, die in ihm Rachephantasien hatten aufkommen lassen, um dann wieder abzuebben. Nun aber war in Telemach ein konkretes Bild wie ein Mahnmal in seiner Seele aufgerichtet, von dem der Ruf ausging, dass es an ihm war, als Mann unter anderen Männern Verantwortung zu tragen. Und das war eine Motivation, die ihn vorwärts zog, damit er sie realisiere.
Das entgegenkommende Verhalten der beiden ehrfurchtgebietenden Fürsten hatte ihn ermutigt, sich die noch unvertraute Rolle des Stammesoberhaupts aneignen zu wollen. Das wiederum verlangt nun von Telemach, in Ithaka im Hause des Vaters die von den Göttern gewollte Ordnung wiederherzustellen. An dieser Aufgabe gibt es jetzt für einen Sohn des Odysseus kein Vorbeikommen mehr. Man mutet ihm diese Lektion zu.
Wovon gerade die Rede war, heißt in der Sprache der Psychoanalyse die „Korrektur des Über-Ich“. Diese leitende Instanz in unserem Ich benötigt realistische Vorbilder, an denen wir uns handelnd ausrichten können. Dies gelingt nicht durch bloße Nachahmung, sondern durch „Identifizierung“ in dem Sinne, dass wir die Wege des Vorbilds selbst nachgehen wollen. Indem Telemach die Achtung des von ihm bewunderten Nestor bzw. Menelaos zu gewinnen trachtete, bahnte sich eine derartige Identifizierung an. Ebenso identifiziert er sich mit der Figur des Orest, der in vergleichbarer Situation eine ähnlich schwere Aufgabe auf sich genommen hatte.
Am Königshof bei Menelaos wiederholte und vertiefte sich also der Selbstfindungsprozess von Telemach. Hier war er insbesondere mit der sozialen Bedeutung der eigenen Herkunft konfrontiert. Vor der Prachtentfaltung des Lebenszuschnitts am Hofe von Sparta verwandelte sich die Welt von Ithaka in ein vergleichsweise ärmliches Anwesen. Dieses Erlebnis nagte am Selbstbewusstsein des Jünglings. Wer sich hiervon mit Ressentiment zu befreien versucht, verhindert jedes Lernen. Er könnte nicht wie Telemach wahrnehmen, welche Wertschätzung ihm, dem viel weniger Begüterten, entgegengebracht wird. Man erwies ihm hier Ehre für etwas, das er selbst bisher noch nicht in seiner psychosozialen Bedeutung voll realisiert hatte: In den Augen der anderen war er der hochgeachtete Sohn eines von allen bewunderten Helden. In diesem Status lag die Zumutung, diese Rolle auszufüllen und der in ihr liegenden Verantwortung gerecht zu werden.
Mit Nestors jüngstem Sohn Peisistratos gewinnt Telemach einen brüderlichen Freund und damit einen Vertrauten außerhalb des Erfahrungsraums der engen Familienwelt. In der Beziehung zu einem ihm Seelenverwandten bekommt Telemach ein bedeutsames Gegenüber, dessen Reaktionen und Stellungnahmen ihm einen neuen Blick auf die eigene Person vermitteln. Auch dieser Blick wirkt korrigierend auf sein Selbstbild. Zugleich bewirkt die Anwesenheit des Freundes eine Vergleichssituation, die wie eine latente Aufforderung wirkt, an dessen Seite nicht zu versagen. – Das alles sind Erkenntnisse und Erfahrungen, die nicht durch den direkten Blick in die eigene Innerlichkeit ermöglicht werden. Wirkliche Begegnung mit der eigenen Person kann derjenige gewinnen, der sich auf eine Auseinandersetzung mit der Außenwelt einlässt. Sie will durchfahren- und erfahren werden. Hierin liegt das Bildende solcher Fahrten. In der Sprache der heutigen dynamischen Psychologie wird ein solches Geschehen mit dem Begriff „Triangulierung“ beschrieben. Er meint die Auflösung der Dyade von Mutter und Kind in eine zur Welt geöffnete Beziehung. Dass es sich bei diesem Ablösungsprozess aus kindlicher Bezogenheit auf die Mutter um weitläufigste sozial-kulturelle und damit um geistige Lernprozesse handelt, demonstriert uns Homers Bildungsepos.
Die von Athene initiierte Seefahrt erweist sich als Telemachs Kurz-Odyssee: Als Ergebnis dieser Reise müsste sich zeigen, inwieweit der Jüngling sich Klugheit und umsichtige Vorausschau – die Fähigkeiten des Vaters – erobern konnte. Auf der Heimfahrt jedenfalls gelingt es ihm, dem Hinterhalt der Freier zu entgehen, indem er den Anweisungen Athenes folgt und selbst listenreich genug ist. Als Anerkennung für ihren gelehrigen Adepten und der Besatzung zur moralischen Aufrüstung schickt die Schutzgöttin allen ein Zeichen: Am Himmel erscheint ein Habicht, der in der Luft eine Taube reißt. Deren Federn flattern zu Boden. Für die Gefährten des Telemach liegt die Deutung des Orakels auf der Hand: Außer eurem Geschlecht erhebt sich nimmer ein König in der Ithaker Volk; auf euch ruht ewig die Herrschaft!
Der nun endlich heimkehrende Odysseus sucht auf Pallas Athenes Rat hin ersten Unterschlupf beim getreuen Sauhirten Eumaios. Im Kleide eines alten Bettlers begibt er sich zu dessen Hütte. Eumaios bewirtet den Fremden, wie es das Gastrecht verlangt, befragt ihn nach der Herkunft und natürlich nach dem verschollenen Herrscher Ithakas. Odysseus laviert, taktiert geschickt mit halben Wahrheiten ohne sich zu erkennen zu geben. Er lotet die Gesinnung der Beteiligten für die bevorstehende Aufgabe aus und spürt, wie sehr sein treuer Eumaios unter der Abwesenheit seines Herrn leidet und nun fürchtet, dass nach Odysseus auch dessen Sohn Telemach nicht mehr zurückkehren wird.
Entsprechend entzückt ist Eumaios am nächsten Morgen über die unerwartete Ankunft des verlorengeglaubten Jünglings. Wir werden hier Zeugen einer ungewöhnlichen Szene, deren unerkannter Beobachter im Hintergrund auch Odysseus wird: Der Sohn eines Fürsten wird zärtlich begrüßt von einem, der am untersten Ende der gesellschaftlichen Pyramide steht. Wie ein gütiger Vater seinen geliebten Sohn voller Erleichterung empfängt, so umarmte den schönen Telemachos jetzo der Sauhirt; und bedeckt ihn mit Küssen, als wär er vom Tod’ erstanden. Der Königssohn wiederum gestattet bereitwillig seinem Väterchen, dem treuen Untergebenen, diese ganz und gar menschliche Begegnung.
Es ist eine Szene, der sich auch der heutige Leser kaum einer spontanen Gefühlsantwort wird entziehen können. Homer lässt uns dieselbe Rührung empfinden, wie sie sein damaliges Publikum erlebt haben dürfte. Man mag einwenden, hier werde nun unhistorisch und naiv ein poetisches Geschehen wie ein reales psychologisierend gedeutet. Interpretationsbedürftig erscheint uns jedoch eher, worin eigentlich das Berührende liegen mag, das Eumaios und uns Heutige in gleicher Unmittelbarkeit erfasst. Dem historischen Wandel scheint es nicht unterworfen zu sein; sonst wäre die Lektüre der Odyssee nur noch eine Angelegenheit für belesene Altphilologen und ihre Lebendigkeit, die viele Jahrhunderte überdauerte, unerklärlich.
Die eben beschriebene Textstelle erfordert also eine genauere Erklärung: Telemachs Erscheinen ruft in Eumaios vermutlich die Hoffnung wach, dass die Welt von Ithaka zur alten Ordnung zurückfinden möge. Diese starke Wirkung wird zudem von Telemachs verändertem Erscheinungsbild ausgegangen sein; denn der Jüngling gleicht im Äußeren zunehmend dem Vater. Beider Anwesenheit erzeugt eine Atmosphäre, die in der poetischen Darstellung als die Gegenwart des Göttlichen beschrieben wird. Phänomenologisch gedeutet, hätte diese Wahrnehmung, die Eumaios als Anwachsen von Hoffnung empfindet, ihren Ausgang in der äußerlich erkennbaren Wandlung Telemachs. Sie bewirkt zusammen mit der Anwesenheit des Bettlers (Odysseus) und dem in Erinnerung gerufenen Bild des einstigen Herrschers eine Stimmung der Zuversicht. Der treffliche Sauhirt Eumaios nahm offenbar wahr, dass dieser junge Mann nicht mehr dem Muttersöhnchen aus den Tagen vor seiner Reise glich, dass der Knabe zum Manne gereift war.
Im weiteren Geschehen wendet Telemach sich jetzt dem unbekannten Gast zu, der die Begrüßungsszene im Hintergrund miterlebt hat. Odysseus hält sich auch weiterhin bedeckt und gibt seine wahre Identität nicht preis. Wir müssen beim Kommenden bedenken, dass für den Vater der anwesende Sohn wie ein Fremder erscheint, dessen Gesinnung es zu erkunden und zu prüfen gilt. Telemach glaubt einen alten Bettler vor sich zu haben, der von den Härten der Welt gezeichnet ist. Diesem unglückseligen Fremdling wendet er sich, den aristokratischen Konventionen gemäß, fürsorglich zu.
Odysseus’ Erwartungshaltung bei diesem Wiedersehen dürfte sinngemäß lauten: Treffe ich auf den erhofften Sohn, der seinem Alter gemäß fähig und bereit ist, gemeinsam den Kampf um die Königswürde durchzufechten? Oder habe ich noch einen Knaben vor mir? Telemach steht demnach eine harte Prüfung bevor. In der Sprache der Psychoanalyse formuliert, geht es um die Prüfung eines Über-Ich auf seine Realitätsfähigkeit: Es stoßen hier zwei Personen und damit zwei Ich-Ideale aufeinander. Genauer, es geht nun um das, was bei Freud mit der „Auflösung des Ödipuskomplexes“ umschrieben wird. Wir bleiben aber beim bloßen Hinweis auf die analytische Terminologie, um wieder zur Homerischen Darstellung zurückzukehren.
Die Nagelprobe erfolgt schließlich in dem Moment, als sich beide tatsächlich als Vater und Sohn gegenüberstehen. Athene drängt nämlich Odysseus, sich dem Sohn erkennen zu geben: Vor Telemach steht unvermittelt der strahlende Held in seiner kraftvollen Gestalt. Dieses ‚göttliche Wunder’ ist Homers Bild für das plötzliche Aufeinandertreffen des Jünglings mit seinem vormaligen idealisierten Selbst. Er begegnet dem leibhaftigen Größenideal seiner Kindheit: Hoheit schmückt’ ihn und Jugend. Wie vor einer Gottheit weicht Telemach zurück. Bei Homer heißt es: mit Staunen erblickte der Sohn ihn, wandte die Augen hinweg, und fürchtete, dass er ein Gott sei. Die affektive Wirkung des überhöhten Bildes lässt sein Ich schrumpfen. Im Sinne Homers war hier ein göttliches Eingreifen am Werke: Kein sterblicher Mann vermöchte mit seinem Verstande solch ein Wunder zu tun; ihm hülfe denn einer der Götter, welcher leicht, wie er will, zu Greisen und Jünglingen umschafft. Siehe nur eben warst du ein Greis, und hässlich bekleidet; jetzo den Göttern gleich, die den weiten Himmel bewohnen!
Was sich hier wie das Wunder im Märchen ereignet, fasst durchaus phänomengerecht das Geschehene. In der Tiefenpsychologie würde man es als Auswirkung einer Idealisierung bezeichnen. Es veranschaulicht ganz konkret die psychodynamische Dialektik von idealisierender Bewunderung und Selbstwerterleben: Wie von magischen Kräften zerstört, schwindet vor dem gottähnlichen Ideal das Bewusstsein des eigenen Wertes wie Schnee in der Sonne.
Betrachten wir nun, wie in Homers Darstellung diese Idealisierung aufgelöst wird. Im Sinne der Psychoanalyse wird dazu ein Vater benötigt, der nicht auf die Bewunderung durch den Sohn angewiesen ist: Das warme Bad der Glorifizierung, das dem Selbstbewusstsein schmeichelt, wird von Odysseus zurückgewiesen. Er verkörpert das Realitätsprinzip und hat allein die schwere Aufgabe im Sinn, die Vater und Sohn bevorsteht. Das bloß Wünschbare interessiert Odysseus jetzt nicht. Sein Sohn solle ihn nicht allzusehr anstaunen oder bewundern! Wahrlich in Ithaka kommt hinfort kein andrer Odysseus, sondern ich bin der Mann, der nach vielem Jammer und Elend endlich ... zurückkehrt. Aber dies ist das Werk der siegenden Göttin Athene.
Homers Odysseus verkörpert den zur erwachsenen Persönlichkeit gereiften Menschen. In der Wendung des herrlichen Dulders scheinen die Qualitäten und Fähigkeiten auf, die der Dichter mit menschlicher Reife verbindet: Erwachsen ist ein Mensch, der die Bedeutung des eigenen Handelns und der eigenen Rolle in der jeweiligen Lebenssituation zu erfassen vermag. Damit ist die wichtigste und am schwierigsten zu erlangende Qualität eines Psychotherapeuten angesprochen. Diese Fähigkeit gestattet Odysseus in der Begegnung mit dem eigenen Sohn gewissermaßen therapeutisch Stellung zu nehmen, wenn er dessen Idealisierung zurückweist. Künftig soll Telemach die Position des Mitmenschen einnehmen, auf dessen Kooperation Odysseus angewiesen ist. Denn beide stehen vor einer gemeinsamen Aufgabe, von deren Bewältigung abhängt, was sie in der Welt künftig bedeuten werden. Nicht das narzisstische Bewusstsein eigener Größe zählt hier. Der wirkliche Umfang einer Person kann sich nur im konkreten Leben erweisen. Weniger philosophisch ausgedrückt: Unsere tatsächliche Bedeutung wächst und zeigt sich in der Bewältigung der Aufgaben, die diese Welt für uns bereithält. Die Realität kehrt sich nicht um unsere Geltungswünsche.
Zurück zur Odyssee: Weder in der poetischen Darstellung noch im psychotherapeutischen Alltag kann Idealisierung Knall auf Fall aufgelöst werden. Auch bei Homer scheint dies nur so, wenn Vater und Sohn sich endlich in die Arme fallen und zum Erbarmen weinten sie beide Tränen der Wehmut. Die Distanz aber, die das Bild des vergöttlichten Vaters in Telemachs Perspektive einen so unüberbrückbaren Abstand geschaffen hatte, wurde nicht durch diese rührende Szene überwunden.
Bei allem Reiz, der dieser Demonstration zwischenmenschlicher Nähe ausgeht; realiter zeitigt sie zunächst negative Folgen. Eben noch war der Sohn vor einem Vater in die Knie gegangen, der die Verkörperung seines kindlichen Vater-Imago zu repräsentieren schien. Dieses zusammenfabulierte imaginäre Vater-Bild hatte sich in der Kindheit zu all den (ungeprüften!) Wertmaßstäben verdichtet, an denen Telemach die Bedeutung und den Wert der eigenen Existenz ablas. Eine erste Überprüfung und Korrektur hatte seine Reise bewirkt. Nun erforderte das Zusammentreffen mit dem leibhaftigen Vater wiederum einen schmerzlichen Abgleich des eigenen Persönlichkeitsideals an dessen Person. Der anschließende Moment zwischenmenschlicher Begegnung löste beider Über-Ich gewissermaßen in Tränen der Rührung auf. Alles, was sie vorher trennte, schien hinwegspült. Damit verlor der Vater vorübergehend seine Überlegenheit, die vom idealisierenden Blick des Sohnes ins Übermenschliche gesteigert erschien.
In diese affektiv-angeregte Situation mischt sich das Bedrohliche des sich ankündigenden Kampfes mit den Freiern. Ohne die frühere Fiktion von der Omnipotenz des eigenen Vaters befällt Telemach jetzt die Angst vor der gefährlichen Aufgabe. Erst jetzt erfasst er, dass Odysseus allein, ohne weitere Mitstreiter auf die Insel zurückgekehrt ist. Zweifel befallen ihn: Vater, ich habe viel von dem großen Ruhme gehöret deines Mutes im Kampf, und deiner Weisheit im Rate. Aber du sprachest zu kühn! Ich erstaune! Wie wär’ es doch möglich, dass zween Männer allein so viele Starke bekämpfen?
Nur auf den ersten Blick wirkt dieser Einwand wie der adäquate Ausdruck einer realistischen Skepsis. In der Logik Homers aber zeigt sich darin Telemachs mangelndes Vertrauen in die Macht der Gottheiten. Und in der Sprache der Tiefenpsychologie können wir formulieren: Wir wurden Zeugen des Umschlags vom Idealisieren ins Entwerten der eben noch so bewunderten Größe. Dieser Umschlag erfolgt unter der andrängenden Angst, die an Telemachs Zuversicht nagt. Im idealisierenden Gemüt ist Ängstlichkeit unvereinbar mit dem Status eines Helden. Telemach schwingt sich auf in die Position des Kritikers. Er glaubt, den vormals so bewunderten Vater mit unüberhörbarer Überheblichkeit zurechtstutzen zu dürfen: Aber du sprachest zu kühn! Ich erstaune! – So spricht nur der Herr zum Knecht.
Auch von diesem kindlichen Aufbegehren lässt sich Odysseus nicht zum Agieren hinreißen. Er antwortet besonnen und sachlich belehrend wie vormals Mentes in ähnlicher Situation: Nun ich verkünde dir, merk auf, und höre die Worte! Denke nach: wird uns Athene und Vater Kronion genügen; oder ist’s nötig, noch andere Hilfe zu suchen? Dieses Vertrauen in den Beistand der Gottheit, wie es Homer deutet, übersetzen wir in die Selbstgewissheit des an Erfahrung Gereiften. Diese Reife jedoch beruht auf der mühsam erworbenen Hingabefähigkeit des Dulders Odysseus an die Macht der Umstände. Nur, wer nicht gegen das Unabänderliche revoltiert, dem eröffnet eine vorausschauende Vernunft in der Bedrängnis noch die Wahl mit der Möglichkeit sich anzupassen oder aber den Gestaltungsspielraum zu nutzen. Diese Geistesgegenwart, die Verstandeskraft, die Odysseus zum Liebling der Pallas Athene gemacht hat, zeigt sich in dessen spontaner Zurückweisung der Idealisierung des Sohnes, aber auch in der Besonnenheit, mit der er seinen Entwertungsversuchen begegnet.
Im Verlauf der bisherigen Darlegungen zeigte sich eine eigentümliche Betonung der Vaterthematik. Sie steht mit Telemachs Männlichkeitsentwicklung und Verantwortungsrolle in unmittelbarem Zusammenhang. Im Sinne der Psychoanalyse beschrieben wir diesen Prozess als Herauslösung aus einer befürsorgenden mütterlichen Sphäre. Mit der Vaterwelt kam eine Lebenseinstellung in den Blick, die nicht mehr darauf ausgerichtet ist, unmittelbare Bedürfnisse zu befriedigen und Wünsche zu erfüllen. Sie schaut mit anderen Augen auf die Welt. In den Blick kommt die Situation des Menschen als Mitmensch angesichts einer gemeinsamen Lebensaufgabe. Damit zeigen sich die anthropologischen Dimensionen, in denen der Erziehungsthematik ihre Bedeutung zuteil wird. Diese ist in psychodynamischer Betrachtung allein nicht zu erfassen. Deshalb in groben Umrissen der Versuch, Homers Beitrag zur Bewusstwerdung dieser anthropologischen Sachverhalte zu erhellen.
In welcher Hinsicht hat Homer also unser heutiges Verständnis von der Rolle des Menschen in der Kultur mitgeprägt? Oder auch: Können wir von Homers Weltanschauung ausgehend – gemeint ist hiermit die Art und Weise, in der sich dem damaligen Menschen die Lebensrealität zeigt – die Einsicht in unser eigenes Weltverhältnis vertiefen?
Es sollen hier nun keine Theorien darüber herangezogen werden, was heute unter Weltanschauung verstanden wird. Uns muss der Hinweis genügen, dass dieser prägnante Begriff in die Umgangssprache eingegangen ist. Die Wortwahl deutet auf einen zentralen Sachverhalt hin: Bei der gemeinten Angelegenheit ist unser Blick nach außen gerichtet. Unsere Weltanschauung stellt zu diesem Außerhalb-von-uns eine Beziehung her. Welche Weltanschauung einer wirklich hat, darüber gibt uns am wenigsten die Selbstbefragung Auskunft. Sie zeigt sich vornehmlich indirekt in der Art, wie jemand der Welt begegnet. Doch diese Haltung auszuwerten, verlangt von uns einiges an Lebenskenntnis. Im Werk der Dichter hingegen wird dieser individuelle Blick auf die Welt sichtbar. Aus seinen Figuren scheint deren Weltanschauung direkt zu uns zu sprechen. Was verrät nun Homers Bild von den Menschen der Odyssee?
In der Gestalt des Odysseus zeigt sich uns das homerische Ideal des Mannes der hellenischen Frühzeit. In einer noch ungebrochen patriarchalischen Welt stehen die Frauen nur in der zweiten Reihe; auf Penelopes (ebenbürtige?) Rolle soll erst später an geeigneter Stelle eingegangen werden. Was aber unterscheidet diesen Odysseus von den anderen Heldenfiguren des Epos?
Mit einer nur ihm eigenen Fähigkeit hebt er sich aus der Reihe seiner aristokratischen Zeitgenossen heraus: Sie alle sind virile Raufbolde, die in jeder Situation ihren triebhaften Impulsen freien Lauf lassen. Auch Odysseus wird von diesen vitalen Kräften bewegt. Muskelkraft und Durchsetzungsvermögen gepaart mit körperlicher Gewandtheit zählten unter Hellenen zu den Werten, die sowohl bei Göttern und als auch Menschen höchstes Ansehen genossen.
Doch schon in der Ilias, dem der Odyssee vorangehenden Epos vom Kampf um Troja, erscheint der noch junge Herrscher von Ithaka als einer, der nicht ganz dem kampfesfreudigen Mannestyp entspricht. Während seine Kumpane allzeit kriegsbereit sind, treibt es ihn nicht in das Gefecht um Troja, bei dem es um die Vergeltung für die Entführung Helenas geht, der schönsten Frau Griechenlands. Odysseus setzt manche List ein, um von dem Abenteuer dispensiert zu werden – bekanntlich zuletzt ohne Erfolg.
Es ist offenbar eine besondere geistige Fähigkeit, die Odysseus von seinen Adelsgenossen abhebt. Wo die anderen einem quasi-triebhaften Impuls reflexhaft folgen, hält er einen Moment inne, um dann erst zu handeln. Wo den anderen etwas bloß zuzustoßen scheint, lässt Homer seinen Odysseus als jemanden auftreten, der entscheiden kann, wie er reagiert. Hierdurch bewegt er sich erfolgreicher als die Mehrzahl von Seinesgleichen in einer Welt allfälliger Gefahren. Trotz ständiger Gewaltbereitschaft ist das in derOdyssee vorgestellte Leben voller Freude am Dasein. Keine Vorausschau auf drohendes Unheil belastet das beneidenswerte Lebensvertrauen. Weder bedrückt eine Vergangenheit noch beunruhigt das Kommende, das wie hinter einem dichten Schleier verborgen liegt. In der Welt des Mythos ereignen sich die Dinge nach dem Muster von Naturabläufen, die sich entweder regelhaft wiederholen oder unvorhersehbar hereinbrechen.
Und noch ein wesentliches Phänomen unterscheidet diese hellenische Frühwelt von der unseren: Ihre Bewohner leben völlig unbeschwert von jeglichen Gewissensfragen. Wir finden hier wenig von dem, was die Innenwelt des heutigen Menschen kennzeichnet. Homers Heldenfiguren, Odysseus inklusive, fehlt so etwas wie eine innere Stimme. Sie kennen weder innere Widersprüche noch haben sie eine innere Orientierung, die sie abhielte von spontaner Reaktion.
Bei Odysseus jedoch sahen wir nun Ansätze, die Bindungen an die eigene Triebhaftigkeit zu lösen. Diese geschieht bei ihm nicht, indem er zwischen Anlass und Handlung eine Reflexion dazwischengeschaltet. Homer lässt dazu eine Gottheit eingreifen. Athene spricht zu Odysseus und der hört auf ihre Botschaft. Aus diesem Hören-Können erwächst ihm offenbar die Fähigkeit innezuhalten. Seinen aristokratischen Kollegen fehlt zumeist jenes Gehör, die göttliche Stimme zu vernehmen und das eigene Tun danach auszurichten.
Mit dieser eigentümlichen Instanz der Gottheit rückt der Dichter eine neuartige, nur dem Menschen eigene Weise der (geistigen) Orientierung ins Blickfeld. Es kündigt sich erstmals etwas an, was viele Jahrhunderte später schließlich als Frage nach der menschlichen Freiheit, nach den Bedingungen der Möglichkeit autonomer Selbstbestimmung aufgeworfen und neu beantwortet werden sollte.
Wir stehen damit vor einem paradoxen Problem: Wie kann Freiheit und Gebundenheit im selben Wesen vereinbar sein? Welchen determinierenden Einflüssen die Helden Homers unterworfen sind, wurde hinreichend demonstriert. Wir Heutigen würden erklären, der Mensch ist bis in seine Empfindungen streng kausalen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Wie sollte nun aber aus der festgestellten Unfreiheit durch eine zusätzliche ‚Abhängigkeit’ – hier durch die Anweisungen der Götter – Selbstbestimmung werden? Die griechischen Gottheiten, die doch als Herrscher über die Menschen auftreten, bekämen dabei die Rolle von Freiheits-Stiftern. Das ist ein durchaus erklärungsbedürftiger Widerspruch.
Über das Verhältnis der göttlichen Bewohner des Olymp zu den Menschen hatten wir schon eingangs manches gesagt. Es dürfte deutlich geworden sein, dass es uns nicht darum geht, für die Frage nach der menschlichen Freiheit irgendwelche ‚höheren Wesen’ zu bemühen. Vielmehr soll hier die Homerische Weltsicht auf ihren tragfähigen Gehalt hin gewürdigt werden. Denn Homer rückt mit seinem Bild des Odysseus sinnfällig ein anthropologisch neues Phänomen ins Blickfeld: Erstmals wird das Problem der Selbstbestimmung auf die Menschheitsbühne gebracht.
Dieser Begriff der Selbstbestimmung klingt für uns so selbstverständlich, wie er von der gemeinten Sache her ausgesprochen vieldeutig und damit schwierig ist. Wir kommen deshalb am zentralen Grundproblem der philosophischen Anthropologie nicht vorbei. Es geht um die Frage, wie ein Wesen, das von seiner Biologie lückenlos in die materielle Umwelt eingefügt, das demnach strenger kausaler Determination unterworfen ist, sich selbst bestimmen können sollte. Stehen sich hier nicht Fremd- oder Selbstdetermination unversöhnbar gegenüber?
Wenn man als Lösung verwirft, es könne so etwas wie eine Lücke in der Kausaldetermination geben, in der unsere Freiheit sich dann entfalte, bleibt nur der Weg, nach einer zusätzlichen Determinante zu suchen, die bisher nicht mitbedacht wurde. Diese brächte, gewissermaßen von höherer Warte aus, eine neuartige Möglichkeit ins Spiel.
Wir folgen bei unserem Gedanken weiter der Spur, die Homer für uns gelegt hat. Sein Bild vom Wirken der Götter betrachten wir als phänomen-gerechte Beschreibung der Eigentümlichkeit menschlichen Geistes. Man könnte sie eine frühe Phänomenologie des Geistes nennen. Unter diesem Titel ergründete im 19. Jhdt. G.W.F. Hegel diejenige Dimension des menschlichen Lebens, die den Menschen erst zum Menschen macht. Insofern bedeutet Geistigkeit im übertragenen Sinne wirklich so etwas wie das ‚Göttliche’ am Menschenwesen.
Ganz im wörtlichen Sinne unterliegt unsere materiell-biologische Seite den Naturgesetzen. Wo diese ausschließlich gelten, herrscht für den Menschen das Reich der Unfreiheit. Wo er aber deren Macht zu erkennen und anzuerkennen gelernt hat, sind jene Kräfte zwar immer noch machtvoll, aber nicht so allmächtig, dass der Mensch sie nicht doch seinen Zwecken dienstbar machen könnte. Gegen die Geltungsmacht dieser Gesetze kann er nichts unternehmen; gelingt es ihm jedoch, sie adäquat in Rechnung zu stellen, kann er die Natur auf diesem Wege dienstbar machen. Damit tun sich für die menschliche Vorausschau Spielräume auf, die eigenen Kräfte und die der Natur in einem von ihm mitbestimmten Sinne zu steuern. Was wir Geschichte nennen, ist das Ergebnis dieser suchenden und immer wieder irrenden Bemühungen um die Gestaltung der menschlichen Kultur. Deren Gesetzlichkeiten aber werden nur dem zugänglich, „der strebend sich bemüht“.
Zu Homers Zeiten gab es weder unseren Begriff von der Gesetzlichkeit eines Geschehens noch die Vorstellung, im unendlichen Kosmos ließen sich solche Gesetzmäßigkeiten aufweisen. Kosmos bedeutete den alten Griechen soviel wie die „gute Ordnung“ ihrer Welt. Ihr Lebensgefühl war davon erfüllt, dass es sich um eine wunderbare Ordnung handele. Selbst die antiken Götter waren ihr unterworfen; sie sind nicht allmächtig und dazu noch Willens, auch den Menschen beim Befolgen dieser Ordnung hilfreich zu sein.
Insofern beinhaltet Homers Beschäftigung mit dem Verhältnis von Göttlichem und Menschlichem die Entdeckung der Bedingungen, an die unsere Freiheit geknüpft ist. Dies gelingt, indem er die Sphäre, aus der sein Odysseus die Beweggründe für sein Handeln bezieht, nicht in ihm selbst ansiedelt, sondern außerhalb bei den Göttern. Sie geben ihm Ziele und Richtpunkte, auf die er seine Energie dann lenkt. Neben die Antriebsphäre treten somit Motivationen, die seine Kräfte auf dieses Ziel hin bündeln. Motive als geistige Phänomene sind nicht die Ursache von Handlung, sondern sie verwandeln wie eine ordnende Idee ein Tun in Zwecktätigkeit. Die dabei waltenden Kräfte selbst unterliegen der Kausalität, nicht aber die Motive, unter denen der Mensch ihre Wirkung in seine Bahnen lenkt.
Diesen Sachverhalt hat im 19. Jhdt. Hegel gewissermaßen ins Phänomenologische übersetzt. Homers Gottheiten werden für ihn zum sogenannten „Objektiven Geist“ – also Sprache, Ideen, Sitten und Gebräuche – zu den Bausteinen der menschlichen Kultur. Geist hat nicht die Seins-Weise der materiell-biologischen Realität, aber er ist auch nicht bloß subjektives Phantasieprodukt. Er ist die objektive Sphäre kulturell vorgeprägter Lebensformen, in die jeder Mensch hereinwachsen muss. Was wir als Persönlichkeit bezeichnen, liegt offenbar in der Eigenart begründet, mit der wir die uns zugänglichen Ideen und Werte aufgenommen haben. Diese Teilhabe am gemeinsamen Geist erst ist es, die als ein verbindendes Drittes die Brücke zum Mitmenschen herstellt.
Betrachten wir nun aus dieser Perspektive, worin Homer die Persönlichkeit des Odysseus wurzeln lässt: Es sind nicht dessen immer wieder plakativ hervorgehobene Manneskräfte, gepaart mit einem recht freizügigen Umgang mit der Wahrheit, die Odysseus’ Überlegenheit ausmachen. Seine vitale Expansivität bildet nur die Basis einer Überlegenheit, die ihn von den Gefährten abhebt: Er hat gelernt all jene Mächte duldsam zu ertragen, über die wir Menschen keine direkte Herrschaft gewinnen können. Sein Still-halten-Können wird belohnt mit einem Zuwachs an Vorausschau. Am Horizont seines Blickfeldes nimmt er etwas wahr, was anderen verborgen bleibt.
Im Bilde gesprochen: Als Seefahrer hatte Odysseus für sich einen feststehenden Punkt gefunden, der ihn den Kurs halten ließ. Dieser Richtpunkt konnte nicht aus seinem Inneren hervorleuchten, sonst würde er schwanken wie sein Schiff selbst. Die Wegmarke musste jederzeit für ihn sichtbar sein, sonst hätte Odysseus im entscheidenden Moment sich nicht an ihr ausrichten können. Es war die vorausschauende Vernunft, die sein Fixstern wurde. Sie eröffnete ihm ein neues Koordinatensystem, das für die anderen noch unsichtbar war.
Die praktische Bedeutung dieser Fähigkeit fasst Homer in ein paradox anmutendes Bild: In scheinbar auswegloser Situation lässt sich Odysseus, der Lenker seines Schiffes, von den Kameraden an den Mastbaum fesseln. Er verzichtet damit auf den stolzen Ehrgeiz, dem tödlichen Gesang der Sirenen aus eigener Kraft widerstehen zu können. Nur so kann er den Kurs halten, wo alle vor ihm ins Verderben gerieten – ein Urbild für die ‚Wundertätigkeit’ des Logos.
Zur ‚Erklärung’ dieses Wunders bemühte Homer das Wirken einer Gottheit. Nur sie bot den Haltepunkt, der hoch genug lag, dass der Mensch sich daran wie an den eigenen Haaren über die Natur erheben konnte. Wer sich Vernunft angeeignet hat, dem flüstert sie dann leise zu wie Pallas Athene ihrem Odysseus, woran er sich auf seinem Wege durchs Ungewisse halten kann. Mit seiner Hellhörigkeit hat er sich zum listenreichen Liebling dieser strengen Lehrerin gemacht.
Wofür also steht bei Homer Odysseus’ Mentorin, Pallas Athene? Als Lieblingstochter des Zeus bekleidet sie die höchsten Ränge der himmlischen Aristokratie. Sie ist nicht irgendeine aus der göttlichen Sippschaft. Athene fungiert als Vertreterin einer neuartigen Avantgarde unter den Olympiern. Diese Götterschar gleicht den menschlichen Rabauken, von denen die Odyssee voll ist. Athene dagegen wirkt als Vorkämpferin der ordnenden und mäßigenden Vernunft. Das dürfte sie – eine Frau! – zu Homers himmlischer Favoritin gemacht haben oder, richtiger gesagt, seine poetische Hoheit hat dem olympischen Establishment eine Pallas Athene zum Zwecke der höheren Kultivierung zugesellt. Dies dürfte gewissermaßen in therapeutischer Absicht erfolgt sein; denn unmäßige Triebhaftigkeit war eine der Hauptbedrohungen für die hellenische Kultur.
Wir haben schon öfter die Redewendung Sigmund Freuds benutzt, die menschliche Vernunft spreche zu uns mit „leiser Stimme“. Dieser Modus des Sprechens wird auch von Homers Athene bevorzugt, wenn sie sich an die Menschen wendet. Martin Heidegger weist darauf hin, dass Vernunft sich in der Wortbedeutung von „vernehmen“ ableitet. Vernunft hat demnach derjenige, der mit dem „dritten Ohr“ (Theodor Reik) zu hören lernt, der ‚zwischen den Zeilen’ zu lesen fähig ist. Diese Vernunft ist es, die uns die Verbindungsfäden zwischen den einzelnen Phänomenen zu ziehen lehrt. Dem schöpferischen Menschengeist schweben sie vor Augen. Nur intuitiv kann der geist-reiche Mensch in der jeweiligen Situation all jene Aspekte erfassen, die für die anstehende Handlung bedeutsam sind. Unser Geist erst stellt Ganzheit her, indem er Verbindungen zwischen den getrennten Teilen schafft. Wo er fehlt, da stehen die Menschen untereinander und auch den Dingen gegenüber unverbunden da. Dieses Getrennt-Sein, das Nicht-Verstehen also, erleben wir als beunruhigend.
Wo die Beunruhigung dominiert, machen wir unsere Leidenschaften und Begierden sprachlos geltend. Mit der Macht des Affektes wird die Forderung durchgesetzt, nötigenfalls laut und im Befehlstone. Die allfällige Emotionsbereitschaft des Menschen begrenzt deshalb massiv seine geistige Hörfähigkeit. Man muss erst wie Odysseus gelernt haben, den Angstaffekt zu ertragen, um der Vernunft den Boden zu bereiten. Diesen anthropologisch so bedeutsamen Sachverhalt erfasst Homer, wenn er seinem Odysseus den Ehrentitel eines herrlichen Dulders verleiht.
Unsere These über die Rolle der Homerischen Götterwelt lautet also sinngemäß: Indem der Mensch die Götter erfand, schuf er sich intuitiv ein Gegenüber nach seinem Bilde, um sich darin wie in einem Spiegel zu entdecken. Denn Selbsterkenntnis ist dem Menschen nicht direkt möglich; zum Erkennen braucht es Abstand. Erkennen kann sich der Mensch nur im Gegenüber, mit dem er in Gedankenaustausch tritt. Mit den Göttern schuf er sich offenbar solch einen Dialogpartner, um indirekt Aufschluss über das eigene Wesen zu erlangen.
Erst über diesen ‚Umweg’ erlernt jeder von uns den bewertenden und wägenden Blick auf die Dinge. Von dieser äußeren Instanz her bekommt dann alles seine Bedeutung und sein Gewicht. Und von dieser äußeren Instanz, der objektiven Kultur, ergeht an den Menschen der ‚Ruf’, etwas werden zu sollen, das er von Geburt her noch nicht ist. Die antiken Griechen erinnerten sich mit ihren Gottheiten daran, dass menschlichem Maß im sozialen Leben Geltung verschafft werden soll. Die spätere christliche Ethik berief sich dazu mit ihren Werten und Ideen auf einen Schöpfergott.
Unser Exkurs scheint weit abgekommen zu sein von der ursprünglichen Vater-Sohn-Thematik mit ihren psychodynamischen Zusammenhängen. Doch dieser Umweg war nötig, denn die Väterwelt ist der geistige Bezugsrahmen, innerhalb dessen das individuelle Schicksal seinen Stellenwert erhält. Über das im engeren Sinne Psychologische hinaus ging es uns um die Einbettung dieses Geschehens in seine geistig-weltanschaulichen Bezüge, die von der heutigen klinischen Perspektive der Tiefenpsychologie kaum berücksichtigt werden. Freud stand in dieser Hinsicht der mit Homer einsetzenden Vernunftgläubigkeit sehr viel näher als dessen naturwissenschaftliche Attitude ahnen lässt. Insofern ist seine Psychoanalyse der Antike verpflichtet. An diese wahrhaft aristokratische Herkunft, dieses unglaublich hohe intellektuelle Ausgangsniveau, sollte sich die Tiefenpsychologie erinnern. Denn Homers dichterische Intuition erfasste erstmals das Sich-selbst-bewusst-Werden des Menschen, sein Bezogen-Sein auf Ideen und Werte. Platon verwandelte den Ansatz schließlich in philosophische Reflexion. Und es dauerte noch bis ins 19. Jahrhundert, um diese geistige Revolution von der Philosophie der Neuzeit weiter zu betreiben. Die neue Blüte jedoch war kurz. Zu erfolgreich war das naturwissenschaftlich-technische Welterklärungs-Projekt, an das auch die damals noch junge Tiefenpsychologie den Anschluss suchte.
Sigmund Freuds Psychoanalyse nahm nicht nur sprachliche Anleihen aus der griechischen Mythologie. Oberflächlich betrachtet, erklärte er Seelisches als Wirkungen einer Triebdynamik. Doch Freud war zutiefst von der Weltliteratur geprägt. Bei allen Versuchen, die Phänomene auf vermeintlich Darunterliegendes zurückzuführen, beschreibt er doch die Phänomene selbst überaus kunstvoll. In seinen Fall-Novellen sieht man das Walten affektiver Prozesse geradezu vor sich. Freud ‚übersetzte’ als erster diese Mytho-Logik in die Sprache heutiger Wissenschaft. Aufgewachsen in der Tradition des Idealismus folgte der Kenner der Weltliteratur hingebungsvoll den Dichtern, die sich auf die sprachliche Gestaltung des Menschenschicksals verstanden.
Was wir oben als Befreiung der Vernunft aus den Fesseln der Macht der Affektivität umrissen haben, wird in psychoanalytischer Terminologie unter dem Begriff der „Sublimierung“ gefasst. Sublimierung verstand Freud selbst als bloße Metapher für die unerklärliche ‚Entstehung’ der Vernunft. In seiner naturwissenschaftlichen Sicht konnte der Geist des Menschen nur aus dessen Biologie hervorgegangen sein. Der sublimierungsfähige Mensch, der seiner Triebhaftigkeit (Affektivität) ‚Herr’ wurde, indem er lernte sich der Vernunft zu bedienen, war Freuds Idee von Gesundheit: deren „leise Stimme“ spräche dann aus unserem reifen „Über-Ich“. Hier verortete die Psychoanalyse die Gewissens-Instanz des Menschen.
Homers ‚Über-Ich-Theorie’, wie wir sie bisher beschrieben haben, gibt dieser Instanz für wahr und unwahr, richtig und falsch, Realität und Illusion eine Heimat außerhalb des Einzelnen. Im Inneren finden seine Helden nur das, was es auch bei uns dort zu entdecken gibt: Empfindungen, Sinneseindrücke und Affekte; all das also, was sich im Seelischen unserer tierischen Artgenossen ähnlich abspielt. Aber keine noch so deutliche innere Empfindung gibt uns Auskunft darüber, was sie für uns zu bedeuten hat. Bis unsere innere Stimme kommunikationsfähig wird, muss ein Mensch erst lernen, mit ihr ‚ins Gespräch’ zu kommen. Erst, wenn wir von den Affekten nicht mehr beherrscht werden, öffnen sich uns Augen und Ohren, damit wir intuitiv die Beziehung zwischen den Dingen unserer Welt erahnen können. Die allgemeingültige Vernunft hilft dem Geist all jene Struktur-Zusammenhänge zu erschließen, in die sich unser Leben einfügen muss, damit wir handelnd Einfluss auf dessen Gestaltung gewinnen. Diese komplexen Erfahrungen kann nur jeder selbst machen auf jenen Irrfahrten, auf die uns die Lebensreise schickt. Vorbereitet werden wir für diese Reise nur bedingt; immer brauchen wir hierzu Mentoren, die unserer Vernunft einen Schritt voraus sind. Telemachs Lehrerin, Pallas-Athene, verkörpert diese geistige Fähigkeit, mit deren Hilfe der Mensch sich die Erde als kulturelle Heimat erschließen und gestalten kann. In Telemach hatte sie einen gelehrigen Schüler.
Aus all diesen Gründen wurde seine Erkundungsfahrt von uns als therapeutische Angelegenheit, als Bildungsreise beschrieben, die Leib und Geist erfasste. Seine Therapie musste ihn fort von der mütterlichen Sphäre in die Welt außerhalb der Familie führen. In diesem Schutzraum galt eine allzu private Logik, die wenig gesellschaftsfähig macht. Wer die allgemeingültige Sprache der Vernunft hören und verstehen lernen will, muss die mütterliche Welt, in der das „Lustprinzip“ vorherrscht, aufgeben.
Erwachsen-Werden heißt nach psychoanalytischen Kriterien, dass ein Knabe aufgeben soll, die Mutter besitzen und den väterlichen Rivalen aus dem Felde schlagen zu wollen. Man mag nun diese ins Sexuelle überspitzte Formulierung belächeln, doch ein Rivalisieren in Sachen männlicher Überlegenheit konnten wir am ‚Falle’ Telemachs verfolgen. Wir begegneten zuletzt einem Sohn, der meinte den Vater über dessen Chancen im Kampf gegen die Freier belehren zu müssen. Wir wunderten uns, woher eigentlich der junge Mann die Verwegenheit nahm, den ihm haushoch überlegenen Vater derart herablassend zu kritisieren. Auf eigene Leistungen jedenfalls konnte er sich dabei nicht berufen. Eher schon schien dieser Übermut ein Relikt aus jenen Tagen zu sein, in der Telemach die Mutter für sich allein hatte.
Mit dem 18. Gesang der Odyssee beginnt schließlich der Entscheidungskampf mit den Freiern. Was Telemach auf seiner Reise gelernt hatte, dafür steht nun die Bewährungsprobe auf dem ‚Therapieplan’. Der Jüngling erwies sich als gelehriger Schüler des Mentes. In dessen pädagogische Position ist jetzt Odysseus getreten. Er steht hier für das Homerische Idealbild eines im Lebenskampf gereiften Mannes. Seine Gestalt verkörpert das erzieherische Programm des Epos, an dem sich künftig die politischen Akteure der hellenischen Kultur ausrichten sollten. Odysseus wurde zur Herrschaft fähig, weil er nicht mehr seinen Triebimpulsen allein folgen musste und intuitiv zu erfassen gelernt hatte, was die Vernunft in der Situation gebot. Das machte ihn nicht frei von Zweifeln. Vor dem alles entscheidenden Kampf sehen wir einen sorgenvoll-beunruhigten Odysseus: Er erlebt sich ganz auf sich selbst zurückgeworfen,bekümmert, wie er den schrecklichen Kampf mit den schamlosen Freiern begönne.
In solchen Augenblicken steht uns Menschen nur das zur Verfügung, was wir in entsprechenden Situationen an Erfahrungen haben sammeln können. Je nach Charakter erinnern wir uns an frühere Erfolge oder aber an unsere Niederlagen. Die Wortwahl des „Sich-Erinnerns“ weist auf das aktive Moment im menschlichen Gedächtnis hin: Nicht die Erinnerung macht etwas mit uns, sondern wir bedienen uns ihrer. Wir wissen nicht um diesen Vorgang der Selbstbeeinflussung; insofern geschieht die Sache unbewusst: Im Erinnern vergewissern wir uns des eigenen Könnens bzw. unserer Mutlosigkeit. Als Einstimmung in eine kommende Situation entfalten Erinnerungen immer eine emotional prospektive Funktion. Unser Charakter macht gewissermaßen eine Wette auf die Zukunft. Mutige Charaktere zehren von den im Vorfeld gesammelten Erfolgen. Sie sehen auch dort noch Handlungsmöglichkeiten, wo zaghaftere längst zum Rückzug geblasen hätten.
Homer lässt seinen Odysseus diese Selbstbestärkung außen finden, indem er dessen Schutzgöttin auf den Plan ruft. Pallas-Athene erscheint leibhaftig zum nächtlichen Zwiegespräch, um Odysseus auf das ihm Bevorstehende einzustimmen. Nicht anders setzen wir uns in unseren Träumen mit unserer Lebenserfahrung in Verbindung. Die Auswirkungen dieses inneren Dialogs mit den Kräften des Unbewussten veranschaulicht Homer geradezu augenfällig. Am Morgen des Entscheidungskampfes erlebt Telemach den Aufenthaltsort des Vaters in ein wunderbar glänzendes Licht getaucht. Diese Beobachtung macht er sogleich laut kund: „Wahrlich ein Gott ist hier, des weiten Himmels Bewohner!“ Der Vater jedoch weist ihn zurecht: „Schweig, und forsche nicht nach, und bewahre deine Gedanken! Siehe, das ist die Weise der himmelbewohnenden Götter!“
Wenn wir heute als Bürger einer säkularisierten Welt davon ausgehen, dass in dieser Begebenheit die Szene nur von einem metaphorischen Licht erhellt wird, was vermittelt dann das von Homer gebrauchte Bild? In den Blick kommt das Phänomen selbst: die eindrückliche Wirkung einer starken Persönlichkeit auf das Selbstgefühl des Gegenüber. Welchen Namen man diesem magischen Sachverhalt auch geben mag, es scheint eine Art Teilhabe an der personalen Größe zu geben, in die wir uns einbezogen fühlen. Wir profitieren vom Selbstvertrauen und von der schöpferischen Kraft der fremden Person, die sich von andrängender Furcht unerschrocken auf die anstehende Aufgabe konzentriert. Wo bei weniger Lebenserfahrenen die Aufmerksamkeit zerflattert, ist Odysseus ganz auf die Sache selbst gerichtet. Sein vorausschauendes Denken wirkt wie eine vorweggenommene Tat. Weder von der Ängstlichkeit seines Sohnes noch von dessen kindlicher Begeisterung wird Odysseus sich ablenken lassen; daher seine Ermahnung an Telemach: „Schweig, und forsche nicht nach, und bewahre deine Gedanken...“
Wir alle kennen diese innere Geradlinigkeit wenigstens im Ansatz. Sie tritt dort zutage, wo jemand auf die anstehende Aufgabe gut vorbereitet ist. Der richtig Vorbereitete ist per se mutig; der schlecht Gerüstete dagegen zeigt nur, dass er leichtsinnig an die Sache geht. Wer in einer schwierigen Situation bestehen will, der muss sich emotional ganz einlassen. Sein Ich wird konturierter und kompakter, sobald der Entschluss dazu gefasst ist. Mit dem beherzten Einsatz der ganzen Person wagen wir uns dann geradezu todesmutig an die Aufgabe; denn jede echte Handlung kann unsere Person gefährden oder sie neu erstehen lassen.
Weshalb soll Telemach nun schweigen? Wenn (bildhaft gesprochen) der Bogen gespannt ist, nimmt jedes unnötige Wort dem Pfeil die Schlagkraft und Treffsicherheit. Solche Anspannung zu ertragen, hat der Vater länger als der Sohn trainieren dürfen. Wem die notwendige Übung fehlt, der ist mangelhaft auf die Sache fokussiert und es unterlaufen ihm leichter Fehler. Zu einer solchen Fehlleistung kommt es schließlich: Telemach hat verabsäumt, die Kammer zu verriegeln, in der man zuvor die Waffen der Gegner versteckt hatte – eine Entdeckung, die am Bewusstsein seiner Größe nagt. Aber nun zeigt sich, dass der Sohn doch zum Manne gereift ist: Er bekennt dem Vater sein Versagen und rettet damit die gemeinsame Sache.
Wir übergehen die blutigen Einzelheiten der Abrechnung mit den Freiern, die in einem grausamen Gemetzel vollzogen wird. Auch Gewaltdemonstration gehörte zum pädagogischen Anliegen Homers. Seine Zuhörer waren es gewohnt, dass die politische Ordnung mit jedem Mittel wieder hergestellt wurde. Wir würdigen das sadistische Geschehen, indem wir es übergehen. Uns interessiert es nur, insofern es die Bewährungsprobe der Kooperation von Vater und Sohn darstellt unter historischen Bedingungen, von denen es nicht sicher ist, ob sie um so viel weniger human waren als die unseren.
Zur Auflösung des Ödipuskomplexes gehört nicht nur, dass der Sohn auf den Besitz der Mutter verzichtet, indem er die Kooperation mit dem Vater übt; auch die Elterndyade muss sich jetzt neu konstellieren. Beide Ehepartner stehen nunmehr vor der Aufgabe, nach vielen Jahren des Getrenntseins wieder zueinander zu finden. Homer lässt dies in der Szene am Morgen nach dem nächtlichen Kampf augenscheinlich werden: Am Feuer im Saal sitzt Odysseus noch immer in der Gestalt des Bettlers und erwartet die Gemahlin. Es geht offenbar um die Wieder-Entflammung der Liebe. Die nun eintretende Penelope konnte vom nächtlichen Geschehenen nichts bemerken, denn Pallas Athene hatte ihr mit lieblichem Schlummer die Wimpern sanft bedeckt. Von der alten Amme Eurykleia erfährt sie jetzt erst das Vorgefallene. Sie will ihr zunächst nicht glauben und ist in ihren Gefühlen hin- und hergerissen. Beunruhigtsteigt sie hinab in den Saal. Der Gehenden Herz schlug. Sie ist voller Zweifel: Soll sie den lieben Gemahl von ferne befragen oder ihm entgegenfliegen und Händ’ und Antlitz ihm küssen? Wieder zeigt uns Homer eine Frau, die nicht ins Bild des sublimierungsunfähigen Weibes passt, wie es von Freud noch propagiert wurde. Homer gestattet es seiner Penelope, sich von Vernunft leiten zu lassen. Auch sie suchte die Nähe zu Pallas Athene.
Die Göttin ist anwesend, während sich die fremd gewordenen Eheleute gegenübertreten und sich vor unserem Auge die vorsichtige Annäherung beider entfaltet. Mit Zurückhaltung und prüfender Distanz reagiert Penelope auf diesen Fremdling. Aus Homers sachlich-präziser Schilderung erwächst beim Leser zunehmend ein berührendes Gefühl der intimen Nähe: Sie tritt hinein über die Schwelle von glattem Marmor und setzt sich hin fern an der Wand Odysseus gegenüber im Glanze des Feuers. Er sitzt an einer ragenden Säule, die Augen gesenkt und wartet, was sie ihm sagen würde. – Lange sitzt sie schweigend; ihr Herz ist voll Erstaunen. Jetzt glaubt sie schon sein Angesicht zu erkennen, jetzt verkennt sie ihn in seiner hässlichen Kleidung.
Dieses eindringliche Bild einer aufblühenden erotischen Situation wird zwischenzeitig getrübt, indem Homer den ungeduldigen Telemach unvermittelt für den Vater Partei ergreifen lässt. Er fordert von der Mutter Bewunderung für vollbrachte Heldentaten. Die vormals Idealisierte wird jetzt Opfer seiner Desillusionierung. Er moniert das Fehlen ‚weiblicher’ Qualitäten und erinnert sie an die Rolle der Frau im Patriarchat: Mutter, du böse Mutter von unempfindlicher Seele! Du trägst im Busen ein Herz, das härter als Stein ist!
Sie aber erweist sich als die kluge Penelopeia. Sie ‚überhört’ den Angriff, um sachlich zu entgegnen: Lieber Sohn, mein Geist ist ganz in Erstaunen verloren, und ich vermag kein Wort zu reden oder zu fragen, noch ihm gerad ins Antlitz zu schauen! Doch ist er es wirklich, mein Odysseus, der wiederkam, so werden wir beide uns einander gewiss noch besser erkennen: wir haben unsre geheimen Zeichen, die keinem andern bekannt sind.
Penelopes Hinweis, dass es nicht die Sache des Sohnes sei, sich in die intimen Angelegenheiten der Eltern einzumischen, führt uns zum Problem der Auflösung der ödipalen Thematik zurück. Jetzt ist es am Vater als triangulierendem Dritten, den Sohn mit der neuen Realität zu konfrontieren: Oh Telemachos, lass die Mutter, so lange sie Lust hat, mich im Hause versuchen. Diese Botschaft ist psychoanalytisch klar: Der junge Mann sei fürderhin aus der erotischen Dyade ausgeschlossen und möge diesbezüglich eigene Wege gehen.
Bevor nun Odysseus dem ersehnten Ehegemach zustreben kann, muss er sich noch in die Erscheinung verwandeln, die seiner gesellschaftlichen Rolle gemäß ist. Auch im Ehegemach ist ein Aristokrat noch eine öffentliche Gestalt, gekleidet also in prächtigen Mantel und Leibrock. Und siehe, sein Haupt umstrahlt’ Athene mit göttlicher Anmut ... Er kommt an Gestalt den Unsterblichen ähnlich und setzt sich auf seinen verlassenen Sessel gegenüber der edlen Gemahlin. Nun ist es Odysseus, der glaubt, dem Patriarchat seinen Tribut erweisen zu müssen, indem er Penelope vorhält, die von ihr gezeigte Klugheit ziere ein Weib nicht: Wunderliche, gewiss vor allen Weibern der Erde, schufen die Himmlischen dir ein Herz so starr und gefühllos!
Wir sagten bereits zu Beginn der Szene, dass Penelope sich reserviert verhält und fern an der Wand Odysseus gegenüber sitzt, während Odysseus seinen Platz an einer ragenden Säule eingenommen hatte: Der (psychoanalytische) Symbolgehalt dieses Bildes bedarf keiner weiteren Erläuterung. Im Fortgange des Geschehens zeigt Penelope, dass auch in Hellas schon Klugheit und Weiblichkeit vereinbar waren. Sie begründet ihren Zweifel: „Wunderlicher, mich hält so wenig Stolz wie Verachtung oder Befremden zurück; ich weiß recht gut, wie du aussahst, als du von Ithaka fuhrst im langberuderten Schiffe.“
Anschließend gibt Penelope die Probe ihrer Befähigung zum Verstandesgebrauch. Sie fordert Odysseus auf, das Ehebett, das bekanntlich unlösbar an seinem Platz verankert ist, aus dem Ehegemach zu räumen. Die kluge Penelopeia lockt so den Mann in die Defensive. Er beginnt auszuplaudern, was nur die Beiden wissen können: Wahrlich, o Frau, dies Wort hat meine Seele verwundet. Wo doch kein sterblicher Mensch dies Bett könnt hinwegarbeiten... Und umständlich nennt er ihr die Zeichen der Kammer und des künstlichen Bettes. Das Wiedererkennen ist nun wechselseitig. Penelopeia, Herz und Knie erzittern ihr, weinend läuft sie hinzu und fällt mit offenen Armen ihrem Gemahl um den Hals... Da schwillt auch ihm sein Herz von inniger Wehmut, weinend hält er sein treues geliebtes Weib in den Armen.
Von den Griechen der Antike wird man kaum sagen können, sie hätten sich durch Prüderie hervorgetan. Insofern ist es für uns auf den ersten Blick verwunderlich, mit welcher Zurückhaltung Homer das erotische Geschehen behandelt. Die Gefühlsseite, den Prozess der zunehmenden Nähe, gestaltet er detailreich in eindrücklicher Bildhaftigkeit. Von der sich ankündigenden sexuellen Vereinigung aber wird nicht nur der Leser, sondern auch die Gottheit ausgeschlossen. Einen Beitrag darf Athene noch leisten: Sie verschafft den Liebenden angesichts der andrängenden politischen Geschäfte zeitlichen Aufschub. Nach Götterart hemmt sie hierzu die Nacht am Ende des Laufes, so dass die Sonne mit dem Aufgehen warten muss. Den Liebenden ist ihr altes Lager bereitet und sie kosten die Fülle der seligen Liebe. Auch wachen sie noch lange, ihr Herz mit vielen Gesprächen erfreuend. Schließlich beschleicht sie der süße sanftauflösende Schlummer.
Wir konnten verfolgen, wie von beiden Elternteilen die ödipale Triade geradezu lehrbuchhaft aufgelöst wurde: Sie grenzen ihre Beziehung als eigenen Bereich ab, in dem der Sohn als Dritter keinen Platz mehr hat. Obwohl Patriarchats-Kritik wohl kaum zu Homers Absichten zählt, so zeigte sich doch in der Person des Odysseus und auch der Penelope, welche zentrale Bedeutung sowohl der Gleichwertigkeit wie der Klugheit in der Beziehung von Mann und Frau zukommt. Gewiss nicht zufällig wählte Homer die latent männlich-vernunftorientierte Figur der Pallas Athene als göttliche Mentorin beider. Sie vertritt, was bei Freud Realitätsprinzip heißt, die Lebenshaltung des ödipal-gereiften Menschen.
Am Schluss der Odysse wartet auf Vater und Sohn längst schon die nächste gesellschaftliche Aufgabe, von der Telemach noch keine Kenntnis besitzt: die Sicherung von Herrschaft. Odysseus lehrt seinem Sohn die Anfangsgründe politischer Gewalt: „Wir erschlugen die Stütze der Stadt, der edelsten Männer Söhne in Ithakas Reich. Dies überlege nun selber“. Beide sind damit konfrontiert, dass Gewalt reaktiv Gegengewalt induziert. Es gilt also, die zu erwartende Rache der Angehörigen vorausschauend abzuwehren. Wenn Telemach noch entsprechend unerfahren ist, so hat er doch mittlerweile gelernt, die Überlegenheit des Vaters anzuerkennen. Als gelehriger Schüler folgt er jetzt dessen Idealen, ohne ihn als Person zu idealisieren: du bist ja unter den Menschen berühmt durch deine Weisheit, und niemand wagt es sich dir zu vergleichen von allen Erdenbewohnern! Aber wir sind zu folgen bereit; und ich hoffe, du werdest Mut in keinem vermissen, so viel die Kräfte gewähren.
Auch in dieser neuen Gefahrenlage wird Odysseus nicht spontan reagieren, sondern seine Kräfte sammeln. Mit seinen Männern zieht er sich vor den aufgebrachten Angehörigen der getöteten Freier zurück. Er bricht zum Hofgut seines alten Vaters auf. Denn die Väterwelt ist das vereinende (geistige) Band, als das gemeinsame Dritte, auf das bezogen sich die gemeinsame Arbeit von Vätern und Söhnen in und an der Welt bezieht.
Für Homer sind es die Götter, in denen sich der Vatergeist der hellenischen Kultur verkörpert. Indem sich Odysseus dieser Sphäre zuwendet, kommt von dort auch die ersehnte Verstärkung. Pallas Athene sendet sie in Person des Halitherses – das war der weise Deuter, der allein Zukunft und Vergangenes wahrnahm und die Freier am Hofe Penelopes vergeblich gewarnt hatte. Der tritt nun vor die nach Rache dürstende Adelsversammlung, wo er das von Odysseus vollzogene Strafgericht als Walten derunsterblichen Götter erklärt. Jetzt ergreift die Menge bleiches Entsetzen. Denn der Seher hatte bereits lange vorher gemahnt: Eurer Trägheit halben, ihr Freund’, ist dieses geschehen! Denn ihr gehorchet mir nicht ..., dass ihr eurer Söhn’ unbändige Herzen bezähmet.
Einige Unbelehrbare zieht es dennoch zum Kampf. Odysseus sieht sie bereits von ferne herankommen und wendet sich an seinen Sohn mit den Worten: Jetzo wirst du doch sorgen, Telemachos, wenn du dahin kommst: dass du im Streite der Männer, wo sich die Tapfern hervortun, deiner Väter Geschlecht nicht schändest, die wir von Anfang immer durch Kraft und Mut der Menschen Bewundrung erwarben! Vom verständigen Jüngling bekommt er die Antwort: Sehen wirst du es selbst, mein Vater, wenn du es wünschest: Dass dies Herz dein Geschlecht nicht schändet!
Im Freud’schen Sinne erweist sich nun, dass Telemach den Ödipuskomplex überwunden hat: Der erwachsene Sohn hat mit dem realen Vater zu kooperieren gelernt. Dieser Vater erscheint nunmehr als Sachwalter eines „Realitätsprinzips“, dem Vater und Sohn gleichermaßen unterworfen sind. Was dieses Prinzip ausmacht, enthält die Ideen und Wertvorstellungen einer humanen Kultur. In ihr tragen Freigewordene kooperativ die Verantwortung für deren Fortbestand. Sie müssen die Verantwortung tragen lernen, die Rolle also, die zuvor der Gottheit zugeschrieben wurde. Insofern steht die Instanz des Über-Ich im psychoanalytischen Menschenbild für unser Gewissen: Eine geheimnisvoll mächtige Quelle im eigenen Inneren, die manchmal zu uns als bestätigende Stimme, manchmal verneinend und ein andermal appellierend zu uns spricht.
Wenn im 24. Gesang der Odyssee die aristokratische Ordnung in Gefahr ist, weil die hohen Herrn sich in archaischster Rachemanier wechselseitig die Köpfe einschlagen wollen, muss Homer den Zeus als Ultima Ratio der Vernunft zu Hilfe eilen. Als Göttervater lässt er seine Tochter Pallas Athene in den Kampf eingreifen mit den Worten: Ruht, ihr Ithaker, ruht vom unglückseligen Kriege! Zuletzt spricht Zeus schließlich ein Machtwort: Odysseus bleib’ in Ithaka König. Und schlichtend erneuern die Götter nun das Bündnis zwischen dem freudig gehorchenden Odysseus und dem Volk.
Unsere Kommentare zur Odyssee liefen angesichts der Vielschichtigkeit dieses Epos immer wieder Gefahr, sich in den aufscheinenden Sinnbezügen zu verirren. Unser Leitthema war die Erziehungsproblematik, die Situation des Telemach, dessen Verharren im geschützten Bereich der mütterlichen Welt gerade für den Psychologen ein vertrautes Bild abgab. Demgegenüber bezeichneten wir die Welt, in der das Realitätsprinzip von uns handelnde Stellungnahme verlangt, im Sinne patriarchalischen Sprachgebrauchs als väterliche Welt.
Das aber heißt nun nicht, dass wir in den behandelten Protagonisten schon den heutigen Menschen sehen, personale Wesen, die aus persönlichen Motiven heraus ihren Weg einschlagen. Odysseus und Telemach sind noch ganz Typus, durch eindeutig ihnen zugeordnete Attribute sofort erkennbar. Odysseus ist immer der Listenreiche. Krisenhafte innere Wandlungen sind ihm unbekannt. Er optimiert bloß Eigenarten, die sich von Jugend an schon zeigten. Und trotzdem erscheint durch Homers Odysseus-Figur hindurch etwas anthropologisch bis heute Aktuelles, etwas wesentlich Neues, das erst für uns in seiner Tragweite sichtbar wird. Odysseus und auch seinem Sohn dämmert das Bewusstsein davon auf, dass ihre Lebenswelt als eine Aufgabe vor ihnen liegt.
Hegel sprach von der Geschichte, sie sei ein Prozess des Fortschreitens im Bewusstsein der Freiheit. Homer hat diesen Prozess gewissermaßen angestoßen. In der Gestalt der Pallas Athene formte er eine (Kunst-) Figur, mit der Odysseus und Telemach in Kommunikation treten. Sie werden mit der Aufgabe der Freiheit konfrontiert. Als Dichter hat Homer die existenzielle Situation des eigentlichen Menschen zur Erscheinung gebracht. Dieses aufdämmernde Bewusstsein der Freiheit bedeutet den Beginn der eigentlichen Geschichte des Menschen. Odysseus und sein Sohn Telemach lebten noch im Schutz eines entfremdeten Bewusstseins menschlicher Freiheit. Die Last all der Verantwortung, die der antike Mensch in Händen von Gottheiten wähnte, fällt uns zu. die immer neuen Deutungsversuche dieser uns seitdem zugeteilten Aufgabe diesen neuen Raum mit dem Werkzeug der Vernunft gestaltend zu ordnen.
Literatur:
Auerbach, Erich (Hrsg.: Bormuth, Matthias) Die Narbe des Odysseus. Horizonte der Weltliteratur. Berlin 2017
Burckhardt, Jacob (1985) Kulturgeschichte der Hellenen. München
Grant, Michael (1962) Mythen der Griechen und Römer. Kindlers Kulturgeschichte. Köln 2004
Friedell, Egon (1949) Kulturgeschichte Griechenlands. Leben und Legende der vorchristlichen Seele. München 1949
Hartmann, Nicolai (1933) Das Problem des geistigen Seins.
Herbig, Jost (1991) Der Fluss der Erkenntnis. Vom mythischen zum rationalen Denken. Hamburg
Heuser, Harro (1992) Als die Götter lachen lernten. Berlin
Homer (1990) Odyssee. Frankfurt a.M. und Leipzig 2005
Jaspers, Karl (1949) Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. München 1983
Kesting, Hanjo (2012) Grundschriften der europäischen Kultur. Erfahren, woher wir kommen. Antike. Göttingen
Rattner, Josef (2013) Die Aktualität der antiken Philosophie der Griechen. Betrachtungen eines Psychologen - Studienausgabe. Berlin 2013
Ders. Literatur und Psychoanalyse (Enzyklopädie der Psychoanalyse) Berlin 2010
Ders. Aufsätze aus drei Jahrzehnten über personale Psychologie, Therapie und Kulturanalyse, Bd. I, Berlin 2018