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Verstehende Tiefenpsychologie
ITGG Berlin - Verstehende Tiefenpsychologie
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Verstehende Tiefenpsychologie
und Kulturanalyse

Anwendungen und literarische Beispiele

Ein Fall aus der Praxis

Verfasser*in:Anton Čechov
Kommentator*in:Matthias Voigt
Datum:01.07.2026

 

Ein Fall aus der Praxis

Anton Pavlovič Čechov (1898)

 

Čechovs kleine Erzählung Ein Fall aus der Praxis[1] ist eine eigentümliche Geschichte. Sie kommt zunächst wie ein nüchterner Bericht daher, stellt Sachverhalte klar, um dann chronologisch die Entwicklung eines Geschehens aus dem Munde des Berichterstatters an den Leser weiterzugeben. Nur selten fügt er knappe Rückblenden ein. So erfahren wir über den Protagonisten Korolev, dass er als Stationsarzt nach Dienstschluss sich unwillig auf die Bahnreise machen muss. Angefordert von der Ljalikovschen Fabrik hatte man den Professor, der zu so später Stunde die Sache aber lieber an Korolev delegiert.

Schon mit diesen rudimentären Angaben entsteht atmosphärisch das Bild einer Lebenswelt, in der offenbar vom Fabrikwesen eine geheimnisvolle Macht ausgeht.

Dazu lässt der Autor seinen Erzähler Wendungen benutzen, wie sie in dieser neuen Welt gesprochen werden. Hier geht die Macht nicht mehr einfach von den Mächtigen aus; von den Sachen selbst, von der Ljalikovschen Fabrik, gehen magische Kräfte aus, die das Erleben aller bestimmen. Auch bei uns gab vor hundert Jahren die ‚Fabrik’ dem Proletarier sein Geld; heute kann der Nachfahre der Arbeiterklasse auf ein Bedingungsloses Grundeinkommen hoffen.

Der Inhalt unserer Geschichte von vielleicht zwanzig Buchseiten ist schnell berichtet. Geschichtlicher Hintergrund ist das Zarenreich, das nach dem Ende der Leibeigenschaft (1861) sich sozial verwandelt. Besonders im Westen des Riesenlandes entstehen überall Fabriken und ein Netz von Eisenbahnstrecken durchzieht das Land. Von hier geht eine Sogwirkung aus auf die in der Landwirtschaft überzähligen Massen; so wie heute Migranten aus den Krisenregionen sich zu uns retten wollen, nehmen die wachsenden Städte das „Menschenmaterial“ auf, das zu Hungerlöhnen in die Fabriken strömt. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten zersetzt der Kapitalismus den Feudalstaat, vergleichbar der Metamorphose des Deutschen Reichs in der sogenannten Gründerzeit.

Vorangegangen war in Russland ein verspäteter Aufklärungs-Schub, eine geistige Infektion, die von Deutschland und Frankreich aus die Schicht der Intellektuellen und auch Teile des Adels in Gärung versetzte. Wie durch ein Wunder entwickelte sich in den Städten eine literarische Produktivität, deren Sprachgewalt alles in den Schatten stellte, was in Europa bis dahin gewachsen war. Diese Literatur stellte sich neben die überkommene orthodoxe Staatskirche, der bisher lebensprägenden Kraft in Stadt und Land. Innerhalb der geistig führenden Schicht tat sich damals ein Graben auf, über den hinweg sich seit 1830 „Slawophile“ und die sog. „Westler“ erbitterte ideologische Gefechte lieferten. Die ersteren bestanden auf einen russischen Eigenweg. Ein Amalgam aus der heiligen Orthodoxie samt Zarismus und Bauerntum sollte das einigende Band eines multinationalen Slawentums knüpfen, eine Art Kreuzzugsideologie gegen den Geist eines dekadenten Westen, der in den Städten wucherte.

Warum diese historisch-kulturellen Hinweise hier vorangestellt sind, erschließt sich nach den ersten Seiten der Lektüre. Lesend begleiten wir die Visite eines Moskauer Spitalarztes. Dessen Weg führt per Eisenbahn aus der industrialisierten Metropole heraus, um nach einigen Kilometern bäuerlichen Umlandes an einer Station vom Kutscher der Ljalikovs aufgenommen zu werden. Ihr Ziel: eine ausgedehnte Ansammlung von Fabrikgebäuden, wo eine ihm unbekannte Patientin ihn erwartet. Liza ist die zwanzigjährige Tochter des schon verstorbenen Fabrikanten. Deren unbekannte Krankheit wurde von mehreren Ärzten bisher vergeblich behandelt. Die Gouvernante Christina Dmitrievna präsentiert sich als gebildet und klärt den neuen Arzt über die Kranke auf.

Während seiner kurzen Visite kann Korolev nur mühsam eine Abneigung zähmen gegen alles, was ihm begegnet. Im medizinischen Sinne ist Liza nicht krank, so dass für ihn hier nichts zu tun bleibt. Doch die Verzweiflung der hilflosen Mutter bewegt ihn, die Nacht im Hause der Ljalikovs zu bleiben. Er macht einen Spaziergang, und vor der hereinbrechenden Morgendämmerung dieser kurzen Nordsommer-Nacht wendet er sich erneut Liza zu. Der Leser erfährt, dass auch sie selbst sich nicht als Kranke versteht. Was ihr fehlt, ist offenbar ein Mensch, mit dem sie ihre Gefühle teilen kann. Am Morgen verabschieden Tochter und Mutter gemeinsam den ärztlichen Besucher. Vor uns Lesern ersteht ein Bild: Auf der Freitreppe beide Frauen im strahlend klaren Licht der Mai-Sonne; Liza im weißen Kleid, eine Blume im Haar.

 

Die Welt der Fabrik - Erstbegegnung mit der Patientin

Was lapidar im Titel der kleinen Erzählung als Fall aus der Praxis angekündigt ist, soll uns nun als Paradigma einer psychotherapeutischen Situation dienen. Čechov benötigt nur wenige Buchseiten, um vor dem Leser umfangreiche tiefenpsychologische Erkenntnisse sichtbar werden zu lassen. Dieser Autor versucht nicht, sondern macht das Leiden der Patientin sichtbar. Čechov schildert eine alltägliche Begebenheit (eine Begegnung von Arzt und Patientin) auf eine Weise, die den Leser dazu nötigt, sein Noch-nicht-Verstehen zu ertragen und mit Geduld sich vom Dichter führen zu lassen. Er wird für sein Entgegenkommen mit dem Gefühl belohnt, mit zwei Menschen bekannt zu werden, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, unsere Erde könne doch zur Heimat für uns werden.

Im folgenden lassen wir uns von Čechov in die Welt dieser zwei Menschen einführen. Wir gehen dabei nicht textimmanent (in der Sprache der Literaturwissenschaft) vor, sondern tragen an das dargestellte Geschehen unsere psychotherapeutische Optik mit heran. Jene Liza ist für uns ein Mensch wie andere Leidende, die uns in der Praxis aufsuchen. Und der Arzt Korolev erscheint uns als Therapeut, dessen Qualitäten wir bewundern.

Was erfahren wir nun über den Menschen Korolev und insbesondere über seine Therapeutenpersönlichkeit. Vorgestellt wurde er uns als einfacher Stationsarzt, den sein Chef nach Feierabend noch auf einen ihm selbst wohl lästigen Hausbesuch schicken kann. Hier sollen die Bedürfnisse einer offensichtlich einflussreichen Klientel befriedigt werden, vergleichbar dem, was früher nur adligen Kreisen zugebilligt wurde. Entsprechend verstimmt macht Korolev sich auf die kurze Bahnfahrt. Damit taucht zum ersten Mal das Kontrastmotiv auf, das die kleine Erzählung strukturiert: Der Bereich des Natürlichen und die befremdende Welt einer alles durchwuchernden Industrie. Die Eisenbahn durchschneidet und verbindet zugleich das Nicht-Zusammengehörige. Die Sphäre des Industriellen scheint wie ein Fremdkörper in die Landschaft zu ragen. Aus der Stadt geht es unmittelbar über ins Bauernland, um dann wieder zur Fabrik zu führen. Über Korolevs Beziehung zu alledem konstatiert der Erzähler:

Er war in Moskau geboren und aufgewachsen, kannte das Land nicht, hatte sich nie für Fabriken interessiert und auch nie eine besucht. Es geschah jedoch des Öfteren, dass er etwas über Fabriken las, bei Fabrikanten zu Gast war und sich mit ihnen unterhielt. Wenn er von ferne oder aus der Nähe eine Fabrik sah, musste er jedes Mal daran denken, dass von außen alles ruhig und friedlich aussah, dass es aber drinnen wahrscheinlich hoffnungslose Unwissenheit gab, stumpfsinnigen Egoismus der Besitzer, ungesunde Tätigkeit der Arbeiter, Zänkerei, Wodka und Ungeziefer.

Viel mehr als das, was hier über Korolevs persönliche Erfahrungen mit der realen Lebenswelt seiner Tage angedeutet wird, dürfte ein Jungtherapeut unserer Tage von der Arbeitswelt auch nicht kennengelernt haben. Korolevsromantisierende Neigung zur Natur, zu der damals auch die bäuerliche Welt noch zählte, teilen auch wir noch. Bei Čechov ist es eine Welt, in der es noch einen lebendigen Gott gibt. Diese Einheit kommt in den schlicht berichtenden Sätzen des Dichters ganz unmittelbar zur Erscheinung, wenn es beispielsweise heißt:

Ihn bezauberten der Abend, die Gutshöfe und Landgüter zu beiden Seiten der Straße, die Birken und diese ruhige Stimmung ringsum; es schien, als wollten sich jetzt, am Vorabend des Feiertages, zusammen mit den Arbeitern auch das Feld, der Wald und die Sonne ausruhen und vielleicht beten ...

Der Fabrik‘ begegnet Korolev zuerst durch den Kutscher, der ihn am Bahnhof aufnimmt. Eine Pfauenfeder am Hut kündigt ihn an als Vertreter seiner Herrschaften. Entsprechend rücksichtslos verdrängt das Gefährt die ihm entgegen strömenden Arbeitermassen vom Wege, die von der Nähe des Reisezieles zeugen. Hinter dem Fabriktor kein Grashalm, dafür fünf gewaltige Fabrikgebäude mit Schornsteinen – über allem lag eine graue Schicht wie von Staub. Über das Wohnhaus des Fabrikeigentümers heißt es, dass es mit grauer Farbe frisch gestrichen war; hier gab es einen Vorgarten mit staubbedeckten Fliederbüschen, auf der gelben Freitreppe roch es stark nach Farbe.

So viel Hässlichkeit ruft in Korolev eine latente Abwehr wach. Seiner beobachtenden Aufmerksamkeit entgehen auch geringscheinende Widersprüchlichkeiten nicht. Er verfügt über einen inneren Maßstab, der den Blick auf seine Umgebung leitet, indem ein ihm eigenes Gefühl sie nach Wert und Unwert in einem entsprechenden Licht erscheinen lässt. Dieses unwillkürlich sich von der Welt angemutet, angezogen oder abgestoßen Fühlen leitet seine Aufmerksamkeit. Diese jedoch ist nicht irgendeine bloß affektive Reaktivität, sondern sie weist eine emotional aktive Qualität auf, eine Wachheit seines Gemütes im Sinne einer wertenden Sachbezogenheit. Beim Arzt spräche man vom „Diagnostischen Blick“.

So spürt Korolev schon bei der ersten Begegnung mit der Mutter der Kranken und deren Gouvernante in beider Auftreten die eigentümliche Rollenvertauschung, wenn es heißt: Frau Ljalikova, ihrem Gesicht nach zu urteilen, eine einfache, kaum gebildete Frau, vermittelt nicht gerade den Eindruck der ‚Fabrik-Herrin‘, wogegen Christina Dmitrievna als die anscheinend Gehobene im Hause diese Stellung usurpiert hat; sie führt als ‚Kennerin‘ der Symptomatik das Gespräch mit dem Arzt, und es wird deutlich, dass sie sich weniger für die Kranke als für die ‚richtige‘ Diagnose interessiert.

Über die Leidende selbst erfährt Korolev nur, dass diese Liza mit ihren 20 Jahren die Erbin der Fabrik und schon von Kindheit an kränklich ist. Der Mutter bleibt während dieser Szene bloß ein Stehplatz im Hintergrund; beim Abendessen fehlt sie ganz. Der Doktor und die Gouvernante saßen da und unterhielten sich, bemerkt der Autor dazu lapidar. Die Verhältnisse von oben und unten oder, hegelianisch ausgedrückt, von Herr und Knecht scheinen im Hause Ljalikov in Unordnung geraten.

Korolevs Abwehr gegen die atmosphärisch wahrgenommene Lebensfeindlichkeit dieser von ‚der Fabrik‘ dominierten Welt wirkt auch in der Erstbegegnung mit der Patientin ungebrochen fort. Ein distanzierter Blick des Analytikers blockiert seine Fähigkeit zur Einfühlung für Liza:

von gutem Wuchs, doch unschön, der Mutter ähnlich, mit ebenso kleinen Augen und einer breiten, übermäßig entwickelten unteren Gesichtshälfte, unfrisiert, bis zum Kinn zugedeckt, machte sie im ersten Augenblick auf Korolev den Eindruck eines unglücklichen, armseligen Geschöpfes, dem man aus Mitleid Schutz und Wärme bot, und man mochte nicht glauben, dass dies die Erbin dieser fünf gewaltigen Fabrikgebäude war.

Korolevs Abneigung gegen diese Welt mündet am Ende einer Routineuntersuchung in einen Abschied mit Achselzucken. Mit dieser Patientin sei alles in Ordnung. Die Nerven sind wohl ein wenig angegriffen, aber das ist normal. Der Anfall ist offenbar schon vorbei, (und zu Liza gewendet:) Sie können sich schlafen legen.

Doch seine Abwehr bricht zusammen, als sich die verzweifelte Mutter weinend der Tochter zuwendet: Der Lichtstrahl einer Lampe fällt auf Lizas Gesicht. Korolev erkennt ihren weichen, leidenden Ausdruck, der so vernünftig und so rührend war, dass sie nicht mit Arzneien beruhigt, nicht mit einem Rat, sondern einfach mit einem freundlichen Wort hätte beruhigt werden können. Er sieht auch das Leid einer Mutter, die nicht versteht, worin ihre Schuld gelegen haben mochte, in deren verzweifelter Miene das Wissen aufzudämmern schien, sie habe etwas sehr Wichtiges versäumt, etwas noch nicht getan, jemanden noch nicht herangezogen, aber wen – das wusste sie nicht.

Was sich hier vor den Augen des Lesers ereignet hat, wollen wir als Tiefenpsychologen verstehen. Was ist in der Situation geschehen? War Korolev durch die Leidensäußerungen via Affektansteckung in seiner Abwehrhaltung überwunden, und antwortete er darauf lediglich mit einem Mitleid, das ihn wiederum schützen sollte?

Das ist nicht der Fall. Der Dichter schildert einen Akt unmittelbarer Gefühlsteilhabe und Einsicht. Wo ihm zuvor die kränkelnde Frauengestalt unschön erschienen war, wird sie ihm klug und fraulich. Korolev hat sich der Situation gestellt, als Arzt in der Rolle des Mitmenschen wird er für die Patientin zu einem Gegenüber: Er setzte sich auf den Bettrand und nahm Lizas Hand. Seine Worte sind schlicht-mütterlich, aber auch bestimmt: Es gibt doch nichts auf der Welt, was diese Tränen lohnt. Nun, wir werden doch nicht weinen, das ist doch nicht nötig.

Tränen sind hier nicht nötig, etwas anderes ist nötig. Wir hören in Korolevs einfühlsamen Einspruch: Genug, wozu denn weinen? eine Frage formuliert, in der sein noch nicht ausgesprochener Protest mitschwingt gegen die Sinnlosigkeit einer Situation, in der eine junge Frau daran gehindert ist bzw. sich selbst hindert, als Mitmensch zu leben. Wir spüren sein Erstaunen über Liza, die er jetzt als eine liebenswerte Frau empfindet, als eine junge Frau, in der das Gefühl noch lebendig ist für ihre Existenz, dies einer geheimnisvollen Logik des Irrtums unterliegt. Es wäre Zeit für sie zu heiraten …, sagt eine Stimme in Korolev. Aus ihr spricht nicht das Patriarchat, der Glaube, dass es damit getan wäre, wenn diese Frau endlich einen Mann bekäme; aus ihr spricht die noch hilflose Suche nach einer Antwort.

Korolev ist nicht bloß ein hellsichtiger Beobachter der menschlichen Seele. Was ihn darüber hinaus auszeichnet, ist eine eigentümliche spontane Sicherheit, mit der er alles Geschehen um sich herum bewertet. Er reagiert bejahend auf Wertvolles und mit Abneigung allem Wertwidrigem gegenüber. Diese tief im Gefühlsleben verankerte Befähigung lässt ihn nirgends unbeteiligt zuschauen. Er kann bei Wertverstößen dem anderen durchaus scharf in die Parade fahren. So geschieht es, als die Gouvernante die erste Annäherung zwischen Korolev und Liza stört, indem sie den Doktor an seine medizinischen Pflichten erinnert. Er schneidet ihr das Wort ab, und wendet sich an die Mutter: Wenn der Fabrikarzt Ihre Tochter behandelt hat, so soll er es auch weiterhin tun. Die Behandlung war bis jetzt richtig, und ich sehe keine Notwendigkeit, den Arzt zu wechseln. Wozu wechseln? Die Krankheit ist so alltäglich, es ist nichts Ernstes …

Korolev spürt das Ressentiment der Gouvernante, die sich eigene Liebeshoffnungen längst aus dem Kopf geschlagen hat, ihrer weiblichen Konkurrentin gegenüber. Am wohlgedeckten Tische der reichen Herrschaften hält sie sich schadlos für das Entbehrte. Sie genießt gewisse imaginäre Triumphe, wenn sie sich diesen ahnungslosen Reichen gegenüber als die Überlegene erlebt. Was diese Christina als betrogene Betrügerin verrät, ist der verdrängte Neid gegen ihre kranke Herrin. Liza ist auch als Kranke noch gesünder; ihr steht all das noch offen, worauf die Gouvernante verzichten muss.

Noch ist Korolevs Mitgefühl nicht von Dauer: Am Ende dieser ersten Visite ist er wieder der Arzt, auf den noch andere Patienten warten. Erst der Blick auf das verweinte Gesicht der Mutter und ihr kindlich verzweifelter Ausruf Fahren Sie nicht weg, um Christi willen … berühren ihn im Innersten und lassen ihn, von einem Seufzen begleitet, schweigend die Handschuhe wieder abstreifen.

Mit dieser Handlung als mitfühlender Mensch, die noch Züge einer bloßen Reaktion hat, gerät Korolev unweigerlich in den eigentlichen Konflikt. Indem er bleibt, kann er sich nicht mehr einer Stellungnahme gegenüber Liza und ihrer Beziehung zur Welt der Fabrik entziehen. Noch wollte er dem Konflikt durch einen professionell-eleganten Ausweg entkommen; doch er bleibt, und sein Seufzer verrät seine Einwilligung, sich dieser moralisch herausfordernden Herausforderung zu stellen. In jedem echten (Wert-) Konflikt nämlich liegt die Chance verborgen, dass wir uns eine bisher verschlossene Dimension des Lebens eröffnen. Sich einer echten Konfliktsituation zu entziehen bedeutet das Verpassen einer Wachstumschance.

 

Der Seelenarzt zwischen Mitgefühl und Reflexion

Die Geschichte ist hier an einem Punkt angelangt, der dem 3. Akt des klassischen Dramas entspricht, dem krisenhaften Höhepunkt. Im vierten folgt bekanntlich das „retardierende Moment“. Wir erleben darin den Arzt Korolev in einer ihn überfordernden Situation, im Kampf um eine neue Ordnung in seinem aufgewühlten Inneren. Er müsste sich zu einer handelnden Antwort in diesem Konflikt durchringen, zu einer Antwort, die seinen eigenen Fähigkeiten und den in der vorgefundenen Situation wirksamen Kräften angemessen ist. Ein Sich-Distanzieren bedeutete Liza im Stich zu lassen, ein Stellung-Beziehen aber könnte die Überforderung der Patientin in deren real gegebenen Handlungsmöglichkeiten bedeuten.

Ein Psychotherapeut kann sich in vergleichbarer Lage an einen erfahrenen Kollegen wenden und sich so einen neuen Überblick verschaffen (lat. super = über/videre = sehen). Unser Protagonist jedoch muss ohne kollegiale Supervision die eigene Lage gleichsam von oben betrachten, gewissermaßen Selbstanalyse betreiben. In der Tiefenpsychologie wurde dieses Vorhaben als nicht praktizierbar ad acta gelegt, wohingegen Sigmund Freud seine Arbeit durchaus als lebenslange Selbstanalyse verstand. Er betrieb dieses ‚unmögliche’ Unterfangen, indem er therapeutische Tätigkeit und Ausarbeitung seiner Psychoanalyse im Kreise seiner Mitstreiter zur Einheit verschmolz. Ihn führte dies zur Einsicht, dass sich der analytische Blick nicht allein auf den Patienten richten dürfe, sondern ebenso auf die kulturelle Misere, auf die Lebenswelt des Kranken. Für den Kulturanalytiker Freud war die private Neurose nichts als das verkleinerte Abbild einer Krankheit großen Stils.

Und eben diese Sicht von Seelenkrankheit und damit auf die Frage der ‚Behandlungsmethode‘ begegnet uns in Čechovs Erzählung allenthalben. An Korolevs Umgang mit seiner Patientin konnten wir bisher diesen zum Ganzen der gesellschaftlichen Welt geöffneten analytischen Blick mitverfolgen.

Uns Lesern gewährte der Dichter Einblick in eine Lebenswelt, in der von ‚der Fabrik’ magische Kraftfelder ausgehen. Wer in ihrem Bannkreis lebt, dem drängt sich unweigerlich ein exakt vorherbestimmtes Feld an Reaktionsmöglichkeiten auf, das ihm zur ureigensten Natur wird. Čechov umschreibt diesen Vorgang in unaufdringlichen Bildern, gleichsam wie von ungefähr: Es ist die dem kapitalistischen Wirtschaftssystem eingepflanzte Entfremdung.

Sie imponiert als mechanisierter Lebensmodus, der alle Infizierten der Fabrikwelt zu Marionetten werden lässt. Je nach Rollenzuteilung zwingt es die einen an den Arbeitsplatz, die anderen in eine nicht weniger entfremdende Privatwelt. In den sog. besseren Kreisen wird es zum Bedürfnis, in abgedunkelten ‚Wohnräumen‘ zu leben, umgeben von kulturellen Versatzstücken: Goldgerahmte Ölgemälde zeigten die Krim, das stürmische Meer mit einem Schiffchen, einen katholischen Mönch mit einem Weinglas (…) eine armselige Kultur, ein zufälliger Luxus, unüberlegt, unpassend. Sie finden es normal, dass in ihre gute Stube vom Hof her schrille, abgehackte, metallische Töne dringen, wie sie Korolev niemals vorher gehört hatte. Mit diesen von außen ihren Einlass erzwingenden Misstönen harmonieren die inneren Dissonanzen.

In diesen Kreisen bemüht man sich verbissen, wenigstens die materiellen Vorzüge einer privilegierten Rolle zu genießen. Daran darf Korolev bei einem Imbiss genannten Essen partizipieren - Stör, Hühnerkoteletts und Kompott; dazu teure französische Weine. Als ihm die Bissen sichtbar im Halse steckenbleiben wollen, ermutigt ihn die Gouvernante kollegial: Greifen Sie bitte zu, genieren Sie sich nicht, Herr Doktor. Diese Christina Dmitrievna, weiß davon zu berichten, dass die Arbeiter sehr zufrieden mit uns sind, denn in unserer Fabrik gibt es jeden Winter Theatervorstellungen. Überhaupt kennt sie diese Wesen, die uns sehr zugetan sind. Sie sind ungebildet, aber sie haben Gefühl. Und zum Beweis höherer Bildung lässt Čechov sie bei der Konversation mit der Faust den Mund abwischen.

An Stellen wie der eben zitierten, spürt der Leser, dass hier der Autor bei aller Bemühung um Sachlichkeit einen Rest an Zynismus nicht verbergen kann. Dieser Aufsteigerin aus dem Kleinstbürgertum, die mit dem Leben hier sehr zufrieden war, legt er Worte in den Mund, aus denen leibhaftiges Ressentiment spricht. Sie hat Gründe genug, sich von der sozialen Realität emotional fernzuhalten. Seit elf Jahren gehört sie zur Familie. Korolev dagegen fühlt sich in dem ihm angewiesenen Gästezimmer gänzlich unheimisch. Hier roch es, wie schon beim ersten Annähern an das Ljalikovsche Haus, nach Farbe.

Diese kleine, scheinbar nebensächliche Bemerkung ist ein sprechendes Detail, das bezeichnend ist für Čechovs Erzählkunst. Sie zeigt uns ein Vermögen ganzheitlicher Aufmerksamkeit für die scheinbar belanglosesten Phänomene, die uns als Therapeuten im höchsten Maße wünschenswert wäre. Diese Wachheit umfasst insbesondere die Sinne. Die Fabrikwelt kündigt sich ihr durch ihren Geruch bzw. ihren Gestank an. Bei den Tieren ist insbesondere der Geruchssinn als Quelle der Umweltorientierung von Belang. Für den Menschen hat er diesbezüglich geringe Bedeutung. Uns setzt er pathisch in Beziehung zur Umgebung. Gerüchen sind wir ausgesetzt, vor ihnen können wir uns nur noch durch räumliche Distanzierung, also fliehend, schützen.

Das Thema einer nicht recht greifbaren Bedrängnis, die einfach nur da und wirksam ist, lässt Čechov wie ein musikalisches Leitmotiv die Geschichte durchziehen. Eine Fabrikwelt durchsetzt alles, was mit ihr in Berührung kommt, nach der Art einer Geruchsausbreitung. Ihr Geruch ist kein Verwesungsgeruch, der würde Ekel provozieren. Er ist gewissermaßen die ‚natürliche‘ Ausdünstung einer Welt, die aufgrund ihrer Allgegenwart allein durch Gewöhnung pariert werden kann. Korolev aber ist noch nicht bereit, sich diesem vermeintlich Unabdingbaren auszuliefern. Lapidar konstatiert der Erzähler: er zog sich den Mantel an und ging hinaus.

Korolev gerät in eine Übergangszone, in der von der ‚Fabrik’ optische und akustische Fernwirkungen ausgehen. Anders als Gerüchen gegenüber haben wir im Verhältnis zum Sicht- und Hörbaren aktivere Möglichkeiten uns einzustellen. Im konkreten Falle nahm die hereindämmernde Nacht der sichtbaren Massivität der Fabrikgebäude ihre Dominanz. Als latente Drohung - nur in einem der Fabrikgebäude brannte noch ein Ofen, zwei Fenster leuchteten purpurrot, und ans dem Schornstein schlug von Zeit zu Zeit mit dem Rauch eine Flamme - ist der Einfluss weiter präsent. Der Natur verbleibt bei alledem nur eine Existenz im Hintergrund. Sie muss schon mit durchsetzungsstarken Signalen aufwarten, um präsent zu bleiben - Weit hinter dem Hof quakten Frösche, und eine Nachtigall sang.

Die ‚Rolle’, die Čechov hier der Natur zuteilt, unterscheidet sich wesentlich von unseren romantischen Vorstellungen. Für uns heute muss sie als Reich des Guten herhalten, als moralisch aufgeladener Hoffnungsträger gegen eine zersetzende Unnatürlichkeit der Warenwelt. ‚Natur‘ und ‚Fabrik‘ werden in unserer Erzählung nicht antagonistisch, als getrennte Sphären von böse und gut arrangiert. Sie sind hier kein moralisierender Appell, für die ‚richtige Seite‘ Partei zu ergreifen.

Anders Christina Dmitrievna: Zur Natur hat sie keine Neigungen. Die Fabrikwelt vertritt bei ihr die Sphäre des moralisch Guten, dessen die Proletarier bedürfen. Der Arzt Korolev sieht die Sache weniger ressentimenthaft-ideologisch; irgendetwas Lebensfeindliches lässt sein Gefühl gegen diese neue Welt revoltieren. Was er hier vorfindet, erscheint ihm regelrecht unästhetisch. Allein schon ihre Hässlichkeit, an die er sich nicht gewöhnen mag, spricht für ihn gegen die ‚Fabrik‘.

Warum gehen wir nun als Psychotherapeuten so dezidiert auf die Erlebens-Modalitäten Korolevs ein? Warum vernachlässigen wir so gröblich alle Symptome der Patientin Liza, deren Depression sich jedem geradezu aufdrängen? Warum beschäftigen wir uns stattdessen mit ästhetischen, soziologischen und weltanschaulichen Problemen? - Uns interessieren diese offensichtlichen Symptome so wenig, weil wir Korolevs Ansicht teilen, dass sich darin nicht Lizas Krankheit bekundet, sondern ihre Gesundheit, die ihr verbliebene Menschlichkeit. Wir halten damit fest an der Notwendigkeit einer expliziten Gesundheitsvorstellung als Gegenstück jeder Theorie von Krankheit.

Das aber ist Angelegenheit der philosophischen Anthropologie. Deshalb lassen wir uns bei den Antworten auf diese Fragen nicht von unseren tiefenpsychologischen Lehrbüchern leiten; Čechov als Dichter hat in der Sache mehr zu sagen und zu zeigen. Sein Protagonist fühlt sich als Mensch in der Rolle des Arztes den Kranken verpflichtet. Die Leidende aber, die er hier besucht, ist keine Kranke. Ihr Leiden ist die adäquate Antwort eines Menschen auf menschlich inadäquate Lebensbedingungen.

Er als Mediziner, der richtig über chronische Krankheiten urteilte, deren eigentliche Ursache unmissverständlich und unheilbar war, sah auch die Fabriken als ein Missverständnis an, dessen Ursache ebenfalls unklar und nicht zu beseitigen war, und alle Verbesserungen im Leben der Fabrikarbeiter hielt er zwar nicht für überflüssig, verglich sie aber mit der Behandlung unheilbarer Krankheiten.

Hier vernehmen wir eine Krankheitsvorstellung, die in der Konsequenz vom Arzt verlangt, dass sein Studium sich nicht auf medizinisches - auf den Psychotherapeuten übertragen - auf psychodynamisches Lehrbuchwissen und dessen methodengerechte Anwendung beschränkt. Aus obigen Sätzen spricht nicht nur der medizinische Praktiker. Auch der schon sollte sein Erleben und seine Berufserfahrung ernster nehmen als die gewohnheitsmäßigen Erklärungen, wo die Ursache allen Übels zu finden ist. Als Arzt weiß er um die Chronizität von Krankheit: Bei „menschlichen Krankheiten“ (Arthur Jores) ist weder deren Verursachung umfänglich bekannt noch sind die zu wählenden Mittel eindeutig. Von einer Wirtschaftsweise, die wie das kapitalistische Fabrikwesen die Lebenswelt bis ins Privateste durchformt, wäre es oberflächlich zu behaupten, sie diene bloß denen, in deren Regie sie betrieben wird.

Korolev vertraut seinem ärztlichen Blick mehr als nationalökonomischen Lehrbüchern. Er hat Mitleid mit den Lohnsklaven, die tagaus tagein ihr Leben an den Fabrikherrn verkaufen müssen; aber er übersieht dabei nicht, dass diese modernen Seelenkäufer hierbei selbst ihre Menschlichkeit einbüßen. Eine solche Kapitalismuskritik mutet in ihrer Betonung des absurden Elements an, als spräche ein Franz Kafka oder Albert Camus’ Sisyphos:

Aber was für Vorteile sind das, was für einen Gebrauch machen sie davon? Die Ljalikova und ihre Tochter sind unglücklich, es tut einem leid, sie anzusehen; mit dem Leben zufrieden ist allein Christina Dmitrievna, die dümmliche alte Jungfer mit dem Kneifer. Und es läuft darauf hinaus, dass alle diese fünf Fabrikgebäude nur deshalb arbeiten und dass der schlechte Kattun auf den östlichen Märkten nur deshalb verkauft wird, damit Christina Dmitrievna Stör essen und Madeira trinken kann.

Wie zur Bestärkung der Unheimlichkeitsgefühle, die von der widersinnigen, aller menschlicher Logik spottenden Gesetzmäßigkeit eines undurchschaubaren Geflechtes ausströmte, durchklirren mechanische Signale eine Frühlingsnacht, in der Tierstimmen nur noch episodisch unser Ohr erreichen. Zu dieser Einflusssphäre versucht Korelev räumlich Distanz zu gewinnen. Aus dieser Distanz scheinen die Fabrikgebäude wie verwandelt:

Man dachte gar nicht mehr daran, dass es in ihrem Innern Dampfmotoren, Elektrizität und Telefone gab, sondern man dachte an Pfahlbauten, an die Steinzeit, und man spürte die Gegenwart einer rohen, unbewussten Macht ...

Und in dieser Macht waren offenbar Kräfte am Werk, die durch die Geschichte der Menschheit hindurch immer wieder das an Kultur Hinzugewonnene zunichte machen konnten. Dieser eigentümliche Kapitalismus stellt uns vernunftbegabte Menschen auf geheimnisvolle Weise, roh und unbewusst wie durch einen logische[r]n Unsinn in seinen Dienst. ‚Die Fabrik‘ war somit nur die gegenwärtige konkrete Gestalt eines anthropologischen Problems: Die Gestaltungsfrage der Gemeinschaft. Wir Menschen finden offenbar Lösungen für die Organisation des Zusammenlebens und Wirtschaftens, die chronisch zur Krankheit werden. Und jeder Einzelne von uns muss dazu vergleichbare Lösungen für sein ganz individuelles Lebensproblem finden: Sie bedeuten ihm dann als ‚Neurose‘ ein lebenslanges Leiden. Privates und Gesellschaftliches verschränken sich in dieser Sicht auf den Menschen; auf geheimnisvolle Weise bringt er sein Schicksal selbst hervor, um sich andererseits als dessen Opfer zu erleben.

 

Vom Agieren zum Reflektieren

Bis zu diesem Moment haben wir in Korolev den Arzt und in gewisser Weise einen Psychotherapeuten im Umgang mit einem Fall aus der Praxis gesehen. Wir konnten verfolgen, wie er mit dem eigenen Widerstand gegen das unmittelbare Hineingezogen-Werden in eine Welt zu kämpfen hatte, die ihm zutiefst zuwider war. Hierbei fiel ins Auge, dass er den Konflikt zwischen seiner Rolle als Helfer und der Abneigung gegen das von ihm Erwartete nicht unter der professionellen Attitüde verbarg. Nachdem er sich zuerst gegen das Mitleid gewehrt hatte, ließ er sich dann doch davon ergreifen. Was sich vor unseren Augen ereignete, mutet nicht als ein Affiziert-Sein an von den Leidensbekundungen. Davor war er als Kliniker geschützt durch eine Berufsidentität, zu der es unabdingbar gehört, ‚kalten Herzens’ das im ärztlichen Sinne Angemessene zu tun.

Verglichen mit den Fällen in seiner Klinik, hatte er es hier mit einer verwöhnten hypochondrischen Frau zu tun, die sich ein Leiden ‚auf hohem Niveau‘ leisten konnte. So war sie ihm ursprünglich erschienen, als er sie durch die Brille seines Ressentiments jener entwerteten Welt der Fabrik zurechnete. Was dann oberflächlich wie eine Überwältigung durch Affektansteckung aussah, hatte eine völlig andere Qualität. Es vollzog sich unmittelbar gleich einer intuitiven Einsicht: Diese Liza und deren Mutter revoltieren in einer aussichtslosen Lage verzweifelt gegen die Vernichtung ihres Lebenswillens.

Aber, was ist nun die Aufgabe eines Arztes/Psychotherapeuten, der von dem Gefühl übermannt wird, dass hier ‚ärztliche Kunst‘ keine Abhilfe schaffen kann? Denn diese Krankheit ist längst chronisch geworden bzw. sie ist im eigentlichen Sinne gar keine „Krankheit“. Korolev als Mediziner, der richtig über chronische Krankheiten urteilte, tat, was die Vernunft ihm hier gebot: Gegen die Gefahr der Ansteckung half ihm jetzt nur ein Abstand. Er wollte von dem Geschehen, in das er geraten war, nicht in einem Maße affiziert werden, dass es ihn in seiner Aufgabe als Mitmensch beeinträchtigt. Freudianisch formuliert: Dem Zwang zum „Agieren“, der mit der therapeutischen Situation notwendig einhergeht, sollten wir „reflektierend“ parieren. Dazu benötigen wir einen höheren Standpunkt in einem beinahe wörtlichen Sinne. Er muss uns sichtbar machen, was hier gerade mit uns selbst geschieht und worin dieses Geschehen gründet. Man kann es auch so formulieren: Wie zieht man sich an den eigenen Haaren aus dem Beziehungsmorast?

Was heißt es zu reflektieren? Freuds Metapher fasste dies in ein Bild aus der Physik: Der Therapeut solle zum „Spiegel“ dessen werden, was sich zwischen beiden Protagonisten ereignet. Auf uns Menschen des 21. Jahrhunderts wirkt diese Aussage einleuchtend, weil wir nichts Komisches dabei empfinden, wenn für ein zwischenmenschliches Geschehen mechanische ‚Erklärungen’ herangezogen werden. Die zum Begriff geronnene Spiegel-Metapher erspart weitere Denkbemühungen, wie z.B. die Frage: Was gestattete es Korolev, sein von Trübungen und Verzerrungen der Gegenübertragung eingetöntes Bild der Lage einer angemessenen Reflexion zu unterziehen?

Mit Čechovs Hilfe konnten wir bisher mitverfolgen, dass sein Protagonist einerseits über die eingeübte Fähigkeit zur affektiven Distanzierung verfügte (wie sie vom Mediziner gefordert wird). Darüber hinaus zeigt sich bei ihm eine eigentümliche Nähe zu den Mitmenschen und zugleich sich selbst. Diese Haltung von Interesse an Menschen und Lebenswelt ist alles andere als distanziert. Korolev lässt sich berühren und nimmt innerlich zu allem spontan Stellung. Diese Offenständigkeit involviert ihn in schwierige Situationen, die sein Handlungsvermögen herausfordern. Aber sie gibt ihm auch die Kraft, sich der Gefahr der verschlingenden Macht der ‚Fabrik‘-Welt zu entziehen und eine geistige Anhöhe gewinnen.

Der Autor lässt ihn dazu ganz wörtlich sich auf einem Holzstapels niedersetzen, von dem aus Korolev die Welt vor sich liegen sieht. Was in dieser Perspektive weiterhin lebendig blieb, war der „liebende Blick“ auf diese Welt. Damit ist keineswegs gemeint, dass diese Liebe damit einhergeht alles zu billigen. Korolev relativiert nichts, Korolev subjektiviert nichts; vielmehr bewertet er. Er befragt all das, was da als Welt vor ihm liegt, ob es uns Menschen Lebensraum zum Mitgestalten eröffnet oder ob es uns zu einer bloß reaktiven Existenz, zu einem Gelebt-Werden verführt.

Bei den Arbeitern sind diese Wirkungen noch als Zwang sichtbar, dem sie ausgesetzt sind und unterliegen. Doch schwieriger zu bewerten ist Lizas Unglück, unsichtbar die Kräfte, von denen Unglück ausgeht. Gewiss ist sie Profiteurin der ‚Fabrik‘. Doch Korolev bezweifelt den Nutzen, den sie aus dieser Situation zieht. Er erkennt auch in den Fabrikherren die letztlich betrogenen Betrüger. Im Sinne Hegels sind Herr und Knecht die Produzenten ihrer Entfremdung.

Korolevs hellsichtige Kritik verschmäht die selbstgerechte Entlastung, nicht ‚Schuld zu sein‘ an diesem ‚System‘, weil man ja nicht aktiv an ihm beteiligt sei. Sein Gewissen ist keine psychologische Schutzreaktion, die auf Abweisung der eigenen Verantwortlichkeit gerichtet ist, indem sie imaginäre Eltern, sonstige Autoritäten oder gesellschaftliche Kräfte haftbar macht. Das wäre die gewöhnliche Gewissenspathologie des angepassten Normalbürgers, der beruhigt sein will, ‚nicht Schuld daran‘ zu sein. Bei Korolev zeigt sich, was echtes Gewissen ausmacht; offenbar eine Weise des emotionalen Mit-Wissens, das intuitiv um die Probleme der Conditio Humana weiß. Weder in angenommenem Optimismus noch in moralischer Selbstgerechtigkeit strebt dieser Therapeut eine vermeintliche Seelenruhe an, die ja doch nichts anderes als bloße gefühlsmäßige Abstumpfung wäre.

 

Grenzen der therapeutischen Intervention

Was wir als Distanzierung im Dienste der Reflexion umschrieben haben, das erweist sich nun als ein im menschlichen Mitgefühl verankertes Geschehen. Korolev hat nicht einfach intensiv nachgedacht. Er hat auch seinen vorausgegangenen Zorn auf die Fabrikwelt nicht irgendwie „containt“, wie man im psychoanalytischen Jargon den ‚professionellen‘ Umgang mit affektiven Zuspitzungen nennt. Das ist meist nur ein Versuch, den gerade berührten Konflikt die Spitze zu nehmen, wie er  in der psychotherapeutischen Situation zuweilen nicht anders gelöst werden kann. Doch jeder Konflikt enthält eine positive Aufgabe, die es für beide Beteiligten zu bewältigen gilt.

Korolevs zornige Abwehr gegen die ‚Fabrik‘ hat ihr Recht, aber sie bedeutete gleichzeitig ein Zurückweichen vor der eigentlichen Aufgabe: Er hatte noch keinen Beitrag geleistet, der dem eigenen Ethos gerecht geworden wäre. Sein Affekt war der Ermüdung gewichen und damit zugleich war die Leidende ihm ferngerückt. Beim Versuch anschließend Schlaf zu finden holen ihn Geräusche auf dem Flur zu seiner Patientin zurück. Er trifft sie dort auf einem Lehnstuhl sitzend am Fenster bei heruntergelassenen Vorhängen. Zwischen beiden entspinnt sich ein Dialog, ein inniger Austausch zweier ursprünglich sich Fremder.

Dieses Gespräch beginnt als unmittelbare Gefühlsteilhabe. Eigentliche Gedanken werden erst später in den Vordergrund rücken. Für uns in therapeutischer, besser noch, in zwischenmenschlicher Hinsicht, vollzieht sich hier zwischen zwei Menschen eine Existenz-Mitteilung. Mit dieser Betrachtung verlassen wir die Ebene der tiefenpsychologischen Begriffskonventionen in der Hoffnung, für dasjenige Worte zu finden, was die gängige Begriffsmünze verdeckt. Diese will erklären, was es besser zu klären gilt. Erklären meint immer ein Zurückführen auf etwas, was angeblich dem Phänomen zugrunde liegt. Wir geben uns nun Mühe in aller Umständlichkeit zu umschreiben, was sich uns im Phänomen selbst zeigt.

Zur Gesprächssituation ist zu sagen: In dieser Begegnung stoßen zwei Welten aufeinander. Das abgedunkelte Krankenzimmer mutet an wie eine Sphäre der Lebensfeindlichkeit, der Versuch einer gewaltsamen Abwehr gegen die überfließende Vitalität des Draußen. Korolev verkörpert als Eindringling in eine Schutzzone das Verdrängte. Sein erster Satz benennt lapidar den Sachverhalt: Draußen ist herrliches Wetter, die Nachtigallen schlagen, und Sie sitzen hier im Dunkeln und grübeln, so lautet Korolevs ‚Fest-Stellung’. Zugleich aber äußert sich darin der Protest gegen ein Vergehen, das Liza sich in ihrer Haltung zuschulden kommen lässt. Offenbar spürt die Angesprochene, dass hier nicht an irgendeine Moral appelliert wird oder gar dazu aufgemuntert werden soll, doch die ‚kleinen Freuden‘ des Lebens nicht zu verschmähen. Korolev verweist schlicht auf einen Misstand, der nicht erduldet werden sollte; denn ein Erdulden ist nur dort angemessen, wo Kräfte walten, denen der Mensch sich nicht erfolgreich widersetzen könnte.

Liza antwortet darauf nicht eigentlich. Auf jede moralisierende Kritik, aber auch auf jeden Aufmunterungsversuch würde ein depressiver Mensch passiv zurückweisend reagieren, auf den eigenen Opferstatus insistierend. Dass nichts davon erfolgte, zeigt, dass Korolevs Worte auf eine innere Resonanz stießen. Sie hörte zu und blickte ihm dabei ins Gesicht; sie hatte traurige, kluge Augen, und man spürte, dass sie ihm etwas sage wollte. Korolevs Beobachtungsgabe gepaart mit seinem Feingefühl lässt ihn erschließen, warum sie ihr Krankenlager verlassen hatte und jetzt im Sessel saß. In dieser scheinbar geringfügigen Bewegung hin auf die Mitwelt kündigt sich ein Handeln-Wollen an. Es verrät, dass Lizas Sehnsucht noch lebendig ist, dass sie ihr Hoffen noch nicht aufgegeben hat. Dieses Hoffen ist die Quelle ihres Leidens, aber auch die noch einen spaltbreit geöffnete Pforte, durch die Korolevs Seele sich den Weg in die ihre gebahnt hatte. Als echter Seelenarzt weiß er, dass solches Hoffen noch kein konkretes Ziel kennt, das stark genug wäre, um die magische Schwerkraft überwinden zu können, die ihr im melancholischen Verstimmt-Sein zu Gebote steht.

Sein Geht Ihnen das oft so? schlägt ihr die Brücke in die gemeinsame Sphäre eines nun geteilten Erlebens. Über die Brücke dieser ernst gemeinten Frage findet Liza die ersten Worte für eine bisher bloß diffus ersehnte Teilhabe an einer sozialen Welt. Hierzu bedurfte es der aktiven Sympathie des Arztes, der um die Weglosigkeit im Gemüt der jungen Frau weiß, die in ihrer Vereinsamung auf sich selbst zurückgeworfen ist. Hätte Korolev diese heikle Annäherung mit irgendeiner ‚ermutigenden‘ Aufmunterung begonnen, seine feinfühlige Patientin hätte sich solch taktloser Überheblichkeit im Rückzug erwehrt. So aber öffnet sie sich mit dem Bekenntnis: Ja. Beinahe jede Nacht ist mir so schwer ums Herz.

In diesem Moment mischen sich aus der Fabrikwelt kommende Missklänge beunruhigend in das fragile Dialog-Geschehen. Auch jetzt wechselt Korolev nicht in die Rolle des souveränen Arztes, der vermeintlich beruhigende Worte bereithält. Selbst beunruhigt von der magischen Macht des eindringenden Geräusches, teilt er die eigene Beunruhigung mit der der jungen Frau. Auf sein Beunruhigt Sie dieses Klopfen?, gibt sie zur Antwort, dies nicht sagen zu können. Allesbeunruhige sie.

Wie könnte es auch anders sein bei einem Menschen, dessen innere Vitalität noch nicht völlig in Depression niedergekämpft ist. Im Sinne Heideggers leibt der sprachlos Gewordene sein Leben beinahe nur noch vegetativ als somatische Unruhe, als ein Aktiv-sein-Müssen ohne Ziel. Indem Korolev ihr seine Sympathie und seine Worte zuwendet, gibt er Liza von seiner Hoffnung ab und damit ein Vermögen zurück, das mangels Ansprache verstummt war. Dazu aber musste sie auf die Macht der Kranken verzichten, ihre Stummheit aufgeben, mit der sie die anderen in ihren Dienst gestellt hatte. Jetzt strömen ihr die Worte zu: Aus Ihrer Stimme höre ich Anteilnahme, gleich als ich Sie zum ersten Mal sah, hatte ich den Eindruck, dass man mit Ihnen über alles reden kann.

Auf Korolevs, Reden Sie, ich bitte Sie darum, erfahren wir, dass sie einzig mit den Büchern noch eine Liebe zur Welt teile. In dieser imaginären Sphäre verschwimmen ihr jedoch alle Grenzen. Bücher setzen der eigenen Person keine Widerstände entgegen. Nur an der widerständigen Welt könnte sie die eigenen Konturen schärfen. Sein Selbst oder seine Person kann nur derjenige erleben, der handelnd seinen Teil zur Gemeinschaft mit den anderen beiträgt. Wem dies verwehrt ist, dessen Selbstgefühl verkümmert. Unmerklich verwandelt sich seine Existenz in ein zielloses Gelebt-Werden von den Umständen. In Lizas Worten: So hat es das Leben gefügt. Einsame Menschen lesen viel, aber sie sprechen wenig und hören wenig, das Leben ist für sie geheimnisvoll; sie sind Mystiker und sehen oft den Teufel dort, wo er gar nicht ist.

In ungemein schlichten Sätzen lässt Čechov mit der bloßen Beschreibung des Geschehens, unterbrochen von den Äußerungen der beiden, uns Leser miterleben, wie sich die Patientin und der Arzt (wie zwei Liebende) näherkommen. Mut und Feinfühligkeit auf beiden Seiten, ihre Hingabe an die sich entfaltende Situation werden belohnt durch ein Glücksgefühl, das auch den Leser ergreift. Korolev spürt, dass sie ihm vertraute, aufrichtig mit ihm reden wollte und genauso dachte wie er.

Er weiß nun, es ist jetzt an ihm, dieser auf sein Wort wartenden Liza zu eröffnen, dass sie die Welt der Fabrik verlassen, alle Sicherheit aufgeben muss, will sie leben. Es ergeht ihm dabei wie so manchem Psychotherapeuten: Koroleverschrickt vor der Aufgabe, die vor ihm liegt. Er weiß, dass er seiner Patientin damit mehr zumuten wird, als ihr Fähigkeiten zuhanden sind. Wie soll sie diese Hürde bewältigen? Sein Zurückschrecken vor der Ernüchterung einer Patientin, die ihm gerade noch so nahe war, zeigt sich in der Abfolge zweier Gedanken in Korolevs innerem Monolog: Wie soll ich es sagen? - überlegte Korolev. – Und ist es überhaupt nötig zu reden?

Dieser Therapeut versagt sich die Ausflucht in vermeintliche Toleranz, nach der hier doch kein Übergriff in die Freiheit des anderen erlaubt sei, schon gar keine Aufnötigung der eigenen Weltanschauung. Aber, woher sollte denn ein depressiver Mensch diese Fähigkeit zur Unterscheidung nehmen, zu der ihm die Psychotherapie doch erst verhelfen soll?

 

Psychotherapie als moralisch-weltanschauliches Geschehen

Damit sind wir bei einer heiklen Frage angelangt. Sie betrifft unseren Berufsstand im Wesenskern. Doch dem darin gelegenen Problemgehalt ging und geht man gern aus dem Wege, indem Psychotherapie zu einem quasi medizinischen Tun erklärt wird. Man wolle nicht ‚erziehen‘, sich schon gar keine Wertevermittlung anmaßen. So einfach aber kommen wir bei Čechovs Erzählung nicht weg. Sie nämlich zeigt, dass die individuelle Seelenkrankheit in eine Weltanschauung eingebettet, also kulturell mit fundiert ist.

Wir können hier diese philosophisch-anthropologischen Grundsatzfragen und die sich daraus ergebenden Folgerungen für Erziehung und Psychotherapie nicht erörtern. Wir bleiben bei unserem ‚Fallbeispiel‘ und schauen, wie Korolev seiner Patientin als ‚moralischer Arzt‘ gegenübertritt. Denn hier geht es um einen echten Wertkonflikt und nicht bloß um eine charakterbedingte Vorzugshaltung, wie wir sie aus der psychodynamischen Logik der heutigen Tiefenpsychologie kennen. Was dort ‚Konflikt‘ genannt wird, wäre besser als neurotische Tendenz bezeichnet. Ihre vermeintliche Lösung ist voraussagbar. Sie machen den Wiederholungscharakter im Verhalten des Patienten aus, der jedem Therapeuten geläufig ist. Solche Scheinkonflikte imponieren oft durch moralisch getönte Selbstbezichtigungen ohne alle Folgen für das reale Handeln des Patienten, dienen sie doch einzig zur Selbstberuhigung. Echte ethische Entscheidungen erleben wir höchst selten in unserem Beruf. Sittliche Konflikte nämlich gründen im Entscheiden-Müssen zwischen konkurrierenden Werten. Hierbei konstellieren sie eine Forderung, die nur unter dem Risiko eines Fehlschlagens erfüllbar ist.

Wie geht nun Korolev den Konflikt an? Er wählt eine indirekte Konfrontation, die wir heute als „psycho-edukativ“ bezeichnet würden. Als eine Abfolge sachlicher Feststellungen erläutert er seiner Patientin deren individuelles Schicksal. Dabei ordnet es sich und wird zum Teilgeschehen in einer uns alle umfassenden Lebenssituation:

Und er sagte das, was er sagen wollte, nicht direkt, sondern umschrieben:
»Sie sind mit Ihrer Lage als Besitzerin einer Fabrik und als reiche Erbin unzufrieden, Sie glauben nicht an Ihr Recht, und daher können Sie jetzt nicht schlafen. Das ist natürlich besser, als wenn Sie zufrieden wären, fest schliefen und dächten, alles sei in Ordnung. Ihre Schlaflosigkeit ist ehrenhaft; wie dem auch sei, sie ist ein gutes Zeichen. In der Tat, unseren Eltern wäre ein solches Gespräch, wie wir es jetzt führen, unsinnig vorgekommen; sie haben nachts nicht diskutiert, sondern fest geschlafen, wir aber, unsere Generation, wir schlafen schlecht, wir leiden seelisch, reden viel und versuchen immer zu entscheiden, ob wir recht haben oder nicht. Für unsere Kinder und unsere Enkel aber wird die Frage, ob sie recht haben oder unrecht haben, bereits entschieden sein. Sie werden klarer sehen als wir. Schön wird das Leben in fünfzig Jahren sein, nur schade, dass wir es nicht mehr erleben. Es wäre interessant, das mit anzusehen.«

Wir haben diese für einen Psychotherapeuten ungewöhnlichen Monolog wiedergegeben, weil wir ihn auf eigentümliche Weise als dialogisch erleben. Korolev beschreibt aus einer Position, die beiden gemeinsam ist. Aber er benennt das, was beide trennt. Er sagt das, was er sagen wollte. Er sagt es sogar in einer Weise, die das Gesagte als unbestrittenen Tatbestand hinstellt. Aber Korolev stellt es eben nur hin, ohne dabei eine Zustimmung der Zuhörerin einzufordern. Er spricht als Arzt, der von einer chronischen Krankheit spricht, und er spricht als ein Mensch, der selbst Anteil an der Krankheit hat: Wir schlafen schlecht, wir leiden seelisch, reden viel und versuchen immer zu entscheiden, ob wir recht haben oder nicht.

Seiner skeptisch-nüchternen Bilanz lässt Korolev zuletzt eine Ermutigung folgen: Künftige Generationen werden über dieses Leiden hinweg sein. Doch auch hier bleibt er Analytiker der Kultur, dem sich jeder Zweckoptimismus verbietet. Im Nachsatz heißt es nämlich, nur schade, dass wir es nicht mehr erleben.

Čechov lässt seine Liza diese implizite Botschaft begreifen: Im aktiven Beharren auf ein menschenwürdiges Dasein liegt die eigentliche Bestimmung von uns Erdenbürgern. Das heißt offenbar, das eigene und fremde Leiden darf nicht als individuelle Krankheit zur bloßen Pathologie abgewertet werden. Immer auch enthält es ein Aufbegehren des Menschlichen in uns. Das meint keineswegs, dass hiermit Leid und Schmerz zur Sinnerfüllung unseres Seins erhoben werden sollen. Sie sollten jedoch ertragen werden als unabweisbare Begleiterscheinungen beim Streben nach einem menschlicheren Leben. Der Anspruch auf Glück im Hier und Heute gehört dazu, und er kann wohl am ehesten eingelöst werden, wenn er nicht unmittelbar auf privates Wohlbehagen zielt. Das Menschenleben ist nun einmal auf Gemeinschaft hin angelegt und nicht auf das Wohlbefinden Einzelner.

Am Schluss seiner Erzählung greift Čechov noch einmal das Natur-Motiv auf: Das schöne Gespräch der beiden ursprünglich sich so fremden Menschen findet statt in der Frühe eines betörenden Maien-Morgens. Diese Begegnung verkörpert so etwas wie einen Akt der Revolte im Sinne Albert Camus‘. Hier erringen sich zwei Menschen ihr Heimatrecht im gelebten Augenblick. Das Gespräch endet schlicht. Auf Lizas Frage nach dem rechten Ort für ihr neues Leben, heißt es: »Wohin? Wohin sie wollen ...« sagte Korolev und lachte. »Wo kann ein guter, kluger Mensch nicht überall hingehen!« Er ging in sein Zimmer und legte sich schlafen.

Wir hören aus diesen Worten zugleich das an dieser Stelle Ungesagte: Ein guter, kluger Mensch darf oder kann überall hingehen, auch wenn er noch nicht über alle dafür notwendigen Fähigkeiten verfügt. Selbstwerdung fordert den Einsatz des eigenen Lebens.

Eingangs hatten wir schon auf die Schlussszene verwiesen. Sie komponiert das Bild einer Hoffnung, das nicht von der schmutzigen Welt der Fabrik verunreinigt ist. Auf der Freitreppe des Hauses warten in der Morgenstunde Mutter und Tochter auf den abreisenden Arzt.

Liza, in einem weißen Kleid und mit einer Blume im Haar, sah feiertäglich aus, sie war bleich und erschöpft. Sie blickte ihn an wie gestern, traurig und klug, sie lächelte und sprach mit einem Ausdruck, als wolle sie ihm etwas Besonderes, etwas Wichtiges sagen – nur ihm allein. Man hörte die Lerchen singen und die Kirchenglocken läuten.

Dass sich in dieser Szene uns die Metapher der jungfräulichen Braut aufdrängt, könnte dazu verleiten ein sexuell-erotisches Moment zu vernehmen. Das ist nicht der Fall. Čechov bringt hier etwas viel tiefer Verdrängtes zur Erscheinung als ‚das Sexuelle‘. Man könnte es die menschliche Sehnsucht nennen nach Hingabe an den Augenblick. In solchen Glücksmomenten leuchtet uns die Welt in all ihren Wertschattierungen auf. Ein Blick, den derjenige nur erleben darf, der seine tiefsten Wünsche nicht schon verraten hat. Er lebt hier im Geist der Revolte gegen die Welt der Fabrik. Er hat nichts gemein mit dem ressentimenthaften Bewusstsein moralischer Überlegenheit.

Mit einer schlichten Bemerkung am Schluss erinnert uns der Autor an den Beginn der Geschichte. Wir sehen Korolev in derselben Kutsche auf der Fahrt zum Bahnhof. Doch jetzt lesen wir nichts mehr vom albernen federgeschmückten Hut des Kutschers. Ohne jeglichen ironischen Unterton lässt uns Čechov einen letzten Blick in die Seele seines Protagonisten tun. Er nämlich erlebt das eigentümliche Gefühl des Beheimatet-Seins in der realen Welt, das denjenigen durchströmt, der seinen Beitrag hierzu erbracht hat. Der Hingabe an die vorige Situation entspricht nun der Genuss des ihm geschenkten werterfüllten Augenblicks.

Er dachte daran, wie angenehm es sei, an einem solchen Frühlingsmorgen in einer schönen dreispännigen Kutsche zu fahren und sich in der Sonne zu wärmen.

 

[1] Ein Fall aus der Praxis in: Das Čechov Lesebuch, Diogenes, Zürich 1985, S.354ff