

Brief aus Amerika
| Verfasser*in: | Johannes Bobrowski |
|---|---|
| Kommentator*in: | Matthias Voigt |
| Datum: | 17.06.2026 |
Ein Brief aus Amerika wird zum Auslöser einer Krise des Lebensabends für eine litauische Bauersfrau. Sie lebt allein auf ihrem winzigen Hof. Der Mann ist bereits gestorben und die Kinder haben den Ort verlassen. Der Brief stammt von ihrem Sohn, der sein Glück in der Neuen Welt Amerikas gefunden hat. Aus diesem Brief erfährt sie, dass es zu keinem Wiedersehen mehr mit ihm kommen wird.
Der Leser ist mit dem Auftakt der kleinen Erzählung ins vorletzte Jahrhundert, in eine vergangene Welt versetzt. Befremdend heißt es in den ersten Zeilen:
Brenn mich, brenn mich, brenn mich, singt die alte Frau und dreht sich dabei, hübsch langsam und bedächtig, und jetzt schleudert sie die Holzpantinen von den Füßen, da fliegen sie im Bogen bis an den Zaun, und sie dreht sich nun noch schneller unter dem Apfelbäumchen.
Diese Szene – eigentümlich zwischen heiterer Stimmung eines Sommermittags und ungestümer Reaktion der Alten changierend – verunsichert: Werden wir erfassen, was der Autor mit uns vorhat?
Noch hängt das Geschehen ohne zeitlichen und örtlichen Bezug für uns gewissermaßen in der Luft. Der Titel verweist darauf, dass der Brief eine Botschaft aus der Neuen Welt bringt.
Johannes Bobrowski (1917-1965), so wie Brecht ein nicht ganz angepasster DDR-Autor, lässt damit vor unserem geistigen Auge zwei Lebenswelten aufeinanderprallen. An Brechts Unwürdige Greisin (1939) erinnert manches in Sujet und stilistischer Gestaltung dieser kleinen Geschichte.
Wir Leser werden in die Welt einer alten Frau hineingezogen. Der Erzähler nimmt dabei die Rolle eines aufmerksamen Beobachters ein, der bloß beschreibt, was sichtbar ist. In äußerster Knappheit skizziert er die Oberfläche des Geschehens. Die Abfolge einfacher Aussagesätze, die Art und Weise, wie die Szenen mit harten Schnitten unvermittelt aufeinander folgen, lässt Bilder entstehenden und bringt sie zum Sprechen. Zu deren Sinn und Bedeutung verliert der Autor selbst kein Wort.
Was mag nun das dreimal wiederholte Brenn mich mitteilen? Bei der Überlegung, wie die alte Frau es sagt, fällt auf, dass sie ihre Worte nicht ausruft: sie singt sie. Hier ist nicht von affektivem Geschehen die Rede, sonst ginge das Ganze nicht hübsch langsam und bedächtig sich drehend vor sich. Dann aber schleudert sie die Holzpantinen von den Füßen ... im Bogen bis an den Zaun, um sich noch schneller unter dem Apfelbäumchen zu drehen. Tanzt die Alte doch aus unterdrückter Verzweiflung? Kündigt die Ruhe des sommerlichen Tages vielleicht nur eine gewaltsam beherrschte Erregung an, die sich gleich in eine hektische Bewegung verwandeln wird? Und warum dreht sie sich gerade unter einem Apfel-Bäumchen, nicht unter einem Baum im Kreis?
Die dann folgenden Sätze weisen in eine andere Richtung. Durch die Wiederholung des Brenn michdeutet sich an, dass hier etwas ausgebrannt werden soll. Wie aber passt das Radikale dieser Wendung zur singenden Frau, die wie im Kinderlied die liebe Sonne anruft. Die Sonnenstrahlen sollen offenbar an den entblößten Armen ihr Werk vollbringen. Dazu hat die Frau die Ärmel ihrer Bluse hinaufgeschoben. Diesem dissonanten Auftakt folgen beschreibende Aussage-Sätze, Hinweise, die Bedeutungs-Zusammenhänge aufscheinen lassen, wenn es heißt:
… und von den Ästen des Bäumchens fallen kleine, dünne Schatten herab, es ist heller Mittag, und die alte Frau dreht sich mit kleinen Schritten. Brenn mich, brenn mich, brenn mich.
Diese Szene lässt ein eigentümlich gefühlsdichtes Bild entstehen, das sich ins Gemüt des Lesers einbrennen will.
Unvermittelt folgt danach nun der Wortlaut des Briefes aus Amerika. Diese Herkunftsangabe allein weist schon darauf hin, wie fern und wie fremd jene Welt dem Leben der Frau ist. Der Verfasser des Briefes ist Jons, ihr Sohn, der aus einer unbekannten Ferne schreibt. Da steht zu lesen, heißt es lapidar. Diese Wendung deutet an, dass das Nachfolgende wie eine Verlautbarung aufzufassen ist. Meine liebe Mutter. Teile dir mit, dass wir nicht zu dir reisen werden. Aus diesen knappen Worten ist die Stimme von Jons Ehefrau zu hören, die in der Neuen Welt zur bestimmenden Figur in seinem Leben geworden ist. Auch aus der zitierten Wendung - hör mir zu, John - geht die neue Rolle hervor, die er in Amerika eingenommen hat. Aus den unbeholfenen Sätzen spricht nicht mehr der Jons vergangener Tage, sondern ein John, der hier etwas geworden ist; denn Vater hat uns das Geschäft überschrieben. Und dessen Tochter sagt noch manches über das Leben hier. Aber dort in der alten Welt, wo einer schon bleiben muss, weil alle von uns weg sind, wird nun die alte Frau allein bleiben.
Für uns Leser ist an dieser Stelle die Konfrontation mit der Botschaft des Briefes noch ganz unmittelbar - man hält gewissermaßen die Luft an, während wir das Gefühl von Enttäuschung mit der Mutter teilen, das sie vermutlich ihrem Sohn Jons gegenüber empfunden haben mag, als sie diesen Brief wieder und wieder gelesen hat. Doch von einer ausdrücklichen Enttäuschungsreaktion ist in ihrem Verhalten nichts spürbar; vielmehr scheint die Überwindung der Täuschung schon geleistet zu sein. Was sich nämlich in der Gestimmtheit der gezeichneten Situation zeigt, spricht eine bedeutungsvollere Sprache als die der Verstimmung durch den Affekt. Wie in einem impressionistischen Gemälde erscheint uns die alte Frau als beheimatet in ihrer Welt. Wohl nicht zufällig ist in dieser Welt
heller Mittag, und es ist schön. Das Haus ist weiß. An der Seite steht ein Stall. Auch der Stall ist weiß. Und hier ist der Garten. Ein Stückchen den Berg hinunter steht schon das nächste Gehöft, und dann kommt das Dorf, am Fluss entlang, und die Chaussee biegt heran und geht vorbei und noch einmal auf den Fluss zu und wieder zurück und in den Wald.
Der helle Mittag ist die Zeit der Klarheit und der Überschau, Zeit dafür, die eigene Geschichte in ein helleres Licht zu tauchen. Vielleicht sogar die Zeit der Selbsterkenntnis. Was sich im Inneren der Frau ereignet, das verrät der Autor uns Lesern nicht direkt. Er beschreibt weiterhin nur das Erscheinungs-Bild eines recht engen, stillen Lebens- und Wirkungskreises einer alten Frau. Doch Bobrowskis schlichte Reihung von sichtbaren Geschehnissen ist überaus sprechend. Wie in der bloß hingeworfenen Skizze für ein späteres Gemälde fixiert er die einzelnen Gegenstände in einer Weise, aus der sich für den aufmerksamen Betrachter eine Ebene von Sinn und Bedeutung eröffnet. Ihr Gehalt erschließt sich demjenigen, der sich auf den Dialog in der vom Dichter vorgegebenen Sprache überlässt und einlässt. Er muss hierzu bereit und fähig sein, das Noch-nicht-Verstehen zu ertragen. Wem dies gelingt, dem zeigen sich unvermittelt die Beziehungen der einzelnen Phasen des Geschehens. Deren atmosphärische Dichte strahlt auf den Leser aus und lässt ein Verbundenheitsgefühl in ihm anklingen. Wer diese dialogische Vorleistung erbringt, dem verrät der spröde Text manches:
In der Stube ist es kühl. Von der Decke baumelt ein Beifußbusch und summt von Fliegen. Die alte Frau nimmt den Brief vom Tisch, faltet ihn zusammen und trägt ihn in die Küche auf den Herd. Sie geht wieder zurück in die Stube. Zwischen den beiden Fenstern hängt der Spiegel, da steckt in der unteren Ecke links, zwischen Rahmen und Glas, ein Bild. Eine Photographie aus Amerika. Die alte Frau nimmt das Bild heraus, sie setzt sich an den Tisch und schreibt auf die Rückseite: Das ist mein Sohn Jons. Und das ist meine Tochter Alice. Und darunter schreibt sie: Erdmuthe Gauptate geborene Attalle. Sie zupft sich die Blusenärmel herunter und streicht sie glatt. Ein schöner weißer Stoff mit kleinen blauen Punkten. Aus Amerika.
Wie ist nun diese Szene zu verstehen? Wir erfahren erstmals den Namen der Frau und auch, wie sie vor der Heirat hieß. Mit wenigen Sätzen deutet sich ihre Lebensgeschichte an. Und es zeigt sich uns eine Frau, die in ruhiger Entschlossenheit eine Entscheidung in die Tat umsetzen wird. So handelt jemand, der sich zu handelnder Stellungnahme durchgerungen hat.
Für diese These spricht mancher Augenschein. Warum nämlich holt sie den Brief aus der guten Stube, um ihn anschließend zusammenzufalten und dann auf dem Küchenherd zu platzieren? Anschließend kehrt sie nochmals in die Stube zurück. Dort nämlich steckt in einer Ecke des Spiegelrahmens die Photographie aus Amerika, darauf der Sohn, der sichtbar in der Neuen Welt angekommen ist. Wir werden jetzt Zeugen, wie die Mutter auf der Rückseite des Photos Vermerke notiert, so wie jemand, der mit einer Geschichte abgeschlossen hat. Abschließend bringt sie noch die hochgestreiften Ärmel ihrer blaugetupften Bluse in Ordnung, die sie, eben wie zur Tat, zuvor hochgekrempelt hatte. Mit der Unterschrift Erdmuthe Gauptate geborene Attalle ist ihre Entscheidung offensichtlich besiegelt: Sie steht auf, und während sie zum Herd geht, schwenkt sie das Bild ein bisschen durch die Luft, wie man es mit einem Gegenstand tut, der keinen Wert oder keine Bedeutung mehr hat.
Wir sprachen weiter oben davon, dass die kleine Geschichte einen Prozess der Ernüchterung aufscheinen lässt. Er verändert den Blick auf vieles, was für das bisherige Leben von Belang schien und bewertet den bleibenden Gehalt für die eigene Existenz. Dies beinhaltet eine Neubewertung von allem, was wir geliebt haben und was wir ablehnten. Und eine solche Revision verlangt die Trennung von dem, was sich in dieser Prüfung als nur scheinhaft erweist. – Die alte Frau schließt offenbar ab mit dem Kapitel des Mutter-Seins und besinnt sich darauf, was Bestand haben soll im verbleibenden letzten Teil ihres Lebens. Wie jemand, der sein Testament unterzeichnet, setzt sie auf der Rückseite des Bildes neben ihren Rufnamen nicht bloß den Familiennamen, sondern auch den ihrer Herkunft.
Wenn es in einer Psychotherapie wirklich einen Schritt voran ging, dann zeigt sich dies auch darin, wie sich der Patient zu seiner Vergangenheit stellt: Er erinnert sich dann häufig an bisher Vergessenes oder es leuchtet ein altes Bild plötzlich in einem neuen Licht auf, so wie es der alten Mutter im hellen Mittag eines schönen Sonnentages erscheint. Wie als Gleichnis dieser Neu-Zentrierung ihrer Existenz lässt Bobrowski sie aus der ‚guten Stube’, der räumlichen Vorzeigeseite ihres Lebens, in die Küche, dem eigentlichen Wohn- und Lebensraum einer Bäuerin, streben. Dabei hören wir ihren inneren Monolog, der uns biographischen Aufschluss über die gemeinsame Lebenszeit mit dem mittlerweile verstorbenen Ehemann gibt; genauer gesagt, indem sie diese Ehe und damit ihr Erwachsenen-Leben bilanziert:
Als der Annus von Tauroggen gekommen ist, damals, und hiergeblieben ist, damals: es ist wegen der Arme, hat er gesagt, solche weißen Arme gab es nicht, da oben, wo er herkam, und hier nicht, wo er dann blieb. Und dreißig Jahre hat er davon geredet. Der Annus.
Wir können nur spekulieren, was damals die weißarmige Erdmuthe zum Annus hingezogen hatte. In jenen Zeiten zeigte gebräunte Haut, zu welcher Gesellschaftsklasse man zählte. Spricht hier die Ernüchterung darüber, dass ihre Liebe die beiden nicht wirklich zueinander gebracht hatte? Und nun auch noch die Entfremdung vom Sohn. So wie die alte Frau auch bisher schon ohne den Ehemann leben musste, wird sie nun ohne die Kinder zurechtkommen müssen. Der Leser hat noch die dahingeredeten Lebensmaximen der Schwieger-Tochter Alice im Ohr, die ihr Sohn im Brief weitergibt. Es sind Worte aus Amerika und nicht mehr die ihres Sohnes:
John, (…) dort ist es schön, das hast du mir erzählt, aber das war früher. Der Mensch ist jung oder alt, sagt sie, und der junge Mensch weiß nicht, wie es sein wird, wenn er alt ist, und der alte Mensch weiß nicht, wie es in der Jugend war.
Solchen Lebensklugheiten des selbstentfremdet dahinlebenden Normalmenschen stellt Bobrowski den inneren Monolog der alten Frau entgegen. In lapidar-kargen Aussagesätzen spricht sich deren existenzielles Erleben aus:
Der Mensch ist jung oder alt. Was braucht der alte Mensch denn schon? Das Tageslicht wird dunkler, die Schatten werden heller, die Nacht ist nicht mehr zum Schlafen, die Wege verkürzen sich. Nur noch zwei, drei Wege, zuletzt einer.
Vermutlich wird es manchem Leser an dieser Stelle ähnlich ergangen sein, wie dem Kommentator dieser kleinen Geschichte: der Hals schnürt sich zu, ein Gefühl der Melancholie ergreift uns und zugleich ein Gefühl der Verbundenheit mit der alten Frau. Johannes Bobrowski gelingt etwas Eigentümliches mit seiner Kunst: Aus der sichtbaren und sinnlich gegebenen Welt scheint eine Tiefendimension auf, ein geistiges Band, das die Berührung der Innenwelt eines anderen Menschen mit der unseren herstellt. Allein durch die präzise Beschreibung der Oberfläche des Verhaltens seiner Protagonisten erschließt er uns eine Dimension der Tiefe, eine zur sinnlich gegebenen Welt zugehörige Sphäre der Gefühle, von Wert und Sinn. Diese Innenansicht erscheint uns in den äußeren Bezügen der alten Frau. Darin besteht das kleine Wunder, das der Autor vollbringt. Wo wir uns daran gewöhnt haben, im Menschen nicht die Person zu erblicken, sondern bloß ein Bündel von Eigenschaften, erweckt der liebende Blick die Sicht auf dieses Ganze.
Betrachtet man jedoch unser Selbst nicht als ein Ding, sondern als die spezifische Art und Weise, in der wir zu Menschen und Dingen in Beziehung treten, dann verliert die eigentümliche Zauberkraft eines Kunstwerkes seine Unverständlichkeit. Wir erahnen dann, wie Johannes Bobrowski es vermag, das Strukturgefüge dieser Beziehungen zum Sprechen zu bringen. Er verrät uns nicht, was sich in seinen Personen abspielt, erklärt keine Motive oder Reflexionen. Er zeigt nur in irritierender Nebeneinanderstellung, was geschieht. Vom Leser verlangt die extreme Verknappung einiges an Hingabebereitschaft. Gefordert wird von uns, dass wir die eigene Beunruhigung ertragen, das Noch-nicht-Wissen, was der Dichter ‚uns sagen will‘. Deshalb eröffnet sich die existenzielle Dimension der kleinen Erzählung nur demjenigen, der sich von diesem Dichter führen lässt. Für seine Hingabebereitschaft an den Autor belohnt ihn am Ende des Weges ein Glücksmoment. Es ist das beglückende Gefühl, miterlebt zu haben, wie es einem Menschen gelingt, sein Lebensschifflein würdevoll aus einer existenziellen Krise zu steuern, auch wenn ein Matrose nach dem anderen von Bord gehen mag. Unser Gefühl zwischenmenschlicher Zugehörigkeit wächst in dem Maße, wie das Schicksal dieser alten Frau sich einordnet in das verbindende Gefüge der Conditio Humana, die ja zugleich das uns mit ihr Verbindende ist.
Somit empfinden wir das Ende der Geschichte als positiven Ausblick. Wir erleben, was uns manchmal, wenn auch nicht in jeder Psychotherapie gelingt: Unser Patient geht mit einigen überwundenen Illusionen und klarerem Blick seinen Weg. Er verlässt uns und hält - in geistiger Verbundenheit, doch räumlich getrennt - gestärkt an seinen Lebensaufgaben fest. Dies scheint die alte Frau zu verkörpern.
Sie legt das Bild auf den Herd, neben den zusammengefalteten Brief. Dann holt sie die Streichhölzer aus dem Schaff und legt sie dazu. Werden wir die Milch aufkochen, sagt sie und geht hinaus, Holz holen.
Es ließe sich an dieser Stelle mutmaßen, die Enttäuschung der alten Frau sei hier nun offenbar in eine offen aggressive Reaktion umgeschlagen. Für unsere Deutung liegt es näher, dass diese Mutter durch den Verzicht auf Illusionen ihr Selbstwertgefühl stabilisieren konnte. Sie vollzog eine Erkenntnis, die in Neubewertung des Geschehenen und der eigenen Person einmündete. Brief samt Photo aus Amerika teilt sie den ihnen verbliebenen Wertgehalt zu. Gewissermaßen als ihre Teilhabe an der Welt des us-amerikanischen Pragmatismus verwertet sie beides als Brennstoff für ihren Küchenherd. Auch hier zeigt sie sich als Schwester der Unwürdigen Greisin. Man würde auch ihr einen Flickschuster in der Nachbarschaft gönnen, um mit einem Verwandten im Geiste die letzten Tage teilen zu können.