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Rezensionen
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Wissenschaften

Welt auf der Zungenspitze - Zur Psychologie von Stimme, Sprache und Person

Autor*in:Corinna Pregla
Verlag:Königshausen & Neumann, Würzburg 2016, 148 Seiten
Rezensent*in:Gerhard Danzer
Datum:04.04.2026

Die ganze Welt ruht auf der Zungenspitze - so lautet ein jüdisches Sprichwort, das zum Titel wie zum Inhalt des neuen Buches von Corinna Pregla stimulierende Anregungen gab. Der Untertitel des Buches (Zur Psychologie von Stimme, Sprache und Person) verheißt eine anthropologisch überaus relevante Abhandlung über den Zusammenhang des menschlichen Sprach- und Sprechvermögens mit den personalen Möglichkeiten eines jeden von uns. Blättert und liest man in diesem Text, wird man rasch bemerken, dass die Autorin - klassische Sängerin, promovierte Kulturwissenschaftlerin, Psychologin und Psychotherapeutin - mit ihrer Titelei nicht zuviel versprochen hat. 

Im Gegenteil: In vier Kapiteln führt uns Corinna Pregla von der Stimmbildung und ihrem Weltbezug (Stimme und Welt) über Stimme und Stille (Kapitel 2) zum zentralen Kapitel Stimme und Person, das im vierten und letzten Kapitel (Welt auf der Zungenspitze) mit weltanschaulichen Gesichtspunkten verknüpft und angereichert wird. Wie weit dabei der Horizont der künstlerischen, wissenschaftlichen und philosophischen Autoren, Quellen und Bezugsformate ist, kann hier nur angedeutet werden: Er reicht von einer Bild-Interpretation (Jan Vermeers Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster) bis zu John Cage und dessen legendäre Publikation Silence (1939) und dessen ebenso legendäre Komposition ORGAN2/ 5 ASLSP (1987), die in Halberstadt seit dem Jahr 2001 kontinuierlich (und wenn möglich bis ins Jahr 2640) aufgeführt wird, von den Philosophen Ernst Cassirer, Henri Bergson, Paul Ricoeur, Emmanuel Levinas, Martin Buber bis zu den Psychoanalytikern (z.B. Sigmund Freud, Alfred Adler, Theodor Reik, Donald Winnicott) und den Sozialwissenschaftlern (z.B. David Riesman, Daniel Stern).

Zum Lesevergnügen dieses Buches trägt neben der eleganten Sprache nicht unwesentlich auch seine ausgesprochen bibliophile Aufmachung bei. Farbige Abbildungen ebenso wie das auffällig kunstvolle Cover zeugen von einer ausgesprochen geglückten Zusammenarbeit zwischen Autorin, Grafiker, Lektorin und Verlag. Berücksichtigt man darüber hinaus den günstigen Preis des Buches (20 Euro), kann man nicht mehr nur von einem (in der Ausdrucksweise des 21. Jahrhunderts) nice to have sprechen - dieses Buch ist ein must have