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Rezensionen
ITGG Berlin - Rezensionen
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#C66A13

Wissenschaften

Mimesis

Autor*in:Erich Auerbach
Verlag:Francke Verlag, Tübingen und Basel 1946, 524 Seiten
Rezensent*in:Matthias Voigt
Datum:29.09.2026

Erich Auerbach (1892-1957) dürfte heute nur noch unter Romanisten als Autor von Mimesis bekannt sein, des Buches, das zu diesen Überlegungen Anlass gab. Als einziger Sohn einer recht wohlsituierten Kaufmannsfamilie, gerade als Jurist promoviert, zog der 22-Jährige 1914 freiwillig in den Ersten Weltkrieg. Hier machte er als Frontsoldat im Stellungskrieg an der Westfront traumatische Erfahrungen. Diese Erlebnisse sowie eine schwere Fußverletzung und ein chronisches Herzleiden bewirkten, dass er sich nach 1918 ganz auf seine intellektuellen Neigungen zu konzentrieren begann. Auch war offenbar mit dem Tod des Vaters zu Kriegsbeginn der Erwartungsdruck an den Sohn gesunken, so dass Auerbach den eingeschlagenen Berufsweg verlassen konnte. Sein Blick auf die Weltpolitik wurde zunehmend distanzierter. Insofern war seine Abwendung von der Jurisprudenz und sein künftiges Lebenswerk eng mit der inneren und äußeren Erschütterung Europas verbunden. Er wandte sich jetzt mit ganzem Interesse dem Studium der Geisteswissenschaften zu, um fortan als Romanist nationenübergreifend die geistigen Quellen der bedrohten europäischen Kultur freizulegen. Wissenschaftliche Arbeit unter weltliterarischem Blickwinkel erschien ihm als angemessene Antwort auf die Zeitereignisse (vgl. seine Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit vom 16. November 1918 bis zum 30. Januar 1919).

Über seine Familien-Biografie wissen wir wenig (vgl. Ulrich von Bülow: Erich Auerbachs Tagebuch. Aber mich geht’s nichts an. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.12. 2018). Dennoch dürfen wir vermuten, dass auch das Erbteil der Mutter zu Auerbachs Lebenseinstellung passt. Diese stammte sehr wahrscheinlich aus einer marranischen Familie. Als Marranen bezeichnet man die sephardischen Juden („Conversos“) im katholischen Spanien. Wer von ihnen die nach der Reconquista (Vertreibung der Araber) einsetzenden Pogrome überlebte, wurde zwangsgetauft zum Christen. Viele von ihnen führten ein verborgenes Doppelleben im Geiste ihrer Väter weiter. Existenzielles Bedroht-Sein und Konfrontation mit der Frage ihrer Identität war unentrinnbarer Teil dieses marranischen Schicksals. Baruch de Spinoza wie auch Michel de Montaigne sind kulturgeschichtlich wohl deren bedeutsamste Repräsentanten (vgl. Yirmiyahu Yovel: Spinoza. Das Abenteuer der Immanenz. Steidl-Verlag 2012).

Für Auerbach war Letzterer der Prototyp einer neuen Lebenshaltung, die bewusst ohne religiöse Gottesbindung ihren Halt im Dasein sucht. Der Autor der Essais scheint dem als gottlos verschrieenen Pantheisten aus Holland geistesverwandt gewesen zu sein. Materiell lebten beide in unterschiedlichen Welten: Montaigne in politisch wirren Zeiten, doch zuhause in einer begüterten adligen Oberschicht, während Spinoza eine allumfassende Außenseiter-Existenz verkörperte. Verstoßen von der jüdischen Diaspora-Gemeinde in einer vom Calvinismus geprägten Republik, wurde er nur von einzelnen Gönnern gefördert. Dass Spinoza sich mit dem Schleifen von gläsernen Linsen vor dem Verhungern bewahrt habe, dürfte aber eher zum Bild des Märtyrers gehören, zum „Heiligen Spinoza“ als Ahnherrn und Vorkämpfer einer kommenden Welt der Vernunft. Als Kämpfer betrachteten sich vermutlich weder Spinoza noch Montaigne. Beide neigten sie nach epikureischem Vorbild zu einer eher distanzierten Stellung gegenüber allem politisch-gesellschaftlichen Treiben. Während Spinoza in der sehr viel schwierigeren Situation war, standen Montaigne alle Wege in die gute Gesellschaft offen; Baruch de Spinoza dagegen nahm für seine ketzerischen Ideen harte Exil-Bedingungen in Kauf.

Zurück zu Erich Auerbach: In den wenigen Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg hatte er schließlich in Marburg den idealen geistigen Ort gefunden, um seine „Philologie der Weltliteratur“ zu begründen. Die kleine Universitätsstadt war dazu prädestiniert. Hier hatte bis 1927 Martin Heidegger einer phänomenologischen Philosophie zum Durchbruch verholfen. Über dessen Schülerschar pflanzten sich die Gedanken seiner daseinsgemäßen Philosophie in die verschiedensten Richtungen befruchtend weiter. In Marburg lehrten bedeutende deutsche Romanisten (Ernst Robert Curtius, Leo Spitzer), zu denen sich Auerbach gesellte. Umgeben von der Crème der Geisteswissenschaft der 20er Jahre, zu der auf theologischer Seite noch Rudolf Bultmann zählte, fand er hier den idealen Nährboden, in dem sein philologisches Denken Wurzeln schlagen konnte.

Der Reifungs-Prozess wurde 1933 durch den Wahlsieg der Nazis unterbrochen. Für die große Mehrheit der Intellektuellen kam der Aufstieg Hitlers unerwartet; der braune Spuk, so beruhigte man sich damals, würde nicht von Dauer sein. Doch wenige Jahre der Gewöhnung reichten, um das Gros der Deutschen zum nationalsozialistischen Glauben zu bekehren. Dem Juden Erich Auerbach, Träger des Eisernen Kreuzes, gewährte man 1936 gnädig die Ausreise in die Türkei. In Istanbul fand er freundliche Aufnahme, denn die weltlich orientierten Nachfolger der osmanischen Sultane brauchten Unterstützung beim Aufbau eines Bildungswesens nach westlichem Vorbild. 

In Istanbul lebte auch damals schon eine europäisch ausgerichtete Mittelschicht, die in Verwaltung, Militär und Technik ihre Domänen hatte. Ein Bildungsbürgertum deutschen Typs fehlte. Selbst die größte Universität der neuen Republik war in geisteswissenschaftlicher Hinsicht bar aller Sekundärliteratur. Hier entstand nun Auerbachs bekanntestes Werk Mimesis (griech: Nachahmung). Isoliert von der Fachwelt und ohne den Rückgriff auf Sekundärliteratur schrieb Auerbach hier in der Türkei ein Werk, das noch heute als Meilenstein in der Literaturwissenschaft gilt. 

„Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“, so dessen Untertitel, bietet dem Leser ein eigentümliches Panorama. Es reicht von Odysseus über den biblischen Apostel Paulus bis hin zu Virginia Woolf. Diese Auswahl und die ihr zugrunde liegende Problemstellung ist geistesgeschichtlich breit angelegt und zugleich ihr Blick bezogen auf die damalige Weltlage. Ihre Tendenz folgt der Frage, welche Kräfte der westliche Geist aus der romanischen Tradition bezog bzw. der heutigen Lebenswelt förderlich sein könnten. Das Kriegsende brachte dem Philologen 1947 den Ruf in die Neue Welt an das Pennsylvania State College. Offenbar glaubte man damals im Zentrum der kapitalistischen Welt, dass ein derartiges Projekt wie die „Philologie der Weltliteratur“ eine Daseinsberechtigung haben sollte. 

Nun zu Erich Auerbachs Blick auf diese geistige Tradition. Vorweg muss allerdings zum Titel seines ersten Werkes ergänzt werden, dass in der Biologie „Mimesis“ die Tarnung eines tierischen Lebewesens bezeichnet, das sich in Bedrohungslagen optisch in ein Teil seiner Umgebung verwandelt. In dieser Bedeutung verwies Auerbachs Literaturbegriff darauf, dass er im Wesen der Erzählkunst selbst Aspekte der geistigen Haltung des Marranentums entdeckte. Wenn Auerbach von den antiken Wurzeln der Weltliteratur spricht, geht es ihm insbesondere um die Begegnung von römisch-griechischer Geisteshaltung mit der jüdisch-christlichen im späten Römerreich. Letzteres zeigte allenthalben die Zeichen des drohenden Untergangs – Symptome, auf die von den Herrschenden keine Antworten gefunden wurden, die das Ende hätten aufhalten können. Um das Fortleben der Antike, um seine Verwandlung durch das christliche Welterleben im europäischen Mittelalter geht es Auerbach. Er sieht darin ein wirksames Moment in der Bewegung des europäischen Denkens; vielleicht können diese Einsichten den Blick auf unsere heutige Lebenssituation schärfen. 

Was der Antike als Renaissance und Aufklärung folgte, sind für Auerbach die Versuche des modernen Menschen, den Verlust an existenziellem Halt im Dasein auszugleichen. Er greift damit die Säkularisierungsthese Ernst Troeltschs auf. Dieser Theologe und Kulturphilosoph propagierte, dass im Protestantismus ein religiöses Potenzial lebte, das neben der antiken Tradition zur geistigen Grundlage der aufgeklärten Welt wurde. Auerbach geht den Folgen dieses Verlustes religiöser Bindung für eine Lebenswelt nach, die einstmals in Gott ihren geistigen Rückhalt hatte.

Was solche Überlegungen zu theologischen Aspekten des Menschenlebens bedeuten können, versuche ich am Beispiel von Jean Jaques Rousseau zu verdeutlichen. In der Psychopathologie ist Rousseau Gegenstand einer Analyse, die darauf hinausläuft, diesen Genfer Exzentriker unter den französischen Aufklärern zum Paranoiker zu stempeln. Doch immerhin dürfen wir konstatieren, dass dieser Sonderling den ersten Erziehungsroman der Neuzeit verfasst hat. Darin wird einem Knaben, dem Emile, ein ganzes Erzieherleben gewidmet in der Absicht, den Heranwachsenden unbeeinflusst vom Lärm der ihn umgebenden Kultur allein der inneren Stimme gehorchen zu lassen. Im wirklichen Leben hat Rousseau seine eigenen Kinder bekanntlich dem Findelhaus überlassen. 

Erich Auerbach negiert die problematischen Züge in Rousseaus Persönlichkeit in keiner Weise - doch ihn interessiert die historische Figur. Mit diesem Begriff bezeichnet er das Überindividuelle an einem Menschen, das also, was Rousseau über seine individuelle Existenz hinaus auch kulturgeschichtlich einmalig machte. So gesehen, sind in seiner Herkunft die individualpsychologischen Aspekte weniger bedeutsam als der in Genf herrschende Geist des Reformators Calvin. Nach dessen Prädestinationslehre ist von Gott vorherbestimmt, ob wir im Paradies oder in ewiger Verdammung landen. Nur an winzigen Vorzeichen könne der Einzelne sein Schicksal voraussehen. Und zu diesen Vorzeichen gehört der irdische Erfolg eines Menschen. Calvins Gott hat nichts mehr vom lieben Gott an sich. Das machte den Calvinismus als weltanschauliche Gesinnung so geeignet, der kapitalistischen Wirtschaftsweise psychologisch den Weg zu bahnen (Max Weber).

Der calvinistische Christ Rousseau war für Erich Auerbach der erste, an dem sich das Schicksal eines Menschen ausspricht, der in einer Welt ohne Gott nicht mehr heimisch werden kann. Unter seinem Blickwinkel mussten Aufklärer wie Voltaire, Montesquieu oder die Enzyklopädisten überhaupt als seelenlose Menschen erscheinen. Man hatte sich im kritisierten Diesseits materiell-vorteilhaft eingerichtet. Insofern verbirgt sich in Rousseaus „Zurück zur Natur“ ein tiefgründigeres Problem. Es geht ihm um die Fundierung des Menschlichen in der Menschennatur. Dazu problematisiert er den Vernunftglauben des „Zeitalters des Lichts“ von innen heraus. Für die Aufklärer machte das „Licht der Vernunft“ die Menschen erst zu Menschen; sie folgten darin René Descartes (1596–1650). Für ihn war das richtige Mensch-Sein im Wesentlichen eine Frage des Intellekts. In der Vorstellung eines personalen Gottes erblickte man eine falsche Idee, die es durch eine wahre zu ersetzen galt. Die lebenspraktische Seite der Religionen, der von ihr geprägte Alltag, blieb außerhalb ihrer Problemstellung. Ihr Kampf galt den geistigen Konkurrenten religiöser Provenienz.

Wer einen Feind vor Augen hat, läuft Gefahr, sich indirekt von dem bestimmen zu lassen, was man bekämpft; in dieser Perspektive gleicht der Religionskritiker sich dem Habitus des Priesters an. Für Rousseau waren die Männer der Kirche verderbt - doch nicht weniger auch die sie bekämpfenden „Philosophes“. Auch sie hatten sich arrangiert mit der Kultur, der sie den Kampf angesagt hatten. So jedenfalls sah es der Blick des metaphysischen Underdogs aus Genf. Vielleicht zeigt sich gerade in der vom Gefühl getönten Optik Jean Jaques Rousseaus wie unter dem Vergrößerungsglas etwas, das den katholisch sozialisierten Enzyklopädisten in ihrem von Descartes geschärften Blick unsichtbar blieb: die Bedeutung unserer menschlichen Gefühle als Konstituenten des Humanen. Wo der aufgeklärte Blick unser Mensch-Sein erst mit der Teilhabe an der Vernunft beginnen lässt, übersieht dieser Blick, was dieser Befähigung vorangeht. Schon auf der leiblichen Ebene unterscheidet sich unsere Gattung grundlegend: Unsere Sinne bedürfen noch lange der Belehrung, um Funktionen zu erfüllen, die dem Tier per Instinktausstattung in die Wiege gelegt sind.

Rousseaus Erziehungsroman wies einen neuen Weg, der offenbar ein von der Aufklärung vernachlässigtes Gebiet zur Kartierung freilegte. Auf ihm ging Johann Wolfgang von Goethe als einer seiner großen Verehrer weiter (übrigens auch Immanuel Kant). Der Dichter beschäftigte sich beinahe ein Leben lang mit der Erziehungsfrage; er war zudem einer der wenigen Intellektuellen, die sich als Politiker verantwortlich auf die Staatsgeschäfte einließen. Seine Ämter gab er bald wieder auf. Enttäuscht von der Zähigkeit, mit der sich die Verhältnisse seinen Vorstellungen widersetzten, kehrte er bald zu seiner eigentlichen Profession zurück. Goethes pädagogisches Konzept sah weniger die damals propagierte Hofmeister-Erziehung, sondern eine sozial und kulturell anregende und prägende Umwelt vor. Insbesondere in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1794) entwarf er eine „Pädagogische Provinz“, die neben der Natur und Technik auch Kunst, Literatur und gute Gedanken als Teile eines Bildungsgeschehens für ihre Adepten bereithielt.

Erich Auerbach nahm in Mimesis auf Rousseau und Goethe ebenso wie auf viele weitere Repräsentanten der abendländischen Literatur Bezug. Immer wieder geingt es ihm dabei, jene polaren Verhältnisse zu beschreiben, in denen sich Selbstwerdung (oder Selbstentfremdung) von Menschen ereignet: Auf der einen Seite steht das endliche leib-seelische Individuum in einer gegebenen historischen Situation, auf der anderen ist es konfrontiert mit dem überindividuellen Horizont, aus dem ihm die Maßstäbe von Sinn und Wert zukommen. Es waren wohl die entsetzlichen Geschehnisse des Weltkrieges, die Auerbach in Rousseau einen Gefühls-Verwandten entdecken ließen. Als Leser seiner Essays fühlt man sich aufgerufen, an Bau und Pflege unserer Kultur so kooperativ und solidarisch wie immer möglich mitzuwirken. Nur so wird unsere Welt, von der Auerbach beredt im Hinblick auch auf deren Schwächen und Defizite berichtet, für uns und unsere Nachgeborenen womöglich zukünftig zu einer einladenderen und heimatlicheren. Unter diesem Gesichtspunkt werden auch die pädagogischen Schriften Rousseaus (so problematisch seine Persönlichkeit auch immer gewesen sein mag) zu überaus wertvollen Beiträgen für eine Kultur von morgen. Erich Auerbach sei für seine einfühlsame Würdigung des Eigenbrötlers vom Genfer See wie auch für die sonstige Fülle von glänzenden Gedanken in Mimesis bedankt.