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Wissenschaften

Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution

Autor*in:Sven Beckert
Verlag:Rowohlt-Verlag, Hamburg 2025, 1280 Seiten
Rezensent*in:Gerald Mackenthun
Datum:05.01.2026

Selbst unter akademisch gebildeten Intellektuellen ist es schon seit Jahrzehnten üblich, den Kapitalismus und seinen Profit als unethisch und ungerecht abzulehnen. In dieser weitverbreiteten, dominierenden Weltsicht sind Unternehmer verantwortungslos und gierig, weil sie die Umwelt und die Arbeitnehmer ausbeuten. Ein verantwortungsvolles Unternehmertum ist in diesen Kreisen unvorstellbar. Angeprangert werden exorbitante Gehälter und obszön große Vermögen.

Hinter dieser Empörungswelle verschwindet völlig, dass Gewinne und Profite nicht nur zur modernen Marktwirtschaft gehören, sondern seit vielen Jahrhunderten mal mehr, mal weniger das wirtschaftliche Handeln bestimmen. Der Marktplatz ist seit langem der zentrale Ort für den Umschlag von Waren und Informationen. Seitdem es Geld gibt, hat sich dieses alternativlose Grundprinzip über die Erde ausgebreitet. „Kapitalismus ist im Wesentlichen die Investition von Geld in der Erwartung, einen Gewinn zu erzielen“, schreibt der britische Soziologe James Fulcher in seiner komprimierten Darstellung des Kapitalismus (Capitalism, 2015). Mit hohem Einsatz und Risiko können große Gewinne erzielt werden, es drohen aber auch herbe Verluste.
 
Sven Beckerts Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution (2025) ist – anders als Fulchers schmaler Band – eine Globalgeschichte über mehr als tausend Jahre, die Kapitalismus nicht als europäisches Exportprodukt, sondern als von Beginn an weltumspannendes Geflecht aus Handel, Staatlichkeit, Gewalt, Arbeit und Wissen erzählt. Arabische Kaufleute, indische Weber und versklavte Afrikaner auf karibischen Zuckerplantagen sind in seiner Darstellung ebenso zentral wie Amsterdamer Finanziers oder Stahlindustrielle im Saarland. Kapitalismus erscheint bei Beckert nicht als Normalzustand, sondern als historisch gewachsene Ordnung, die sich aus vielen Inseln früher kaufmännischer Praxis heraus verdichtet, stetig ausgeweitet und schließlich als Weltwirtschaft hegemonial wird. Es kann als zentrale Leistung Beckerts hervorgehoben werden, dass er nicht eurozentristisch denkt, sondern eine globale Geschichte des Gewinnstrebens erzählt.
 
Geld, Waren und Fabriken werden eingesetzt, um mit Hilfe von Arbeitern und Angestellten Konsumgüter herzustellen – in Erwartung, mehr herauszubekommen, als hineingesteckt wurde. Die Tendenz zur „unaufhörlichen Anhäufung“ ist inhärent. Kapitalismus diktiert einerseits die Bedingungen, unter denen gelebt wird; die Profite erlauben es wiederum, sich dieses Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten. In freien Marktwirtschaften ist Kapital überwiegend privat kontrolliert. Die Zahl der Kapitalbesitzer wurde in der jüngeren Vergangenheit stark ausgeweitet durch Betriebs- und Gewinnbeteiligungen, Aktien und vermietbare Immobilien. Beckert hebt die enorme Innovationsdynamik des privaten Unternehmertums hervor, doch scheint das gefühllose Prinzip der Konkurrenz bei ihm tendenziell unterbelichtet.
 
Beckert wie Fulcher erklären Kapitalismus nicht monokausal und nehmen die teils erheblichen lokalen Variationen und nationalen Unterschiede ernst. Beckert versucht aber, eine allzu einheitliche Logik herauszuarbeiten, die dann zur universellen Erklärungsschablone gerät. Aus dieser Perspektive droht „Kapitalismus“ zum Sammelbegriff zu werden, der zudem vornehmlich mit verschiedensten Übeln – von Kolonialismus bis Dating-Apps – in Verbindung gebracht wird. Die Finanzierung von Kriegen durch Kapital gehört sicherlich zur Geschichte des Kapitalismus. Doch Differenzen zwischen Epochen, Institutionen und politischen Arrangements verlieren an Trennschärfe. Auch das komplexe Verhältnis von Staat und Kapital (etwa Kartell- und Antitrustpolitik) wird etwas zu schematisch behandelt.
 
Zunächst scheinen bei Beckert die unerwünschten und problematischen Seiten der kapitalistischen Macht ein Übergewicht zu gewinnen. Imperiale Expansion, bewaffneter Handel, Gewalt über Arbeitskräfte und Enteignung kollektiver Ressourcen werden nicht als kritikwürdige Begleiterscheinungen, sondern als konstitutive Mechanismen beschrieben. Doch dann behandelt der Autor auch Wohlstandsgewinne, technische Innovationen und antikapitalistische Theoriebildung und Rebellionen. Der Kapitalismus erscheint ihm als uneinheitliches Geflecht aus Fortschritt und Herrschaft, das sich gerade durch Anpassungsfähigkeit und Formenvielfalt global ausdehnen konnte.
 
Die 1280 Seiten sind anstrengend und erschöpfend. Die Überfülle von Details verschüttet oftmals den Erkenntnisgewinn. Zu den Pluspunkten des Buches gehört die globalhistorische Erzählung. Beckert setzt nicht erst mit Fabrik, Lohnarbeit und Industrialisierung ein, sondern beschreibt Vorformen kaufmännischer und kreditbasierter Praxis, die sich über lange Zeiträume hinweg auf städtischen Marktplätzen verdichtet. Damit verschiebt sich auch der moralische und analytische Fokus: Nicht „der Markt“ als abstrakte Koordinationsform steht im Vordergrund, sondern konkrete Macht- und Eigentumsordnungen, die Märkte erst erschaffen, absichern und in vielen Fällen gewaltsam öffnen. Beckert arbeitet mit einer enormen Spannweite an Beispielen und Archivmaterialien und zeigt „Kapitalismus“ als Alltagspraxis – als Transport, Information, Preisbildung, Arbeitsregime, Rohstoffgewinnung und Gewaltmittel. Kapitalismus ist bei Beckert kein neutraler Synonymbegriff für „Handel“ oder „Wachstum“, sondern eine historisch spezifische Ordnung des Wirtschaftens, der Eigentumsakkumulation und der politischen Absicherung von Eigentum.
 
Es ließe sich darüber diskutieren, wie weit der Kapitalismus-Begriff gefasst werden sollte. Kapitalismus beginnt eigentlich überall dort, wo Handel und Produktion mit Kapitaleinsatz einhergehen – man denke an die Hanse zwischen 1350 und 1430. Beeindruckender Reichtum entstand damals durch Kontrolle der Ostsee-Handelswege. In diesem Licht erscheint Kapitalismus als Kerntätigkeit von Kaufmannschaft. Andere möchten Kapitalismus enger fassen, nämlich als systematische Produktivitätssteigerung, Lohnarbeit, Ausbeutung, private Produktionsmittel und industrielle Organisationsform. Wo Profitakkumulation als Leitlogik gesetzt wird, treten Innovation, Wissen, Wettbewerb, Risiko und kapitalismusinterne Selbstkorrekturen (staatliche Regulierung, Verhinderung von Monopolen, Produktivitätsrevolutionen, Gewerkschaften, Sozialstaatsfinanzierung) zu sehr in den Hintergrund.
 
Seriöse Stimmen bewerten Beckerts Werk dennoch als Ereignis: einen Referenztext der Globalgeschichte des Kapitalismus, der Maßstäbe in Reichweite und Quellenbreite setzt und den Weg kapitalistischer Weltgeltung sichtbar macht. Die stärksten Einwände richten sich weniger gegen die historische Gelehrsamkeit als gegen die theoretische Balance. Sie richten sich gegen definitorische Ungenauigkeit, gegen eine tendenziell moralisch verdichtete Gesamtlogik und gegen die Unterbelichtung von Technologie, Unternehmertum und institutioneller Vielfalt moderner Marktwirtschaften. Wer eine Synthese sucht, die das 21. Jahrhundert aus einer langen kapitalistischen Vorgeschichte heraus erklärbar machen will, wird an diesem Buch kaum vorbeikommen. Wer eine neutralere Begriffsgeschichte erwartet, die die unbestreitbaren Vorteile der kapitalistischen Ökonomie realistisch gewichtet, wird sich an Beckerts Deutung reiben.