49
Rezensionen
ITGG Berlin - Rezensionen
#7C9CA4
#C66A13

Wissenschaften

Hinter dem Regenbogen. Entwicklungspsychiatrische, sexual- und kulturwissenschaftliche Überlegungen zur Genderdebatte und zum Phänomen der Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen

Autor*in:Alexander Korte
Verlag:Kohlhammer, Stuttgart 2024, 411 Seiten
Rezensent*in:Gerald Mackenthun
Datum:12.04.2026

Eine wachsende Zahl von überwiegend weiblichen Minderjährigen fühlt sich „im falschen Körper gefangen“. Mit „Transgender“ ist eine neue Identifikationsschablone im Angebot, die auf eine Gruppe vulnerabler Jugendlicher trifft. Sie haben nicht nur Schwierigkeiten mit der körperlichen Veränderung in der Pubertät. Sie streben ein Leben in einem männlichen Körper an, der ihrer Identität nach eigenem Empfinden weit besser zu entsprechen scheint. Die Monographie Hinter dem Regenbogen von Alexander Korte ist ein aktueller Beitrag in dieser hochpolarisierten Debatte. Korte ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, leitender Oberarzt an der LMU München und als Sachverständiger in politische und ethische Debatten eingebunden. Aus seiner beruflichen Perspektive heraus sieht er die Zunahme von genderdysphorischen Diagnosen kritisch: Es handelt sich um individuelle Präferenzen, die sich nicht von einer gesellschaftlichen Debatte über Identität trennen lassen. Das macht die Diagnose und den Umgang damit so schwierig.

Der Anlass des Buches liegt in der starken Zunahme von Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie sowie in politischen Entwicklungen wie dem Selbstbestimmungsgesetz und neuen medizinischen Leitlinien. Korte versteht sein Werk als Korrektiv zu einer Debatte, die er als emotionalisiert und ideologisch überformt wahrnimmt. Seine zentrale These lautet, dass der gegenwärtige „gender-affirmative“ Ansatz erhebliche Risiken birgt. Insbesondere warnt er vor zu schnellen medizinischen Interventionen wie Pubertätsblockern, Hormonbehandlungen oder gar chirurgischen Eingriffen. Bei Minderjährigen könnten irreversible Schäden entstehen. Diese Eingriffe seien mit dem ärztlichen Ethos schwer vereinbar, wenn sie auf unsicheren diagnostischen Grundlagen beruhen oder psychosoziale Konflikte überdecken.

Korte interpretiert Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen als häufigen Ausdruck komplexer Entwicklungsprobleme, etwa im Kontext von Adoleszenzkonflikten, psychischer Komorbidität oder allgemeinen gesellschaftlichen Debatten. Die Zahl der Betroffenen hat seit etwa 2010 stark zugenommen, was mit der Verbreitung sozialer Medien zu tun hat. In ihnen lassen sich neue Ideen deutlich schneller als früher verbreiten. Jugendliche, die sich im falschen Körper wähnen, finden per Mausklick viele Gleichgesinnte. Diese schließen sich zusammen und wehren sich vehement gegen kritische Einwände. Korte und einige seiner Kollegen werden als Sympathisanten eines totalitären Herrschaftssystems betrachtet, die ihnen Steine zur Geschlechtstransformation in den Weg legen. Lobbygruppen von „Transaktivisten“ im Netz haben ein Meinungsklima geschaffen, innerhalb dessen transidentitäre Lebensentwürfe zu einem Menschenrecht erklärt werden.

Biologisch gibt es zwei Geschlechter (mit Ausnahme der seltenen Konstellation „Hermaphroditismus“). Diese schlichte Tatsache wurde von Judith Butler (Das Unbehagen der Geschlechter, 1991) „dekonstruiert“, also mehr als in Frage gestellt. Ihrer Ansicht nach handelt es sich auch beim biologischen Geschlecht nicht um eine feststellbare Tatsache, sondern um ein Konstrukt, in das von Anfang an gesellschaftliche und speziell patriarchale Deutungen einfließen. Transaktionisten bemängeln, dass das Geschlecht nach der Geburt „zugewiesen“ werde. Doch in der überwiegenden Mehrheit der Geburten ist eine eindeutige Geschlechtsfeststellung völlig unproblematisch. Dass mehr Mädchen zum Jungssein tendieren als umgekehrt, hängt mit der nach wie vor attraktiven Rolle des Männlichen zusammen. Die patriarchale Position wird kritisiert und zugleich als erstrebenswert angesehen. Dabei ist die Gleichstellung der Frau weitgehend abgeschlossen. Es gibt keinen Lebensentwurf mehr, der Frauen grundsätzlich verschlossen wäre.

Die Haltung der Transgender-Aktivisten ist widersprüchlich. Trans sei eine Variante der Norm, nicht eine Krankheit. Wenn dies so ist, verbietet sich ein medizinischer Eingriff. Eine gewünschte Lifestyle-Operation darf allenfalls – wenn überhaupt – privat bezahlt werden. Andererseits besteht oftmals eine ausgeprägte Morbidität, z.B. aus dem Autismus-Spektrum und aus dem Bereich der Persönlichkeits- und affektiven Störungen. Geschlechtsinkongruenz kann ein Weg sein, die in der Pubertät auftretenden Identitätsprobleme zu „lösen“. Für Korte ist die Pubertätsblockade bei Kindern schlicht unethisch.

Der Autor plädiert für eine differenzierte, entwicklungspsychiatrische Betrachtung statt einer vorschnellen Festlegung auf eine transidente Identität. Für ihn ist es nicht mit ärztlichem Ethos zu vereinbaren, wenn biologisch gesunde Mädchen (in geringerer Zahl auch Jungen) durch die chirurgische Behandlung körperlich beschädigt und von lebenslangen Hormonbehandlungen abhängig gemacht werden. Aus diesen Annahmen leitet er Vorschläge ab. Erstens fordert er eine „ergebnisoffene“ psychotherapeutische Begleitung, die nicht auf eine bestimmte Identitätsentscheidung hinlenkt. Zweitens plädiert er für eine streng evidenzbasierte Medizin, die sich an langfristigen Outcomes orientiert und irreversible Maßnahmen möglichst hinauszögert. Drittens kritisiert er politischen und gesellschaftlichen Druck auf medizinische Entscheidungen und fordert eine Entkopplung von Aktivismus und klinischer Praxis.

Die Rezeption des Buches ist kontrovers. Einige Rezensionen würdigen es als umfassenden und notwendigen Beitrag, der die Komplexität des Phänomens sichtbar macht. Korte wird jedoch von aktivistischen Teilen der Öffentlichkeit vorgeworfen, Minderheiten zu stigmatisieren oder von aktuellen medizinischen Standards abzuweichen. Diese Spannbreite verweist auf den grundlegenden Dissens innerhalb der internationalen Fachdebatte, etwa zwischen affirmativen Leitlinien (z. B. World Professional Association for Transgender Health, WPATH) und stärker zurückhaltenden Positionen, wie sie etwa in Teilen der britischen und skandinavischen Diskussion vertreten werden.

Hinter dem Regenbogen ist sowohl Lehrbuch als auch streitbares Plädoyer. Seine Stärke liegt in der systematischen Zusammenführung klinischer, entwicklungspsychologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektiven. Es ist zugleich eine Streitschrift gegen die Unterwerfung unter einen ideologisierten Zeitgeist. Die poststrukturalistische Sprachwissenschaft hat keine Relevanz bei der Beurteilung psychischer Befunde oder biologischer Tatbestände. Ärzte und Psychologen sollten sich nicht vom gendertheoretischen Diskurs blenden lassen. Ein anderes Geschlecht anzunehmen, ist und bleibt Mimikry, denn die zelluläre Geschlechtlichkeit kann nicht geändert werden.

Das Buch verbindet klinische Erfahrung, sexualwissenschaftliche Forschung und kulturtheoretische Reflexion. Es richtet sich ausdrücklich gegen eine aus Sicht des Autors dominierende „affirmative“ Praxis im Umgang mit Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen. Die körperliche Gestaltwandlung im Namen einer freien Wahl des sozialen Geschlechts sollte bei Adoleszenten sorgfältig diagnostisch und psychotherapeutisch begleitet werden. Das Werk bietet Orientierung für alle Betroffenen und deren Eltern, die sich in einem emotionalen Dilemma befinden.