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Rezensionen
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Wissenschaften

Hase und ich

Autor*in:Chloe Dalton
Verlag:Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 319 Seiten
Rezensent*in:John Burns
Datum:19.05.2026

Mein eigenes Verhältnis zum Tierreich ist etwas zwiespältig. Als ich zehn Jahre alt war, schenkte mir ein Freund zwei Kaninchen aus dem Wurf seines eigenen Haustiers, die ich aber bald als Last empfand. Ich musste samstags in die Stadt fahren, um Stroh für die Tiere zu holen und danach den Käfig ausmisten, der in unserem Garten hinter dem Haus stand. Ich wäre viel lieber in die öffentliche Bücherei gegangen, um neue spannende Bücher auszuleihen. Im Winter musste ich abends die warme Wohnung verlassen, um die Kaninchen draußen zu versorgen. Häufig übernahm meine Mutter die Pflege der armen Haustiere, denen kein langes Leben beschert war. Heute im Rückblick denke ich, dass sie ohne Freiheit und liebevolle Zuwendung an der Härte ihres Daseins verstarben. 

Während Kaninchen häufig als Haustiere gehalten werden, sind  Feldhasen selten domestiziert worden. Wir sollten sie in ihrem Naturzustand belassen und bestaunen, wie die britische Schriftstellerin Chloe Dalton in ihrem neuen Sachbuch Hase und Ich zu praktizieren versucht. Gründlich recherchiert und im glänzenden Stil geschrieben -  die Übersetzerin Claudia Amor hat den poetischen Stil von Raising Hare einfühlsam nachempfunden -, erzählt die Autorin eine spannende Geschichte, welche ihr zu Beginn der Covid-Pandemie buchstäblich in die Hand fiel. Damals zog sie sich nach einigen berufsintensiven Jahren als politische Referentin in ihre umgebaute Scheune auf dem Land zurück. Eines Tages entdeckte sie am Wegrand ein Hasenjungtier, das sie mühelos in ihrer Hand halten konnte. „Was soll sie mit dem Stück gefährdeten Lebens nun anfangen?“ fragte sie sich. „Soll sie es den Raubvögeln überlassen, die über dem Ackerland gierig kreisen?“ Sie nimmt das Jungtier zu sich nach Hause, füttert es mit einem Milchpräparat und erforscht seine Lebensgewohnheiten.  Ähnlich wie Daniel N. Stern im Tagebuch eines Babys (1995), beginnt sie eine Chronik über die Entwicklung ihres Schützlings zu schreiben, der uns, die Leser und Leserinnen, in Erstaunen versetzt. 

Was kann der Hase nicht alles? Springen, sich aufbäumen, rasend schnell davonlaufen, sich verstecken, edle Gräser und Haferflocken verspeisen, Schwangerschaften in enger Folge erdulden, sich recken und strecken, wie ein trainierter Sportler im Fitnessstudio. Leider sind die Hasen auf den britischen Inseln eine zunehmend gefährdete Art. Nicht nur in der Nahrungskette führen sie ein unglückliches Dasein als Vegetarier unter den fleischfressenden Raubtieren, sondern sind, seit es Hasen auf der Erde gibt, den Vorurteilen der Menschen ausgesetzt, dass sie „verrückt“ sind, wie der March-Hare in Lewis Carrolls Alice in Wonderland (1865), dass sie wegen ihrer Schnelligkeit und Wendigkeit für die Jagd bestens geeignet sind oder dass sie gutes Fleisch hergeben. 

Mit Empörung beobachtet die Autorin das technische Bewirtschaften der großen Weizenfelder im Süden Großbritanniens; auch die Kartoffelernte hinterlässt die Felder in einem tier- und insektenschädlichen Zustand. Es könnte auch anders gehen, meint die Autorin, die auch positive Entwicklungen in der Landwirtschaft beobachtet. Dennoch ist die nachhaltige Produktion unserer Nahrungsmittel ein Desiderat der Zukunft. „Die Ernährung der Bevölkerung und der Schutz der Umwelt sind beide zwingende Notwendigkeiten, die einander rivalisierend gegenüberstehen und bis heute nicht in Einklang gebracht werden konnten“ (Dalton 2026, 163). 

Chloe Dalton ist im Geiste des Darwinismus aufgewachsen und weigert sich, ihrem Hasen einen Namen zu geben. Wie eine fürsorgliche Mutter achtet sie auf die Bedürfnisse ihres Adoptivkindes, dessen Jungen sie einen gebührenden Platz in ihrem Wohn- und Arbeitszimmer einräumt. Ähnlich wie eine junge Mutter muss sich auch die Autorin nach einer Weile ihre Freiheit zurückerobern und fährt wieder dienstlich nach Asien, obwohl sie während der Arbeit noch an „Hase“ denkt. Je länger die Beziehung zwischen Chloe Danton und der Hasenfamilie anhält, umso schwerer fällt es ihr, die Grenze zwischen einer sachlichen Naturbetrachtung der Tiere und ihrer Sympathie für die drolligen Kleinen einzuhalten. Im Dilemma der Autorin spiegelt sich auch das komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Natur wider. 

Chloe Dalton ist sich der Ambivalenz ihrer Haltung der Natur gegenüber durchaus bewusst. Sie lässt ihre Leser und Leserinnen am Problem teilhaben, dass sie gegen Ende des Buchs ihre Schützlinge in die Freiheit entlassen muss. Sie hat durch ihren Umgang mit „Hase“ ihr Staunen über das Leben an sich wiedergewonnen, das sie im anstrengenden Berufsleben beinahe verloren hatte. So gibt sie der Welt jenseits des Gartentors, wo die Hasen dem natürlichen Kampf ums Überleben ausgesetzt sind, den Vorzug über den Schutz ihrer umgebauten Scheune. In der Wohnung schmiegen sich die Hasenjungen an ihre Versorgerin an und versuchen sogar durch Blicke und Verhalten ihre Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren. Draußen vor dem Gartentor wartet auf die Hasenjungen die wirkliche Welt, in der sie sich bewähren müssen.    

Wie dem auch sei, ist die zärtliche Schilderung eines verletzlichen Naturwesens eine Glanzleistung,  die ich in der Literatur dieser Art nicht vermissen möchte. Während Henry David Thoreau in Walden (1854) sein Überleben in der Natur heldenhaft inszenierte und Rachel Carson uns in Silent Spring (1962) wegen der Umweltzerstörung durch Pestizide in Angst und Schrecken versetzte, strahlt Hase und Ich eine wohltuende Ruhe aus. Die Natur stellt zusammen mit der Kultur unseren Lebensraum dar. Wir könnten mehr im Augenblick leben wie die Tiere, die Chloe Dalton beobachtet, und unsere berufliche Anspannung und Rastlosigkeit gelegentlich in Frage stellen.