49
Rezensionen
ITGG Berlin - Rezensionen
#7C9CA4
#C66A13

Wissenschaften

Eine Arbeiterin - Leben, Alter und Sterben

Autor*in:Didier Eribon
Verlag:Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2024, 272 Seiten
Rezensent*in:Marlies Frommknecht-Hitzler
Datum:11.02.2026

„Am Ende bin ich also nur zwei Mal in Fismes gewesen. Und dies zu einer Zeit, als ich noch dachte, dass dieser dreißig Kilometer nordwestlich von Reims gelegene Ort mit seinen paar tausend Einwohnern über Monate oder sogar Jahre hinweg einer der Bezugspunkte meines Lebens sein würde.“(7)So beginnt das Buch Eine Arbeiterin von Didier Eribon über Leben, Alter und Sterben seiner Mutter. Eribon, der französische Soziologe und Philosoph, wurde vor allem bekannt durch sein Buch Rückkehr nach Reims, das 2016 auf Deutsch erschienen ist.

Im aktuellen Buch beschreibt er am Beispiel seiner Mutter, was alte Menschen aus einfachen Verhältnissen nach ihrem beruflichen Leben im Alter erwartet. Er beginnt damit, dass er berichtet, wie schwer sich seine Mutter tat, ihre Wohnung aufzugeben und in ein Heim zu ziehen. Sie wollte so lange wie möglich in der vertrauten Umgebung bleiben. Es war ein mehrjähriger Prozess, während dessen sie zunächst eine betreute Wohnung ablehnte und dann so krank und hinfällig war, dass sie ins Pflegeheim umziehen musste. Sie sah die Notwendigkeit dafür nur schwer ein und sagte resigniert schließlich: „Du hast recht, ich muss vernünftig sein." (19) Eribon war am Tag des Einzugs bei ihr und auch am nächsten Tag. Dann aber stand für ihn ein längst gebuchter Aufenthalt in Italien an, da er davon ausging, dass es (nach Aussagen des Heimleiters) noch Monate dauerte, bis ein Platz frei würde.

Im folgenden beschreibt er sehr konkret, wie es seiner Mutter im Heim ging, aber auch, wie ihr bisheriges Leben aussah. Als Eribon die Mutter besuchte, kam eine schon länger hier lebende Bekannte zu Besuch. Die beiden alten Frauen redeten viel und erinnerten sich vor allem an die Gruppenreisen, die sie gemeinsam mit ihren Männern machten. Daran wurde deutlich, wie wichtig diese Unternehmungen für die Eltern waren. Aber beide Frauen schimpften auch über ihre Ehemänner. Die Mutter hatte Angst vor ihrem Mann, der durchaus aggressiv war, und Angst vor einer Zukunft ohne ihn. Eribons Fazit: Sie war ein Leben lang unglücklich. (42)

Bevor er ging, versuchte er, sie zu ermuntern für das neue Leben - doch er bezeichnet dies im Nachhinein als das rituelle Drama der gegenseitigen Täuschung (42): „Mach dir keine Sorgen. Du bist hier in guten Händen. Du wirst sehen, alles wird gut." (43) Denn – so stellt er fest: Der Umzug in ein Pflegeheim ist fast immer ein radikaler Einschnitt im Leben eines Menschen. Dieser weiß, dass dies sein letzter Wohnort ist; er wird ihn tot verlassen.

Eribon betrachtete mit seiner Mutter die Angebote und Veranstaltungen im Heim. Sie beschloss, bei Busfahrten mitzumachen, und konnte dies wohl am Anfang auch noch. Doch Eribon erschreckten sie zutiefst. Das Heim erschien ihm wie ein Kindergarten für Alte. Die Angebote wirkten auf ihn wie Scheinaktivitäten, die zerstreuen sollten, damit sich die Alten beim Warten auf den Tod nicht allzu sehr langweilten (57). Er konstatiert, dass ein Altenheim eine erzwungene Gemeinschaft ist. Die vertraute Welt ist verloren, auch wenn ihr Radius längst kleiner geworden war.

Die Mutter wies seine Ermunterungen zur Kontaktaufnahme zurück und verweigerte sich. Als sie beim Abendessen von einer Frau angestarrt wurde, herrschte sie diese an. Sie wollte nicht mit diesen alten Leuten reden. Eribon fragt sich, ob die Mutter sich selbst und ihre Zukunft in der sie anstarrenden Frau sah. Er verknüpft diese Frage mit Sartres Auseinandersetzung mit dem Blick in Das Sein und das Nichts: „So wie wir die Macht haben, unsere Mitmenschen anzusehen, was auch heißt, über sie zu urteilen, ihre Identität zu definieren, so sehen sie auch uns an und bestimmen für sich unser Sein." (vgl. 69)

Aber Eribon vermutet auch, dass die Mutter bei sich selbst den unaufhaltsamen Verfall ihres Körpers spürte. Dagegen wehrte sie sich mit Ablehnung der Schwächeren um sich herum. Vielleicht ist mit dem Umzug in diese neue Welt auch ein Nicht-Wahrnehmen der Anderen verbunden, weil die betreffende Person eher nach innen in ihre Vergangenheit schaut. Und der Betrachter fragt sich unwillkürlich, wer diese oder eine andere Person einmal war. Die Unterschiede in den Lebensläufen und den davon geprägten Menschen werden durch die Situation im Altersheim nivelliert: Die gleichen Zimmer, die gleichen Betten, die gleichen Regeln, der gleiche Zeitplan, dasselbe Essen. Wer der einzelne Mensch war, ist unerheblich.

Der Umzug in ein Altenheim geht oft einher mit dem partiellen oder vollständigen Verlust von Autonomie. Das erleben Menschen, die noch mobil sind, vielleicht anders, sie können in den Garten gehen oder mit Besuch ins nahegelegene Café. Die anderen sind in ihren Zimmern isoliert, ja man könnte sagen verlassen. Insofern stimmt Eribon dem Satz von Norbert Elias zu, dass viele Altersheime … Einöden der Einsamkeit sind (61). Ervin Goffman prägte den Begriff der Territorien des Selbst, also den Räumen, die eine Person früher selbstverständlich einnahm. Eribon fragt sich zu Recht, was von einem Ich bleibt, dessen Territorium auf ein Minimum beschränkt ist. Dieser Weltverlust gehe einher mit dem Gefühl vom Stillstand der Zeit. Während draußen die Menschen in Bewegung sind, ihren Geschäften nachgehen, Kontakte pflegen und ihren Blick auf eine Zukunft richten können, bleiben der Raum und die Zeit für viele Alten leer. Dies kann einen Verlust an zeitlicher und räumlicher Orientierung zur Folge haben. Den Menschen fehlt das gewohnte Beziehungsnetz aus Begegnungen, Gesprächen und Sinneseindrücken.

Bei Eribons Mutter war eine abnehmende Mobilität zu beobachten. Bald konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. Sie wurde so krank, dass die Heimärztin sie ins Krankenhaus nach Reims bringen ließ, aus dem sie schon am gleichen Tag wieder entlassen wurde. Neben dem Verlust an Mobilität stellten sich bei der Mutter auch psychische Probleme ein. Sie wurde verwirrt und hatte Halluzinationen. Diese waren schon aufgetreten, als sie noch in ihrer Wohnung lebte, aber im Heim verstärkten sie sich immens. Sie lebte in einer „Parallelwelt“ mit Tieren und Menschen in ihrem Zimmer und war verzweifelt, wenn andere sie nicht sahen. Auch die Vergangenheit war für sie nicht vergangen; sie wollte sie nicht loslassen (91). Dazu zählte eine Verliebtheit, die sie zuhause noch erlebt hatte. Sie lebte zwischen Wachträumen und Träumen im Schlaf … Ihre Gegenwart befand sich …. außerhalb der realen Zeit. (91)

In vielen Telefonaten beschwerte sich die Mutter über die Behandlung oder Nicht-Behandlung. Oft wusste der Sohn nicht, ob es stimmt, was sie sagte. Er fragte nach bei der Ärztin und den PflegerInnen und informierte sich allgemein über Pflegeheime. Schließlich konnte er sich vorstellen, dass die Mutter sich zu Recht beklagte. Es gab nicht genug Pflegekräfte, um die Alten jeden Tag aus dem Bett zu holen oder sie öfter in der Woche zum Duschen zu bringen. Es gab dafür und für andere Zuwendungen schlicht keine Zeit. Die Pflegeheime sind chronisch unterfinanziert, was zu diesen Missständen führt. Dies veranlasst Eribon, auf die institutionelle Gewalt hinzuweisen, der Pflegekräfte wie Heimbewohner unterliegen. Die Situation im Heim lässt die Mutter die Hoffnung verlieren. Ebenso wie viele andere alte Menschen verkraftet sie den Schock der Entwurzelung nicht, der dazu führt, sich aufzugeben. Sie wird immer kränker, und nach sieben Wochen stirbt sie.

Eribon fragt sich, was für eine Frau seine Mutter war. Sie war ein ungewolltes Kind, das im Waisenhaus aufwuchs. Mit 14 Jahren begann sie als Dienstmädchen zu arbeiten, später als Putzfrau und schließlich in einer Fabrik. Mit 20 Jahren heiratete sie ihren Mann, der ein Arbeiter auf der untersten Stufe war, und bekam in den nächsten Jahren vier Kinder. Ihr Mann starb einige Jahre nach seiner Entlassung aus der Fabrik an Alzheimer-Demenz. Nun lebte sie allein und war zum ersten Mal frei. In diesen Jahren verliebte sie sich, und Eribon unterstützte die unwürdige Greisin (Brecht), indem er ihre Gefühle akzeptierte (im Gegensatz zu seinen Brüdern). Er hatte nach dem Tod des Vaters die viele Jahre unterbrochene Beziehung zur Mutter wieder aufgenommen. Dabei musste er bei ihr einen obsessiven Rassismus wahrnehmen, den zu ertragen ihm sehr schwerfiel. Seiner Ansicht nach war dieser allerdings der Arbeiterschaft inhärent.

Die Geschichte seiner Mutter ist verwoben mit Texten von Schriftstellern, Soziologen und Philosophen. Eribon meinte dazu bereits in seinem früheren Buch Gesellschaft als Urteil (2017): „Meine Befunde erlangen ihren Sinn, wenn sie mit literarischen und theoretischen Texten in Resonanz treten, die sich mit ähnlichen Problemen befasst haben." (9) Über die schon genannten Autoren hinaus sind dies im vorliegenden Buch u.a. Schriftsteller wie Anni Erneaux oder Alexander Solschenizyn; sie illustrieren das, was er selbst erlebt hat, mit anderen Worten. Des Weiteren analysieren Soziologen und Philosophen wie Pierre Bourdieu, Michel Foucault und Simone de Beauvoir die Situation der alten Menschen. Die persönliche Geschichte von Eribons Mutter erhält damit eine umfassendere anthropologische und kulturanalytische Dimension.

Eribons Buch verdient es gelesen zu werden. Indem er sich mit seiner alten Mutter und ihren letzten Wochen beschäftigt, wendet er sich der gesellschaftlichen Situation der alten Menschen insgesamt zu. Er fasst in Sprache, was so leicht vergessen und übersehen wird. Auch wenn die Situation in den Alten- und Pflegeheimen weithin bekannt ist, löst das Buch Betroffenheit aus und induziert die Frage, wie es um die Würde der alten Menschen in den Heimen steht. Was die persönliche Geschichte Eribons betrifft, frage ich mich, ob der Text auch aus einem Schuldgefühl heraus entstanden ist, da er die Mutter nur zweimal im Heim sah, sie nur marginal unterstützen konnte und schon lange Jahre vorher sie und seine Familie überhaupt negierte. Sein Bemühen erinnert mich an das Buch von Peter Härtling Nachgetragene Liebe, in dem er seinem Vater ein Denkmal setzte. Vielleicht konnte sich Eribon mit seinem Text wieder mit seiner Familie und seiner Herkunft verbinden.