


Die Errettung der modernen Seele
| Autor*in: | Eva Illouz |
|---|---|
| Verlag: | Suhrkamp, Berlin 2009, 412 Seiten |
| Rezensent*in: | Matthias Voigt |
| Datum: | 05.01.2026 |

Der Titel war es, der mich zu dem Buch von Eva Illouz greifen ließ. Was mochte eine Soziologin zu einer solchen Wortwahl bewegt haben? Wer noch in christlichem Elternhaus aufwuchs, der hört heraus, dass in Sachen der modernen Seele vermutlich von einem göttlichen Eingreifen die Rede ist; nur Schicksalsmächten billigte man zu, uns Menschen erretten zu können.
Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe, so lautet der Untertitel der 400-seitigen Erörterung. Darin geht die Autorin der Frage nach, warum gerade in den USA, einem Land, dem Freud jede Kulturfähigkeit absprach, die Psychoanalyse auf so fruchtbaren Boden fallen konnte. Um vorweg die Stoßrichtung zu umreißen: Illouz beschäftigt sich vorrangig mit der gesellschaftlichen Situation, in der Psychologie und Psychoanalyse für sich die Rolle einer kulturbestimmenden Kraft eroberte und dem psychotherapeutischen Berufsstand zu höchstem Ansehen verhalt. Was in Freuds Psychoanalyse als moralisches Gut betrachtet wurde, die Förderung menschlichen Wohlbefindens, verwandelte sich in der Neuen Welt in eine regelrecht Ware.
Wir können lesen, warum es kein Zufall war, dass sich dieser Entwicklungsprozess gerade in den USA abspielte. In einem Land, dessen Bewohnern der Migrations-Hintergrund mehrheitlich in die Wiege gelegt war, herrschten ideale Bedingungen für eine beschleunigte Transformation sowohl des Einzelnen als auch der Formen des Miteinander. Wo jeder auf sich gestellt war, war er angewiesen auf die Kooperation mit den anderen. Als schließlich die Industrialisierung einsetzte, erzwang das von England übernommene, bereits voll entwickelte Fabrikwesen in rigoroser Härte die Unterwerfung unter seine Gesetze. Zwischen 1880 und 1920 vollzog das Land im Schnelldurchlauf den Weg in den Monopolkapitalismus und überholte jene Nationen, die ihn in Europa hervorgebracht hatten.
Im Börsenkrach an der Wall Street kollabierte 1929 das Wirtschaftssystem und stürzte auch die europäische Welt in eine Depression mit verheerenden sozialen und politischen Folgen. Den rasanten ökonomischen Aufstieg der USA hatte auf Seiten der Arbeiter die religiös-puritanische Moral, Bedrängnisse als gottgewollt hinzunehmen, ermöglicht. Zudem gehörte Selbsthilfe zum Selbstverständnis jener Nachfahren der Siedlergeneration. Auf beides konnte ein Management bauen, dem die autoritäre Härte mit dem sozialdarwinistischen Dogma vom „Überleben des am besten Angepassten“ gerechtfertigt schien. Was die Krise an sozialen Verwerfungen zeitigte, sprach der amerikanischen Verheißung des Glücks für alle Tüchtigen Hohn. Dieser fest im Gemüt verwurzelte Glaube war durch eine Erschütterung der ganzen Kultur auf die Probe gestellt.
Damit war laut Illouz die Ära der Soziologie eingeläutet. Diese neue Wissenschaft machte sich daran, nach den Bedingungen zu forschen, unter denen der ständig wachsende Zwiespalt zwischen den Anforderungen der Produktion und den Bedürfnissen des sozialen Zusammenlebens gemildert werden könne. Sigmund Freuds Besuch in den USA erfolgte zeitlich vor diesen Krisenjahren. Eingeladen von der Clark University zu deren 20-jährigem Jubiläum, hielt er 1909 Fünf Vorlesungen. In der akademischen Community fand der 53-Jährige damalls für seine Psychoanalyse erstmals breite Anerkennung. Wie sehr er von dieser Erfahrung emotional berührt war, davon zeugt Jahre später noch sein autobiographisches Bekenntnis:
In Europa fühlte ich mich wie geächtet, hier (in den USA) sah ich mich von den Besten wie ein Gleichwertiger aufgenommen. Es war wie die Verwirklichung eines unglaubwürdigen Tagtraumes, als ich in Worcester den Katheder bestieg, um meine Fünf Vorlesungen über Psychoanalyse abzuhalten. Die Psychoanalyse war also kein Wahngebilde mehr, sie war zu einem wertvollen Stück der Realität geworden.
Eva Illouz nun beschreibt in ihrem Buch die verwickelten Prozesse beschreiben, unter denen die reine Lehre der Freudschen Psychoanalyse amerikanisiert wurde. Ihre kultursoziologische Perspektive fragt nach den ungelösten Konflikten in der gesellschaftlichen Wirklichkeit der USA, die auf das Problem-Deutungs- und -lösungskonzept der Psychoanalyse gewartet hatten. Verstehend will sie nachvollziehen, wie der psychotherapeutische Habitus zur neuen Normalität der westlichen Welt hatte werden können. Denn in vielen Staaten trug der Geiste der Psychoanalyse dazu bei, den Umgang der Menschen miteinander und zugleich mit sich selbst zu modifizieren.
Was aber machte gerade Freuds Menschenbild so geeignet, den Habitus und die Lebensweise vorrangig in Nordamerika in kurzer Zeit umzuformen? Freud selbst sah diese Wirkungen, soweit er sie in seinen letzten Lebensjahrzehnten verfolgen konnte, ohne sie umfassend kulturanalytisch einzuordnen. Eva Illouz nun hat Marx, Weber, Sartre, Durkheim, Bourdieu, Foucault und weitere Größen des Soziologenfaches verinnerlicht und lässt sie alle in ihrer Sache mitsprechen. Gegenstand ihrer Untersuchung ist die Metamorphose einer von rigidem Moralismus und dem Imperativ der Selbstdurchsetzung geprägten Lebensweise in eine am individuellen Gefühl orientierte Kultur.
Ihr Untersuchungsmaterial ist breit angelegt. Es reicht von den Bekundungen professioneller Psychologen oder Psychiater über alle in der modernen Informationsgesellschaft gängigen Quellen, beginnend bei Frauenzeitschriften, Selbsthilferatgebern, Romanen, Filmen, Autobiographien, nicht zuletzt Talkshows und dem noch immer wachsenden Angebot der Vermarkter emotionaler Intelligenz. Ergänzt wird das bunte Bild durch Forschungsberichte und die Wiedergabe zahlreicher Tiefeninterviews, die Illouz teilweise selbst geführt hat.
Vor dem Leser steigt das Panorama der modernen Lebenswelt auf, in der die Unterscheidung von privat und öffentlich immer hinfälliger wurde und wird. Was zuvor im Schutz zwischenmenschlichen Intimität seinen Ort hatte, wich einer neuen Moral, die uns heute ermächtigt, als Zuschauer beispielsweise am Sexualleben von Prominenten teilzuhaben. Diese sanfte Revolution hat offenbar radikale Wirkungen gezeitigt. Worin nun lag das Geheimnis jener Therapie einer ganzen Kultur?
Illouz vergleicht die Wirkungsweise der angewandten Therapiemethode mit der einer Landkarte. So wie Karten kein Bild der Wirklichkeit geben, sondern deren symbolische Repräsentation, übte man ihre Benutzer nur im Erlernen ihres Codes; die Erkundung der Begehbarkeit der wirklichen Wege blieb seine eigene Sache. Der Gebrauch der neuen Syntax verwandelte den Blick auf die Dinge und ihre Beziehungen untereinander: Was lange Zeit eine Sache der Moral war, galt nunmehr als Symptom einer Erkrankung, die es durch die Förderung emotionaler Intelligenz zu behandeln galt.
Der Begriff der emotionalen Intelligenz ermöglichte es, zwei grundsätzliche Antipoden - Gefühl und Rationalität - miteinander in Kontakt zu bringen und zu verschmelzen. Illouz sieht darin die Wirkungsweise einer psychotherapeutischen Sprachideologie. Ihr Glaube lautet: Durch Introspektion erlangen wir Selbsterkenntnis, und die hiermit gewonnene Einsicht wiederum bessert das soziale Miteinander. Als Methode verwandelt sich dieser Glaube in ein Spezialwerkzeug, das alle menschlichen Probleme zu erkenntnismäßig beeinflussbaren macht. Wer den Kompass der emotionalen Intelligenz mittels psychotherapeutischer Hilfe zu gebrauchen gelernt hat, erlangt alles Glück auf Erden.
Illouz geht noch einen Schritt weiter, wenn sie am Schluss ihres Buches auf das Theodizee-Problem (sinngemäß: Rechtfertigung Gottes) verweist. Über Jahrhunderte hinweg plagte den gläubigen Menschen die Frage, wie ein guter Gott das offensichtlich Böse in der von ihm hervorgebrachten Welt zulassen könne. Theologen und metaphysische Denker wandten höchste Geistesmühen auf, um unser Gefühl mit dieser Zumutung zu versöhnen, dass sich unsere Existenz offenbar nicht in Harmonie auflösen lässt. In der therapeutischen Kultur überbringen nun nicht mehr die Priester als Treuhänder Gottes die Heilmittel. Psychologen sind unbemerkt in deren Mantel geschlüpft.