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Rezensionen
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Wissenschaften

Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?

Autor*in:Francis Fukuyama
Verlag:Hoffmann und Campe, 2026, 270 Seiten
Rezensent*in:Gerald Mackenthun
Datum:23.10.2026

Seit seinem 1989 erschienenen Essay Das Ende der Geschichte? – noch vor dem Mauerfall verfasst – gilt Francis Fukuyama vielen als Prophet eines westlichen Triumphs, den die Wirklichkeit längst widerlegt habe. Seither hat er in zahllosen Interviews versucht, diese damals noch mit einem Fragezeichen versehene These zu erläutern. Und so auch erneut in seinem neuesten Buch. Er habe nie das Ende der Geschichte behauptet, sondern postuliert, dass sich die liberale Demokratie nach Jahrtausenden politischer Wirrnisse als grundsätzlich nicht überbietbares Ordnungs- und Regierungsmodell durchgesetzt habe. Sie könne Freiheit und gleiche Rechte am überzeugendsten begründen und durchsetzen. Die Zeit zwischen dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 war laut Fukuyama der Gipfel des westlichen Liberalismus.

Diesen Gedanken führte er ausführlich in seinem 1992 erschienenen Hauptwerk Das Ende der Geschichte aus. Der Buchtitel verzichtete auf das Fragezeichen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der raschen Demokratisierung ehemaliger UdSSR-Kolonien schien seine These bestens belegt zu sein. Doch mit Wladimir Putin und dem Aufkommen weiterer Autokraten und Diktatoren überall auf der Welt wurde es leicht, Fukuyama zu belächeln und abzutun. Der Triumph der Demokratie zwischen 1989 und dem Beginn des dritten Jahrtausends war demnach nur eine glückliche Ruhepause.

Schon der Titel seines Hauptwerks von 1992 enthielt neben dem „Ende der Geschichte“ den „letzten Menschen“. In dieser von Nietzsche übernommenen Figur steckt das Unbehagen, das Fukuyama damals wie heute beschäftigt. Was geschieht, wenn Menschen die Freiheiten und Sicherheiten ihrer Gesellschaft genießen, sich von deren Alltag aber zugleich gelangweilt, missachtet oder unterfordert fühlen? Nietzsche verachtete den „letzten Menschen“, dem Kampf, Risiko und Ehrgeiz fremd sind und der stattdessen in Luxus und Verweichlichung untergeht. Der „letzte Mensch“ ist somit eine dunkle Gegenfigur zum liberalen Zukunftsoptimismus.

Eine liberale Ordnung mit Wohlstand und vielen Freiheitsrechten bedeutet jedoch nicht, dass ihre Bewohner damit dauerhaft zufrieden sind. Mit einem frivolen Aufbegehren gegen die liberale Ordnung gefährden sie die Grundlagen ihres vergleichsweise guten Lebens. Das Buch Der letzte Mensch geht jedoch kaum auf Nietzsches problematische Verachtung des „Massenmenschen“ ein. Auch der Untertitel Wohin steuert die Welt? ist irreführend. Diese Frage wird nicht beantwortet.

Der letzte Mensch ist vielmehr Fukuyamas intellektuelle Lebensbilanz. Sein Weg durch das neokonservative Milieu in Politik und Hochschulen sowie seine spätere Abkehr davon zeigen, wie politische Überzeugungen entstehen und sich unter dem Eindruck politischer Ereignisse verändern. Für Fukuyama kam der Bruch mit dem zweiten Irakkrieg. Der Liberalismus musste sich mit Beginn eines neuen Kalten Krieges von der Gewissheit eines historischen Sieges verabschieden. Das Werk ist ein persönlicher Rückblick und zugleich die Geschichte einer Ernüchterung.

Fukuyamas Autobiografie benennt seine intellektuellen und wissenschaftlichen Lebensstationen ebenso wie seine Hobbys: den Bau von Möbeln aus altem Walnussholz, das Zusammenbauen eigener Windows-Computer und die analoge Fotografie. Mehr noch aber geht es um seinen intellektuellen Werdegang. Er hält Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus für nihilistische Projekte, die auf der Annahme beruhen, dass ein auf empirischer Grundlage gestützter rationaler Diskurs und damit letztlich auch die Philosophie selbst nicht möglich sind. Wahrheitsbehauptungen dienten angeblich lediglich dem Machterhalt dominanter gesellschaftlicher Akteure auf Kosten marginalisierter Gruppen.

Er bedauert, dass wissenschaftlicher Aktivismus die westliche Welt verunglimpft. Die von der Empirie abgekoppelte Sozialwissenschaft konnte sich ungehindert Fantasien über eine vollkommen gerechte Welt hingeben. Dabei kann der real existierende Westen nur schlecht abschneiden. Die Transgender-Aktivisten konnten ihn nie überzeugen. Er hielt es durchgehend für besser, sich auf die empirische Sozialwissenschaft zu verlassen als auf irgendeine Meinung, der man im Internet begegnet. In vielen Ländern hat sich das Misstrauen gegenüber dem Staat zu einem Krebsgeschwür völlig unplausibler Verschwörungstheorien ausgeweitet, an die jedoch eine große Zahl von Menschen glaubt. Die fortschreitende Betonung der Identität löste eine heftige Gegenreaktion seitens der Konservativen aus. Das größte Problem der libertären Gesinnung sei ihre Fokussierung auf den Individualismus. Dadurch gerate die soziale Einbettung jedes Einzelnen aus dem Blick.

Fukuyama schrieb über die Beziehung zwischen Kultur und Wirtschaft, über das Verlangen nach Anerkennung (neben Vernunft und Begierden, S. 184) sowie über die Notwendigkeit des Delegierens und Sozialkapitals – die informelle Fähigkeit von Menschen, zusammenzuarbeiten, gestützt durch Tugenden wie Offenheit, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Verpflichtungen einzuhalten. Der Staat spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von sozialem Vertrauen. Die Mafia und andere Organisationen entstehen aufgrund des Fehlens eines starken Staates und nicht wegen dessen übermäßiger Macht. „Die besten Regierungen sind diejenigen, die über ausreichende Macht verfügen, um den Bürgern das zu bieten, was sie wollen – wie Sicherheit, Wirtschaftswachstum, Bildung und Gesundheitsfürsorge –, ohne diese Macht zu missbrauchen, um den Einzelnen ihre Rechte zu nehmen oder die von ihnen regierte Gesellschaft unangemessen zu dominieren.“ (S. 212)

Die größte Stärke des Buches liegt in seiner politischen Psychologie. Demokratische Gesellschaften müssen ihren Bürgern mehr bieten als nur Versorgung und Verwaltung. Sie müssen erfahrbar machen, dass Menschen zählen, mitwirken und Verantwortung übernehmen können. „Menschen brauchen auch ein Gemeinschaftsgefühl.“ (S. 251) Wo dieses Gefühl schwindet, gewinnen Bewegungen an Kraft, die Bedeutung durch Abgrenzung und Gemeinschaft durch Feindschaft versprechen. Thomas Speckmann unterstreicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Fukuyamas Beschäftigung mit diesem Bedürfnis nach Respekt und Zugehörigkeit. Zugleich registriert er, dass auch dieses Buch keine neue politische Ordnung entwirft, die das Problem abschließend lösen könnte.

In Der letzte Mensch erinnert Fukuyama daran, dass Freiheit keine sich selbst erhaltende Errungenschaft ist und dass gleiche Rechte das Bedürfnis nach Anerkennung nicht automatisch befriedigen. So bleibt eine kluge, streitbare und stellenweise defensive Bilanz. Fukuyama liefert einen wichtigen Beitrag zum Verständnis demokratischer Selbstgefährdung. Die Zukunft der Demokratie hängt jedoch auch davon ab, ob ihre Verteidiger in der Unzufriedenheit ihrer Bürger mehr erkennen als Undankbarkeit verwöhnter Kinder gegenüber einem hohen Lebensstandard. Die Überzeugungskraft des Liberalismus muss sich im Leben der Menschen immer wieder neu bewähren.