


Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus
| Autor*in: | Thomas Arnold und Thomas Fuchs |
|---|---|
| Verlag: | Suhrkamp, Berlin 2026, 200 Seiten |
| Rezensent*in: | Annette Schönherr |
| Datum: | 28.04.2026 |

Beide Autoren sind tätig an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg: Thomas Arnold als Akademischer Rat am Philosophischen Seminar und Thomas Fuchs als Karl-Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie. Thomas Fuchs, geboren 1958, ist auch Leiter der Sektion Phänomenologische Psychopathologie und wurde für sein Werk u.a. mit dem Erich-Fromm-Preis geehrt. Wie die Autoren ausführen, ist die Zahl der Narzissmus-Theorien seit Sigmund Freuds Zur Einführung des Narzissmus (1914) ebenso Legion wie die Zahl wissenschaftlicher und populärer Publikationen zum Thema, sodass in der Forschung inzwischen von verschiedenen Arten, Erscheinungsweisen und Persönlichkeitszügen des Narzissmus ausgegangen wird. In diesem hochaktuellen, grundlegenden Buch entwerfen die Autoren auf eindrucksvolle und sehr einfühlsame Weise ein phänomenologisch-existenzielles Konzept des Narzissmus, um zu einem tieferen Verständnis der narzisstischen Strukturen in Individuum und Gesellschaft beizutragen.
Ziel ihres Ansatzes ist es, „das narzisstische Selbst- und Weltverhältnis in seinen Grundstrukturen zu erfassen“ und das Phänomen des Narzissmus „aus einer leibphänomenologisch-existenziellen Perspektive zu betrachten, die in den Blick nimmt, was uns letztlich allen gemeinsam ist“ (10). Bereits im Titel ihres Essays werden einige Verhältnisse der Narzissmus-Struktur angekündigt, die in den folgenden Kapiteln untersucht werden: Dazu gehören u.a. der unersättliche Hunger des Narzissten, der weder gestillt und dessen Mangel nicht befriedigt werden kann, da er bis in den Kern seiner Persönlichkeit reicht.
Das Thema wird unter den existenziellen Kategorien der Leiblichkeit, Zeitlichkeit und Intersubjektivität betrachtet: Um das Phänomen Narzissmus „an der Wurzel zu fassen“, führen Arnold und Fuchs philosophische, soziologische, psychologische und psychodynamische Erkenntnisse zusammen. Die Grundstruktur der narzisstischen Persönlichkeit wird von ihnen bestimmt als tiefer Mangel und innere Leere, die zur vergeblichen Suche nach Nahrung, Substanz und Liebe führen. Diese Suche sei deshalb vergeblich, weil sie in falscher Richtung erfolge, angezogen vom scheinbaren Glanz der Spiegelung und vermittelt über ein unerreichbares Ideal. Den unterschiedlichen – von hochfunktionalen, erfolgreichen, grandiosen, malignen, vulnerablen bis zu altruistisch reichenden – Ausprägungen des Narzissmus sei ein Bedürfnis nach Besonderheit und Einzigartigkeit gemeinsam, verbunden mit einer verminderten Empathiefähigkeit.
Als Ursprung der Narzissmus-Geschichte verweisen die Autoren auf den Narziss-Mythos in den Metamorphosen Ovids, den sie auf eigene, erweiterte Weise erläutern. Bereits im Mythos werde der Irrweg deutlich, allein durch Spiegelung einen inneren Mangel stillen zu wollen: Der schöne Jüngling Narziss, der alle Bewerber überheblich zurückweist und durch die Gerechtigkeitsgöttin Nemesis dazu verurteilt war, sein eigenes Spiegelbild zu lieben, geht an selbstvergessenem Liebeswahn zugrunde. In ihrer Deutung zeigen Arnold und Fuchs auf, dass Narziss sich nicht etwa in sein eigenes Sein und die eigene Person verliebt, sondern in ein Surrogat und ungreifbares Abbild seiner selbst. Das Faszinierende am Mythos sei, dass es sich hier nicht um reale zwischenmenschliche Verhältnisse und nicht um ein direktes gesundes Selbstverhältnis des Narziss handelt: Was seine urnarzisstische Beziehung ausmacht, ist eine merkwürdige Verliebtheit in das eigene Bild und den eigenen Körper. Der Fluch, der den Narzissmus ausmacht, ist, nirgends bei sich und bei anderen anzukommen. Darüber hinaus geht es um narzisstische Selbstspiegelungen in anderen, in ihren Blicken, ihren Wertungen und in ihrem Neid, die sich immer wieder als Selbstfiktion herausstellen müssen. Der Mythos deutet das an, denn, was Narziss durch die Nymphe zuteil wird, ist ihr bloßes Echo. Die anderen werden zu Spiegeln instrumentalisiert, die das eigene Idealbild spiegeln sollen, als Surrogate aber keinen Ersatz für reale Zwischenmenschlichkeit bieten.
Was die Autoren zu beschreiben suchen, ist die innere Leere, die den Narzissmus begründet als eine äußere Suche nach Surrogaten. Das ist auch die Tragik des Narzissmus: Es geht um einen Mangel an Wärme und Selbstliebe in einem ganz basalen Sinne, einem Mangel an Selbstgeborgenheit und sich bei sich selbst wohlzufühlen: Narzissmus ist der verzweifelte Versuch, ein gesundes Selbstverhältnis zu ersetzen. Hiermit wird auch schon die vorherrschende leibliche Verfassung des Narzissmus von den Autoren als Unruhe thematisiert, als eine Flucht vor empfundener Leere, die zugleich eine rastlose Suche nach Ermangeltem darstellt: Rein somatisch entspricht dem eine bestimmte Form von Stress aufgrund tiefer Entwertungserfahrungen, in denen die narzisstische Thematik bereits anklingt.
Ausdruck der leiblich-narzisstischen Grundbefindlichkeit ist u.a. eine innere Leere, Unruhe und Unrast, wie auch ein Mangel an Selbstwertgefühl. Dieser ist leiblich-affektiv zu denken als primär leibliche Selbstbeziehung, die als wesentliche Grunderfahrung einen Mangel beinhaltet, gehalten, getragen, gewärmt und liebevoll genährt zu sein: Im liebevollen Stillen des Säuglings hingegen verbinden sich Wärme, Geborgenheit, Zuneigung und Güte, die einem Empfangen ohne Gegenleistung und einer Fülle ohne Mangel entspreche und ein Zur-Ruhe-Kommen und Bei-Sich-Sein ermöglicht: Leiblicher Selbstwert ruht in sich selbst als Gelassenheit und grundlegendes Einverständnis mit sich selbst auf einer sehr basalen Ebene. „Wärme“ ist hier nicht zu verstehen als bloße Metapher, denn Emotionen sind verkörpert (Embodiment): Das heißt, ein zufriedener und sich selbst geliebt fühlender Mensch spürt sich als warm oder gewärmt. Diesen Zusammenhang zwischen emotionaler und leiblich empfundener Wärme oder Kälte bestätigen auch die empirischen Forschungen zur Verkörperung von Gefühlen, physische Wärme wird hier in emotionale Wärme transformiert (76).
Den von Freud konzipierten Begriff des „primären Narzissmus“ des Säuglings halten die Autoren für eine Fehlkonstruktion, denn dem narzisstischen Streben sei eine Unerfüllbarkeit prinzipiell inhärent. Diese gehe gerade nicht von einer inneren Basis der Selbstannahme und Selbstschätzung aus, die sich im Zuge der Persönlichkeitsentfaltung normalerweise erweitern könnte. Ebenso kritisch hinterfragen Arnold und Fuchs den Begriff des „gesunden Narzissmus“ in seiner Anwendung auf Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl, da narzisstische Persönlichkeitsanteile sich im Gegenteil gerade durch eine mangelnde Selbstakzeptanz ausweisen. Keinesfalls aber leugnen die Forscher die Kraft des Narzissmus, der in der Grandiosität und dem Anspruch besteht, im Mittelpunkt zu stehen. Diese narzisstische Energie könne eine immense Motivation sein, eigene Ziele wie einen sozialen Status, neidvolle Bewunderung u.a. zu erlangen: Dass einige Arten des Narzissmus gesellschaftlichen Erfolg begünstigen, bedeute aber nicht gleichzeitig, dass diese narzisstischen Konfigurationen psychologisch gesund, sozial wünschenswert und ethisch vertretbar wären. Es sei sogar zu hinterfragen, ob nicht die Betonung des „gesunden Narzissmus“ in nahezu allen einschlägigen Darstellungen Ausdruck einer Gesellschaft sei, die sich die narzisstische Selbstzentrierung zu ihrem Leitbild erhoben hat und zu ihrer Entlastung die Normalisierung des Narzissmus nur allzu gerne akzeptiert (67).
Arnold und Fuchs analysieren und charakterisieren weiterhin zentrale Entwicklungen der gegenwärtigen Kultur und „verbinden dies mit der These, dass der Narzissmus keine Modeerscheinung sei, sondern als eine zentrale Figur der Subjektivität in der Gegenwart angesehen werden kann“: Er „prägt die sozialen Beziehungen und Erlebnisformen…, wie dies nicht zuletzt im Aufstieg narzisstischer Führerfiguren zum Ausdruck kommt“ (182). Diese Grundfigur manifestiert sich in den verschiedenen von Arnold und Fuchs dargestellten Entwicklungen der Individualisierung, Singularisierung und Virtualisierung, deren Gemeinsamkeit die Subjektivierung der Erfahrung darstellt. Im Gegensatz dazu plädieren die Autoren dazu, eine „exzentrische Positionalität“ im Sinne des Philosophen und Soziologen Helmuth Plessners einzunehmen. Das aber würde ihres Erachtens beinhalten, den eigenen primär egozentrischen Standpunkt zu transzendieren, die Perspektiven anderer zu erkennen und anzuerkennen sowie das eigene Handeln unter verallgemeinerbaren moralischen Gesichtspunkten zu bewerten. Diese mangelnde Selbsttranszendenz lasse Empathie mit anderen nicht zu, sodass die narzisstische Subjektivierung der Erfahrung letztlich zu einer Fragmentierung der Gesellschaft führt.