


Allgemeine Psychopathologie
| Autor*in: | Karl Jaspers |
|---|---|
| Verlag: | Schwabe, Basel 2026, zwei Bände, zusammen 1180 Seiten |
| Rezensent*in: | Gerhard Danzer |
| Datum: | 17.07.2026 |

"Die Praxis des Arztes ist Philosophie.“ Nicht nur aufgrund dieser Überzeugung verdient es Karl Jaspers, mit seiner Allgemeinen Psychopathologie (die soeben im Schwabe-Verlag in einer zweibändigen, sorgfältig kommentierten und mit einem umfangreichen, außerordentlich kundigen Einführungskapitel versehenen Neuauflage erschienen ist) besprochen zu werden. Schließlich hat Jaspers – was eine Seltenheit darstellt – sowohl in der Medizin (Psychiatrie) als auch in der Psychologie und Philosophie eine erfolgreiche akademische Karriere verwirklicht. Seine psychiatrischen Schriften kreisen dabei ähnlich wie seine philosophischen Texte um Themen der menschlichen Existenz.
Schon als Volontärassistent in Heidelberg hatte Jaspers mehrfach Unbehagen über die offenkundigen Defizite der Psychiatrie (und Medizin) geäußert. Obwohl Nervenärzte oft Patienten gegenüberstanden, die über seelische, soziale und geistige Beschwerden klagten, tendierten viele seiner damaligen Kollegen dazu, lediglich deren Körper und hier in der Regel das Gehirn zu untersuchen. In gewisser Weise hielten sich fast alle an die von Wilhelm Griesinger (Berlin) tradierte Formel: „Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten.“
Mit einem solchen körper- und gehirnzentrierten Vorgehen erwiesen sich viele Psychiater und Ärzte des frühen 20. Jahrhunderts als Vertreter eines Menschenbildes, das von Positivismus, Materialismus, Biologismus und Reduktionismus geprägt war. In ihrer diagnostischen und vor allem auch therapeutischen Ratlosigkeit griffen sie zu vereinfachenden anthropologischen Konzepten, von denen viele unter ihnen – so auch Wilhelm Griesinger – spürten, dass sie den beobachteten Krankheitsphänomenen nicht vollumfänglich gerecht wurden. Gleichwohl stützten sie sich darauf, weil die biologistischen Theorien im Vergleich zu den spekulativ-romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts immer noch merkliche Fortschritte bedeuteten.
Jaspers jedoch wollte sich damit nicht zufriedengeben. Ausgehend von der Breite des Menschseins in Gesundheit und Krankheit suchte er nach Untersuchungs- und Beschreibungsmethoden, welche die Lebenswirklichkeit psychiatrischer Patienten wirklichkeitsgetreu erfassen sollten. Damit hoffte der Autor eine Grundlage für die Beantwortung von medizinisch-philosophischen Fragestellungen (was ist krank und gesund? was sind Leib, Seele, Geist?) zu schaffen.
Um die damals etablierten psychiatrischen Krankheitskonzepte weiterzuentwickeln, empfahl Jaspers sich und seinen Ärztekollegen, philosophisches und wissenschaftstheoretisches Denken zu erlernen. Auf diese Empfehlung reagierten die Angesprochenen recht unterschiedlich. Sein Psychiatrie-Chef Franz Nissl etwa meinte: „Schade um den Jaspers; er beschäftigt sich mit lauter Unsinn.“ Und ein älterer Nervenarzt forderte im Scherz sogar: „Man muss den Jaspers verprügeln!“
Kurz nach dem Erscheinen von Allgemeine Psychopathologie sprach keiner mehr von Unsinn, und auch die Vorschläge, den Autor zu verprügeln, waren nicht mehr zu vernehmen. Im Gegenteil: Die meisten Leser spürten, dass Jaspers ein großer Wurf gelungen war, der zu einem erweiterten Verständnis psychiatrischer Krankheiten und der Conditio humana generell beitragen konnte.
Im ersten Teil seines Buches handelt Jaspers subjektive und objektive Erscheinungen und Leistungen des Seelenlebens ab. Zu den Ersteren zählte er normale (Raum- und Zeiterleben, Leibbewusstsein, Ich-Bewusstsein, Realitätsbewusstsein, Wahrnehmungen) und pathologische (Trugwahrnehmungen, Halluzinationen der Körpersinne, psychotische Bewusstseinsveränderungen, Wahnideen, fantastische Erlebnisse) psychische Phänomene. Zur Gruppe der objektiven Leistungen gehören dem Autor zufolge Reflexe, gestaltpsychologische Gesetzmäßigkeiten, Intelligenz, Denken, Erinnern, Urteilen und die Sprache. Auch hierbei lassen sich Normalität und Störungen unterscheiden.
Den zweiten Teil von Allgemeine Psychopathologie überschrieb Jaspers mit Die verständlichen Zusammenhänge des Seelenlebens (verstehende Psychologie), wohingegen der dritte Teil die Überschrift Die kausalen Zusammenhänge des Seelenlebens (erklärende Psychologie) trägt. Beide Teile bilden das Kernstück des Werks und beinhalten eine ausführliche Beschreibung des verstehenden und erklärenden Vorgehens in der Psychiatrie und in den Wissenschaften vom Menschen.
Mit den Erkenntniskategorien von Erklären und Verstehen nahm Jaspers auf Wilhelm Dilthey Bezug, von dem der Gedanke stammt: „In den Naturwissenschaften erklären und in den Geisteswissenschaften verstehen wir.“ Die verstehende Methode hatte Dilthey im Rahmen der Hermeneutik zu einem hilfreichen Instrument der Geisteswissenschaften entwickelt. In Anlehnung an Diltheys hermeneutische Bemühungen strebte Jaspers eine verstehende Psychologie an, mit deren Hilfe sich Psychiater und Psychologen, aber auch Ärzte generell in ihre Patienten und deren fremde Persönlichkeiten einfühlen sollten.
Jaspers machte seine Kollegen darauf aufmerksam, dass der Umgang mit seelisch kranken und gesunden Menschen mindestens so viel Verstehen als auch Kausalanalyse erfordert. Beim Wahn zum Beispiel reichen biologische Überlegungen nicht aus, um über Lokalisationen im Gehirn oder Störungen des Hirnstoffwechsels die jeweiligen Symptome des Erkrankten zu erklären. Nimmt der Arzt jedoch eine existentielle Beziehung zum Kranken auf und tritt mit ihm in einen offenen und intimen Dialog ein, kann er eventuell manches an dessen Symptomatik verstehen.
In langen Ausführungen machte Jaspers deutlich, dass es sich beim Verstehen um eine exakte wissenschaftliche Methode handelt, die zwar anders als das Erklären keine Maß- und Zahlenangaben, dafür aber Sinn und Bedeutung als Ergebnisse ihrer Bemühungen präsentieren kann. Keinesfalls sei damit ein wildes Spekulieren oder ungefähres Denken und Urteilen gemeint. Im Gegenteil: Wer ernsthaft wissenschaftlich verstehend vorgehen will, müsse mit langwieriger und harter Arbeit rechnen.
Neben den hermeneutischen Konzepten von Dilthey spielte bei den Überlegungen von Jaspers auch die phänomenologische Methode von Edmund Husserl eine wichtige Rolle. Diese besagt, dass sich ein Phänomenologe bevorzugt auf die von ihm untersuchten Gegenstände (Phänomene), nicht aber auf die angeblich hinter oder in ihnen waltenden Ursachen und Dynamiken konzentrieren soll. Die meisten Wissenschaftler stürzen mit vorgefertigten Meinungen und Theorien auf ihre Objekte und übersehen dabei viele Gesichtspunkte, die an den Phänomenen selbst mit geduldigem Studium zu beobachten wären. Übertragen auf die Psychiatrie und Medizin allgemein heißt dies, die Beschwerden und Symptome der Patienten nicht sofort auf ihr Warum, sondern auf ihr Wie hin zu untersuchen und zu erforschen. Damit fallen möglicherweise manche Vormeinungen und Vorurteile über das Wesen und die Genese von Krankheit und Gesundheit in sich zusammen.
Dieses Methodenkonzept half entscheidend mit, die Alltagsarbeit der Psychiatrie und in mancherlei Hinsicht der gesamten Medizin zu klären. Mit der Allgemeinen Psychopathologie wurde Jaspers einer der Begründer einer verstehenden Psychologie. Von ihr ausgehend verstärkte sich bei Ärzten und Psychologen das Interesse an Psycho- und Pathographien, von denen Jaspers selbst glanzvolle Beispiele gab.
Jaspers hegte eine entschiedene Abneigung gegen Sigmund Freuds Lehre, deren deterministische und triebpsychologische Sicht auf den Menschen ihn abstieß. So warf er den Psychoanalytikern vor, die erwähnte Trennung von Erklären und Verstehen in Theorie und Praxis zu wenig zu beachten. Sie wechselten willkürlich von Kausalanalysen zu Verstehens-Vorgängen und umgekehrt. Die Freud-Schule meine (so Jaspers), einen Menschen verstanden zu haben, wenn sie seine seelischen Kindheitstraumen und Triebschicksale aufgedeckt oder konstruiert habe. Dabei interpretiere sie psychische Störungen als Auswirkungen des Unbewussten, ohne ausreichend die personale Selbstgestaltung des Patienten mit einzubeziehen. Auch der Gesundheitsbegriff der Psychoanalyse lasse zu wünschen übrig. Letztlich werde jeder Psychotherapeut sein eigenes seelisches Zustandsbild auf die Maßstäbe des Gesund-Seins projizieren, was lediglich den Narzissmus des Therapeuten bestätige.
Sind Ethos und menschliches Format des Therapeuten eher mäßig ausgeprägt, setzen sie dessen Wirksamkeit unüberwindbare Grenzen. Vermutlich ist die Persönlichkeit des Therapeuten der stärkste Therapiefaktor. Jaspers zitierte zustimmend die Überzeugung eines Psychiaters: „Man kann niemanden weiterbringen als dorthin, wo man selber ist.“ Nur jene Ärztinnen und Ärzte oder Psychologinnen und Psychologen, die um die eigene Individualität ahnend wissen, können die spezifischen Eigenarten ihrer Patienten adäquat erfassen und gebührend berücksichtigen:
Im Erforschen des Menschen sind wir nicht nur Zuschauer eines uns Fremden, sondern selber Menschen. Wir sind es selbst, das wir untersuchen, wenn wir den anderen untersuchen. Es geht uns nicht nur das Wissen irgendwelcher Sachen an, sondern wir gewinnen ein Wissen nur durch unser eigenes Menschsein. Das Ansichsein des Menschen ist an der Grenze des Erkennbaren im Erkennenden wie im Erkannten fühlbar gegenwärtig … Der Mensch ist immer mehr, als er von sich weiß und wissen kann und als irgendein anderer von ihm weiß.[1]
Die Allgemeine Psychopathologie von Karl Jaspers gehört zu jenen grundlegenden Texten der Psychologie, Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie, die allen ihren Adepten als voraussetzend-verpflichtende Lektüre ihres Studiums sowie ihrer Fort- und Weiterbildung uneingeschränkt empfohlen werden kann. Dass der Schwabe-Verlag in Basel auch diesen schwergewichtigen Band im Rahmen seiner Karl Jaspers Gesamtausgabe mit verlegerischer Bravour und bibliophiler Aufmachung herausgegeben hat, ist aufgrund der bisherigen Bände der Gesamtausgabe nicht überraschend, verdient aber dennoch eine gesondert-wertschätzende Erwähnung.
[1] Jaspers, K.: Allgemeine Psychopathologie (1946), Gesamtausgabe Werke, Band 2.1 und 2.2, Basel 2026, S. 891