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Rezensionen Tiefenpsychologie
und Kulturanalyse

Tiefenpsychologie

Psychoanalyse und soziale Ungleichheiten - Gesellschaftliche Machtverhältnisse auf der Couch

Autor*in:Herausgegeben von Nicole Burgermeister (Zürich), Lalitha Chamakalayil (Basel), Esther Hutfless (Wien), Barbara Zach (Wien)
Verlag:Springer, Wiesbaden 2025, 285 Seiten
Rezensent*in:Gerald Mackenthun
Datum:11.07.2026

Gesellschaftliche Machtverhältnisse und soziale Ungleichheiten konstituieren Subjektivität mit. Sie schreiben sich in Psyche und Unbewusstes ein – nicht nur bei Analysanden, sondern auch bei Analytikern. Die Autoren des Sammelbandes plädieren dafür, diese Dimensionen in der therapeutischen Praxis anzuerkennen und zu analysieren, statt sie zu ignorieren oder ins Innere zu verlagern. Die Psychoanalyse, um sie geht es explizit, wird dabei nicht nur als Objekt der Kritik, sondern als kritisches, emanzipatorisches Instrument verstanden, um die beklagten Zustände zu reflektieren und zu überwinden. Diese Zustände sind Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus sowie Queer- und Transfeindlichkeit in psychoanalytischer Theorie, Praxis und Ausbildung.

Die 42-seitige Einleitung stammt von den drei Herausgeberinnen. Sie arbeiten und lehren in Österreich und der Schweiz (weitere Autoren kommen aus Deutschland). Sie rekonstruieren die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse als weiße, bürgerlich-mitteleuropäische Disziplin und wollen zeigen, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse – Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Klassismus, Cis-Heteronormativität – in psychoanalytische Theorie, Praxis und Institutionen eingeschrieben sind. Freuds eigene Auseinandersetzung mit Antisemitismus und seine ambivalenten Haltungen zu Homosexualität, Geschlecht und dem vermeintlich Anderen werden ausführlich thematisiert. Menschen werden durch gesellschaftliche und psychische Prozesse behindert. Die deutschsprachige Psychoanalyse habe sich zu wenig mit den Disability Studies auseinandergesetzt. Interviews mit Patienten zeigen, „wie Othering, Rassifizierung und Rassismus in Psychotherapien stattfinden“. Esther Hutfless problematisiert eine Individualisierung und Entpolitisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse in der Psychoanalyse. Bernd Heimerl meint, in der Gruppenanalyse reinszeniere sich die Stigmatisierung von HIV/Aids und männlicher Homosexualität. Zwei anonym bleibende „trans Psychoanalytiker:innen“ schreiben über Barrieren beim Zugang zur psychoanalytischen Ausbildung. 

Beobachter der identitären Diskurse werden in diesen erschütternd negativen Beschreibungen nichts Neues erkennen können. Neu ist allerdings, dass die globalen Vorwürfe, die den westlichen Gesellschaften von „progressistischen“ Kreisen gemacht wird, nahtlos auf die Psychoanalyse übertragen werden. Die Psychoanalyse ist ein Kind der Aufklärung und des Humanismus, aber nun wird ihr umstandslos und ohne Differenzierung unterstellt, dass sie selbst in den angeprangerten Machtverhältnissen verstrickt ist. Unterdrückungsmechanismen im therapeutischen Setting würden nicht thematisiert. Es werden somit Herrschaftsverhältnisse reproduziert, statt sie zu problematisieren. Allein schon, dass die Psychoanalyse im bürgerlichen, weißen, mitteleuropäischen Milieu entstand, ist Beweis ihrer minderwertigen Absichten. Heteronormativität, Sexismus, Eurozentrismus und ein ambivalenter Umgang mit dem vermeintlich Anderen (Orientalismus, Exotisierung) prägen ihre Theorien und Institutionen, heißt es. Behinderung sei ein soziales Konstrukt. Wer anders denkt, ist behindertenfeindlich. Überhaupt sind alle Gegenpositionen zu den woken identitären Positionen grundsätzlich „feindlich“. Skepsis, Ablehnung, Unverständnis, Indifferenz, Zuneigung, Unterstützung. Identifikation und andere differenzierte Haltungen zu den genannten Themen scheinen für die Autoren nicht zu existieren.

Richtig ist, dass die frühe Psychoanalyse für lange Zeit Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit ignoriert, abgelehnt und pathologisiert hat. Später als andere psychologische Strömungen hat sie sich mit Homosexualität, Migration und Behinderung beschäftigt. Dieser Zustand dürfte heute allerdings überwunden sein. So besteht überraschenderweise trotz aller Kritik unter den Beitragenden Einigkeit über das emanzipatorische Potenzial der Psychoanalyse. Hier finden die an der Gesellschaft Leidenden Gehör. Die marxistisch orientierte Gesellschaftskritik und die Psychoanalyse fanden in Gestalt von Wilhelm Reich schon vor gut 100 Jahren zueinander. Nun gesellt sich die neuere Theorie der Intersektionalität hinzu. Die Diskriminierungen werden zusammengezählt und potenzieren sich gegenseitig. Eine weitere Differenzierung bieten die unterschiedlichen Ansätze der Autoren: relationale Psychoanalyse, Lacanianische Theorie, Kritische Theorie, poststrukturalistische Ansätze und empirische Sozialforschung.

Mein Haupteinwand gegen den Band betrifft die dünne Beweislage. Behauptet wird, dass die Nicht-Reflexion gesellschaftlicher Machtverhältnisse den therapeutischen Prozess konkret beeinträchtigt. Die Fallvignetten reichen als empirische Basis dafür nicht aus. Viele zentrale Begriffe bleiben unscharf. Schlüsselbegriffe wie Machtverhältnisse, Subjektivität, Normierung, Intersektionalität und gesellschaftliche Situiertheit werden unterschiedlich verwendet, ohne dass eine gemeinsame Begriffsklärung vorgenommen wird. Die Herausgeberinnen sehen sich eher als Aktivistinnen, denn als Wissenschaftlerinnen. Sie fühlen sich explizit dem queer-feministischen, postkolonialen und intersektionalen Lager zugehörig. Das wird immerhin transparent gemacht. Da sie von dieser Voreingenommenheit aber nicht ablassen können und wollen, ist das Buch eher eine der üblich gewordenen Kampfschriften gegen die weiße, männliche Hegemonie, weniger eine empirisch belastbare Analyse. Gegenpositionen werden kaum je erwähnt. Der Sammelband scheint zur Selbstbestätigung der woken Blase geschrieben zu sein, in der man ohne kritische Einwände seine angehäuften Vorurteile ausbreiten kann. Die identitäre Debatte wird über die Psychoanalyse gestülpt. Nur wer die Grundprämisse von der unweigerlich rassistischen, kolonialistischen, sexistischen, behinderten-, queer- und transfeindlichen Gesellschaft (einschließlich der Psychoanalyse) mitträgt, wird von der Lektüre angetan sein.

Obwohl das Buch im wissenschaftlichen Springer-Verlag erscheint, ist es kein wissenschaftliches. Es fehlen alle Merkmale der fachwissenschaftlichen Seriosität: umfängliche Quellenlage, theoretische Stringenz, klinische Relevanz, konzeptuelle Kohärenz und Gewahrsein der Grenzen des Ansatzes. Kontrollierte Studien oder systematische Wirksamkeitsforschung sind nicht vorhanden. Wenn die Autoren unbewussten Wirkungsweisen gesellschaftlicher Machtverhältnisse nachgehen und diese auch in der klinischen Praxis adressieren und analysieren wollen, so besteht die Gefahr einer einseitigen Politisierung dieses Heilberufs im Sinne einer woken, „progressistischen“ Agenda.