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Philosophie

Wohlgeordnete Freiheit - Immanuel Kants Rechts- und Staatsphilosophie

Autor*in:Wolfgang Kersting
Verlag:Suhrkamp, Berlin 1993, 544 Seiten
Rezensent*in:Gerald Mackenthun
Datum:20.07.2026

Wolfgang Kerstings Buch Wohlgeordnete Freiheit - Immanuel Kants Rechts- und Staatsphilosophie gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Monographien zur politischen Philosophie Kants. Das Werk erschien ursprünglich 1983 als Habilitationsschrift bei De Gruyter und wurde 1993 in einer erweiterten Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp veröffentlicht. Diese Ausgabe erhielt zusätzlich den umfangreichen Einleitungsessay Kant und die politische Philosophie der Gegenwart, in dem Kersting die Aktualität Kants für den modernen Liberalismus herausarbeitet.  

Der Philosoph und Hochschullehrer Kersting (1946–2025) rekonstruiert Kants Rechts- und Staatsphilosophie als ein bis heute tragfähiges normatives System, welches auch auf die politische Sphäre angewendet werden kann. Seine zentrale These lautet, dass Kant einen eigenständigen politischen Liberalismus entwickelt hat, dessen Kern die Vereinbarkeit individueller Freiheit mit einer allgemeinen Rechtsordnung bildet.

Der Titel Wohlgeordnete Freiheit bringt diese Grundidee auf den Punkt: Freiheit war für Kant nicht die Abwesenheit aller Beschränkungen. Vielmehr bedarf die Freiheit der Existenz einer Rechtsordnung, innerhalb der sich die Freiheit jedes Einzelnen mit der Freiheit aller anderen vereinbaren lässt. Anders ausgedrückt: Freiheit bedarf einer allgemein verbindlichen Rechtsordnung, welche die äußere Freiheit sichert. Dieser Staat muss ein Rechtsstaat sein.

Diese Setzung impliziert eine Unterscheidung zwischen Moral und Recht. Moral bezieht sich auf die (innere) Gesinnung; Recht bezieht sich ausschließlich auf äußere Handlungen. Das bedeutet: Der Staat darf Tugend nicht erzwingen. Für die Tugend bzw. das rechte Handeln ist das Individuum selbst verantwortlich. Hierin erkennt Kersting einen ausgesprochen modernen liberalen Gedanken: Der Staat schützt Freiheit, aber er macht keine Menschen moralisch besser.

Es kann nicht verwundern, dass Kants liberales Prinzip mit seinem Kategorischen Imperativ in Einklang steht: Die Freiheit jedes Menschen muss mit der Freiheit aller anderen nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen können. Daraus folgt, dass nicht jede staatliche Gesetzgebung schon deshalb rechtmäßig ist, weil sie geltendes Recht ist; vielmehr müssen positive Gesetze sich am Vernunftprinzip der gleichen äußeren Freiheit messen lassen. Kersting widerspricht damit auch der Auffassung, Kant vertrete einen autoritären Staat. Vielmehr interpretiert er Kant als Theoretiker des modernen Verfassungsstaates.

Der Staat besitzt drei Aufgaben: Schutz der Freiheit, Durchsetzung allgemeiner Gesetze und Sicherung gleicher Rechte. Genau dies sind die Kernaufgaben des liberalen Staates. Dieser habe sich nicht um das Glück der Bürger, um Tugenderziehung oder paternalistische Fürsorge zu kümmern. Kersting sieht darin eine deutliche Nähe Kants zu modernen liberalen Staatskonzepten, beispielsweise eines John Rawls. Die staatliche Sicherung des Eigentumsrechts gehört in diesen Gedankenkreis mit hinein.

Kant bevorzugt nicht die unmittelbare Demokratie, schreibt Kersting. Sein Ideal war die Republik mit den Merkmalen Gewaltenteilung, Herrschaft des Gesetzes, politische Repräsentation und Bindung der Regierung an allgemeine Gesetze. Auch Kants Überlegungen zu einer möglichen künftigen Weltregierung sind für Kersting Vorläufer zahlreicher moderner liberaler Theorien. Seine These lautet, dass die begrifflichen Grundlagen des heutigen Liberalismus wesentlich aus Kants Rechtsmetaphysik stammen und weiterhin systematische Orientierung bieten.  

Ein besonderes Merkmal des Buches liegt in seiner umfassenden Systematik. Kersting liest Kant nicht philologisch oder ideengeschichtlich, sondern als politischen Philosophen. Kerstings Absicht ist es, eine geschlossene Rekonstruktion der kantischen Rechtsphilosophie zu liefern. Die Darstellung gilt bis heute als Standardwerk der deutschsprachigen Kant-Forschung.  

Einige Kant-Interpreten werfen Kersting allerdings vor, die historischen und sozialphilosophischen Dimensionen von Kants Denken zugunsten einer liberalen Lesart zurückzudrängen und Kant zu stark als Vorläufer moderner liberaler Theorien – insbesondere der Rawlsschen Vertragstheorie – zu interpretieren. Diese Einwände ändern jedoch wenig daran, dass Kants Gedanken zum Verhältnis von Recht und Freiheit hohe Aktualität beanspruchen dürfen. Sie sind geeignet, eine moderne liberale Staatsauffassung argumentativ zu stützen.

Für Leser, die sich für Liberalismus, Rechtsstaat und politische Philosophie interessieren, ist Wohlgeordnete Freiheit ein bedeutsames Grundlagenwerk. Es verbindet präzise Textinterpretation mit systematischer Argumentation und zeigt überzeugend, warum Kant nicht nur ein Moralphilosoph, sondern auch ein einflussreicher Theoretiker des modernen liberalen Verfassungsstaates war und ist.

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