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Philosophie

Schönheit - Simone Weil Lektüre der Welt

Autor*in:Wolfgang W. Müller
Verlag:Schwabe, Basel 2026, 290 Seiten
Rezensent*in:Gerhard Danzer
Datum:20.07.2026

Simone Weil (1909-1943) war eine ungewöhnliche Denkerin, Philosophin, Mystikerin. In eine großbürgerlich-jüdisch-liberale Familie in Paris hineingeboren, erwies sie sich bald schon als rebellisch, eigensinnig, blitzgescheit. Die gleichaltrige Simone de Beauvoir, der sie als Studentin an der Sorbonne begegnete, war von Weils universal erscheinendem Mitgefühl für die Hungernden weltweit beeindruckt; Albert Camus, der lediglich Schriften von ihr kannte und sie persönlich nie getroffen hat, bewunderte an den Texten Weils deren konsequente, radikale, schlichte Klarheit und Stringenz; Heinrich Böll sah in ihr eine überragend intelligente Literatin, politische Aktivistin, zutiefst religiöse Gottessucherin.

Ursprünglich in einem agnostisch-säkularen Milieu erzogen, unterhielt Simone Weil in ihrem Erwachsenenleben sowohl zu weltlichen Religionen (Marxismus) als auch zum Judentum und zum Christentum (Katholizismus) ambivalente, von spiritueller Anziehung wie auch von rationaler Skepsis und Kritik geprägte Beziehungen. Neben der intensiven Beschäftigung mit europäischen Denkern wie Platon, Descartes, Spinoza, Kant - Philosophen, die ihr vor allem von ihrem philosophischen Lehrer Émile Chartier, genannt Alein, nahegebracht worden waren - kannte diese Frau aber auch konkrete politische Aktivitäten (sie nahm am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner teil) und soziales Engagement (eine Weile arbeitete sie als ungelernte Fabrikarbeiterin, um die Lebenswelt von Tagelöhnern, Arbeitern, Angestellten hautnah kennenzulernen).

Als Kind fiel Simone Weil bereits als hochbegabt und frühreif auf. Lesen, Schreiben, Gedichte-Rezipieren bedeuteten keinerlei Probleme für sie; zugleich galt sie als überaus sensibel, und körperliche Themen wie Essen, Schlafen, Bewegung gerieten ihr nicht selten zu regelrechten Herausforderungen. Sie bedachte und kommentierte vieles um sie her, und so entstanden schon bei der Jugendlichen Texte, die wie Einübungen ins philosophischen Schauen, Staunen, Reflektieren wirkten. In den 30er Jahren, als sich die junge Philosophin als Fabrikarbeiterin verdingte, entstanden Fabriktagebücher, in denen sie wie eine Psychologin, Soziologin, Philosophin im Feld ihre Erlebnisse, Affekte, Gedanken, zur Arbeit und zu den Arbeitsbedingungen notierte und zugleich einordnete. An einer Stelle heißt es dazu: "Körperliche Arbeit ist nicht von sich aus erniedrigend, obwohl sie mühevoll ist. Sie ist nicht Kunst; sie ist nicht Wissenschaft; sie ist etwas anderes, aber sie hat einen Wert, der dem der Kunst und der Wissenschaft unbedingt gleichkommt. Denn sie gewährt eine gleichwertige Möglichkeit des Zugangs zu einer unpersönlichen Form der Aufmerksamkeit" (Weil, S.: zit. in Müller, W.: Schönheit - Simone Weils Lektüre der Welt, Basel 2026, S. 142).

Mit dem Begriff der Aufmerksamkeit zielte Simone Weil auf eine Grundqualität von Wahrnehmung und damit von Ästhetik (als griechischer Begriff für Wahrnehmung) ab. Gemeint ist damit eine tiefe, die ganze Person eines Menschen umfassende Zuwendung zu einem Thema, einer Aufgabe, einem Phänomen - sei es eine mathematische Formel, ein Bild, die Architektur eines Gebäudes, die Tonfolge einer Symphonie, die Strophen eines Gedichts, das Naturschöne eines Sonnenaufgangs. Dabei sind die Haltung und das Engagement des Betreffenden entscheidend - und nicht so sehr die Ergebnisse oder Lösungen, die der aufmerksamen Zuwendung schlussendlich entspringen (oder auch nicht):

"Sucht man mit einer wahrhaften Aufmerksamkeit die Lösung eines geometrischen Problems, und ist man nach Verlauf einer Stunde nicht weiter als am Anfang, so ist man dennoch, während jeder Minute dieser Stunde, in einer anderen geheimnisvollen Dimension vorgeschritten. Ohne dass man es gewahr wird und ohne dass man es weiß, hat diese scheinbar vergebliche und unfruchtbare Anstrengung die Seele mit hellem Licht erfüllt" (Weil, S.: zit. in Müller, W.: Schönheit - Simone Weils Lektüre der Welt, Basel 2026, S. 197). Denn diese eine Stunde (so können wir ergänzen) verbringt und erlebt der Betreffende in einem Zustand von Sinn, Wert und Bedeutung, in einem Zustand also, den auch Schönheit, Harmonie und zur Vollendung neigendes Gestaltniveau auszulösen imstande sind.

Das Buch über Schönheit - Simone Weils Lektüre der Welt kann jedem empfohlen werden, der sich dem Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Denkerin annähern will. Eine ausführliche biografische Skizze, in der auch die letzten Jahre der Philosophin in England im Umfeld von Charles de Gaulle und dessen Kampf gegen Nazideutschland sowie ihr früher Tod (wahrscheinlich ein Übermaß an Askese bei gleichzeitiger Tuberkulose-Erkrankung) Erwähnung finden, leitet den Text ein. Es folgen kluge und erhellende Erläuterungen wichtiger Begriffe aus den Schriften Weils (z.B. Verwurzelung, Arbeit, Zeit, Existenz, Religion, Mystik, Aufmerksamkeit, Schönheit), und im dritten Teil des Buches kommen verschiedene Tonkünstler mit ihrer musikalischen Lektüre Simone Weils zu Wort. Der Autor Wolfgang W. Müller hat bereits zahlreiche Publikationen zu Theologie und Musik veröffentlicht und weist aufgrund seiner bisherigen Forschungsarbeit (emeritierter Professor für Dogmatik an der Universität Luzern) eine besondere Expertise für Fragen des Zusammenwirkens von Kunst und Philosophie auf.