


Erasmus unterwegs - Ausgewählte Briefe
| Autor*in: | ausgewählt, übersetzt und erläutert von Tobias Roth |
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| Verlag: | Schwabe, Basel 2026, 228 Seiten |
| Rezensent*in: | Gerhard Danzer |
| Datum: | 30.05.2026 |

Erasmus von Rotterdam (geboren wahrscheinlich 1466, gestorben 1536) war eine zentrale Gestalt der europäischen Geistesgeschichte, und daher überrascht es nicht, dass er als Ahnherr und Initiator sehr verschiedener kultureller Traditionen namhaft gemacht wurde und wird. Die Theologen reklamierten ihn als Mann des Ausgleichs zwischen Reformation und Katholizismus; Wilhelm Dilthey erkannte in ihm einen Aufklärer und bezeichnete ihn als Voltaire des 16. Jahrhunderts; Johan Huizinga in seinem Erasmus-Buch charakterisierte ihn als den letzten herausragenden Vertreter des Humanismus, indes Stefan Zweig ihn als ersten bewussten Europäer titulierte.
Im Zusammenhang des hier angezeigten Buches imponiert uns Erasmus als eine Person, die bereits vor fünf Jahrhunderten Qualitäten aufwies, die wir Heutigen als exzellent vernetzt oder umfassend integriert bezeichnen. In der vorliegenden Briefauswahl spiegelt sich ein Hauptmerkmal des Humanismus generell und des Erasmus von Rotterdam speziell wider, das auch ein halbes Jahrtausend später als attraktiv und erstrebenswert erscheint: ein grenzenloses Interesse für Menschen und ihre Welt.
Diese Neugier und Offenheit für alle nur erdenklichen menschlichen Verhältnisse machen sich in den Episteln an seine Humanistenfreunde Willibald Pirckheimer (Nürnberg) oder Thomas Morus (London) oder Pietro Bembo (Padua) ebenso bemerkbar wie sein energisches Werben, sobald der Netzwerker Erasmus einen seiner vielen Brief-Adressaten um eine Gefälligkeit oder aber - wie bei seinem Schreiben an den Verleger Aldo Manuzio in Venedig - um handfeste und tiefgreifende Zusammenarbeit bittet.
Der Brief an Manuzio ist ein eindrückliches Beispiel für das Wertempfinden, das Erasmus einerseits dem Verleger in der Lagunenstadt gegenüber an den Tag legte, und das sich andererseits auch auf seine eigene Person bezog. Manuzio galt um 1500 als eine der imposantesten Verleger-Gestalten Europas (was Erasmus zu würdigen wusste), und zugleich erlebte sich Erasmus als Autor und Schriftsteller von Rang, der zu Recht in einem der führenden europäischen Verlagshäuser ein intellektuelles Zuhause finden wollte - ein Wunsch, der für Erasmus in Erfüllung ging. In Venedig lebte er (nachdem er Manuzio für sich gewonnen hatte) sein Dasein ganz nach dem ihm eigenen Stil: Lesend und schreibend saß er oft tagelang im Verlagshaus von Manuzio, korrigierte Druckfahnen, entwarf neue Paragraphen seiner Adagia, plauderte mit den Setzern und Druckergesellen und freute sich wie ein Kind über die bibliophile Machart seiner Bücher, die ihm der Verleger vorbeibrachte.
So ließen sich über viele der ausgewählten Briefe und deren Adressaten biografische Geschichten und schillernde Anekdoten aus dem Leben von Erasmus erzählen. Zusammen mit den klugen und kundigen Erläuterungen zu den einzelnen Episteln, die Tobias Roth als Herausgeber und Übersetzer der Briefauswahl verfasst hat, entsteht beim Blättern durch dieses Buch beim Leser jedenfalls eine Atmosphäre der berückend-anziehenden Weltoffenheit, die als wesentliches Charakteristikum die Renaissance und den Humanismus um 1500 ähnlich wie die Person von Erasmus ausgezeichnet hat, und die nicht wenige von uns als Ideal auch heute noch vorschweben haben.