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Philosophie

Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute

Autor*in:Peter Sloterdijk
Verlag:Suhrkamp, Berlin 2026, 189 Seiten
Rezensent*in:John Burns
Datum:06.05.2026

Kann uns Niccolò Machiavelli (1469-1527) helfen, unsere heutigen politischen Krisen zu verstehen? Wenn wir in dem berühmten Werk Der Fürst blättern, werden wir die Machenschaften der Staatsmänner und –frauen vielleicht besser durchschauen; wir werden aber keinen Ausweg aus dem Dilemma finden, dass die politische Macht Menschen anzieht, die dem machiavellistischen Menschenbild voll und ganz entsprechen.

Wer an die Spitze eines Staates gelangt, sei es durch Wahl oder durch Machtübernahme in Folge eines Militärputsches, wird kein Menschenfreund sein - lautet die These des in Berlin lebenden Philosophen Peter Sloterdijk. In Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute (2026) befasst sich Sloterdijk mit der Frage, warum sich nach dem Sturz der Monarchien in Europa und anderswo republikanische und liberal-demokratische Gesellschaften als sehr fragile Staatsformen erwiesen haben. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach der Gründung der Vereinten Nationen im Jahre 1945 sind nach der Auffassung Sloterdijks unzählige Diktaturen entstanden, wie das Werk des britischen Publizisten Iain Dale The Dictators. 64 Dictators, 64 Authors, 64 Warnings from History (2024) bezeugt.

In der Rezeptionsgeschichte des Fürsten wurde häufig die Überzeugung Machiavellis mit Bestürzung referiert, dass ein Fürst, der an der Macht bleiben will, gar nicht moralisch handeln darf. Er darf nicht gut sein wollen. Er muss vor allem geschickt lügen, um zu verhindern, dass das Volk von seinen wahren Motivationen Wind bekommt. Der Fürst muss zwar seinen Untertanen tugendhaft erscheinen, aber seine Barmherzigkeit, sein Wohlwollen und seine Fürsorge werden ihnen bloß vorgetäuscht. Der Pöbel, wie Machiavelli im 18. Kapitel seiner Abhandlung schreibt, ist sowieso nur gutgläubig und dumm.

Bevor Sloterdijk zur Kritik der „großen Männer“ unserer Zeit kommt, entwickelt er eine eher pessimistische politische Anthropologie, die davon ausgeht, dass sowohl der Mensch an sich als auch der Demagoge an Größenwahn leidet. In der Sprache Sloterdijks sind wir alle vertikal ausgerichtet. Wir eifern fraglichen Vorbildern nach, die uns Erfolg und Lebensfreude versprechen, wenn wir so werden wie sie.

Die Verbannung von Adam und Eva aus dem Paradies (weil sie gegen das Verbot Gottes verstießen, vom Baum der Erkenntnis zu essen) sowie die Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn Isaak zu opfern, weil Gott es von ihm verlangte, sind Beispiele für die Unterordnung des Menschen unter eine fremde Gewalt. 

Schon in der Entstehung eines Staates spielt das Paradox der Souveränität eine Rolle. Der Mensch im Urzustand, postuliert Peter Sloterdijk in Anlehnung an die Theoretiker des Anarchismus Pierre Clastres und David Graeber, ist ein „Staatsfeind“ oder „Anarch“, der genötigt wird, sich einer Staatsform unterzuordnen. Menschen müssen „erzogen“ werden, um die Zwänge und Belastung einer ihnen fremden Staatsform auszuhalten. Aus der Sicht der Mächtigen setzt eine wirksame politische Sozialisation den Rekurs auf mythisch inspirierte und religiöse Rituale voraus, die den Menschen imponieren. Unter dem Einfluss der „Staatsbürgerkunde“ beginnen die Opfer eines hierarchischen Systems, Lebensbedingungen und politische Entscheidungen zu akzeptieren, die sie in ihrem „anarchischen“ Urzustand abgelehnt hätten.

Wie Peter Sloterdijk in seinen Ausführungen zur charismatischen Macht anschaulich darstellt, schmückt sich der politische Führer in einem vertikal ausgerichteten Staat gern mit Insignien einer himmlischen oder durch das Schicksal wirkenden Macht. Die öffentlichen Massendemonstrationen der Nationalsozialisten legitimierten auf perverse Art die sadistischen Praktiken des Terrorstaates, weil sie auf etwas Höheres - wie etwa das politische Sendungsbewusstsein des auserwählten deutschen Volkes - hinwiesen.

Das Nazi-Regime legitimierte sich ferner durch ein Rechtssystem, welches der systematischen Ausrottung von Oppositionellen diente. In diesem Zusammenhang zitiert Sloterdijk den rechtskonservativen Juristen Carl Schmitt (1888-1985): „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Carl Schmitt, vermutet Sloterdijk, wäre mit seinen anti-liberalen Überzeugungen im Umfeld Donald Trumps in den USA ein willkommener Gast.

Sloterdijks Versuch, die Krise der liberalen Demokratie mit Hilfe Machiavellis zu erklären, verirrt sich bisweilen im Labyrinth der europäischen Kulturgeschichte, in welcher der Autor sich bestens auskennt. Von Augustinus bis Richard Wagner würde sein umfangreiches Personenverzeichnis reichen, wenn das Buch mit einem solchen ausgestattet wäre. Eingebaut in das Narrativ des ersten und zweiten Sündenfalls - Adams Ursünde und die Versklavung friedfertiger Agrarvölker durch aggressive Nachbarstaaten - sind aber luzide Analysen der gegenwärtigen politischen Lage, die das Versprechen des Buchtitels einlösen, dass wir mit Hilfe des Autor unseren Blick für die „Torheit der Regierenden“ (Barbara Tuchman) werden schärfen können.

„… die Lähmung der Parlamente, die Umwandlung der Richterschaft in eine Gefolgschaft, die Einschüchterung der freien Meinungsaussprache, die allmähliche Gleichschaltung der Medien und die Aufstachelung des putschistischen Mobs. Es kann kein Zweifel bestehen, dass Trumps Amerika alle diese Anzeichen der autoritären Transformation aufweist. Zu ihr trägt bei, dass Trump, der, vulgär wie kaum je ein Vorgänger, darauf beharrt, als großer Mann zu gelten, in direkter mimetischer Konkurrenz mit zwei amtierenden Diktatoren steht: Er möchte ihnen gleichen, was ihren unbeschränkten Machtgebrauch angeht; er will sie übertreffen, um sein taumelndes Amerika größer zu machen als die beiden Riesenreiche der Unfreiheit. Keine Einwanderungsbehörde, keine Food and Drugs-Administration hat verhindert, dass auf dem Weg über Trumps hoch infizierbares Ego der Virus des Illiberalismus in die immunschwachen USA eingeschleppt wurde. Dies gibt Grund genug, noch einmal über die Mehrdeutigkeit von „Präsidentschaften“ in nach-monarchischen politischen Systemen nachzudenken“ (Sloterdijk 2026, 95).