


Kopenhagen-Trilogie
| Autor*in: | Tove Ditlevsen |
|---|---|
| Verlag: | Aufbau, Berlin 2021, 118 / 154 / 176 Seiten |
| Rezensent*in: | Regina Timm |
| Datum: | 20.01.2026 |

Als Tove Ditlevsen die Kopenhagen-Trilogie schrieb (1967), war sie in Dänemark bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin. Aufgrund einer ihrer vielen Lebenskrisen befand sie sich zum wiederholten Male in einer psychiatrischen Klinik. Diese Aufenthalte stellten für sie eine Art Erholung da – sie kam wieder zu sich, und Schreibblockaden lösten sich. Die Trilogie (Kindheit, Jugend und Abhängigkeit) ist ein autofiktionaler Roman – Ditlevsen hat sich in diesem Werk mit ihrer eigenen Kindheit und Jugend sowie dem frühen Erwachsenenalter auseinandergesetzt.
Geboren 1918 und aufgewachsen in Vesterbro, das zu jener Zeit ein sehr armes Arbeiterviertel war, teilte sie sich mit den Eltern und dem drei Jahre älteren Bruder Edvin eine kleine Zweizimmerwohnung im Hinterhof. Der Vater arbeitete als Heizer, wurde aber immer wieder arbeitslos, was die Mutter wiederholt zu Klagen veranlasste. Überhaupt war Toves Verhältnis zur Mutter sehr gespalten, und sie fühlte sich nicht geliebt:
„Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten, schwarzen Haar meiner Mutter, das ich nie zu berühren wagte, und sie lag mir auf der Zunge wie der Zucker im lauwarmen Haferbrei, den ich langsam verspeiste, während ich ihre schmalen, gefalteten Hände betrachtete, die reglos auf den Zeitungsberichten über die Spanische Grippe und den Versailler Vertrag ruhten. Mein Vater ging arbeiten, mein Bruder in die Schule. Also war meine Mutter allein, obwohl auch ich da war, und wenn ich mich nicht rührte und nichts sagte, konnte die ferne Ruhe in ihrem seltsamen Herzen andauern … Schön war meine Mutter an diesen seltsamen und glücklichen Vormittagen, an denen ich sie vollkommen in Frieden lassen sollte. Schön, unantastbar, einsam und voller geheimer Gedanken, die ich nie erfahren würde.“ (Ditlevsen, Bd. 1, 2021, S. 5)
Früh schon bildeten sich als Schutz gegen das Außen Wörter, ein Lied, ein Gedicht im Innern von Tove Ditlevsen. Doch es gab keinen Raum, keinen Ort, worin sie die Wörter festhalten konnte – noch nicht. Im Gegensatz zur häuslichen Enge gab es das Leben auf dem Hof und auf der Straße mit den Nachbarskindern. Dort erfuhr sie Dinge über das Leben, die sie emotional kaum einzuordnen wusste; sie wurde konfrontiert mit Prostitution, Alkoholismus und den Abgründen, die zwischen den Geschlechtern lagen.
Animiert durch den Vater, der eine sozialistische Haltung hatte und viel las, nahm sie früh seine Bücher zur Hand und brachte sich selbst das Lesen bei. Bereits mit acht Jahren begann sie erste Gedichte zu schreiben, die sie heimlich versteckte, um keinen Spott zu ernten. Mit neun Jahren freundete sie sich mit der zwei Jahre jüngeren Ruth an, die im Gegensatz zu ihr sehr unbefangen, ja fast draufgängerisch war. Sie nahm Tove mit auf die Istedgade, wo sie manches Abenteuer erlebten. Ruth machte sich gern einen Spaß daraus, in den Läden Dinge mitgehen zu lassen, während Tove Wache halten sollte. Letztere plagte ein schlechtes Gewissen, aber sie mochte vor Ruth nicht schwach erscheinen und hatte Angst, die Freundschaft zu verlieren, die ihr so viel bedeutete und bis zur Jugendzeit andauerte.
Irgendwann begann sie, die Wörter in ihrem Kopf in ein Heft zu schreiben, und versteckte dieses, bis Edvin es eines Tages fand und sich darüber lustig machte. Daraufhin trug sie es immer bei sich (tagsüber in der Schulmappe, nachts unter der Matratze). Als sie einmal gegenüber den Eltern den Wunsch äußerte, Schriftstellerin zu werden, wurde sie ausgelacht und der Vater meinte, Frauen seien zum Schreiben nicht geeignet. Doch sie hielt an dem Wunsch fest und sehnte sich danach, die Kindheit hinter sich lassen zu können, um ihr eigenes Leben zu gestalten.
Edvin zog mit 18 Jahren gegen den Willen der Eltern von zu Hause aus und suchte sich ein eigenes Zimmer. Inzwischen hatte er Tove gestanden, dass er ihre Gedichte gar nicht so schlecht fand, und schlug vor, sie einem Freund zu zeigen, der sich für Literatur interessierte. Dieser lobte die Gedichte und schlug Tove vor, sie einem Redakteur (einem Herrn Brochmann) vorzulegen. Der Redakteur fand die Autorin jedoch zu jung (da war sie erst 14 Jahre alt) und meinte, sie solle in ein paar Jahren wiederkommen.
Von der Schule erhielt Tove die Empfehlung, dass sie begabt genug war, ein Gymnasium zu besuchen - doch das wurde von den Eltern abgelehnt. Stattdessen musste sie mit 14 Jahren die Schule verlassen und als Hausmädchen Geld verdienen. Damit beginnt der zweite Teil der Trilogie Jugend. Es zeigte sich bald, dass Tove nicht geeignet war für die Tätigkeit in einem Haushalt: „Ich denke unablässig daran, wie ich diesem trostlosen Dasein entkommen kann. Ich schreibe keine Gedichte, weil mich nichts in meinem Alltag dazu inspiriert. In die Bibliothek schaffe ich es ebenfalls nicht mehr.“ (Ditlevsen, Bd. 2, 2021, S. 11) Und so wechselte sie in den nächsten Monaten mehrmals die Arbeitsstellen. Das depressive Gefühl verstärkte sich noch, als sie erfuhr, dass Herr Brochmann gestorben war. Wem sollte sie nun ihre Gedichte vorlegen, wenn sie 18 Jahre alt war?
Auch in diesem zweiten Band der Trilogie erfahren wir viel über das Innenleben von Tove Ditlevsen, begleiten sie an die verschiedenen Arbeitsstellen, erfahren etwas über erste vorsichtige Liebesbeziehungen und wie sie eine neue Freundin findet, mit der sie die Tanzlokale in Kopenhagen erobert. Wir leiden mit ihr, als sie mit 18 Jahren gegen den Willen der Eltern von zu Hause auszieht und ihr erstes eigenes Zimmer bei einer sehr rigiden Frau mietet, die Adolf Hitler anhimmelte. Trotzdem verfolgt Tove weiterhin ihren Plan, Gedichte zu schreiben und diese zu veröffentlichen.
Tatsächlich lernt sie beim Tanzen einen jungen Mann kennen, der ihr den Rat gibt, einige Gedichte an einen Verleger der Zeitschrift Wilder Weizen zu schicken. Und diesmal hatte sie tatsächlich Erfolg. Eines ihrer Gedichte wird in der Zeitschrift veröffentlicht, und kurze Zeit später lernt sie den Herausgeber Viggo F. Møller persönlich kennen. Schnell beschließt sie für sich, dass sie den 30 Jahre älteren Mann heiraten will. Viggo F. Møller sieht vor allem ihr Talent und fördert sie – so ermutigt er sie, einen ganzen Gedichtband zu veröffentlichen. Nach einigen Schwierigkeiten gelingt es ihr tatsächlich, einen Verlag zu finden, der den Gedichtband 1939 herausbringt. Das Buch wird ein Erfolg.
Der dritte Band Abhängigkeit beginnt damit, dass Tove D. mit Viggo F. Møller verheiratet ist. Allerdings war es eher eine Zweckehe – er förderte sie und ermutigte sie zum Schreiben, doch emotional und erotisch kommen die beide nicht zusammen. Und so verwundert es nicht, dass Tove sich bald in andere Männer verliebt, und als sie schwanger wird, lässt sie sich scheiden und heiratet Ebbe Munk. Insgesamt wird Tove Ditlevsen viermal heiraten.
Besonders tragisch gestaltet sich die dritte Ehe mit dem Mediziner Carl Ryberg. Er nimmt bei ihr eine Abtreibung vor und verpasst ihr zur Betäubung eine Spritze Pethidin (ein synthetisches Opioid). Das dabei erlebte Glücksgefühl will Tove daraufhin immer wieder erleben, und Ryberg ist bereit, sie mit dem Opioid zu versorgen. Über fünf Jahre währt diese Abhängigkeit, bevor Ditlevsen, inzwischen total abgemagert und dem Tode nahe, sich bereit erklärt, einen Entzug zu machen. Gleichzeitig stellt sich heraus, das Ryberg unter einer Schizophrenie leidet und ebenfalls in eine Klinik eingewiesen wird. Mit dem Scheitern dieser Ehe kommt auch die Trilogie an ihr Ende. Die vierte Ehe mit Victor Andreasen war die längste (ca. 22 Jahre). Die Schwierigkeiten dieser Beziehung beschrieb Ditlevsen in verschiedenen anderen Werken, u.a. in Vilhelms Zimmer (1975 erschienen).
Die Romane und Novellen von Ditlevsen enthalten immer wieder biografische Aspekte und eigene problematische Themen, mit denen sich besonders Frauen angesprochen fühlen. So hatte sie bereits zu Lebzeiten in Dänemark eine große Leserschaft und prägte die frühfeministische Debatte um das Rollenbild der Frau. Umso tragischer war, dass Ditlevsen von den Drogen nie ganz loskam, sie sich immer wieder in psychiatrische Behandlung begeben musste und sich schließlich 1976 mit nur 58 Jahren das Leben nahm. Erst 2021 gab es die erste deutsche Veröffentlichung der Kopenhagen Trilogie, woraufhin weitere Übersetzungen des Werks von Tove Ditlevsen folgten.