


Emilie Fontane – Dichterfrauen sind immer so – Eine Autobiographie in Briefen
| Autor*in: | Gotthard Erler (Herausgeber) |
|---|---|
| Verlag: | Aufbau, Berlin 2024, 381 Seiten |
| Rezensent*in: | Monika Schoene |
| Datum: | 26.02.2026 |

Der Berliner Literaturwissenschaftler Gotthard Erler (geboren 1933) forscht seit über 60 Jahren zu Theodor Fontanes Leben und Werk. Die Feststellung Fontanes „Dichterfrauen sind immer so!“ (aus einem Brief an Emilie vom 2.2. 1857) veranlasste Erler, sich in den Ehebriefwechsel des Paares Fontane zu vertiefen. Die von ihm 1994 initiierte Theodor Fontane – Große Brandenburger Ausgabe enthält 180 Briefe Emilies. Darauf aufbauend und weitere etwa 300 Briefe Emilies an Freunde und Verwandte hinzuziehend, ließ Erler sie bereits 2002 in der Biographie Das Herz bleibt immer jung – Emilie Fontane aus dem Schatten ihres Ehemannes heraustreten. Eine im Anhang dieser Biographie von Emilie 1858 in London verfasste, fragmentarische Jugendnovelle deutet auf ihre eigenständige Schreibfähigkeit hin.
2024 folgte mit Erlers Herausgabe von Eine Autobiographie in Briefen Emilie Fontane – Dichterfrauen sind immer so eine weitere Abrundung der Lebensdarstellung der Ehefrau Theodor Fontanes. Darin spiegelt er die Wende ihres Daseins von einer schmuddeligen „Ziegenhirtin aus den Abruzzen“ zu einer unentbehrlichen Partnerin für ihren „geliebten Herzensmann“. Ihren eigenen vielseitigen Wirkungskreis nachzeichnend, verdeutlicht er ihre Fähigkeit der Balance zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung.
Biographisches. - Emilie, „heimlich, zu keines Menschen Freude“ im November 1824 in Dresden unehelich geboren, war die Tochter der Pfarrerswitwe Thérèse Müller, geborene Rouanet, und eines in Beeskow stationierten Militärarztes, den sie nie kennenlernte. In der brandenburgischen Kleinstadt wurde die „unglückliche Geschichte“ vertuscht. Die Familie des Stadtkämmerers Rouanet reichte das unerwünschte Baby von einer Station zur nächsten weiter; schließlich wurde die Dreijährige über eine Anzeige in der Vossischen Zeitung mit einer beträchtlichen (Belohnungs-)Summe zur Adoption angeboten.
Das Unglück für das kleine Mädchen fand durch den Berliner Globen- und Reliefkarten-Hersteller Karl Wilhelm Kummer vorerst ein Ende - das Ehepaar Kummer nahm sich seiner wohlwollend an. Der plötzliche Tod Frau Kummers führte jedoch dazu, dass Emilie, von unzuverlässigen Dienstmädchen betreut, eher vernachlässigt heranwuchs. Den vom Adoptivvater ermöglichten Besuch einer guten Schule nutzte sie durch erfolgreiches Lernen, fühlte sich ihren Mitschülerinnen gegenüber aber als Außenseiterin.
Dem 15jährigen Theodor Fontane begegnete die 10-Jährige, als er in die Nachbarschaft zu seinem Onkel August gezogen war. Dessen Frau, Tante Pinchen, eine ehemalige Schauspielerin, hatte Emilies Interesse fürs Theater geweckt. Nach gemeinsamen Besuchen spielte Emilie mit einem Nachbarskind die zuvor gesehenen Theaterstücke gekonnt nach. Fontane, in seiner 1898 verfassten Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig ein solches „Schauspiel“ erinnernd, erwähnt, sich bereits zu diesem Zeitpunkt in ihre kohlschwarzen Augen verliebt zu haben. Seine Apothekerlaufbahn führte ihn aber vorerst in andere Städte, sodass sich die jungen Leute aus den Augen verloren.
Emilies Entwicklung im Verlauf der Verlobungs- und Ehejahre. - Bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr hielt sich Emilie überwiegend bei Verwandten außerhalb Berlins auf. Eine 1844 in Berlin erfolgte Wiederbegegnung beschreibt Fontane in Von Zwanzig bis Dreißig mit den Worten, Emilie habe sich sehr „verhübscht“ und sei eine begehrenswerte Zwanzigjährige geworden. Der Kontakt lebte wieder auf, und ein Jahr später, im Dezember 1845, verlobte sich das Paar. In der folgenden fünfjährigen Brautzeit wurden zwei Kinder Fontanes aus einer anderen kurzfristigen Verbindung in Dresden geboren. Inwieweit Emilie davon Kenntnis hatte, ist bis heute ungewiss, zumal sie die Briefe der Brautzeit später alle vernichtete.
Geheiratet werden konnte erst 1850, nachdem Theodor eine Stelle als Lektor im Literarischen Cabinett des preußischen Innenministeriums angetreten hatte. Ein Jahr darauf kam der erste Sohn George zur Welt. Fontane, im April 1852 dienstlich nach London geschickt, ließ Emilie unglücklich und erneut schwanger in Berlin zurück.
Von den sieben Kindern, die sie zur Welt brachte, verstarben kurz nach ihrer Geburt Rudolph 1852, Peter Paul 1853 und Hans Ulrich 1855. In diesen Zeiten belastete sie der Aufenthalt Theodors in London besonders. In dem regen brieflichen Austausch beschreibt sie immer wieder ihren Schmerz und ihre Sehnsucht nach ihrem Mann, um das Leid gemeinsam zu tragen. Gleichzeitig akzeptierte sie die Notwendigkeit seines Fernseins und ermutigte ihn, seinen umfänglichen Studien dort erfolgreich nachzugehen.
Hoffnungen setzte das Paar in die Übersiedelung Emilies mit dem sechsjährigen Sohn George und dem 16monatigen Theodor Heinrich nach London. Die Familie verlebte dort von 1857 bis 1859 eine harmonische Zeit miteinander. Emilie profitierte von ihren unterdessen vertieften Englischkenntnissen, war kulturell interessiert, gesellschaftlich im Austausch und entwickelte langanhaltende Freundschaften. Sie fand sogar Zeit, mit dem Schreiben ihrer leider nur fragmentarischen Jugend-Erinnerungen zu beginnen. Nach Berlin zurückgekehrt, begann Theodor seine langanhaltende Tätigkeit bei der Kreuzzeitung, und Emilie schenkte Tochter Martha 1860 und Sohn Friedrich 1864 das Leben.
Anfallende Verhandlungen mit Vermietern, Verlagen oder Behörden wickelt Frau Fontane oft zielstrebiger und geschickter ab als ihr Ehemann. Es gelang ihr sogar, über intensivste Kontaktaufnahme zu einflussreichen Bekannten ihren 1870 als vermeintlich preußischen Spion verhafteten Theodor aus der französischen Kriegsgefangenschaft befreien zu lassen. Der briefliche Austausch der Eheleute in den Zeiten, zu denen Fontane seine Stellung bei der Kreuzzeitung und Jahre später bei der Akademie der Künste in Berlin für Emilie überraschend gekündigt hatte, zeigt ihre Form der Krisenbewältigung. Es gelingt ihnen darin, sich konstruktiv auseinanderzusetzten, anfänglich in schärferem Ton, zunehmend die jeweiligen Befindlichkeiten des anderen respektierend und in die vertraute, liebevollere Form übergehend. Förderlich für beide war in diesen Zeiten auch ihre Korrespondenz mit den jeweiligen engsten befreundeten Briefpartnern.
Vielen Briefen ist zu entnehmen, dass bzw. wie Emilie als engste literarische Mitarbeiterin und intellektuelle Partnerin ihres Mannes fungierte. Sie schrieb sämtliche Werkmanuskripte Theodor Fontanes ab (insgesamt über 40 Bände) und bereitete diese für den Druck vor. Dabei war sie eine scharfzüngige Kritikerin seiner Texte und eine kulturell vielseitig interessierte Gesprächspartnerin zu Themen wie Literatur, Theater, Kunst und anfallende Erziehungsaufgaben.
Ein weiterer Beleg für Emilies verantwortliches Verhalten zeigt sich in den über Jahrzehnte geführten und heute im Fontane-Archiv-Potsdam gelagerten Wirtschaftsbüchern der Familie. Durch ihr sparsames, geschicktes Wirtschaften sicherte sie in Zeiten, in denen Fontane als freier Schriftsteller kein geregeltes Einkommen hatte, das Familienleben.
Nach dem Tod Theodor Fontanes im September 1898 sichtete und ordnete sie seine gesamten Materialien und ermöglichte die Veröffentlichung der posthumen Gesamtausgabe durch den Verlag des jüngsten Sohnes Theodor. Emilie überlebte ihren Mann um vier Jahre. Das Ehepaar Fontane hat seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof II der Französischen Gemeinde zu Berlin in der Luiesenstraße gefunden.
Die Auswahl der erhaltenen Briefe aus Emilies Feder zeigt die Lebensgeschichte einer faszinierenden Frau aus dem 19. Jahrhundert, die durch die Nähe zu dem noch immer populären Romancier Theodor Fontane einen besonderen Akzent erhält. Für sie war er – über alle Krisen, Zwiste und Zwänge, Brüche und Umbrüche hinweg – die Liebe ihres Lebens. Sie hat diese auf tiefer Zuneigung beruhende Beziehung bewusst gelebt und reflektiert. Schwankend zwischen Anpassung und Selbstbehauptung entwickelte sie sich zur gleichwertigen Partnerin des Autors und empfand sich schließlich mit beträchtlichem Stolz als „Dichterfrau“.
Abschließend sei noch erwähnt, dass für das Titelbild des 2024 veröffentlichten Buches das von Adolf Menzel gemalte Bild Die lesende Dame gewählt wurde. Es handelt sich um eine Postkarte, die Menzel an die befreundete Emilie vermutlich als Pfand für eine verlorene Wette gesendet hatte. Dieses lange Zeit verschollene Original konnte das Fontane-Archiv-Potsdam erwerben und stellte es dem Herausgeber als Cover-Motiv zur Verfügung.