


Christus kam nur bis Eboli
| Autor*in: | Carlo Levi |
|---|---|
| Verlag: | Klaus Wagenbach Berlin 2026, 317 Seiten |
| Rezensent*in: | John Burns |
| Datum: | 29.09.2026 |

Carlo Levi (1902-1975), der aus einer jüdischen Arztfamilie in Turin stammte, wurde nach seinem Medizinstudium zunehmend für seine Malerei und seinen Journalismus bekannt. Während eines Aufenthalts in Paris verkehrte er im Kreis berühmter Künstler der Avantgarde und stellte 1929 seine Bilder als einer der „Sechs Turiner Künstler“ aus. Levi wurde 1934 wegen seines politischen Engagements gegen den Faschismus verhaftet und für drei Jahre nach Süditalien verbannt. In der süditalienischen Kleinstadt Grassano lebte er trotz Einschränkungen unter erträglichen Bedingungen. Sein Roman beruht überwiegend auf seinen Erfahrungen in der damals von Armut geprägten Kleinstadt Aliano, wo er den Rest seiner Freiheitsstrafe abbüßen sollte. Aus Aliano wird Gagliano, der fiktive Ort seiner Erinnerungen.
Im ersten Teil des Romans ist Levi als „Konfinierter“, Maler, Arzt, Anarchist, Ethnologe, Soziologe, Historiker und vor allem als sympathischer Mensch unterwegs. Auf der Suche nach charakteristischen Szenen und interessanten Motiven für seine Bilder flaniert er sinnierend durch die schmalen Gassen seines Verbannungsortes. Auf der Piazza des Dorfes lernt er auch die feinen Leute kennen, die verglichen mit den Bauern in Gagliano in Luxus schwelgen. Zur Oberschicht des Ortes zählen der Bürgermeister und seine Frau, die den Neuankömmling gern zum Kaffee einladen. Sie kommen ihrem illustren „Gast“ entgegen, indem sie ihm den Wunsch erfüllen, im Freien zu malen und als Arzt tätig zu sein.
Mit den Bauern des Dorfes Gagliano fühlt sich Carlo Levi am stärksten verbunden. Sie verehren ihn, weil er sich für sie interessiert und sie nicht wie andere Ärzte bloß als zahlende Kunden betrachtet. Das Hauptproblem in der Gegend, in der die Malaria grassiert, ist die Armut der Landbevölkerung, die jede Hoffnung auf ein Leben ohne Hungersnot und Krankheit verloren hat. Wer ein Handwerk gelernt hat oder über etwas Bildung verfügt, zieht nach Neapel oder Rom. Viele versuchen ihr Glück in den USA oder ziehen es vor, als Freiwillige in der italienischen Armee zu dienen, die Abessinien im Jahre 1935 überfällt.
Carlo Levi hat mit Patienten und Patientinnen zu tun, deren Weltsicht er als „vorchristlich“ bezeichnet. „Christus kam nur bis Eboli“, erzählen ihm die Bauern in Galiagno, die noch an Dämonen, Hexen und Kobolde glauben. Sie leben mit der Natur, mit ihrem Vieh und mit ihren Leidensgenossen in völliger Symbiose. In Galiagno kümmert sich keiner um die Kindererziehung. Der Priester ist alkoholabhängig und kann nicht einmal eine Weihnachtspredigt halten. Der Bürgermeister, der auch Grundschullehrer ist, indoktriniert die Kinder mit seiner Auffassung von Faschismus. So setzt sich das Leben der Bauern am Existenzminimum von Generation zu Generation fort.
Neben seiner ärztlichen Tätigkeit widmet sich Levi weiterhin der Malerei, die zu seiner stärksten Bewältigungsstrategie gegen die Eintönigkeit seines Lebens im Exil wird. Seine Kunst wird beinahe zur Besessenheit, so dass er gegen seine Haushälterin gewalttätig wird, als sie sich weigert, ihm Modell zu stehen. Obwohl Julia mit ihm sexuell verkehren würde, hat sie Angst, sich von ihm porträtieren zu lassen, weil sie sich dabei nach ihrer archaischen Vorstellung einem fremden Zauber ausliefern würde.
Als der Frühling naht, verfasst Levi einen Bericht über die Malaria, die in den Sommermonaten in Gagliano durch Mücken verbreitet wird. Seine Vorschläge gefallen dem Bürgermeister, der sie der zuständigen Behörde in der regionalen Hauptstadt Matera persönlich überreicht. Kurz danach erfährt Levi jedoch, dass er seine Tätigkeit als Arzt ganz einstellen soll. Nach dem Sieg der italienischen Truppen in Abessinien erlässt der Staat eine allgemeine Amnestie der „Konfinierten“ im Süden Italiens. Carlo Levi verabschiedet sich schweren Herzens von den Bauern, die ihn inbrünstig bitten, bald zurückzukehren.
Das Leben nach dem Exil führte Levi zunächst einmal wieder nach Paris, wo er sich für die Gruppe „Gerechtigkeit und Freiheit“ einsetzte. Er kehrte anschließend nach Italien zurück und hielt sich bis Ende des Krieges unter Lebensgefahr in Florenz auf. Nach Kriegsende ließ er seine Zeit in Gagliano noch einmal Revue passieren und hielt seine Erinnerungen in Form einer Autofiktion fest, die 1945 veröffentlicht wurde. Wie er das „Problem des Südens“ schilderte, gefiel vielen seiner Landsleute nicht. Besonders die kleinbürgerliche Schicht Lukaniens, der Provinz, in der die fiktive Kleinstadt Gagliano angesiedelt war, fühlte sich von Levi gekränkt, weil er sie für die Misere der Bauern in der Region verantwortlich hielt.
Eboli ist eine Stadt in Kampanien, welche die Leser und Leserinnen des Romans durch einen Blick auf die Landkarte orten können, die der Verlag Klaus Wagenbach dem Text beigefügt hat. Erwähnenswert sind auch die Anmerkungen von Martin Hallmannsecker, der in seiner Neuübersetzung des Romans die geschichtlichen, geographischen und kulturellen Anspielungen des Autors sachkundig erläutert (Hallmannsecker, M.: Nachwort. In: Levi, C.: Christus kam nur bis Eboli. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2026).