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Biographien

„Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht“ Lebenserinnerungen von Else Sohn-Rethel

Autor*in:Hans Pleschinski (Herausgeber)
Verlag:C.H. Beck, München 2016, 256 Seiten
Rezensent*in:Monika Schoene
Datum:06.10.2026

Der Schriftsteller Hans Pleschinski führte im Vorfeld seines Romans Königsallee (2013) Gespräche mit Sabine Benser-Reimann, der Nichte von Klaus Heuser, dem „Augenstern“ Thomas Manns und Sohn von Mira Heuser. Mira war die Tochter Else Sohn-Rethels, die im Alter ihre Lebenserinnerungen verfasst hatte. Die Nachfahrerinnen und Sachverwalterinnen des weitverzweigten Hauses Oppenheim-Grahl-Rethel-Sohn-Heuser, Sabine Benser-Reimann und Julia Lambert, übergaben Hans Pleschinski eine Abschrift des Konvoluts und etliches Bildmaterial, und dieser gab die persönlichen Erinnerungen Else Sohn-Rethels, teils gekürzt und mit zeitgeschichtlichem Hintergrund versehen, als lesenswerte Autobiografie heraus.

Über bloße autobiographische Aufzeichnungen einer kunstsinnigen Frau aus dem deutsch-jüdischen Großbürgertum im 19. Jahrhundert hinaus spiegelt das Porträt auch eine Lebenshaltung und Daseinsauffassung eines bestimmten gesellschaftlichen Milieus wider. Von heiterer Gelassenheit getragen, bringen die Erinnerungen Else Sohn-Rethels eine inzwischen verloren gegangene Kulturwelt zum Klingen. 

Bereits im Titel ist der Kern von Else Sohn-Rethels Wesen zu erkennen: ihre Bereitschaft zur Lebensbejahung, die von äußeren Umständen weitgehend unabhängig war. Glück und Freude erscheinen hier nicht als Resultat einer zufälligen Gunst des Schicksals, sondern als innere Fähigkeit, die Welt mit Offenheit, Wärme und Anteilnahme wahrzunehmen. In ihrem unerschütterlichen Sinn für das Schöne und Heitere der Verhältnisse wirkt sie nie aufgesetzt oder naiv; vielmehr wird eine Grundstimmung vernehmbar, die auch dunklere Erfahrungen überdauert hat. 

Die Welt, in die sie 1853 hineingeboren wurde, war zunächst tatsächlich eine Welt des Glanzes. Als Tochter des Historienmalers Alfred Rethel (1816-1859) und Enkelin des seinerzeit berühmten Historien- und Miniaturmalers August Grahl (1791-1868) sowie des Bankiers Martin Wilhelm Oppenheim (1781-1863) wuchs Else in einem Milieu auf, in dem Kunst nicht Dekoration, sondern Lebenssubstanz war. Das Dresdner Haus der Familie, eine von Gottfried Semper erbaute Villa, wurde zum Treffpunkt von Künstlern, Musikern und Intellektuellen. Reisen, Konzerte, Theaterbesuche und rauschende Gesellschaften gehörten wie selbstverständlich zu ihrem Alltag. Hinter diesem kulturellen Reichtum stand auch der Wohlstand des jüdischen Bankhauses Oppenheim, dessen ökonomische Sicherheit jene großbürgerliche Freiheit erst ermöglichte.

Ein für ein Mädchen ihrer Zeit liberaler Erziehungsstil und große persönliche Freiräume prägten Elses frühe Lebensjahre. Sie war künstlerisch tätig und bewegte sich selbstverständlich im kulturellen Leben ihrer Zeit. Nach ihrer frühen Heirat mit dem Düsseldorfer Maler Carl Sohn, die sie nach Düsseldorf führte, sah sie sich zunächst in wesentlich bescheidenere Verhältnisse versetzt. Diese soziale „Fallhöhe“ – vom glänzenden Dresdner Elternhaus zur bescheidenen künstlerischen Anfängerexistenz in Düsseldorf – bewältigte sie ohne Bitterkeit, eher mit einem leichten Staunen einer Frau, die sich stets neu zu orientieren weiß.

Else Sohn-Rethel bewahrte sich ihre innere Unabhängigkeit und engagierte sich sehr bald kulturell. Gerade darin erscheint sie erstaunlich modern: als Frau, die ihre Identität nicht allein aus gesellschaftlichen Rollen, sondern aus geistiger Lebendigkeit und schöpferischer Tätigkeit gewinnt. Selbst ausgebildete Sängerin, Malerin und gesellschaftlich aktiv, war sie eine Frau, die weit über das hinausging, was in dem damaligen Jahrhundert für Frauen vorgesehen war. 

Berührend ist dabei die Diskrepanz zwischen der Heiterkeit der Erinnerungen und dem heutigen Wissen über die historischen Verhältnisse. Else Sohn-Rethel beschreibt eine Epoche scheinbarer kultureller Sicherheit – die Belle Époque des deutsch-jüdischen Bildungsbürgertums. Antisemitische Ressentiments erwähnt sie kaum, obwohl sie den schleichenden Wandel der Zeit durchaus miterlebte - ein Wandel, der wenige Jahre nach ihrem Tod 1933 die liberale Welt letztlich komplett zerstört hat.

Die Aufzeichnungen, die der Herausgeber Hans Pleschinski 2016 mit großer Zurückhaltung historisch eingeordnet und durch behutsame Kommentare ergänzt hat, machen die Erinnerungen nicht nur zugänglich, sondern verwandeln sie in ein lebendiges kulturgeschichtliches Panorama. Dennoch bleibt bei der Lektüre weniger das Bild einer vergangenen Gesellschaft als die Begegnung mit einer Persönlichkeit. Else Sohn-Rethel erscheint als eine Frau von seltener innerer Eleganz: lebensfroh ohne Oberflächlichkeit, kultiviert ohne Dünkel, optimistisch ohne Blindheit. Ihre Erinnerungen lehren, dass Glück nicht notwendig im Besitz, im Erfolg oder in historischen Sicherheiten gründet, sondern in einer Haltung des offenen Daseins.

Dies erinnert daran, dass Kultur nicht nur aus großen Ereignissen besteht, sondern aus gelebter Menschlichkeit, aus Gesprächen, Musik, Freundschaft und geistiger Freiheit. Und vielleicht liegt die eigentliche Größe Else Sohn-Rethels darin, dass sie selbst angesichts der Vergänglichkeit aller Welten an jener stillen Fähigkeit festhielt, die sie in einem einzigen Satz formulierte: glücklich zu sein, ob es regnete oder nicht. Sich von diesem Motto inspirieren zu lassen, um die Möglichkeiten zur Lebensfreude im eigenen Leben aufzuspüren, machen dieses Buch uneingeschränkt lesenswert.

Nur nebenbei sei angemerkt, dass sich ein Enkel Else Sohn-Rethels, Alfred Sohn-Rethel (1899-1990), als Sozialphilosoph im Umkreis von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer sowie Ernst Bloch einen Namen machte. Sein philosophisches Hauptinteresse galt einer Fusion von erkenntnistheoretischen Gedanken Immanuel Kants mit der politischen Ökonomie von Karl Marx. Erst spät wurden Sohn-Rethels Schriften nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum rezipiert, da dieser sich aufgrund seiner Abstammung wie auch aufgrund seiner politischen und philosophischen Positionierungen Mitte der 30er Jahre ins Exil nach Großbritannien begeben und dort über vier Jahrzehnte seines Lebens zugebracht hatte.