430
Josef Rattner
ITGG Berlin - Josef Rattner
#fabb00
#7D2925

Prof. Dr. Dr. Josef Rattner
Gründer des ITGG und
der Josef Rattner Stiftung

Über Josef Rattner

Das 20. Jahrhundert hat uns trotz aller Inhumanitäten, totalitärer Ideologien und zweier Weltkriege auch kulturelle Errungenschaften hinterlassen: wissenschaftlich-technische Erkenntnisse und Innovationen wie molekulare Genetik und Medizin, Atom- und Quanten-Physik, Computer und Digitalisierung; daneben sozialwissenschaftliche Neuerungen wie die Soziologie und Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatik, die Reformpädagogik sowie (im Bereich der Philosophie) Denkrichtungen wie Existentialismus, Phänomenologie, Strukturalismus, Sprachphilosophie, Hermeneutik und philosophische Anthropologie. Besonders darf der Personalismus und hierbei Josef Rattner als einer seiner Hauptvertreter hervorgehoben werden.

 

Wien 1928

Josef Rattner wurde 1928 in Wien als jüngstes von insgesamt vier Kindern (eine Schwester und drei Brüder) geboren. Seine Vorfahren entstammten handwerklichen Berufen. Von ihnen habe er eigenen Aussagen zufolge kräftige Handwerkerhände sowie den Sinn für Solidität geerbt. Rattner verbrachte die ersten zehn Jahre seines Lebens in der Donaumetropole, in der damals noch jenes alt-österreichische Lebens- und Kulturgefühl präsent war, das zwar nach dem Ersten Weltkrieg schon Einbußen erlitten hatte, aber erst 1938 nach dem von den Nationalsozialisten erzwungenen Anschluss Österreichs an Deutschland zugrunde gegangen ist. Namen wie Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Robert Musil, Peter Altenberg, Hermann Broch, Egon Friedell, Sigmund Freud, Alfred Adler, Ludwig Wittgenstein, Eugenie Schwarzwald, Adolf Loos, Otto Wagner, Oskar Kokoschka, Gustav Klimt, Egon Schiele, Alban Berg, Arnold Schönberg, Anton von Webern, Gustav Mahler waren seinerzeit in aller Munde – sie und weitere Künstlerinnen, Philosophen und Wissenschaftler schufen jene vibrierend-innovative kulturelle Atmosphäre, die man Wiener Moderne nannte.

 

 

 

 

Wien 1938

Im März 1938 kam es zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Österreich hatte damals bereits eine austrofaschistische Regierung unter Kurt Schuschnigg, und als Hitler am 15. März 1938 seine Rede auf dem Heldenplatz in Wien hielt, jubelten ihm Hunderttausende begeisterte Österreicher zu. Für Zehntausende Einwohner Wiens (als Zentrum der „Säuberungs-Aktivitäten“) war dieser Anschluss allerdings gleichbedeutend mit Verhaftungen, Folter oder Deportation. Insbesondere jüdische Bürgerinnen und Bürger waren Zielscheibe dieser massiven Entwertungen und Inhumanitäten, über die man in Carl Zuckmayers Autobiografie Als wär‘s ein Stück von mir ebenso ergreifend lesen kann wie in Hertha Paulis Autobiografie Der Riss der Zeit geht durch mein Herz (1970, Neuauflage 2022).

 

Flucht und Exil
Schaffhausen 1938-1947

Der Anschluss an das Deutsche Reich war von den meisten Österreichern mit großer Zustimmung und Begeisterung aufgenommen worden – Reaktionen, die in der Familie Rattners gänzlich fehlten. Vater Rattner war ein überzeugter Sozialdemokrat und ahnte die heillosen Konsequenzen dieser politischen Entwicklungen voraus. Schon 1934 hatte er erwogen, Österreich zu verlassen. Nach den Ereignissen im März 1938 war es für die Familie keine Frage mehr zu emigrieren. Bald nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verließen die Rattners Wien und gingen in die Schweiz, wo sie politisches Asyl erhielten.


In Schaffhausen am Rhein, das aufgrund seiner Grenzlage zu Deutschland vor Bombardierungen Ende des Krieges auch nicht sicher war (siehe das nebenstehende Foto), verbrachte Josef Rattner dann seine Gymnasialzeit bis zur Matura.

Zürich 1947-1957
Erste Studiengänge und Psychotherapie

Ab 1947 studierte Rattner in Zürich Philosophie, Psychologie und Germanistik. Er hörte Philosophie bei Karl Barth und Wilhelm Keller; Emil Staiger, damals Papst der deutschsprachigen Literaturwissenschaft, war sein Lehrer in Germanistik. Seine Studien schloss er 1952 mit einer Dissertation bei Wilhelm Keller über Das Menschenbild in der Philosophie Martin Heideggers ab. Seine psychotherapeutische, individualpsychologische Ausbildung und Lehranalyse erfuhr Rattner bei Friedrich Liebling (1893-1982). Liebling stammte aus Wien, wo er Alfred Adler persönlich erlebt hatte, und war 1938 ebenfalls in die Schweiz emigriert. 

Zürich 1957-1967
Medizinstudium und Großgruppen-Versuche

Parallel zu seiner psychotherapeutischen Tätigkeit studierte Rattner von 1957 bis 1963 in Zürich noch Medizin. Dieses Studium schloss er mit einer preisgekrönten Promotion über Das Wesen der schizophrenen Reaktion ab. Sein Doktorvater war Manfred Bleuler, der damalige Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli (und Sohn des berühmten Psychiaters Eugen Bleuler, der als erster für die Erkrankung der Dementia praecox den Begriff Schizophrenie verwendet hatte). Zusammen mit Liebling entwickelte Rattner in Zürich das Modell der Großgruppentherapie. Dabei kamen fünfzig und mehr Patienten und Zuhörer zusammen, die unter der Anleitung von Liebling und Rattner ihre Probleme vortrugen.

 

Berlin 1967-1976
Hochschulen, Lehraufträge, Großgruppen-Etablierung

1967 kam Rattner über ein Forschungsstipendium an die Freie Universität in Berlin, wo er – vor den seinerzeitigen politischen Unruhen kein Wunder – soziologische, politologische und sozialpsychologische Themen bearbeitete; wenig später erhielt er dazu einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule Hannover. Parallel zu seinen universitären Aktivitäten baute Rattner eine psychotherapeutische Praxis auf, die sich bald schon zur Großgruppentherapie und zu einem Arbeitskreis weiterentwickelte. Letzterer wies ein deutlich wissenschaftlicheres Gepräge auf als in Zürich; manche Veranstaltungen fanden aufgrund des regen Interesses der Patienten und Zuhörer in den größten Hörsälen der Freien Universität statt. 

Berlin 1976-1985
Institutionalisierung und Publikationen

In den 70-er Jahren verlegte Rattner den Sitz seines Arbeitskreises und des 1976 gegründeten Instituts für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie (ITGG) in eine geräumige Villa im Berliner Stadtteil Westend. Über zwanzig Jahre lang konnte man ihm dort bei der psychotherapeutischen Arbeit mit zugleich achtzig bis hundert Menschen über die Schulter sehen – wobei Psychotherapie für Rattner eine Mischung aus Gefühlen, plaudernder Gelehrsamkeit, psychoanalytischem Scharfsinn, entspannter Selbsterziehung sowie weltbürgerlicher Kulturarbeit bedeutete. In vielen Büchern und in einer eigenen Zeitschrift (miteinander leben lernen) publizierten er und seine Mitarbeiter viele grundsätzlichen Überlegungen und Ergebnisse dieser Therapie- und Bildungs-Arbeit.

Berlin 1985-1994
Konsolidierung und wissenschaftliche Vertiefung

Die Therapie- und Bildungsarbeit im Arbeitskreis und am ITGG bewirkte, dass Tausende von Patienten psychotherapeutisch behandelt und Hunderte von Ärzten und Psychologen in individualpsychologischer Psychotherapie ausgebildet wurden. Daneben legte Rattner sehr hohen Wert auf eine wissenschaftlich und philosophisch seriöse Auseinandersetzung mit Fragen der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie der Anthropologie, der Phänomenologie und Hermeneutik und des Personalismus. Unter Rattners Betreuung und mithilfe seiner Initiative entstanden im Laufe der Jahrzehnte Hunderte von Diplomarbeiten sowie Dutzende von Promotionen und Habilitationen; ihm selbst wurde 1982 der Professorentitel ehrenhalber durch die Österreichische Bundesregierung und 1999 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen.

Berlin 1994-2004
Erkrankungen, Rückzug und Neuorientierung

1994 kam es bei Rattner zu einem ersten Herzinfarkt, den er mit viel Glück und vor allem aufgrund invasiv-kardiologischer Kunstfertigkeit überlebte; drei Jahre später wurde eine neuerliche komplex-kardiologische Intervention nötig. Nach seinem Herzinfarkt beschloss Rattner, seine aktive und direkte Mitarbeit im Arbeitskreis und am ITGG einzustellen und sich stattdessen auf seine literarisch-wissenschaftlichen Aktivitäten zu konzentrieren. Dies ging einher mit seinem Rückzug aus vielen öffentlichen Kontakten (Vorträge, Seminare, Diskussionsrunden). Bestätigt wurde Rattner von der Notwendigkeit dieses Rückzugs durch seine 2004 diagnostizierte und therapierte Prostata-Krebserkrankung.

 

 

 

 

 

Berlin 2005-2016
Publikatorische Erntezeit

Das folgende Jahrzehnt kann als eine publikatorische Aufgipfelung und Zusammenfassung von Rattners jahrzehntelangen Anläufen zu und Reflexionen von tiefenpsychologischen, psychotherapeutischen, anthropologischen und literarisch-kulturellen Fragestellungen bezeichnet werden. Die Fülle seiner Veröffentlichungen – so etwa die Enzyklopädie der Psychoanalyse – wurde mit dem Ehrendoktorat der Universität Klagenfurt (2006) ebenso wie mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011) anerkannt.

 

 

Berlin 2017-2022
Autobiografische Besinnung

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Rattner vorrangig mit der Abfassung seiner Tagebücher, von denen bisher nur wenige Bände publiziert wurden. Diese Tagebücher stellen eine sehr eigene Mischung aus seinen persönlichen Erlebnissen einerseits und andererseits den kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Ereignissen weltweit dar; und sie zeigen einen Menschen, dessen Identität wohl am besten mit einer Definition des Gentleman von Immanuel Kant beschrieben wird: „Der in der Weltkenntnis bewanderte Mann von Welt ist ein Mitspieler im großen Spiel des Lebens.“ Josef Rattner starb am 29. Oktober 2022 an einer Durchblutungsstörung des Gehirns, nachdem er am Morgen seines Todestages noch einige Absätze für sein Tagebuch diktiert und (wie es für ihn üblich war) korrigiert hatte.